Rezension über:

Frank Uekötter / Jens Hohensee (Hgg.): Wird Kassandra heiser? Die Geschichte falscher Öko-Alarme (= Historische Mitteilungen. Beihefte; Bd. 57), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, 165 S., ISBN 978-3-515-08484-0, EUR 28,00
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Rezension von:
Mathias Mutz
Georg-August-Universität, Göttingen
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Mathias Mutz: Rezension von: Frank Uekötter / Jens Hohensee (Hgg.): Wird Kassandra heiser? Die Geschichte falscher Öko-Alarme, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 11 [15.11.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/11/7040.html


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Frank Uekötter / Jens Hohensee (Hgg.): Wird Kassandra heiser?

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Ein Blick in den neuen Thriller von "Jurassic Park"-Autor Michael Crichton genügt, um zu zeigen, welche Kreise die Debatte um den Alarmismus der Umweltbewegung inzwischen zieht: In "Welt in Angst" wird Umweltschutz zum zynischen und egoistischen Spiel mit der Hysterie. Im Kampf um Aufmerksamkeit greifen so genannte Öko-Terroristen zu Gewalt und Hochtechnologie, um die von ihnen prophezeiten Klima- und Wetterkatastrophen herbeizuführen. [1] Der Roman dürfte die Autoren des von Jens Hohensee und Frank Uekötter herausgegebenen Sammelbandes darin bestätigen, zur Verwissenschaftlichung einer längst geführten Diskussion beitragen zu wollen. Das Wagnis, sich dieser Aktualität nicht zu verschließen, zahlt sich für den Leser in Form von acht Beiträgen aus, die gelungene Einblicke in zentrale Themen der Umweltgeschichte bieten. "Falsche Ökoalarme" definieren die Autoren dabei als "Warnungen von einer durch menschliches Handeln verursachten Veränderung der natürlichen Umwelt, die sich im Nachhinein als unbegründet oder zumindest stark übertrieben herausgestellt haben" (11). Der zeitliche Rahmen der chronologisch angeordneten Fallstudien umfasst drei Jahrhunderte, die Hälfte der Beiträge beschäftigt sich jedoch mit den 1970er- bis 1990er-Jahren. Die weiter zurückreichenden Aufsätze widmen sich den Debatten um die Holznot, der Rhetorik der Naturschutzbemühungen um die Senne sowie der Luftverschmutzung in England und den USA.

Bernd-Stefan Grewe interpretiert die in der Frühen Neuzeit weit verbreitete Klage über Holzmangel und verwüstete Wälder als Legitimationsformel der Landesherren zur Durchsetzung ihres Machtanspruchs, als ökonomisch motivierten Interventionsappell von Holzverbrauchern sowie als Selbstlegitimation einer rationellen Forstwirtschaft. Gleichzeitig betont er jedoch die Realität lokalen und sozial bedingten Ressourcenmangels, sodass sich der Holznotalarm als komplexes Phänomen zwischen Rhetorik und Realität darstellt. Ein Auseinanderlaufen dieser beiden Dimensionen tritt für Roland Siekmann in der Thematisierung der Senne als "sterbende Landschaft" zu Tage. Die Bemühungen um den Schutz dieser verheideten und versumpften Sandlandschaft waren von den Anfängen des Heimatschutzes bis in die 1980er-Jahre von einer Katastrophenrhetorik begleitet, obwohl solche Pauschalurteile zunehmend nicht mehr der Heterogenität der Landschaft entsprachen, die durch einen Truppenübungsplatz großräumig erhalten blieb.

Der Luftverschmutzung im viktorianischen London nähert sich Peter Brimblecombe aus der ungewöhnlichen, aber anregenden Perspektive zeitgenössischer Apokalypsevisionen in Malerei und Literatur, die im 19. Jahrhundert zunehmend den Smog der Metropole thematisierten. Dabei arbeitet er eindrücklich heraus, wie der Untergang im Nebel auch im 20. Jahrhundert einen Platz im Bildervorrat des ökologischen Denkens behielt, obwohl er nie Wirklichkeit geworden war. Hier knüpft Frank Uekötters Aufsatz zu den "Prophets of Doom" in der amerikanischen Umweltbewegung an. Im Mittelpunkt steht die Genese einer kollektiven Angst vor Luftverschmutzungskatastrophen seit den 1950er-Jahren, die ihren Ausgangspunkt in Los Angeles hatte und um 1970 ein breites Medienecho fand. Uekötter beschreibt diese Entwicklung als "genuin gesellschaftliches Phänomen" (71), dessen Radikalität differenzierte Lösungsstrategien verhinderte und eine ebenso radikale Gegenbewegung provozierte.

Die Club of Rome-Studie "Die Grenzen des Wachstums" ist Thema von zwei, sich ergänzenden Beiträgen. Kai Hünemörder zeichnet dabei die Entwicklung der umweltapokalyptischen Literatur der späten 1960er-Jahre nach, mit der Autoren wie Gordon Rattray Taylor den gesellschaftlichen, politischen und medialen Resonanzboden für eine Umwelt- und Risikodebatte schufen. Patrick Kupper schildert die konkrete Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Studie. Dabei relativiert er die gängige Charakterisierung als klassischen Fehlalarm, indem er der öffentlichen Resonanz und den nachweisbaren Prognosefehlern der Modelle die bescheideneren Untersuchungsziele entgegenstellt. Den Erfolg des Berichts führt Kupper schließlich auf dessen hohe Anschlussfähigkeit an jene Diskurse zurück, die Hünemörder zuvor detailreich geschildert hat. Überzeugend wird die These formuliert, dass sich durch die Verknüpfung mit Apokalypseszenarien und neuem Umweltbewusstsein die Planungs- und Steuerungsutopien der Nachkriegszeit gegen deren eigene Vorstellungen von Wachstum und Fortschritt wendeten.

Daran anschließend verdeutlichen die Artikel zur deutschen Debatte um das Waldsterben sowie zur Brent Spar-Kampagne die herausgehobene Rolle der modernen Medienlandschaft bei der Etablierung von Katastrophenszenarien. So betonen Kenneth Anders und Frank Uekötter die lange Geschichte der Rauchschadensproblematik, deren erprobte Mechanismen in den 1980er-Jahren jedoch nicht mehr durchzusetzen waren. Die Medienlogik sorgte für eine Dynamik in der Waldschadensforschung, die in ihrer Zuspitzung und Vereinfachung heute leicht zurückgewiesen werden kann. Auch die Medienkampagne der Umweltschutzorganisation Greenpeace gegen die Versenkung einer Bohrinsel durch Shell, die Anna-Katharina Wöbse wiederaufleben lässt, zeigt die möglichen Nebenwirkungen des Wechselspiels von Medien und Umweltschutzinteressen. Einerseits nahm die als Begleitaktion zu einer Nordseeschutzkonferenz geplante Kampagne auch für Greenpeace einen unerwarteten Verlauf, zum anderen führten nachweisbar falsche Zahlenangaben zu heftiger Kritik an Autorität und Legitimation der Organisation.

Es ist sicher kein Zufall, dass diese letzten Beiträge in der Einleitung der Herausgeber besonders zum Tragen kommen, wenn dort nach Trägergruppen, Wissensstand, Produktivität und Konsequenzen der Ökoalarme gefragt wird. Die gesellschaftliche Eigendynamik und Komplexität des Phänomens werden dabei ebenso herausgestellt wie Tendenzen der Medialisierung und Verwissenschaftlichung. Besonders anregend sind dementsprechend jene Beiträge, die diesen Aspekten im Sinne einer Medien- oder Risikogeschichte nachspüren, ohne voreilig auf die vage Kategorie des "Zeitgeistes" zu verweisen. Aufschlussreich könnte hier nicht zuletzt ein weiterer Blick auf die Medien der Katastrophenszenarien sein, der frühneuzeitliche Verordnungen und Eingaben ebenso einbeziehen muss wie die Romane des 19. Jahrhunderts.

Gerade die Beiträge zum 20. Jahrhundert machen den Band zu einem wertvollen Beitrag, Themen der Umwelt(zeit)geschichte im allgemeinen Kanon der Geschichtswissenschaft zu verankern. Hier stützen die Fallbeispiele die mittlerweile diskutierte "1970er Diagnose" eines Wendepunktes in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Umweltproblemen. [2] Hierfür allein hätte es freilich des größeren zeitlichen Rahmens nicht bedurft, auch wenn sich dadurch einzelne Elemente des Wandels relativieren oder hervorheben lassen. Seinen unbeabsichtigten Zweck erfüllt der längere Zeithorizont jedoch dadurch, dass das grundsätzliche Problem der Dimension Zeit aufgeworfen wird. Topoi wie die "Holznot" oder das "Sterben der Senne" haben Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte lang gewirkt, neue Akzentuierungen und Deutungen erhalten und ihre Umwelt mitgeprägt. Vor diesem Hintergrund scheint eine Bewertung der neueren Phänomene nur bedingt möglich. So wie Anders und Uekötter die "langfristige Prägekraft der Waldsterbensdebatte" (134) betonen, führen auch die "Grenzen des Wachstums" längst ein Eigenleben. Dementsprechend gehen die Autoren auffallend vorsichtig mit dem Begriff des "falschen Ökoalarms" um, auch wenn das Phänomen durch die Verknüpfung verschiedener Akteursebenen von Umweltschutz, Öffentlichkeit und Politik einiges an Erkenntnisgewinn verspricht. Und vielleicht nimmt auch das etwas rätselhafte Bild der heiseren Kassandra hierher seine Berechtigung; denn die Kassandra der griechischen Mythologie hatte mit ihren Warnungen Recht.


Anmerkungen:

[1] Michael Crichton: Welt in Angst, München 2005.

[2] Vgl. Patrick Kupper: Die 1970er Diagnose. Grundsätzliche Überlegungen zu einem Wendepunkt der Umweltgeschichte, in: Archiv für Sozialgeschichte 43 (2003), 325-348; Franz-Josef Brüggemeier / Jens Ivo Engels: Natur- und Umweltschutz nach 1945. Konzepte, Konflikte, Kompetenzen, Frankfurt a. M. / New York 2005.

Mathias Mutz