Rezension über:

Petra Weber: Gescheiterte Sozialpartnerschaft - Gefährdete Republik? Industrielle Beziehungen, Arbeitskämpfe und der Sozialstaat. Deutschland und Frankreich im Vergleich (1918-1933/39) (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte; Bd. 77), München: Oldenbourg 2010, IX + 1245 S., ISBN 978-3-486-59214-6, EUR 128,00
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Rezension von:
Reiner Tosstorff
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Reiner Tosstorff: Rezension von: Petra Weber: Gescheiterte Sozialpartnerschaft - Gefährdete Republik? Industrielle Beziehungen, Arbeitskämpfe und der Sozialstaat. Deutschland und Frankreich im Vergleich (1918-1933/39), München: Oldenbourg 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 6 [15.06.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/06/17691.html


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Petra Weber: Gescheiterte Sozialpartnerschaft - Gefährdete Republik?

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Auf dem Amsterdamer Kongress der Zweiten Internationale im August 1903 kam es anlässlich des Streits um den Revisionismus in Deutschland einerseits wie um die sozialistische Regierungsbeteiligung in Frankreich durch Alexandre Millerand ab 1899 andererseits zu einem verbalen Schlagabtausch zwischen Jean Jaurès und August Bebel. Während ersterer die republikanischen Traditionen seines Landes hervorhob, hielt ihm letzterer bei aller (Selbst-)Kritik an der parlamentarischen Wirkungslosigkeit in Preußen-Deutschland vor, die deutsche Armee aber halte sich bei großen Streiks zurück, während die Regierungen der dritten Republik in solchen Fällen regelmäßig die Armee mit oftmals blutigen Folgen mobilisierten.

Bekanntlich folgte der französische Staat, auch über das 'Intermezzo' des Ersten Weltkriegs hinweg, noch Jahrzehnte der Tradition, die Arbeiterbewegung auf Abstand zu halten, und gab den noch lange patriarchalischen Vorstellungen anhängenden Unternehmern breiten Spielraum, während Deutschland, nach den obrigkeitsstaatlichen Regelungsversuchen des Kaiserreichs, im Gefolge der Weltkriegsniederlage einen grundlegenden Umsturz auch seiner sozialen Beziehungen erlebte. Den Gewerkschaften wurde ein auch im internationalen Vergleich herausragender gesetzlicher Spielraum eingeräumt, der ihnen zumindest formal einen gleichberechtigten Platz neben den Unternehmern verschaffte. Nach einem in der Weimarer Realität allerdings durchaus fluktuierenden Auf und Ab setzte dann jedoch die Errichtung der NS-Diktatur einen blutigen Schlusspunkt unter diese Anerkennung. In Frankreich dagegen eroberten sich die Arbeiterorganisationen nur drei Jahre darauf, in Verbindung mit dem Volksfront-Wahlsieg von Mai / Juni 1936, eine Weimar vergleichbare Stellung (die erst im Gefolge der deutschen Besetzung Frankreichs beseitigt werden konnte).

Das sind die zeitlichen Begrenzungen und der thematische Rahmen von Petra Webers monumentaler Studie. Mit ihr liegt nun ein weiteres Ergebnis des vom Institut für Zeitgeschichte durchgeführten Forschungsprojekts über Demokratie in der Zwischenkriegszeit im Vergleich zwischen der letzen Phase der III. Republik und dem Weimarer Staat vor. Neben einigen Arbeiten, deren Fokus ganz auf Frankreich lag, sind ihr drei umfangreiche komparatistische wie kontrastive Darstellungen vorausgegangen, die sich dem politischen Extremismus in den beiden Hauptstädten, den Mentalitäten in der Provinz und der Ausformung des Parlamentarismus widmen. Alle sind umfangreich angelegt und nehmen den Vergleich sehr ernst, indem sie minutiös die Entwicklungen in den beiden Ländern herausarbeiten und gegenüberstellen und dabei die Verschränkungen wie die jeweiligen Besonderheiten beschreiben und analysieren.

Diesem Ansatz folgend ist das Thema hier der Verlauf der industriellen Beziehungen: Die Darstellung der Konflikte zwischen Arbeiterschaft und Unternehmern zumeist in der Form von Streiks um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen und die Eingriffe des Staates, sie durch die Schaffung von Formen oder Strukturen zur Konfliktlösung, von Bestimmungen zu betrieblichen Vertretungen bis hin zu Schlichtungsmechanismen und zu einer allgemeinen Sozialgesetzgebung unter Kontrolle zu behalten und zu regulieren. Das ist in allgemeinen Worten der Inhalt der Darstellung, wobei der Hintergrund in der wirtschaftlichen Entwicklung, z. B. die verschiedenen Inflationsschübe, und erst recht in den politischen Umbrüchen und vor allem den Folgen des Weltkrieges nicht ausgespart ist, ohne aber die Untersuchung über das, was das eigentliche Thema des Buchs ist, hinauszuführen. Einen großen Stellenwert hat dabei der Blick auf die Organisationsentwicklung bei der Arbeiterschaft - im wesentlichen die sozialistischen Dachverbände und ihre Mitgliedsorganisationen, in Frankreich die Confédération Génerale du Travail (CGT) und in Deutschland der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB)[1] - einerseits, auf das Agieren der stärker aufgefächerten Unternehmerverbände in beiden Ländern andererseits.

In dieser Weise verfolgt die Autorin auf weit über tausend Seiten die großen Etappen in den ökonomisch-sozialen Auseinandersetzungen während der ungefähr fünfundzwanzig Jahre vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis zu den dreißiger Jahren. Viele herausragende Ereignisse und Entwicklungen sind dabei oft schon so präzise und ausführlich herausgearbeitet, dass sie selbst wie Miniaturen dastehen könnten. Es ist hier natürlich unmöglich, sie im Einzelnen aufzuzählen, und es wäre wohl auch nicht sinnvoll, bestimmte Elemente der Darstellung herauszuheben. Dazu sind sie auch zu sehr gleichwertig behandelt. Der Informationsgehalt des Buchs beruht vor allem darauf, dass die Autorin dafür nicht nur sehr breit Forschungsliteratur - fast 75 Seiten umfasst deren Verzeichnis - ausgewertet, sondern dazu auch zahlreiche Archive aufgesucht hat - von staatlichen, Organisations- bis hin zu einzelnen Betriebsarchiven von zentraler Relevanz, wozu selbstredend noch entsprechende gedruckte Quellen von Zeitungen bis Verbandspublikationen oder Memoiren kommen. Nützlich sind auch zahlreiche statistische Angaben und Tabellen zu wichtigen Aspekten der Arbeitskämpfe und ihres ökonomischen Umfelds. Zum Abschluss geht sie noch einmal den nationalen Idiosynkrasien nach, den Bedingungen, die in Frankreich den Staat erst spät als Akteur haben in Erscheinung treten lassen, während in Deutschland der Staat zuerst als Obrigkeitsstaat handelte, was dann von Weimar demokratisch aufgenommen wurde. Zusätzlich verweist sie hierbei auf den Weg Großbritanniens, der in der sozialstaatlichen Entwicklung zwischen Frankreich und Deutschland anzusiedeln ist, vor allem aber eine stärker 'zivilgesellschaftliche' Komponente aufweist.

Was kann man nun daraus für Schlussfolgerungen ziehen entsprechend der von der Autorin skizzierten Ausgangslage, ausgedrückt im Rededuell zwischen den beiden sozialistischen Parteiführern von 1903? Insbesondere mit Blick auf die Frage nach der Krise der Demokratie in jenem Zeitraum und auf den Vergleich zwischen beiden Ländern? Letztlich hatte die Herausbildung sozialstaatlicher Strukturen viel mit der Stärke der jeweiligen Arbeiterbewegung zu tun, die sich jedoch, wie die Autorin klar macht, nicht einfach mechanisch vom Organisationsgrad ableiten lässt, sondern durch vielfältige, oftmals auch widersprüchliche ökonomische, soziale und vor allem politische Parameter bedingt war. Und zweifellos hatten die internationalen Bedingungen bestimmenden Einfluss auf die gesellschaftlichen und politischen Spielräume der Länder, was hier nur einen besonderen Stellenwert für den Weltkrieg und seine unmittelbaren Folgen hat. [2] Die Darstellung endet, zeitversetzt, für Deutschland im Jahre 1933, für Frankreich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Das waren Schlusspunkte für die demokratische Entwicklung und damit für den Ausbau des 'sozialstaatlichen Kompromisses', auf den sie immer wieder verweist. Schlusspunkte, die durch die unterschiedlichen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise ihre jeweilige Prägung erhielten.

Zweifellos ist die Fragestellung der Arbeit von den Entwicklungen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt und lässt diesen Kompromiss quasi als folgerichtig erscheinen, wenn auch nur durch Brüche und gelegentliche Rückschläge erreicht, der sich aber nach dem Zweiten Weltkrieg gleichsam durchsetzen musste. Die letzten Sätze der Autorin zu Entwicklungen nach 2008 lässt aber sicher die Frage zu, inwieweit dies nicht für die Zukunft offen ist (wobei sie auf die Diskussionen um Neoliberalismus und Globalisierung seit den 1980er Jahren gar nicht erst hingewiesen hat). Doch davon abgesehen, hat sie unzweifelhaft für die soziale Dimension in der Zwischenkriegszeit eine Studie vorgelegt, die die Dynamik der Krise in beiden Ländern exzellent beschreibt und durch die Gegenüberstellung einen Blick auf die jeweiligen nationalen Bedingungen wirft, ohne diese an einem normativen Modell zu messen, sondern sie aus den Traditionen der Länder herausarbeitet. Zugleich besticht die Studie durch den enzyklopädischen Umfang und die profunde Quellen- und Literaturverarbeitung.

Außerdem: Obwohl die Arbeiterbewegung keineswegs ihr ausschließlicher Gegenstand ist, sondern diese als ein Akteur neben Unternehmern und Staat auftritt, ist ihre Arbeit insofern auch für die Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung wichtig, als sie den Fokus von den politischen Auseinandersetzungen zwischen den Parteien weglenkt auf die Entwicklung in den Gewerkschaften und Betrieben vor allem unter Analyse der bedeutenden Streiks und somit zur Fundierung der Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung in deren sozialer Basis beiträgt.


Anmerkungen:

[1] Die politische Spaltung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten spielt hier zwar hinein, bleibt aber auf der ihr eigenen Ebene der Parteien ansonsten in dem Buch außen vor. Allerdings kam es in Frankreich zumindest im Jahre 1922 zur Bildung eines zweiten gewerkschaftlichen Dachverbandes, der CGTU (CGT Unitaire), der zwar nur eine Minderheit innerhalb der an sich schon kleinen Minderheit der organisierten Arbeiterschaft umfasste, aber in bestimmten Regionen und bei bestimmten Streiks über Einfluss verfügte, im Gegensatz zu der in den Betrieben allenfalls marginal präsenten Revolutionären Gewerkschaftsopposition der KPD in der Endphase der Weimarer Republik.

[2] Frankreich war z. B. - und stärker natürlich noch Großbritannien - eine Kolonialmacht mit weltweitem Anspruch und entsprechendem ökonomischen (Spiel-)Raum, Deutschland dagegen die gescheiterte Weltmacht.

Reiner Tosstorff