Rezension über:

Christian Koot: Empire at the Periphery. British Colonists, Anglo-Dutch Trade, and the Development of the British Atlantic, New York: New York University Press 2011, XV + 293 S., ISBN 978-0-8147-4883-1, USD 39,00
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Rezension von:
Claudia Schnurmann
Historisches Seminar, Universit├Ąt Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Susanne Lachenicht
Empfohlene Zitierweise:
Claudia Schnurmann: Rezension von: Christian Koot: Empire at the Periphery. British Colonists, Anglo-Dutch Trade, and the Development of the British Atlantic, New York: New York University Press 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 7/8 [15.07.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/07/21163.html


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Forum:
Diese Rezension ist Teil des Forums "Atlantische Geschichte" in Ausgabe 13 (2013), Nr. 7/8

Christian Koot: Empire at the Periphery

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Das Ziel des Autors dieser Studie besteht darin, die Forschung zu den Wechselwirkungen zwischen niederländisch-englischen Handel, dem wirtschaftlichen Gebaren englischer Kolonisten im amerikanischen Raum und englischer Politik zwischen 1621 und 1713 zu befruchten. Er versucht dies, indem er in chronologischer Abfolge drei Phasen englisch-niederländischer Kommerzkontakte beschreibt: BEGINNINGS 1620-1659 (17-83), ACHIEVING STABILITY 1660-1689 (87-178) und MATURITY 1689-1713 (181-213). Er erläutert weder die Wahl der Zäsuren noch den Bezugsrahmen der Leitbegriffe.

Trotz allem Eifer und spürbarer Begeisterung des Autors für sein Arbeitsfeld erreicht er das hohe Ziel nicht. Er behauptet zwar, er betrachte sein Forschungssujet auf neue Weise und spricht der Forschung die Fähigkeit ab, bislang erbrachte Mikrostudien "into a larger understanding of the economic development of the British Atlantic" (4) einzugliedern. Tatsächlich jedoch scheitert der Autor an fehlender Sprachexpertise; dies erlaubt ihm nicht, über den Tellerrand US-amerikanischer Forschung hinauszuschauen und zu erkennen, dass Historiker außerhalb der angelsächsischen Historiographie längst neue Konzepte anstelle des veralteten Konzepts eines Britischen Atlantiks benutzen; kurz: er kennt die einschlägige kontinentaleuropäische Forschung nicht. Mit der Konzentration auf die angelsächsische Forschung, die sich primär auf englischsprachige Quellen imperialer Herkunft bezieht, begibt er sich statt dessen in einen hermeneutischen Zirkel, in dem zwangsläufig der Existenz eines Britischen Atlantiks das Wort geredet werden muss. So erwähnt er weder die entsprechenden Arbeiten von Hermann Wellenreuther, noch die von Jaap Jacobs. Er nennt zwar einmal den Titel der Habilitationsschrift 'Atlantische Welten' der Rezensentin, die 1998 veröffentlicht wurde, doch seine weiteren Ausführungen zeigen deutlich, dass er weder diese Arbeit noch andere nichtenglische einschlägige Arbeiten gelesen hat. Ohne die vielfältigen Informationen zu Personen, Handelsaktivitäten, Netzwerken, unterschiedlichen englisch-mutterländischen, kolonialenglischen, niederländischen und kolonialniederländischen Interessen in den Bereichen Politik, Handel und Wirtschaft zu kennen kommt er zu Einsichten, die deutlich zeigen, dass er die Thesen der neueren kontinentaleuropäischen Forschung gründlich missverstanden hat. Wichtige Akteure supranationaler atlantischer Netzwerke wie Augustin Hermans, Georg Hack, Jacob Leisler, Cornelius Jacobs Moy oder Luis Dias werden in ihrer Bedeutung nicht verstanden. Lediglich im Bereich der Leeward Islands liefert der Autor einige interessante Beobachtungen. Ansonsten kommt die knappe Studie als unstrukturierte Kompilation von Aussagen der US-amerikanischen Forschungsliteratur und von Zitaten aus überwiegend edierten, in die englische Sprache übersetzten niederländischen Quellen daher. Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden; doch wie man eine wissenschaftlich anspruchsvolle Studie zum niederländischen Atlantikhandel und supranationalen Netzwerken im 17. und 18. Jahrhundert produzieren möchte, ohne die dazu zwingend erforderlichen Archivalien im Gemeentearchief Amsterdam oder im Nationaal Archief Den Haag im Original zu konsultieren, erstaunt. Ebenso unverständlich ist, wie man über den niederländisch-englischen Atlantikhandel schreiben kann, ohne die besonderen Beziehungen von Bewohnern, Kaufleuten, Pflanzern und Kapitänen zwischen Surinam und Barbados oder zwischen Nieuw Nederland, Virginia und Maryland zu kennen. Der Autor versucht es trotzdem. Die vielfältigen Interessen der Westindischen Compagnie, der führenden Provinzen der Niederlande, Seeland und Holland, der urbanen Zentren Amsterdam und Rotterdam oder der Obrigkeiten werden nicht beachtet - dazu hätte man die Quellen im Nationaal Archief in Den Haag nutzen müssen. Die Generalstaaten in Amsterdam zu lokalisieren (75) schließlich erschreckt ob der Tiefe der Unwissenheit.

Der Autor erfindet mit viel Aplomb das Rad neu, versteht nicht wirklich das Konzept der atlantischen Geschichte, sondern verkleidet traditionelle Imperial History mit modischen Schlagwörter wie dem Britischen Atlantik, den es allen Vorurteilen und Mythen zum Trotz weder 1621, noch 1713 oder 1776 gegeben hat. Die Studie entwickelt Erkenntnisziele, die schon längst von kontinentaleuropäischen Historikern erbracht wurden. Sie liefert keine verlässliche Makroanalyse, verzichtet auf Kontexte und bleibt im ungeordnet positivistisch Narrativen stecken. Schade um das schöne Titelblatt!

Claudia Schnurmann