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Bodo Mrozek: Popgeschichte in Ost und West. Einführung, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 2 [15.02.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
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Popgeschichte in Ost und West

Einführung

Von Bodo Mrozek

Als die Schwarze Tänzerin und Widerstandskämpferin Josephine Baker (1906-1975) im November vergangenen Jahres in das Pariser Panthéon umgebettet wurde, hielt der amtierende französische Präsident die Gedenkrede. Und als nur wenige Wochen darauf die scheidende deutsche Kanzlerin mit militärischen Ehren verabschiedet wurde, wählte sie die Klänge eines Schlagers der deutsch-deutschen Punk-Ikone Nina Hagen. Nur zwei Beispiele, die vor Ohren führen, dass das, was sich in Museen und Geschichtsdokus schon länger etabliert, mittlerweile ganz selbstverständlich in der hochoffiziellen staatlichen Repräsentation angekommen ist: die Popkultur.

In der Geschichtswissenschaft zeigt eine ganze Reihe von Neuerscheinungen ebenfalls an, dass sich seit frühen, teils in der Protest-, Alltags- und Konsumgeschichte wurzelnden Pionierstudien [1] auch in der Zeitgeschichtsschreibung Pop als neues Feld etabliert hat. [2] Dabei sind eigene Binnendiskurse entstanden: etwa über die Spannungsfelder zwischen Konsumption und Produktion, zwischen Authentizitätsbehauptungen und Kommerzialisierungsvorwürfen, zwischen Sub- und Hegemonialkultur, oder - derzeit besonders kontrovers diskutiert - zwischen transkulturellem Austausch und illegitimer Aneignung.

Verschiedene Begriffe markieren das Feld: Widmen sich manche unter dem Signum Popgeschichte den Erscheinungsformen eines zeitgenössischen Pop-Dispositivs, also der Genese eines Quellenbegriffs, der weit über das Musikgenre Pop hinausgeht, so fühlen sich andere dem Begriff Populärkultur verpflichtet, der aus der Anthropologie stammt und potenziell alle kulturellen Phänomene mit massenhafter Verbreitung meinen kann. Beide - sich überschneidende - Zugriffe haben gemein, dass sie sich nicht als Spezialdisziplin organisieren, sondern als ein Kerngebiet der Geschichte der Massengesellschaften des 20. Jahrhunderts verstehen. [3] So wurden substanzielle Beiträge zur Geschlechter- und Körpergeschichte geleistet, zur Verflechtungs- und Transfergeschichte, zur Klang- und Mediengeschichte [4] sowie zur Aufarbeitung der Verfolgung unangepasster Szenen in den Staatssozialismen. [5]

Nun vertieft und erweitert gleich ein ganzer Schwung neuer Monografien und Sammelbände das Forschungsfeld empirisch. Die in aktuellen Neuerscheinungen erkennbare Hinwendung zu bestimmten Musikstilen und -szenen, vor allem zu "harter Musik" wie Punk oder Metal, überrascht auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick wird jedoch deutlich, dass es in den vorliegenden Büchern nicht um Genres in einem kunstwissenschaftlichen Sinn geht, sondern vielmehr um wirkmächtige zeitgenössische Dispositive, die nationale Grenzen und politische Lager überschritten. Auch auf behördlicher Ebene wurden sie ernstgenommen und haben daher nicht nur in Selbstzeugnissen (wie Songs, Fanzines oder DIY-Objekten) Spuren hinterlassen, sondern auch in Medien, sozialwissenschaftlichen Expertisen und in den Aktenüberlieferungen von Jugend-, Kultur- und Sicherheitsbehörden.

Bei den meisten besprochenen Büchern handelt es sich denn auch um archivbasierte Studien aus der Fachgeschichte oder von historiografisch arbeitenden Forschenden aus Nachbardisziplinen. Sie verstehen sich teils dezidiert als Korrektiv zu Narrativen, die sich in den vergangenen Jahren im medialen Diskurs etabliert haben. So hat etwa die Punkszene der 1970er und 1980er Jahre durch Sachbücher und Interviewbände als bunte und politisch links eingeordnete Jugendmusikszene mehr Aufmerksamkeit gefunden als andere, parallele Jugendphänomene. [6] Zeitgenössisch wurde sie jedoch zuallererst als Jugendgewaltphänomen debattiert, rasch von großen Bekleidungsketten ebenso wie von der haute couture, von Typografie und bildender Kunst adaptiert und vereinte junge Obdachlose bald semiotisch mit der Prinzessin von Thurn und Taxis. Auch weist sie einige weniger bunte Verbindungslinien in den braunen Rechtsrock auf. [7]

Wenn Henning Wellmann am Beispiel der Bundesrepublik und Großbritanniens Punk als ein Ordnungssystem dechiffriert, das von klaren ästhetischen Prinzipien und kollektiven emotionalen Stilen geprägt ist, dann tritt er dem Klischee entgegen, es habe sich um jene pure Anarchie gehandelt, von der die Sex Pistols sangen. [8] Florian Lipps erste archivbasierte Studie über Punk in der DDR korrigiert behutsam die Wertung einer rein oppositionellen Jugendkultur. Zwar produzierte besonders die erste Generation von DDR-Punks teils unverhohlene Systemkritik in Liedzeilen und wurde mit unverhältnismäßiger Härte von der Staatssicherheit regelrecht kaputtgeschlagen, doch indem Lipp auch Akten aus Landesarchiven auswertet, wo sich (im Unterschied zu denen aus Stasi-Archiven) auch Hinweise auf punktuelle Kooperationen mit Kulturhäusern vor Ort finden, zeichnet er ein differenziertes Bild. Juliane Fürst geht noch einen Schritt weiter: Sie wertet die vom Staat bekämpften Hippies der Sowjetunion allen transatlantischen Einflüssen zum Trotz auch als deren spezifisches Produkt, das mit der Sowjetideologie einige Schnittmengen hatte, etwa in der Idee vom Weltfrieden (wenn auch in einer vergleichsweise staatsfernen Alltagspraxis).

Zwar ist Politik nach dem Prisma des Parteienspektrums nicht das vorrangige Interesse des von untergründigeren Schattierungen geprägten Popfeldes, doch die Frage der Popularisierung von Politik beziehungsweise der Politisierung von Pop (etwa als Beitrag zum sogenannten Wertewandel oder unterschiedlicher generationeller Stile) ist noch immer virulent. Patrick Burke widmet sich der ambivalenten Wertschätzung des "Anderen" durch linksradikale Weiße in den USA der 1960er Jahre, die popkulturell inspirierte Parteien wie die Rainbow People's Party hervorbrachte, dabei aber rassistische Stereotypen Schwarzer Menschen reproduzierte. Und auch Ausprägungen des Konservatismus lassen sich unter Pop fassen, wie derzeitig ein mehrteiliger Schwerpunkt der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte am Beispiel Großbritanniens vorschlägt. [9]

Ebenfalls überraschen müssen zunächst Zugriffe, die sich dezidiert deutscher Popkultur widmen, da hier eine Re-Nationalisierung der schon seit der Ur- und Frühgeschichte (dem "Jazz Age" und seiner Vorläufer) grenzüberschreitend formierten Popkultur zu befürchten steht. Schlägt man die neuen Bände "Made in Germany" beziehungsweise "Sounds German" aber auf, so wird deutlich, dass Amerikanisierung und Transnationalisierung hier zu den typischen Merkmalen deutscher Popmusik nach 1945 gezählt werden - auch wenn immer wieder eine Nationalkultur staatlich forciert werden sollte: in der DDR etwa zeitweilig infolge des "Bitterfelder Wegs" und mit den Verordnungen zur Einfuhr und Aufführung von Musik von 1958; in der Bundesrepublik (und besonders in Frankreich) mit Forderungen nach Quoten für muttersprachliche Musik im Rundfunk.

Aber auch scheinbar popferne wirtschaftshistorische Prozesse wie der Strukturwandel im Zuge der Deindustrialisierung sind Beispiele für den Wert der Popforschung für aktuelle zeithistorische Themengebiete. Wie Giacomo Bottà in einer transregionalen Vier-Länder-Studie herausarbeitet, wurde die Deindustrialisierung klanglich in Genres wie Post Punk oder Industrial reflektiert. Die Popkultur ist aber auch selbst einem Strukturwandel hin zur "Shared Economy" unterworfen, was zum Gesamtverständnis von Deindustrialisierung und Globalisierung denn auch notwendig dazugehört. Dieser Prozess spiegelt sich in der gegenwärtig zu beobachtenden Musealisierung jener vergehenden mediengeschichtlichen Epoche, in der musikalische und filmische Inhalte noch stark an materielle Trägermedien gebunden waren, die als Stückware gehandelt wurden. Ein Band zum materiellen Erbe historisiert nicht nur Abspielgeräte und andere Objekte des Analog-Zeitalters, sondern zeigt auch auf, wie sich individuelle "Musikobjektgeschichten" im Umgang mit dem Material unter Forschungsfragen der (digitalisierten) Gegenwart lesen lassen.

Die Mehrzahl der hier besprochenen Studien treibt die "Wanderdüne" Zeitgeschichte in die 1970er und 1980er Jahre und darüber hinaus an die Gegenwart heran. Auch damit lässt sich das sehepunkte-FORUM als eine durchaus repräsentative Momentaufnahme aktueller Schwerpunkte eines noch jungen, sich entwickelnden Feldes lesen, das auch künftig nicht nur das Rezensionswesen, sondern die Zeitgeschichtsforschung insgesamt bereichern dürfte.


Anmerkungen:

[1] Vgl. die Pionierstudien: Kaspar Maase: BRAVO Amerika. Erkundungen zur Jugendkultur der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, Hamburg 1992; Thomas Grotum: Die Halbstarken. Zur Geschichte einer Jugendkultur der 50er Jahre, Frankfurt/M. 1994; Dietmar Hüser: RAPublikanische Synthese. Eine französische Zeitgeschichte populärer Musik und politischer Kultur, Köln 2004, und Detlef Siegfried: Time is On My Side. Konsum und Politik in der westdeutschen Jugendkultur der 60er Jahre, Göttingen 2006.
[2] Vgl. die explorativen Bände: Alexa Geisthövel / Bodo Mrozek (Hgg.): Popgeschichte. Bd. 1: Konzepte und Methoden; Bodo Mrozek / Alexa Geisthövel / Jürgen Danyel (Hgg.): Popgeschichte. Bd. 2: Zeithistorische Fallstudien 1958-1988, beide: Bielefeld 2014.
[3] Als Forum der Vernetzung dient seit 2011 das mehrsprachige pophistory-Blog; pophistory.hypotheses.org/ [24.01.2022]. Zur Westernisierung auch aus transglobaler Perspektive forscht derzeit die transnationale Forschergruppe "Transnational popular culture - Europe in the long 1960s"; popkult60.eu/ [24.01.2022].
[4] Vgl. die grundlegenden Bände: Lu Seegers (Hg.): Hot Stuff. Gender, Popkultur und Generationalität in West- und Osteuropa nach 1945, Göttingen 2015; Jens Gerrit Papenburg / Holger Schulze (Hgg.): Sound as Popular Culture. A Research Companion, Cambridge 2016; Dietmar Hüser (Hg.): Populärkultur transnational. Lesen, Hören, Sehen und Erleben im Europa der langen 1960er Jahre, Bielefeld 2017, und Aline Maldener / Clemens Zimmermann (Hgg.): Let's Historize It! Jugendmedien im 20. Jahrhundert, Köln 2018.
[5] Vgl. exempl. Michael Rauhut: Rock in der DDR. 1964 bis 1989, Bonn 2002; Uta G. Poiger: Jazz, Rock, and Rebels. Cold War Politics and American Culture in a Divided Germany, Berkeley u. a. 2000; Mark Fenemore: Sex, Thugs and Rock'n'Roll. Teenage Rebels in Cold-War East Germany, New York / Oxford 2007, und Leonard Schmieding: "Das ist unsere Party". HipHop in der DDR, Stuttgart 2014.
[6] Vgl. Legs McNeil / Gillian McCain: Please Kill Me. Die unzensierte Geschichte des Punk, Höfen 2011; Jürgen Teipel: Verschwende Deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave, erw. Ausgabe, Berlin 2012, und Ronald Galenza / Heinz Havemeister (Hgg.): Wir wollen immer artig sein… Punk, New Wave, HipHop und Independent-Szene in der DDR 1980-1990, Berlin 2013.
[7] Vgl. Jens Balzer: Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er, Berlin 2019, S. 353, und ders.: Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Musik, Hamburg 2019, 47.
[8] Vgl. Sex Pistols: "Anarchy in the UK"/"I Wanna Be Me", EMI: EMI 2566 (26. Februar) 1976 [7'', 45 rpm].
[9] Vgl. Martina Steber / Tobias Becker: Kulturen des Konservativen in der jüngsten Zeitgeschichte - das Beispiel Großbritannien, in: Vierteljahrshefte zur Zeitgeschichte 70 (2022), 149-158; doi.org/10.1515/vfzg-2022-0006 [24.01.2022].

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