Rezension über:

Patrick Burke: Tear Down the Walls. White Radicalism and Black Power in 1960s Rock, Chicago: University of Chicago Press 2021, 225 S., 18 s/w-Abb., ISBN 978-0-226-76821-2, USD 27,50
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Rezension von:
Kristoff Kerl
Kopenhagen
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Kristoff Kerl: Rezension von: Patrick Burke: Tear Down the Walls. White Radicalism and Black Power in 1960s Rock, Chicago: University of Chicago Press 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 2 [15.02.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/02/36526.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "Popgeschichte in Ost und West" in Ausgabe 22 (2022), Nr. 2

Patrick Burke: Tear Down the Walls

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Einige historische Studien haben bereits Rockszenen in den USA der 1960er Jahre untersucht und dabei auch die Politisierung von Rockmusik in den Blick genommen. [1] In "Tear Down the Walls" nimmt sich Patrick Burke nun einer bisher wenig beachteten Facette des Themas an. Von der These ausgehend, es sei ein Merkmal verschiedener Strömungen der überwiegend weißen Gegenkulturen gegen Ende der 1960er Jahre gewesen, African Americans zu Vorbildern zu stilisieren, wirft er Schlaglichter auf das Verhältnis von "weißem Radikalismus" - hier sind linksradikale Weltsichten gemeint - und Black Power in Rockszenen der späten 1960er Jahre. Er analysiert, wie die häufigen Rekurse auf Schwarze Musikerinnen und Musiker und Black Power-Rhetoriken die Konstruktionen verschiedener weißer Rockidentitäten und -politiken beeinflussten. Diese Übernahmen und Adaptionen bewegten sich nach Burke in einem Spannungsfeld von kultureller Aneignung, rassistischen Stereotypisierungen und antirassistischer Solidarität. Die Untersuchung dieses thematischen Komplexes stützt Burke auf einen breiten Quellenkorpus, der von Archivmaterialien wie Korrespondenzen und Protokollen über zeitgenössische Monografien, Erinnerungsinterviews, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel bis zu Filmen und Songtexten reicht.

"Tear down the Walls" gliedert sich in fünf Kapitel, die zeitlich ganz überwiegend auf die hochpolitisierten Jahre 1968 und 1969 fokussieren. Allerdings werden insbesondere im fünften Kapitel auch weitere Entwicklungslinien der frühen 1970er Jahre thematisiert. Durch diesen engen zeitlichen Zuschnitt geraten allerdings historische Entwicklungslinien aus dem Blick, die wohl eher von einem Bedeutungsverlust des Linksradikalismus in weißer Rockmusik zeugen würden. Ebenfalls fällt an der Konzeptionalisierung der Untersuchung eine gewissen Engführung bei der Auswahl der untersuchten historischen Personen und Gruppierungen auf: Die White Panther Party (WPP) und die Band MC5 spielen in drei der fünf Kapitel eine bedeutende Rolle, was jedoch methodisch nicht reflektiert wird. Eine politische Einordnung des breiteren Spektrums von Rockmusik im Untersuchungszeitraum ist damit nicht möglich, aufgrund des thematischen Fokus auf "weißen Radikalismus" vom Autor allerdings auch nicht intendiert.

Im ersten Kapitel richtet Burke den Fokus auf MC5, die in den späten 1960er Jahren das musikalische Aushängeschild der WPP bildete. Für White Panthers bildeten Rock und andere Musikformen ein wichtiges Mittel der angestrebten radikalen Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die MC5 waren in vielfältiger Weise von Schwarzer Musik, Black Power und Imaginationen von afroamerikanischer Subjektivität, zum Beispiel afroamerikanischer Hypermaskulinität, beeinflusst und verknüpften diese Einflüsse explizit mit ihrer eigenen radikalen Programmatik. Ihre affirmative Haltung zu Black Power und Schwarzen Musikerinnen und Musikern, denen sie eine (politische) Vorbildfunktion zusprachen, bewahrte die White Panthers und die MC5 jedoch nicht davor, gleichzeitig auch rassistische Stereotype zu reproduzieren.

Am 10. November 1968 spielte die Band Jefferson Airplane in einer Show des Senders CBS. Dieser Auftritt und die Debatten, die sich daran entzündeten, bilden den Gegenstand des zweiten Kapitels. Am besagten Abend trat Grace Slick, die Sängerin der erfolgreichen psychedelic rock-Band, mit einem dunkelbraun geschminkten Gesicht vor das Mikrofon, womit sie an die rassistische Tradition des blackfacing anknüpfte. Gleichzeitig zeigte sie während des Auftritts den Black Power-Gruß und damit ein Symbol des Kampfes von Afroamerikanerinnen und -amerikanern gegen Rassismus. Von diesem Event ausgehend geht Burke dem eklektizistischen Verhältnis von Jefferson Airplane zu Black Music und Black Power nach, die er, im Kontrast zu der Stilisierung afroamerikanischer Menschen zu revolutionären Vorbildern im Stile der MC5, nicht im konventionellen Sinne als politisch versteht. Dies bedeutet selbstredend nicht, dass diese Form der Adaption keine politischen Effekte gehabt hätte.

Im dritten Kapitel wiederum wirft Patrick Burke einen Blick nach England, wo Jean-Luc Godard 1968 den Film One Plus One drehte. Der Film setzt sich aus zehn weitgehend unzusammenhängenden Sequenzen zusammen, wovon fünf die Rolling Stones bei der Arbeit an ihrem Song "Sympathy for the Devil" zeigen. Burke nutzt den Film, um das Verhältnis der britischen Band zu Politik zu thematisieren, primär aber um eine weitere zeitgenössische Sicht auf das Verhältnis von Rockmusik zu Revolution und Black Power darzulegen. Laut Godards Film, der sich als ein Kommentar zu den zeitgenössischen Hoffnungen in die revolutionäre Kraft der Rockmusik verstehen lässt, war Rock keineswegs ein eindeutiger Träger revolutionärer Botschaften, sondern von zahlreichen Ambivalenzen geprägt.

Die "Battle of Fillmore East", die sich am 26. Dezember 1968 bei einem MC5-Auftritt in einer Konzerthalle des Konzertveranstalters Bill Graham in New York City ereignete, ist der Gegenstand des vierten Kapitels. Im Zentrum der Ausschreitungen stand ein bereits seit mehreren Wochen schwelender Konflikt zwischen Graham und der anarchistischen und äußerst militanten politaktivistischen Gruppe Up against the Wall Motherfuckers, häufig The Motherfuckers genannt. Der Konflikt kreiste um die bedeutende und heftig diskutierte Frage der Kommodifizierung von als subversiv verstandener Kultur im Allgemeinen und von Rockmusik im Besonderen. Akteurinnen und Akteure auf beiden Seiten der Konfliktlinie rekurrierten in den Auseinandersetzungen auf Konzepte und Rhetoriken der Black Power-Bewegungen und versuchten sich durch diese Rückgriffe als aufrechte Revolutionärinnen und Revolutionäre zu inszenieren.

Im fünften und letzten Kapitel nimmt Patrick Burke das Woodstock-Festival vom August 1969 in den Blick. Dabei richtet sich sein Interesse nicht primär auf die Ereignisse während des Festivals, sondern auf dessen spätere Mythisierung in gegenkulturellen Milieus. So propagierten etwa die Youth International Party und die WPP den antikolonialen Befreiungskampf einer sogenannten Woodstock Nation, in der sie ein durch die weiße US-Mehrheitsgesellschaft kolonialisiertes Volk mit einer eigenständigen, unterdrückten Kultur sahen. Während Analogiebildungen zur gesellschaftlichen Situation von Afroamerikanerinnen und -amerikanern weiterhin zum Repertoire der White Panthers gehörten, verlor die militante Rhetorik, wie sie der Flügel der Black Panther Party um Eldridge Cleaver pflegte, deutlich an handlungsleitender Bedeutung, während nun verstärkt auf Native Americans rekurriert wurde.

"Tear Down the Walls" ist einiger argumentativer Redundanzen zum Trotz sehr lesenswert. Problematisch erscheint jedoch die im Buch trotz anderslautender Ausführung in der Einleitung wiederholt auftauchende Gegenüberstellung einer vermeintlich tendenziell weniger politischen Counterculture mit radikalen, revolutionären Bewegungen, die gerade vor dem Hintergrund politischer Gruppen wie der WPP wenig fruchtbar erscheint. Zudem wären synthetisierende Passagen, die Ergebnisse der einzelnen Kapitel stärker miteinander ins Gespräch bringen, wünschenswert gewesen. Trotz dieser kleinen Kritikpunkte liefert Patrick Burke damit einen wichtigen Beitrag zur vertieften Erforschung gegenkultureller Lebenswelten und der Politisierung von Rockmusik in den späten 1960er Jahren.


Anmerkung:

[1] Vgl. u. a. Nick Bromell: Tomorrow Never Knows. Rock and Psychedelics in the 1960s, Chicago / London 2000, und Michael J. Kramer: The Republic of Rock. Music and Citizenship in the Sixties Counterculture, New York 2013.

Kristoff Kerl