Rezension über:

Wolfram Pyta: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München: Siedler 2007, 1117 S., ISBN 978-3-88680-865-6, EUR 49,95
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Rezension von:
Nils Freytag
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Nils Freytag: Rezension von: Wolfram Pyta: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München: Siedler 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 6 [15.06.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/06/13602.html


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Wolfram Pyta: Hindenburg

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Dieses Buch beginnt so richtig erst im 67. Lebensjahr eines militärischen Pensionärs. Der durchaus beachtlichen Karriere Hindenburgs, die ihn bis in den Generalsrang sowie in die Nähe der Schlieffen-Nachfolge geführt hatte und die im März 1911 mit der Versetzung in den Ruhestand beendet schien, widmet Wolfram Pyta gerade einmal das erste Kapitel mit 22 Seiten. Dass der Stuttgarter Historiker konsequenter Weise so und nicht anders loslegt und dabei weitgehend frei von methodischen Überlegungen schreibt, die heutzutage zum Rüstzeug moderner biografischer Studien gehören, hängt damit zusammen, dass ihn weniger der Lebensweg des Feldmarschall-Politikers als vielmehr dessen Herrschaftsgrundlagen und -verständnis interessieren. Der Untertitel dieser quellengesättigten Studie - das Quellenverzeichnis weist rund 40 Archive und bald 100 Nachlässe aus - ist also ernst zu nehmen. Ins Zentrum seiner Analyse rückt Pyta zwei methodische Grundprobleme, die er eng miteinander verwebt und in zwei Exkursen umsichtig in den Forschungsstand einbettet (57-67, 285-293): Er fragt einerseits nach den Voraussetzungen und der Reichweite symbolischen Handelns in der politischen Kultur zwischen 1914 und 1933. Andererseits arbeitet er mit Max Webers Typus der charismatischen Herrschaft als Hilfsmittel, um den Besonderheiten des Herrschaftsgefüges dieser Schlüsselphase deutscher Geschichte auf den Grund zu gehen.

Gleichsam über Nacht stieg der auf eigenes Betreiben hin reaktivierte Hindenburg Ende August 1914 als 'Sieger von Tannenberg' zum Hoffnungsträger und Mythos der Nation auf. Dabei kann sein Anteil an dem Sieg über die in Ostpreußen stehende russische Narewarmee gar nicht gering genug eingeschätzt werden. Der planerische Kopf war Erich Ludendorff, während Hindenburg viel schlief, gut und lange aß, ausgiebig spazierte und jagte. Lediglich die Urheberschaft auf die Namensgebung ist ihm zuzuschreiben, womit Hindenburg erstmals sein Talent offenbarte, Erfolge symbolpolitisch aufzuwerten und umzumünzen, denn das Schlachtfeld lag weitab. Dieses Talent, seine mediale Selbstinszenierung sowie die Zuschreibung charismatischer Fähigkeiten durch die Bevölkerung trugen Hindenburg in der Dauerkrise Krieg bis an die Spitze der 3. Obersten Heeresleitung - nicht zuletzt weil die eigentliche Symbolfigur Wilhelm. II. weitgehend ausfiel. Pyta kann eindrücklich zeigen, wie der Krieg die monarchische Herrschaftsstruktur des Kaiserreichs plebiszitär überformte und Hindenburg zum politischen Feldmarschall aufstieg, dem es in zähem Ringen gelang, die Lufthoheit in allen wichtigen Personalfragen zu erringen, selbst in denen, die der königlich-kaiserlichen Prärogative zuzurechnen waren. Freilich wird dabei zugleich deutlich, dass Wilhelm II. selbst bis ins Revolutionsjahr hinein keinesfalls ausschließlich zum 'Schattenkaiser' herabsank.

Die charismatische Zuschreibung ließ Hindenburg zur symbolischen Brücke zwischen Kaiserreich und Republik werden. Als Garant für die geordnete Rückführung des Feldheeres stellte er sich zunächst pragmatisch auf den Boden des revolutionären Umbruchs, ohne die Restauration der Monarchie aus dem Auge zu verlieren. Pyta beschreibt ihn in der Folge als überaus erfolgreichen Akteur auf geschichtspolitischem Terrain mit einem sensiblen Gespür für seine charismatische Sonderstellung. Er schwang sich zum bekanntesten und wirkungsmächtigen Vertreter jener fatalen Dolchstoßlegende auf, wonach die Heimat und hier vor allem die Linksparteien dem unbesiegten Heer in den Rücken gefallen seien. Hellsichtig erkannte Hindenburg bald nach seiner ersten Wahl zum Reichspräsidenten 1925 das Problem, dass das nun errungene legitime Herrschaftsamt 'Reichspräsident' seinen charismatischen Herrschaftsanspruch umso tiefer aushöhlte, je mehr er sich in tagespolitische Niederungen verstrickte; eine Erkenntnis, die sich nach dem Übergang zu den Präsidialregierungen deutlich verstärkte. Zwar scheute Hindenburg in letzter Konsequenz die öffentliche Auseinandersetzung, verstand es aber kühl kalkulierend, sich von Personen zu trennen, die ihm nicht mehr nützten, ja mehr noch, er bemühte sich überaus erfolgreich, diesen die Misserfolge in die Schuhe zu schieben. Wilhelm II., Ludendorff, Brüning und Schleicher sind nur die bekanntesten Namen auf einer langen Liste.

Den engsten Mitarbeitern Hindenburgs wird bis in die jüngere Forschung hinein vielfach zugeschrieben, dass sie den greisen Reichspräsidenten an der Jahreswende 1932/33 überzeugt hätten, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. Pyta kann dagegen plausibel machen, dass kein nennenswerter Einfluss von Otto Meißner, Oskar von Hindenburg, Franz von Papen oder ostelbischen Konservativen bestand, sondern die Bestallung Hitlers vielmehr konsequent aus Hindenburgs politischem Denken und Handeln sowie aus seinem langgehegten Wunsch nach einem Kabinett der 'nationalen Konzentration' folgte. Die im Kaiserreich und im 'Geist von 1914' wurzelnden Mythen der nationalen Einheit und Volksgemeinschaft rangierten bei Hindenburg weit vor der Sehnsucht nach einer monarchischen Restauration. Sie machten Hitler zum gleichsam logischen Nachfolger, standen diese Werte doch auch weit oben auf der nationalsozialistischen Agenda. Folgt man dieser Argumentation, dann ernannte Hindenburg Hitler zwar zögernd, aber dennoch aus tiefster Überzeugung zum Reichskanzler. So bleibt am Ende von dem Bild eines erzkonservativen, aber doch verfassungstreuen Reichspräsidenten nichts mehr übrig. Vielmehr begegnet uns ein bis zum Ende kaltblütiger Egoist, der sehenden Auges und zielgerichtet auf eine autoritäre Staatsform zusteuerte und die Anfänge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft sogar gut hieß: So nahm er die Morde an Röhm und Schleicher im Juni 1934 gelassen hin, lediglich für den gefangen gesetzten Papen verwendete er sich.

Diese voluminöse Biografie des zweiten Reichspräsidenten der Weimarer Republik ist ein wichtiges und durchweg flott zu lesendes, wenngleich gelegentlich detaillastiges Buch. Auch wenn man nicht mit seinem Zuschnitt und allen Thesen übereinstimmen mag und das Buch letztlich kaum darüber Auskunft gibt, inwieweit Hindenburg als parteiübergreifende Figur in der pluralistischen Gesellschaft, die Weimar eben auch war, überhaupt wahrgenommen wurde: Jeder, der sich mit der politischen Geschichte der ersten deutschen Demokratie und den Anfängen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beschäftigt, wird es künftig zur Hand nehmen müssen. Denn Wolfram Pyta räumt nicht nur mit einigen alt vertrauten Grundannahmen auf, sondern er weist Hindenburg auch den ihm gebührenden verantwortlichen Platz in der jüngeren deutschen Geschichte zu.

Nils Freytag