Rezension über:

Ernst Piper: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs, Berlin / München: Propyläen 2013, 592 S., 16 Bildtafeln, ISBN 978-3-549-07373-5, EUR 27,80
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Rezension von:
Manfred Hanisch
Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Manfred Hanisch: Rezension von: Ernst Piper: Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs, Berlin / München: Propyläen 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 7/8 [15.07.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/07/24619.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Neuerscheinungen zum 1. Weltkrieg" in Ausgabe 14 (2014), Nr. 7/8

Ernst Piper: Nacht über Europa

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Der Titel Nacht über Europa greift eine bekannte Metapher auf, inhaltlich sagt er nicht viel aus. Auch der in solchen Fällen mehr erklärende Untertitel ist sehr allgemein gehalten: "Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges". Das kann sehr viel bedeuten. Die relativ geringe Aussagekraft des Titels resultiert auch daraus, dass sehr Verschiedenes unter einen übergreifenden Titel gebracht werden musste. Was ist nun Gegenstand der Ausführungen?

Das Buch handelt zum einen von "Geschichten", wie Kulturschaffende, hier insbesondere Künstler, Maler und Literaten, den Ersten Weltkrieg erlebten, kommentierten, psychisch verarbeiteten, erlitten und in ihm umkamen. Nur allzu häufig stellten sie sich auf beiden Seiten in den Dienst der Kriegspropaganda ebenso wie die wissenschaftlichen Eliten. Die immer schon übernationale, europäische Gemeinschaft der Kunst und Wissenschaft ist darüber zerbrochen. Intellektuelle Stimmen der Mäßigung gab es nur wenige. Das alles wird ausführlich beschrieben. Dazu werden viele Bilder gedeutet, welche den Krieg zum Thema machten. Leider wird nur ein Bruchteil der besprochenen Kunstwerke - aus Kostengründen? - reproduziert. Noch mehr werden literarische Erzeugnisse interpretiert. Damit überschneidet sich Pipers Arbeit inhaltlich partiell mit dem nahezu zeitgleich erschienenen Buch von Geert Buelens mit dem Titel "Europas Dichter und der Erste Weltkrieg".

Einen großen Stellenwert misst Piper der Kriegspropaganda beider Seiten bei. Die "Ideen von 1914" versus die "westalliierte Stilisierung des Krieges als einen Kampf gegen deutsche Barbarei". Eine solche Stilisierung fiel nur allzu leicht. Hatten neben tatsächlichen und vermeintlichen Gräueltaten doch die Deutschen die Kunststadt Löwen (Leuven/Louvain) und da auch die weltberühmte Universitätsbibliothek zerstört. Das wog umso schwerer, weil es sich um eine Stadt des kleinen Belgiens handelte, das nur wegen seiner Geographie in den Krieg geraten war. Und dann zerschoss auch noch deutsche Artillerie die Kathedrale von Reims, bekanntlich eine der bedeutendsten des Abendlandes. Die Auswirkungen dieser beiden Kriegsverbrechen, die in der deutschen Öffentlichkeit heute nur wenig bekannt sind, stellt Piper sehr ausführlich dar. Löwen und Reims in der deutschen Erinnerungskultur stärker verankern zu wollen: Darin liegt zweifelsohne ein großer Verdienst der Arbeit.

Behandelt werden auch die Antisemitismen in Deutschland, die während des Krieges immer mehr zunahmen, und die Situation der jüdischen Bevölkerung, deren Söhne mehrheitlich nationalpatriotisch in den Krieg zogen und trotzdem in den nicht haltbaren Verdacht gerieten, national unzuverlässig zu sein.

Einen breiten Raum nimmt die Gedankenwelt der Rechten in Deutschland ein, unter vielem anderen die Forderungen des Alldeutschen Verbandes, die Eroberungspläne des Generals und Militärtheoretikers Friedrich von Bernhardi, die insgesamt vieles von dem vorwegnahmen, was später die Nationalsozialisten umsetzten. Dies wird erfreulich ausführlich dargestellt, wohl auch weil diese düsteren, auf eine Zukunft über den Ersten Weltkrieg hinaus weisenden Aspekte des Ersten Weltkrieges trotz Fischer-Kontroverse immer noch relativ wenig im allgemeinen Bewusstsein verankert sind. Aber das ist letztlich auch eine Sache der Einschätzung.

Ausführungen zum Versagen der sozialistischen Internationalen finden sich ebenso wie zu den Emigranten im Schweizer Exil, deren bekanntester Lenin war. Und trotz des kulturgeschichtlichen Anspruches gar nicht so kurze Ausführungen zur Ereignis- und Politikgeschichte, die im Wesentlichen jedoch nur Bekanntes referieren.

Mit dieser Auflistung, die noch um viele Einzelheiten erweitert werden könnte, wird deutlich: Es ist wirklich sehr Verschiedenes, was da zusammengetragen wurde. Eine umfassende Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges ist das Buch jedoch mitnichten, nicht nur, weil sich auch viel Politikgeschichtliches finden lässt, sondern vor allem, weil es sich nur um ausgewählte Aspekte einer Kulturgeschichte mit weit gefasster Definition handelt, die sich dann noch größtenteils nur auf den deutschen, französischen und englischen Sprachraum bezieht. Aber immerhin auf diese.

Aber abgesehen davon, wie auch immer Kulturgeschichte bestimmt wird, was bekanntermaßen auch seine Tücken hat: Eine wirklich umfassende Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges ist auch nicht in einem einzigen Band von einem einzigen Autor leistbar.

Misslich ist, dass es keine Einleitung gibt, auch zusammenfassende Schlussbemerkungen fehlen. Und in dem sehr knappen Vorwort finden sich keine Ausführungen zur Begründung der nun einmal vorhandenen Auswahl, keine Fragestellung, fast keine methodischen Überlegungen, allenfalls der recht allgemeine Satz: "Den Geschichten kommt dabei ebenso Bedeutung zu wie der Geschichte" (10). Und es sind in der Tat viele, viele durchaus erinnerungswürdige Geschichten, eine Fülle von Details - auch viele einzelbiographische -, die da zusammengetragen wurden. Aber eine Geschichte im Sinne einer ganz gleich wie zusammenhängenden, aber eben zusammenhängenden Darstellung ist daraus nicht geworden.

Zusammengetragen ist dabei wortwörtlich zu verstehen: Keine eigenen Forschungen, keine neue Sichtweise, so gut wie alles ist aus vorhandener - mitunter auch entlegener älterer Literatur geschöpft. Gelegentlich wechselt das Buch auch im sprachlichen Duktus hinüber ins literarische, ins literatur- und kunstwissenschaftliche Genre. Adressat ist demnach nicht nur das historisch interessierte Publikum.

Aber in diesem überaus vielfältigen Zusammentragen liegt auch das Verdienst. Das Buch basiert auf breiter und langwieriger Literaturrecherche und behandelt jetzt erstmals leicht fasslich wichtige Aspekte zur Kulturgeschichte des Ersten Weltkrieges, darunter so manchen, der es verdient, stärker in das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit gerückt zu werden.

Manfred Hanisch