Rezension über:

Jan Hirschbiegel / Werner Paravicini (Hgg.): Der Fall des Günstlings. Hofparteien in Europa vom 13. bis zum 17. Jahrhundert. 8. Symposium der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (= Residenzenforschung; Bd. 17), Stuttgart: Thorbecke 2004, 531 S., ISBN 978-3-7995-4517-4, EUR 74,00
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Rezension von:
Michael Kaiser
Historisches Seminar, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Christine Roll
Empfohlene Zitierweise:
Michael Kaiser: Rezension von: Jan Hirschbiegel / Werner Paravicini (Hgg.): Der Fall des Günstlings. Hofparteien in Europa vom 13. bis zum 17. Jahrhundert. 8. Symposium der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Stuttgart: Thorbecke 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 3 [15.03.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/03/6946.html


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Jan Hirschbiegel / Werner Paravicini (Hgg.): Der Fall des Günstlings

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Zu den Themen, die seit einigen Jahren Konjunktur haben, zählt das Phänomen des Favoriten. Der Reiz der Beschäftigung mit herrscherlicher Gunst, die einigen am Hofe zuteil wurde und sie damit in eine privilegierte Position versetzte, liegt nicht zuletzt darin, dass in ganz verschiedenen Forschungskontexten ein Zugang zum Günstling zu finden ist. Angesichts des sozialen Hintergrunds vieler Favoriten lassen sich Untersuchungen zu ihnen vielfach im Umkreis der nach wie vor intensiv betriebenen Adelsforschung ansiedeln. Konkreter noch sind die Anknüpfungen zur Hofforschung, des Ortes und vor allem der sozialen Konfiguration, in der der Favorit überhaupt erst zur Geltung kam. Da Günstlinge immer auch ein " Produkt" ihres Herrschers sind, verweist ihre Erforschung auch auf die Fragen nach der jeweiligen Organisation von Macht und Herrschaft, die das Aufkommen von Favoriten oder eben ihr Verschwinden begünstigt hat. Doch so schillernd wie der Lebensweg vieler Favoriten sich gestaltete, forderte ihr Schicksal immer wieder eher Biographien als strukturelle Analysen heraus, so dass ganz überwiegend einzelne Vertreter dieses historisches Typs in den Mittelpunkt der Forschung rücken. Neben diversen Einzelstudien sind es in den vergangenen Jahren zwei Sammelbände gewesen, die jeweils eine Reihe von Fallbeispielen zusammengebracht und grundsätzliche Überlegungen beigesteuert haben. [1]

Nun liegt ein dritter Band dieser Art vor, der die überarbeiteten Referate des Symposiums der Residenzenkommission im September 2002 in Neuburg an der Donau sowie einige zusätzlich eingeworbene Beiträge präsentiert. Mit 25 Einzelaufsätzen ist es ein überaus stattliches Werk geworden. Der Titel mag suggerieren, dass sich der Band dem Fall des Favoriten im Sinne des Favoritensturzes, also des Gunstverlustes, widmet. Doch deckt dieser Aspekt nur einen Teil des Erkenntnisinteresses ab. Eine zusätzliche und wichtige Erweiterung erfährt die Thematik, indem, wie schon der Untertitel zu erkennen gibt, der Günstling nicht nur als Repräsentant von Hofparteien gesehen wird, sondern überhaupt ganze Günstlingsgruppierungen und favorisierte Faktionen am Hof als gleichrangiges Phänomen neben den einzelnen Günstling gestellt werden. Als Berichtszeitraum schreitet der Band das 14. bis 17. Jahrhundert ab. Auch ohne das 13., das im Titel genannt, aber nicht wirklich repräsentiert ist, und ohne das 18. Jahrhundert, das für die Thematik durchaus noch relevant hätte sein können, ist dies eine sehr weite, geradezu alteuropäische Spanne. Ähnlich weit gefasst ist das Tableau der Beispiele für den Fall des Günstlings. Einen Schwerpunkt bilden die Höfe der Habsburger und die der französischen Herrscher, neben den burgundischen Fällen findet man eine Reihe von Günstlingen aus den Territorien des Alten Reiches, schließlich vereinzelte Exempel aus dem kastilischen, englischen, schwedischen Bereich sowie von norditalienischen Höfen; ja es wird sogar ein Blick auf die osmanische Szenerie geworfen.

Inhaltlich sortieren sich die Beiträge in vier Gruppen. Einer ersten Sektion geht es vor allem um den "Begriff von der Sache", sie stellt also definitorische Lösungen zum Günstling vor. Die zweite Gruppe thematisiert Hofgruppen, die dritte und größte stellt Einzelfälle vor, während am Ende unter dem Titel "Illegitime, Bilder, Künstler" die Sonderfälle versammelt werden. Den Rahmen bilden ein einführender Beitrag von Werner Paravicini zu Beginn und Schlussbetrachtungen von Ronald G. Asch. Angesichts der Fülle all dieser Beiträge können hier nicht alle eigens erwähnt werden. Wenn nur einige wenige vorgestellt werden, folgt diese Auswahl zwar den subjektiven Kriterien und Interessen des Rezensenten. Gleichzeitig sollen aber einige allgemeine Beobachtungen damit verbunden werden.

Die Studie von Heinz Noflatscher über Kleingruppen am Hof Rudolfs II. ist angesichts der immer noch unbefriedigenden Forschungssituation für diesen Habsburger an sich bereits höchst willkommen. Dabei lassen sich auch für seine Regierungszeit Strukturen und Muster in der Wahl der kaiserlichen Mitarbeiter und ihrer Karriere erkennen, ohne dass Kaiser Rudolf damit gleich ein rationalisierter Regierungsstil attestiert würde. Immerhin zeigt dieser Beitrag vielleicht am anschaulichsten, wie sinnvoll es ist, nicht nur den einzelnen Günstling zu sehen, sondern ihn gleich in den Kontext einer ganzen Günstlingsgruppe zu stellen.

Ein historiographisch ungleich besser erschlossenes Feld betritt Leonhard Horowski, der die Günstlingsproblematik im Übergang zur Selbstregierung Ludwigs XIV. untersucht. Wichtig ist der Beitrag insofern, als er das höchst komplexe Verhältnis zwischen Favoritenstatus und Amtsinhabe zu bestimmen versucht und damit strukturellen Bedingungen für den Favoriten auf die Spur zu kommen versucht. Konkret kann Horowski zeigen, dass das Günstlingssystem unter dem König Ludwig XIV. nicht verschwand, sondern sich lediglich wandelte und dann in einer festen Form gerann, in der es praktisch bis zum Ende des Ancien Régime bewahrt werden sollte.

Sebastian Olden-Jørgensen präsentiert den einzigartigen Fall, dass ein Herrscher seinen Favoriten vor dessen Gunstentzug und Fall warnt. Der Autor bietet dieses in seiner Art exzeptionelle Dokument, in dem sich der dänische König Christian V. an seinen Großkanzler wandte, in deutscher Übersetzung, allein die Aufarbeitung des Beispiels selbst ist etwas zu knapp geraten. Hier aber wie auch bei Heiko Droste, der eine Abhandlungen zum Favoritenproblem in Schweden zur Mitte des 17. Jahrhunderts vorstellt, wird der zeitgenössische Diskurs fassbar und damit überhaupt das Bewusstsein der Beteiligten für die Problematik selbst.

Schließlich sei der materialreiche Beitrag von Ellen Widder zum Themenkreis der Konkubinen und Bastarde angesprochen. Inwieweit diesen Personen ein Günstlingsstatus zukam, bleibt im einzelnen Ergebnis schwierig zu entscheiden; die Beispiele sind aber durchaus erhellend für - in dem Fall spätmittelalterliche - Wahrnehmungen von Gunst im Kontext von Legitimitätsfragen und erweisen einmal mehr, wie fruchtbar es ist, Normen im Widerschein von Devianzphänomenen zu betrachten.

Vielen Aufsätzen ist jedoch eine gewisse Unentschiedenheit anzumerken, ob der jeweils verhandelte Fall denn nun als Beispiel für einen Günstling gelten kann oder nicht. Letztlich ist dies die Konsequenz der nicht wirklich ausgetragenen Kontroverse um die Definition des Günstlings, wobei die zwei diametralen Ansätze in den beiden Rahmenbeiträgen von Paravicini und Asch am deutlichsten zum Ausdruck kommen. Gerade die Frühneuzeitforschung hat sich um die Typologisierung des Günstlings resp. Favoriten bemüht und ihn als Phänomen des 16. und 17. Jahrhunderts definiert, ja ihn teilweise bis ins 18. Jahrhundert hinein eine Rolle spielen lassen. Doch an dieser Stelle erhebt Paravicini Einspruch, verweist darauf, dass das Phänomen eines "secundus a rege" "uralt" sei und reklamiert den Favoriten zumindest auch für die Zeiten des (Spät-)Mittelalters (15 f.), zumal eine entsprechende Begrifflichkeit bis weit vor die Frühe Neuzeit zurückreicht. Das vielleicht wichtigste Gegenargument ist letztlich strukturgeschichtlich angelegt und schlägt einen Bogen vom Thema des Favoriten zur Entwicklung und Verfestigung des Verwaltungsapparats. Dieser sei erst ab dem 16. Jahrhundert so weit entwickelt gewesen, dass ein Favorit nunmehr phänomenologisch immer deutlicher von der sich stets weiter entwickelnden Bürokratie abstach (vgl. Asch 529 f.). Damit wäre zwar noch lange keine verlässliche Typologie für den Günstling-Favoriten kreiert (von einer Nomenklatur einmal ganz abgesehen). Aber gerade mit der zeitgenössischen Perzeption wäre ein wichtiges Kriterium der historischen Bewertung zumindest für frühneuzeitliche Verhältnisse wiedergewonnen und damit auch ein archimedischer Punkt, um analoge Phänomene anderer Epochen einordnen zu können.

Die Beiträge bewegen sich durchweg auf einem hohen Niveau, der Ertrag des Sammelbandes insgesamt fällt also unbestritten groß aus. Und doch gibt es über die Summe aller Einzelergebnisse hinaus kein Resümee, das quasi als Schlussstein der Günstlingsdebatte gelten könnte. Dafür sind zu viele, zumal zu viele definitorische Fragen offen geblieben. Unübersehbar aber bietet der Band ein breites Spektrum an markanten Fallbeispielen und daraus resultierenden wichtigen Befunden. Er bereitet damit den Weg für den Fortgang einer offenbar noch langwierigen Diskussion um das Wesen des Günstlings.


Anmerkung:

[1] John H. Elliott / Laurence W.B. Brockliss (Hg.): The World of the Favourite, New Haven/London 1999; Michael Kaiser / Andreas Pečar (Hg.): Der zweite Mann im Staat. Oberste Amtsträger und Favoriten im Umkreis der Reichsfürsten im 17. und 18. Jahrhundert (Zeitschrift für historische Forschung; Beiheft 32), Berlin 2003.

Michael Kaiser