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Susanne Lachenicht: Atlantische Geschichte. Einführung, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 7/8 [15.07.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/07/forum/atlantische-geschichte-169/

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Atlantische Geschichte

Einführung

Von Susanne Lachenicht

Nach FOREN im Januar (http://www.sehepunkte.de/2012/01/forum/atlantische-geschichte-150/) und November 2012 (http://www.sehepunkte.de/2012/11/forum/atlantische-geschichte-159/) stellen wir in dieser Juliausgabe der sehepunkte zum dritten Mal Arbeiten aus dem Forschungsfeld Atlantische Geschichte vor.

Die Atlantic Studies gehen davon aus, dass in der Phase zwischen 1400 und ca. 1830 durch "Entdeckungen", Eroberungen, (Zwangs-)Migrationen (Stichwort Black Atlantic), Handelsaktivitäten, Wissenstransfer und den Ausbau imperialer bzw. kolonialer Strukturen eine Verdichtung von historischen Transformationen zu beobachten ist, die die These der Herausbildung einer Atlantischen Welt rechtfertigen. Damit steht die Atlantische Geschichte zwischen den Area Studies und der Global History. Zunehmend stellt sich die Frage, inwieweit andere Regionen der Welt bzw. Räume der Intensivierung von Kulturkontakten, Kommunikation und Transfer wie beispielsweise der Indische Ozean oder Zentraleuropa auch (aber nicht nur) in Kommunikation mit der so genannten Atlantischen Welt standen bzw. welche "Hinterländer" durch Migrationen, Handel, den Austausch von Ideen mit dem Atlantik (aber eben nicht nur mir diesem) verbunden waren. Ebenso muss sich die Atlantische Geschichte auch mit Fragen von entangledness sowie der Interimperial History beschäftigen: Inwieweit standen beispielsweise Imperien dies- und jenseits des Atlantik, wie das spanische, portugiesische, britische, russische, österreichisch-habsburgische, nicht nur in Konkurrenz zueinander, sondern kopierten imperiale Strategien? Welche Kontinuitäten, aber auch welche Brüche sind für die Imperien der Frühen Neuzeit bzw. der so genannten Moderne zu verzeichnen?

Der von Hermann Wellenreuther (Göttingen) besprochene Band, hrsg. von Elizabeth Mancke und John G. Reid, Britain's Oceanic Empire. Atlantic and Indian Ocean Worlds, c. 1550 - 1850, fragt nach den Unterschieden und Parallelen im ersten Britischen Empire, das nicht nur Teile der Karibik und Nordamerikas, sondern auch des indischen Subkontinents umfasste. Wie einheitlich gestaltete sich imperiale Politik im Fall Großbritanniens, wie kommunizierten Metropole und Peripherie bzw. sind letztere Begriffe überhaupt brauchbar?

Dass Handel im atlantischen Raum sehr viel mehr, als dies die ältere Forschung angenommen hatte, jenseits bzw. in Umgehung imperialer Strukturen erfolgte und erfolgreich war, hat Claudia Schnurmann bereits in ihrer 1998 erschienenen Studie Atlantische Welten. Engländer und Niederländer im amerikanisch-atlantischen Raum 1648-1713 eindrücklich gezeigt. Christian J. Koots Empire at the Periphery. British Colonists, Anglo-Dutch Trade, and the Development of the British Atlantic, 1621-1713 befasst sich aus nordamerikanischer Perspektive mit diesem Thema.

Atlantische Geschichte braucht Interdisziplinarität, um sich ihrem Forschungsgegenstand angemessen widmen zu können. Dies zeigt einmal mehr Eve Tavor Bannets Transatlantic Stories and the History of Reading, 1720-1810: Migrant Fictions (rezensiert von Mark Häberlein, Bamberg). Hier geht es um ein Textkorpus, das die atlantischen Erfahrungen von Händlern, Seeleuten, Soldaten, Siedlern, Kontraktarbeitern, Sträflingen oder Sklaven zu erfassen sucht. Es geht um "faktenbasierte", aber dennoch fiktionale Texte, die vor allem in Europa, aber auch in Amerika eine wichtige Funktion für die Vermittlung atlantischer Erfahrungen hatten. Präsentiert werden neben bekannten Texten wie Daniel Defoes Robinson Crusoe oder dem Slave Narrative eines Olaudah Equiano auch dem heutigen Leser vielleicht weniger bekannte Werke wie etwa Penelope Aubins Charlotta Dupont (1723), ihre Verleger, ihre Verbreitung und ihre Rezeption.

Der Frage der Rezeption, Umdeutung und Wirkung des Wissens über die "Neue Welt" widmet sich auch Rainald Becker in Nordamerika aus süddeutscher Perspektive. Die Neue Welt in der gelehrten Kommunikation des 18. Jahrhunderts. Die im Forum von Mark Häberlein (Bamberg) besprochene Habilitationsschrift fragt nach den Akteuren und Inhalten von Wissenstransfer und -umdeutung im Süddeutschland, aber auch nach deren Funktionen für die Selbstverortung süddeutscher Gelehrter in der Frühen Neuzeit.

Um die Aneignung und Umdeutung von Artefakten aus kolonialen Welten geht es in dem von Frank Kelderman (University of Michigan at Ann Arbor) besprochenen Band Collecting Across Cultures: Material Exchanges in the Early Modern Atlantic World, der von Daniela Bleichmar und Peter C. Mancall herausgegeben wurde. Artefakte und ihre Interpretation durch Missionare, Seefahrer, Gelehrte und Kolonialherren sind ein wichtiges Forschungsfeld. Studien zum globalen Austausch von Gegenständen und ihre Akkulturation bzw. Transkulturation zeigen, wie Wissen durch Kulturkontakt und den Austausch von Objekten entstand. Die hier präsentierten Arbeiten gehen weit über die Forschung zu den europäischen "Wunderkammern" hinaus, machen deutlich, welche Wissenswelten in der Frühen Neuzeit in Kontakt kamen, wie neue Episteme in der Atlantischen Welt entstanden und in imperialer Ideologie und Politik wirksam wurden.

Die Circuits of Knowledge, d.h. Wissenserwerb, -umdeutungen und ihre Wirkungen im Austausch zwischen Europa, Afrika und Amerika (ohne dabei den Blick auf andere Räume zu verlieren), beschäftigt auch die Doktoranden und Tutoren, die bei der dritten Summer Academy of Atlantic History (SAAH) in Hamburg (Warburghaus, 25.-29. August 2013) ihre Dissertationsprojekte vor- bzw. zur Diskussion stellen. Die SAAH, 2009 von Lauric Henneton (Versailles-St. Quentin) und Susanne Lachenicht (Bayreuth) als europäisches Pendant zum Harvard Atlantic History Seminar gegründet, präsentiert sich nach Bayreuth 2010 und Galway 2011 erneut als Forum für den Austausch über laufende und geplante Forschungsprojekte aus dem Bereich Atlantische Studien und bringt in diesem Jahr Doktoranden und etablierte Wissenschaftler u.a. von den Universitäten Columbia, Yale, Georgetown, Boston College, Melbourne, Cambridge, Genua, Galway, Bayreuth, Johns Hopkins, Sevilla, Versailles-St. Quentin, Göttingen und Hamburg zusammen. Die Keynote Lectures werden von Karen Ordahl Kupperman (New York University) und Hermann Wellenreuther (Göttingen) zu den Themen Music and Universal Language in the Early Modern Atlantic bzw. Interdependency, Interaction and Communication as Key Terms of Atlantic History gehalten. http://www.fruehe-neuzeit.uni-bayreuth.de/de/workshops/SAAH/SAAH_2013/Poster-SAAH-2013.pdf

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