Der Name sehepunkte für dieses Rezensionsjournal ist Programm: Als der Theologe und Historiker Johann Martin Chladenius (1710 - 1759) den - ursprünglich aus der Optik stammenden - Begriff in seiner 1742 erschienenen Einleitung zur richtigen Auslegung vernünftiger Reden und Schriften auf die Geschichtsschreibung übertrug, vollzog er bekanntlich einen bemerkenswerten Schritt. Denn damit war der "perspektivische Blick des Historikers" umrissen, hatte sich die Einsicht in den subjektiven Charakter aller Geschichtsschreibung Bahn gebrochen: Eine objektive Wahrheit, so Chladenius, gibt es nicht. In jeder Wahrnehmung und Deutung historischer Ereignisse kommt vielmehr immer auch und vor allem der individuelle Standort des Betrachters zum Ausdruck, mithin dessen spezifischer "Sehepunckt": "Ebenso ist es mit allen Geschichten beschaffen; eine Rebellion wird anders von einem getreuen Untertanen, anders von einem Rebellen, anders von einem Ausländer, anders von einem Hofmann, anders von einem Bürger oder Bauern angesehen."
Das Plädoyer des Chladenius für eine pluralistische Geschichtswissenschaft gilt bis heute. Auch die aus einer Kooperation des Historischen Seminars der Ludwig-Maximilians-Universität mit der Bayerischen Staatbibliothek entstandenen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten und am 15. November 2001 zum ersten Mal erschienenen sehepunkte fühlen sich diesem Ansatz verpflichtet.
Die sehepunkte sind epochenübergreifend und interdisziplinär angelegt. Das deutschsprachige Schrifttum steht dabei zunächst im Vordergrund, obwohl auch die europäische und außereuropäische Fachliteratur berücksichtigt wird. Seit dem Jahr 2006 bieten die sehepunkte zum Beispiel in regelmäßigen Abständen ein Forum zu den "Islamischen Welten" an.
Ganz bewusst haben wir die sehepunkte als Internetrezensionsjournal mit zwölf - jeweils zur Monatsmitte erscheinenden und im kostenlosen Abonnement erhältlichen - Ausgaben pro Jahr konzipiert: Im Verhältnis zu anderen Textsorten unterliegen Buchbesprechungen in besonderer Weise dem Postulat einer schnellen Veröffentlichung, wenn sie das Fachpublikum rasch und umfassend über neue Forschungstendenzen oder -kontroversen informieren sollen. Während die gedruckten Fachzeitschriften dieser Forderung aufgrund langer Vorlaufzeiten und begrenzter Platzkapazitäten naturgemäß häufig nur begrenzt gerecht zu werden vermögen, besitzen Netzrezensionen den Vorzug einer außerordentlichen Aktualität, können sie doch schon kurz nach der Auslieferung eines Werkes in den Buchhandel im World-Wide-Web publiziert werden.
Die Verkürzung des Publikationsweges darf allerdings keineswegs mit einem Verzicht auf die Wahrung wissenschaftlicher Qualitätsstandards einhergehen: Deshalb bauen die sehepunkte explizit auf einem Modell verteilten und vernetzten wissenschaftlichen Arbeitens auf, das die redaktionelle Verantwortung für die aus den unterschiedlichsten Fachgebieten stammenden, in deutscher, englischer und französischer Sprache verfaßten Rezensionen in die Hände kompetenter Fachredakteurinnen und Fachredakteure aus dem In- und Ausland legt. Von Anfang an haben die sehepunkte überdies mit angesehenen Institutionen wie dem Herder-Institut (Marburg) oder dem Münchener Institut für Zeitgeschichte kooperiert. Ein aus renommierten Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern bestehender Beirat begleitet die Arbeit der sehepunkte-Redaktion mit kritischem Blick.
München, im März 2007
Gudrun Gersmann / Peter Helmberger / Matthias Schnettger