Rezension über:

Christina Dörfling / Christofer Jost / Martin Pfleiderer (Hgg.): Musikobjektgeschichten. Populäre Musik und materielle Kultur (= Populäre Kultur und Musik; Bd. 32), Münster: Waxmann 2021, 290 S., ISBN 978-3-8309-4442-3 , EUR 34,90
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Rezension von:
Maude Williams
Universität des Saarlandes, Saarbrücken
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Maude Williams: Rezension von: Christina Dörfling / Christofer Jost / Martin Pfleiderer (Hgg.): Musikobjektgeschichten. Populäre Musik und materielle Kultur, Münster: Waxmann 2021, in: sehepunkte 22 (2022), Nr. 2 [15.02.2022], URL: http://www.sehepunkte.de
/2022/02/36539.html


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Diese Rezension ist Teil des Forums "Popgeschichte in Ost und West" in Ausgabe 22 (2022), Nr. 2

Christina Dörfling / Christofer Jost / Martin Pfleiderer (Hgg.): Musikobjektgeschichten

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Populäre Musik und ihre (Musik-)Objekte haben seit einigen Jahren in Deutschland verstärkt das Interesse von Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern geweckt und die Aufmerksamkeit wissenschaftlicher Institutionen auf sich gezogen. So förderte etwa das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein Verbundprojekt zum Thema, aus dem der hier besprochene Sammelband entstand, der Beiträge von einer Tagung vom Oktober 2020 bündelt. [1]

Präzise, synthetisch und klar formuliert stellen die Herausgeberin und die Herausgeber den theoretischen Rahmen und die den Beiträgen zugrundeliegenden methodischen Ansätze vor; zugleich erläutern sie das breite Themenfeld, mit dem sich die Autorinnen und Autoren beschäftigen. Geprägt von der Erforschung materieller Kultur heben sie vor allem zwei Aspekte hervor, die dem Sammelband einen roten Faden geben: Zum einen wird in den Beiträgen die Entwicklung der Herstellung, des Gebrauchs und der Verbreitung von Musikobjekten, insbesondere von Musikapparaten und Speichermedien, "im Kontext einer globalisierten Ökonomie der Produktion und Konsumption kultureller Waren" erforscht (2). Zum anderen beschäftigen sich die Autorinnen und Autoren mit Fragen der Materialität und Medialität dieser Musikobjekte und greifen dafür auf Ansätze des material turn zurück [2]. Auch, wenn der Sammelband keine klare Kapitelstruktur aufweist, ist die Reihenfolge der Beiträge durchdacht und sehr gut abgestimmt, sodass es für die Leserinnen und Leser einfach ist, Verbindungen zwischen den Beiträgen herzustellen.

Ausgehend von eigenen Erfahrungen als Kind (Stefanie Samida, Anne-Kathrin Hoklas) oder als erfahrener Wissenschaftler (Stefan Krebs und Andreas Fickers), nehmen die ersten Aufsätze die Frage nach der Beziehung zwischen Musikobjekt und Individuum in den Blick. Aus ihrer Kindheit heraus erforscht Stefanie Samida am Beispiel des Plattenspielers vom Modell "Mister Hit" die Konturen einer Erinnerung, die sich nicht nur aus der Materialität des Plattenspielers, sondern auch aus den Sinnen- und Nutzungserfahrungen ihrer Benutzerinnen und Benutzer heraus formiert, während Anne-Kathrin Hoklas anhand der Compact Disc die Rolle der Generationalität bei der Benutzung bestimmter Musikobjekte hervorhebt. Auch Stefan Kerbs und Andreas Fickers reflektieren Erfahrungen bei der Benutzung des Stentorphones, eines "mit Druckluft betriebenen Grammophon[s]" (85), und den Mehrwert für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, selbst "experimentelle Medienarchäologie" zu betreiben. Dabei werden Forscherinnen und Forscher selbst mit der spezifischen technischen Benutzung der einzelnen Medienobjekte und ihrer Materialität konfrontiert; ihre Sensibilität für Sinnes- und Körpererfahrungen, die bei der Interaktion zwischen Menschen und Objekt entstehen, wächst. Methodisch innovativ und überzeugend bieten diese drei Beiträge neue Einblicke in die Wechselwirkungen zwischen Musikobjekt und Individuum.

Ebenfalls anregend sind die weiteren vier Aufsätze, die sich mit der Entwicklung von Musikobjekten im 20. und 21. Jahrhundert beschäftigen. Basierend auf vielversprechenden Quellenkorpora wie einem Firmenarchiv (Daniel Morat arbeitet mit Archivmaterial der Carl Lindström AG), einem Archiv von DDR-Staatsbetrieben (Benjamin Burkhart), Patenten (Christina Dörfling) oder auch Zeugnissen von Nutzerinnen und Nutzern (Stefan Gauß), liefern die Autorinnen und Autoren Aufschlüsse darüber, wie Musikobjekte sich bedingt durch neue Technologie, Bedürfnisse der Nutzerinnen und Produzenten sowie durch politische Entscheidungen veränderten.

Die letzten vier Beiträge lassen sich in ein drittes Gebiet einordnen, das der Sammelband abdeckt und das sich mit Themen der Cultural Heritage Studies befasst; hier geht es um die Frage nach der Aufbewahrung, Erhaltung und Ausstellung von Musikobjekten in Museen. Sarah-Indriyati Hartjowigoro widmet sich dem aktuellen Thema der Erhaltung von Software-Instrumenten, am Beispiel von MUSIC-Programmen, Music Mouse und ReBirth RB-338 und plädiert für den aktiven Gebrauch durch Weiterentwicklung der Software, aber auch durch eine langfristige Speicherung und Verwendung in Museen. Museen sind auch Gegenstand von Hans Peter Hahns Aufsatz. In seinem Plädoyer für die Betrachtung von Museen als dynamische Orte, die sich mit der Gesellschaft verändern, fehlt jedoch jegliche Verbindung mit Musikobjekten.

Im Gegensatz dazu fokussiert Andreas Ludwig auf Exponate mit Musikbezug aus dem Eisenhütterstädter Dokumentationszentrum 'Alltagskultur der DDR'. In seinem Beitrag liefert er eine Analyse der dort ausgestellten Objekte und weist auf deren "Fragmentierung" hin, da nicht alle alltäglichen Gegenstände einen Platz im Museum finden und viele verloren gehen. Auch ließen sich die objektbezogenen Emotionen nicht im Museum festhalten. Eine praxisbezogene Sicht auf die pädagogische und dramaturgische Arbeit mit Musikobjekten in Museen bietet Thomas Mania, Kurator des rock'n'popmuseum Gronau. Die Inszenierung der Musikobjekte im Museum durch Lichteffekte, Showcases oder auch durch die akustische Atmosphäre mit dem Wireless Positioning System ermöglicht es, Emotionen und Erinnerungen bei den Besucherinnen und Besuchern hervorzurufen.

Der Sammelband schließt mit der Transkription einer Diskussion zum Thema "Materialität und Digitalität" zwischen Miriam Akkermann, Mario Anastasiadis, Steffen Lepa und Nathalie Singer ab, allesamt Fachleute aus den Medien- und Musikwissenschaften. Vorstrukturiert durch Eingangsstatements liefert dieser abschließende Text ergänzende Überlegungen und Erkenntnisse über die im Aufsatz von Sarah-Indriyati Hartjowigoro bereits angesprochene Herausforderung der Aufbewahrung, Archivierung und Weiternutzung von Musik im digitalen Format. Miriam Akkermann erläutert beispielsweise Möglichkeiten der Archivierung von Computermusik und macht darauf aufmerksam, dass bei Transfer-Files Informationen über die Auswahl der archivierten Musik (Code bzw. Tonaufnahme) auch Gegenstand der Dokumentation sein sollten, um Veränderungen an dem Musikstück zu vermeiden.

Mit besonderem Blick auf Musikapparate und Speichermedien (Schallplatten, CDs, Abspielgeräte, aber auch Software-Instrumente) liefern die meisten Beiträge des Sammelbands vertiefte und praxisnahe Erkenntnisse über die Produktion, Nutzung und Ausstellung solcher Objekte sowie über die Mensch-Objekt-Beziehungen im 20. und 21. Jahrhundert. Die Verwendung von originellen Quellen und methodisch innovativen Ansätzen tragen zur Qualität dieses Bandes bei, der neue Fragen anspricht, die auch künftig mit der weiteren Erschließung materiellen popkulturellen Kulturerbes eine wesentliche Rolle in Forschung wie Musealisierung spielen dürften.


Anmerkungen:

[1] Vgl. Musikobjekte der populären Kultur. Funktion und Bedeutung von Instrumententechnologie und Audiomedien im gesellschaftlichen Wandel, BMBF-Projekt des Zentrums für Populäre Kultur und Musik (ZPKM) an der Universität Freiburg im Breisgau, des Instituts für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar sowie des rock'n'popmuseums Gronau; www.musikobjekte.de [13.01.2022].

[2] Vgl. Andreas Ludwig: Materielle Kultur, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 1.10.2020; docupedia.de/zg/Ludwig_materielle_kultur_v2_de_2020 [13.01.2022], und Hans Peter Hahn: Materielle Kultur. Eine Einführung, Berlin 2005.

Maude Williams