Rezension über:

Werner Paravicini (Hg.): La cour de Bourgogne et l'Europe. Le rayonnement et les limites d'un modèle culturel. Actes du colloque international tenu à Paris les 9, 10 et 11 octobre 2007 (= Beihefte der Francia; Bd. 73), Stuttgart: Thorbecke 2013, 796 S., 17 Farb-, 16 s/w-Abb., ISBN 978-3-7995-7464-8, EUR 88,00
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Rezension von:
Nils Bock
Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Nils Bock: Rezension von: Werner Paravicini (Hg.): La cour de Bourgogne et l'Europe. Le rayonnement et les limites d'un modèle culturel. Actes du colloque international tenu à Paris les 9, 10 et 11 octobre 2007, Stuttgart: Thorbecke 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 2 [15.02.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/02/22964.html


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Werner Paravicini (Hg.): La cour de Bourgogne et l'Europe

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Der Band ist gewissermaßen die Festschrift derer, die zum Ausscheiden von Werner Paravicini als Direktor des Deutschen Historischen Institut Paris im Oktober 2007 seinem Ruf gefolgt sind und am dreitägigen Burgund-Kolloquium im Hôtel Duret de Chevry teilgenommen haben. "Der burgundische Hof und Europa" oder "Ausstrahlung und die Grenzen eines Modells" sind die Themen, für die Paravicini in der deutschen Forschung wie kein Zweiter steht und die er im Vorwort klar umreißt. Es folgen 35 Artikel und acht rapports bzw. Berichte, verfasst von Spezialisten aus neun Ländern, die einen großen geografischen Raum abdecken. Um den Leser schon zu Beginn der Besprechung über das Gesamturteil nicht im Unklaren zu lassen: mit dem Band liegt ein Vademecum der Burgundforschung in europäischer Perspektive vor.

Wie kann man sich dem Band nähern? Eingeteilt ist er in drei größere Kapitel, die in zwei, drei bzw. vier Sektionen zerfallen. Jeder Sektion steht ein Bericht voran, der die Fragestellung des Abschnitts umreißt, einen Ausblick auf die folgenden Beiträge bietet und sie teilweise noch erweitert. Man könnte also mit den neun rapports oder Berichten von Jean Richard, Bertrand Schnerb, Jean-Marie Cauchies, Jacques Paviot, Anne-Marie Legaré, Philippe Contamine, Riccardo Fubini, Adeline Rucquoi und Heribert Müller beginnen. Mit rund 90 Seiten stellen die Berichte dieser ausgewiesenen Spezialisten der Materie in der Summe bereits einen ausgewachsenen Forschungsüberblick dar.

Wenn man sich den Kapiteln und Sektionen inhaltlich nähert, ergibt sich folgendes Bild. Bertrand Schnerb bietet mit seinem Artikel eine Einführung in die Archivlage zum État bourguignon, die Pierre Cockshaw (†) in Hinblick auf die finanziellen und epistolografischen Archivbestände spezifiziert und für die Sébastien Hamel Methoden und Vorgehensweisen aus dem Bereich der aktuellen Datenverarbeitung vorstellt. Die zweite Sektion des ersten Teils folgt der Frage, inwieweit die burgundischen Herzöge einer "Politik des Prestiges" verpflichtet waren. Zunächst sind hierfür große materielle Mittel notwendig, deren Beschaffung sich Jean-François Lassalmonie in europäischer Perspektive widmet. Jean Devaux führt in die in ihrem Genre dominierende und von den Herzögen geförderte historiografische Produktion ein. Die aufwendige Selbstinszenierung der Herzöge ging an Reisenden und Diplomaten nicht spurlos vorbei, wie Ludwig Vones aufzeigt, obgleich die aufwendig gestaltete Fassade des Hofs in der Berichterstattung nicht ohne Risse blieb.

Der folgende zweite Teil fragt nach der Existenz und den Charakteristika des "burgundischen Stils" in drei Sektionen und damit nach den politischen, sozialen und kulturellen Fundamenten oder Anleihen des burgundischen Staates im Singular (Bertrand Schnerb), dem zugleich und ohne einen Widerspruch zu formulieren eine Pluralität auf dem Gebiet der Herrschaftsansprüche innewohnt (Jean-Marie Cauchies). Dies geschieht zunächst entlang von Institutionen: Ulf Christian Ewert äußert sich zur Organisation des Hofes, Marc Boone zur Verwaltung, Franck Viltart zum Heer und Anne-Brigitte Spitzbarth zur Diplomatie.

In der zweiten Sektion beleuchten vier Artikel die Stellung des Adels und die Bedeutung der Ideale des Rittertums in Burgund. Der Orden vom Goldenen Vlies nimmt hier einen zentralen Platz ein, wie Gert Melville mit Blick auf Institutionalität und Symbolisierung verdeutlicht. Den dahinter stehenden Konzepten des "Adels" und "Rittertums" geht Klaus Oschema nach. Zwei spezifische Elemente der adlig-ritterlichen Kultur stellt Torsten Hiltmann mit den Turnieren und Herolden in ihrer organisatorischen Effizienz vor. Weniger unter institutionellen als relationalen Gesichtspunkten rückt Élodie Lecuppre-Desjardin die Stadt als sozialen Raum in den Vordergrund, indem sie die Stadt als Schmelztiegel sowohl der städtischen als auch der höfischen Kultur begreift.

Die dritte Sektion zum burgundischen Stil behandelt den Bereich der Kunst. Innovation oder Adaptation, Französisch oder Franko-Flämisch und höfisches oder städtisches Milieu sind die Pole, zwischen denen sich die Beiträge in der Bewertung der Untersuchungsgegenstände bewegen. Während Katherine Anne Wilson zu den Tapisserien und Ludovic Nys zu den burgundischen Grabmälern, die umfangreich in 15 schwarz-weißen Bildtafeln dokumentiert sind, den Schwerpunkt auf die Künstler legen, stärken die Beiträge von Hanno Wijsman zu den Handschriften und von David Fiala zur Musik am burgundischen Hof die Bedeutung von Auftraggebern und Aufbewahrungsorten als Kategorien der Analyse. Der im Vergleich kurze Artikel von Tania van Hemelryck kann mit der Idee einer in der Literatur repräsentierten "burgundischen Nation" nicht recht überzeugen.

Der dritte und letzte Teil des Sammelbandes setzt sich aus vier Sektionen zusammen, die den burgundischen Hof unter den Schlagwörtern "Präsenz, Transfer und Verbindungen" in Beziehung zu Europa setzen. Die erste Gruppe wird angeführt von einem Beitrag von Olivier Mattéoni zu den Höfen in Frankreich, deren Erforschung durch die Konzentration auf den Königshof und den im Vergleich zur burgundischen Überlieferung bescheideneren Archivbeständen anderer Herzogtümer der princes de sang geprägt ist. Die kontinuierliche Beeinflussung als Teil einer gemeinsamen europäischen Adelskultur unterstreicht Malcolm Vale in seinem Beitrag zur englischen Hofkultur. "Man kann nicht immer nur in Paris, Dijon, Beaune oder Chalon [sein]", so zitiert Graeme Small zu Beginn seines Artikels den Hinweis von Froissart an jene burgundischen Ritter, die Jean de Vienne auf seiner Expedition nach Schottland im Jahr 1385 begleiteten. Dort mussten sie zwar auf einiges verzichten, fanden durchaus aber auch Gemeinsamkeiten der europäischen Adelskultur vor.

Es folgen fünf Beiträge zur italienischen Halbinsel, der vielfältige Interessen französischer Könige und Fürsten aus dem Haus Valois (Anjou, Orléans, Burgund) galten und deren Staatenwelt sich parallel zu Burgund in politischen Wandlungsprozessen befand. Giorgio Chittolini vergleicht explizit die politischen Strukturen der Herrschaften Norditaliens mit den Städten in der Grafschaft Flandern. Gerade die Kontinuität urbaner Traditionen ist ein wesentliches Merkmal der institutionellen Genese der Herrschaften in Italien, wie Lorenzo Tanzini für Florenz zeigt. Demgegenüber steht die in westeuropäischer Perspektive relativ späte Ausbildung permanenter höfischer Strukturen, die erst zum Ende des 15. Jahrhunderts fassbar werden, wie Guido Guerzoni für die Este in Ferrara und Isabelle Lazzarini für die Gonzaga in Mantua zeigen. Das Bild, das Gennaro Toscano vom Humanismus und der Bildkunst im Königreich Neapel unter Alfons V. und seinem Sohn Ferrante zeichnet, wird von nicht weniger als 16 Farbtafeln begleitet.

Heirat, Verwandtschaft und Reisen sind wichtige Faktoren des kulturellen Austauschs und stehen im Zentrum der Artikel zu den drei Königreichen Kastilien, Portugal und Navarra. Zur Qualifizierung der beobachtbaren Phänomene am Hof der Trastámara greift Álvaro Fernández de Córdova Miralles auf die Begriffe "syntonie culturelle" und "impact culturel" zurück, während Rita Costa Gomes den Begriff der Neuigkeiten nutzt, um jene Elemente zu beschreiben, die in Portugal unter der Dynastie der Avis im 15. Jahrhundert zu beobachten waren und als Anzeichen der internationalen Integration Portugals gewertet werden können. Andersherum scheint das Interesse portugiesischer Adliger für Finanz- und Handelsgeschäfte nicht auf andere europäische Adlige übergegangen zu sein. Dem Handlungsspielraum einer fremden Prinzessin nähert sich detailliert María Narbona Cárceles am Beispiel der mütterlicherseits von Johann Ohnefurcht abstammenden Prinzessin Agnes von Kleve, die mit Karl III. von Navarra verheiratet wurde.

Die letzte Sektion des dritten Teils bilden Studien zum römisch-deutschen Reich, zum habsburgischen Spanien und zu Polen, die unter den Schlagwörtern "Imitation, Erfindung einer Tradition und Ablehnung" stehen. Anziehungskraft und Ablehnung können laut Claudius Sieber-Lehmann für das Reich beobachtet werden. Wo man Philipp dem Guten teilweise noch mit Indifferenz begegnete, rief das Vorgehen Karls des Kühnen größere Reaktionen hervor. Zwischen Reichskrieg und den burgundischen magnificences hin- und hergerissen fanden sich auch einige Mitglieder der Eidgenossenschaft, wie Urs Martin Zahnd an den komplexen Beziehungen zwischen den Eidgenossen und dem burgundischen Hof zeigen kann. Der Beitrag von Heinz Noflatscher zur Periode von Maximilian I. bis zu Karl V. zeigt, dass die mit der Kaiserwürde versehenen Habsburger und deren Höfe die burgundische Hofkultur und die Erinnerung an die früheren Herzöge symbolisch weiter aufluden. Darüber hinaus erinnert José Martínez Millán daran, dass sich das Organisationsmodell des burgundischen Haushaltes in Konkurrenz zu kastilischen und aragonischen Formen ab Philipp II. zur Führung des königlichen Haushalts in Spanien durchsetzte. Wie sich dieses kulturelle Dreieck Burgund-Österreich-Spanien in der langen Perspektive vom Ende des 14. Jahrhunderts bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts auf das Zeremoniell, die Etikette und Residenzkultur der polnischen Könige ausgewirkte, untersucht abschließend Ryszard Skowron.

Abgeschlossen wird der Band durch eine klar auf Spezifika Burgunds hin ausgerichtete Zusammenfassung von Wim Blockmans unter dem Titel "Ein Hof, 17 Herrschaften", der auf die Singularität des Hofes, die Pluralität des Herrschaftsgebildes und die Magnifizenz in der Außendarstellung verweist. Die Performanz dieses Ensembles wurde von adlig-höfischen Kulturtraditionen gestützt, deren Bindungskraft mit der Reformation nachließ und missverständlich wurde.

Burgund fasziniert weiterhin sowohl ein breites Publikum, was die hohen Besucherzahlen der Ausstellung "Karl der Kühne" in Bern und Brügge 2008/09 gezeigt haben, als auch die Forschung. Die Magnifizenz Burgunds erschließt sich aber nur in den sich gegenseitig beeinflussenden divergierenden kulturellen Formationen Europas. Dank der großen Bandbreite der Artikel können nun für eine Reihe von Elementen die politischen, sozialen und kulturellen Wandlungs- und Austauschprozesse des 14. und 15. Jahrhunderts nachvollzogen werden: Stellung des Adels, Stadt und Land, Ausbildung höfischer Strukturen, Ausbildung zentraler Verwaltungsorgane, insbesondere die Finanzverwaltung, Schrift- und Kanzleipraxis, diplomatische Beziehungen, verwandtschaftliche Beziehungen, kulturelle Formen. In dieser Beziehung eröffnet der Sammelband europäische Perspektiven, die es weiterzuverfolgen gilt.

Nils Bock