Rezension über:

Jean-Marie Cauchies: Mémoires conflictuelles et mythes concurrents dans les pays bourguignons (ca 1380-1580). Rencontres de Luxembourg (22 au 25 septembre 2011), Turnhout: Brepols Publishers NV 2012, XXIII + 297 S., ISBN 978-2-503-54364-2, EUR 60,00
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Rezension von:
Nils Bock
Deutsches Historisches Institut, Paris
Redaktionelle Betreuung:
Jessika Nowak
Empfohlene Zitierweise:
Nils Bock: Rezension von: Jean-Marie Cauchies: Mémoires conflictuelles et mythes concurrents dans les pays bourguignons (ca 1380-1580). Rencontres de Luxembourg (22 au 25 septembre 2011), Turnhout: Brepols Publishers NV 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 6 [15.06.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/06/22566.html


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Jean-Marie Cauchies: Mémoires conflictuelles et mythes concurrents dans les pays bourguignons (ca 1380-1580)

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Das Centre européen d'études bourguignonnes (14.-16. Jahrhundert) (im Folgenden CEEB) stellt mit seinen jährlichen Publikationen seit mehr als fünfzig Jahren eine feste Größe im Neuerscheinungskalender dar. Jedes Jahr werden zu einem anderen Feld Beiträge publiziert, die sehr unterschiedliche Themen des Forschungsraumes abdecken und aus diversen Bereichen der internationalen Forschungslandschaft stammen. Dazu trägt auch die internationale und plurilinguale Anlage des CEEB bei, welche die hohe Attraktivität der Tagungen ausmacht. Bei der Bewertung der Veröffentlichungen des CEEB muss berücksichtigt werden, dass es sich nicht um einen Sammelband im herkömmlichen Sinn handelt, sondern um die Publikation der auf der Jahreskonferenz vorgestellten, eigenständigen Beiträge. Nicht die Besetzung eines Themenfeldes auf Jahre hinweg ist das Ziel, sondern die Vorstellung dessen, was in der internationalen Forschung unternommen oder entstehen wird. Dementsprechend gibt es keine Zusammenfassung der Beiträge.

Das Thema der von Pit Péporté in Zusammenarbeit mit dem Generalsekretär des CEEB, Jean-Marie Cauchies, organisierten Tagung steht in enger Beziehung zu einem der Forschungsschwerpunkte der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luxemburg, der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung. Namhafter Vertreter dieser Forschergruppe ist Michel Margue, der in seiner Einleitung pointiert die Ergebnisse der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung der letzten Jahrzehnte zusammenfasst und das Feld für die folgenden Beiträge durch die Darstellung wesentlicher Charakteristika des Prozesses der Memorial- und Identitätskonstruktion absteckt.

Die 17 folgenden Beiträge von 24 Referentinnen und Referenten folgen größtenteils in ihrer Zusammenstellung der Reihenfolge des Tagungsprogramms. Dem Titel des Sammelbandes "Mémoires conflictuelles et mythes concurrents dans les pays bourguignons" entsprechend, haben die Organisatoren den Akzent auf die Pluralität der aus Konflikten entstandenen oder Konflikte betreffenden Gedächtnistraditionen gelegt, die innerhalb des burgundischen Herrschaftsverbandes oder mit ihm in Kontakt stehenden Herrschaftsgebieten existieren. Vor diesem Hintergrund gewinnen in der Bewertung der Fallbeispiele die Interaktionen zwischen adligen sowie bürgerlichen Akteuren auf der einen Seite und den burgundischen Herrschaftsträgern auf der anderen Seite an Gewicht, die einen aufschlussreichen Zugang zu den Prozessen der Konstruktion sowie der Herrschaftsverdichtung und -konsolidierung des burgundischen Staates bieten.

Zu den Interaktionsformen, die eine lange Forschungstradition besitzen, gehören Ständeversammlungen und Herrschereinzüge. Hier schreiben sich die Beiträge von Graeme Small und Jan Dumolyn zu den niederländischen Ständeversammlungen und von Andrew Brown zum Einzug Friedrichs III. und Maximilians I. in Brügge im Jahr 1486 in die neuere kulturwissenschaftliche Perspektive ein. Einen Einblick in das enge Geflecht von Erinnerungsgemeinschaften in unterschiedlichen Bedeutungszusammenhängen und sozialer Komposition in den burgundischen Landen gewähren die folgenden Beiträge. Mario Damen und Robert Stein bieten mit ihrer Studie über das Karthäuserkloster Scheut in Brabant ein Fallbeispiel im Spannungsfeld zwischen kollektivem Gedächtnis und persönlicher memoria, kam doch das Kloster, infolge des Gedenkens an die Schlacht von Scheut (1356), nicht nur in den Genuss urbaner sondern auch fürstlicher Patronage. Die Kontinuität und Diskontinuität von Moden, Bräuchen und festlichen wie zeremoniellen Praktiken zwischen Burgund und der Casa de Austria als Ausdrucksformen eines gemeinsamen kulturellen Gedächtnisses stellt Juan Luis González García vor. Bertrand Haquette macht am Beispiel des aus dem Artois stammenden Pierre V. de La Viesville auf die publizistische Instrumentalisierung einer persona non grata am burgundischen Hof Philipps des Guten aufmerksam. Vergleichbar ist, obwohl es ein anderes Feld betrifft, das Beispiel des von Violet Soen bearbeiteten Konflikts zwischen Karl dem Kühnen und Antoine de Croÿ. Dieser reiht sich in eine Serie von "politischen Prozessen" unter Karl dem Kühnen ein, die, so die Autorin, nicht auf das Bild der harten fürstlichen Richterhand reduziert werden könne, sondern durch die ausgestreckte Hand des Verhandelns ergänzt werden müsse. Als fortlaufendes Gedächtnis, das den Zeitgenossen als Referenz gedient hat, stellt Sonja Dünnebeil die Protokollbücher des Ordens vom Goldenen Vlies vor, die von der Forschung auch zur Dekonstruktion historiographischer Mythen um den Orden genutzt werden können.

Weniger überzeugend sind die Aufsätze von Lia B. Ross über die Aufführungen der Taten des Herkules bei den Hochzeitsfeierlichkeiten Karls des Kühnen mit Margerite von York im Jahr 1468 in Brügge und von Harry Schnitker über die Vita der Hl. Coletta von Corbie des Pierre de Vaux. Trotz ihrer klaren Darstellungsweise beschränken sich die beiden Autoren auf die Analyse von Inhalten, ohne einer möglichen Interaktion zwischen Auftraggeber, Medium und Öffentlichkeit nachzugehen.

Die nachfolgenden Beiträge nehmen stärker auf das zweite Themenfeld der Tagung Bezug und untersuchen einerseits chronikalisch-genealogische und andererseits historiographische Mythen. Ein Verdienst der Aufsätze ist es, dass sie die Konstruktion und den Gebrauch von Mythen nicht alleine unter dem Geschichtspunkt der Legitimation, sondern vor allem von ihrer zeitgenössischen Funktionalität her betrachten. Zwei methodisch mögliche Vorgehensweisen zur Untersuchung ähnlicher Quellen bieten zum einen Jean-Christophe Blanchard, der sich mit dem Konzept des "Imaginaire" den dynastischen Konstruktionen unter dem lothringischen Herzog Anton II. nähert, und zum anderen Tobias Tanneberger, der am Beispiel der Genealogia principum Tungro-Brabantinorum die methodischen Überlegungen des neuen Dresdner Sonderforschungsbereichs "Transzendenz und Gemeinsinn" präsentiert. Auf die reiche flandrische Geschichtsschreibung des 16. Jahrhunderts ist die Projektvorstellung von Frederik Buylaert, Jelle Haemers, Tjamke Snijders und Stijn Villerius ausgerichtet.

Mit Mythenbildung, Idealisierung und Rezeptionsgeschichte in modernen Kontexten beschäftigen sich die letzten Beiträge von Antoine Leduc und Nicolas Baptiste am Beispiel der sogenannten Burgunderbeute; Eric Bousmar wendet sich dem Historiographiekonstrukt des sogenannten "Siècle de Bourgogne" zu, Gilles Docquier widmet sich dem Beispiel Brügges und der Bedeutung des Ordens vom Goldenen Vlies für die Identitätskonstruktion der Stadt, Jean-Paul Hoyois betrachtet die umstrittenen Erinnerungen an Maria von Ungarn und Margarete von Österreich in der belgischen Historiographie, und Monique Weis sowie Jean Houssiau schließen den Band mit einem Beitrag zur Oper Pacification de Gand (1876) als musikalischer Form eines lieu de mémoire Flanderns.

Zum Schluss sei erneut auf den spezifischen Aufbau der Reihe verwiesen, die dem Wunsch nach einer stärkeren thematischen Konzeptionalisierung und nach einer Zusammenfassung der Ergebnisse entgegengestellt werden muss. Zugleich kann der sich als Vorstellung von Vorhaben und Einzelergebnissen darstellende offenere Aufbau des Bandes vielleicht gerade weil das Thema weniger "neu" ist, viel Raum für erweiterte Perspektiven und eine breite Rezeption bieten. Die namhaften Vertreter sind hier vereint, zu denen Élodie Lecuppre-Desjardins hinzugefügt werden muss [1]; die internationale Forschung findet für den burgundischen Raum hier ihre Referenten.


Anmerkung:

[1] Zuletzt Élodie Desjardin-Lecuppre: La ville: creuset des cultures urbaine et princière dans les anciens Pays-Bas bourguignons, in: Werner Paravicini (éd.): La cour de Bourgogne et l'Europe. Le rayonnement et les limites d'un modèle culturel, Ostfildern 2013, 289-304.

Nils Bock