Rezension über:

Jochen Staadt (Hg.): "Die Eroberung der Kultur beginnt!". Die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten der DDR (1951-1953) und die Kulturpolitik der SED (= Studien des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin; Bd. 15), Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2011, VI + 453 S., ISBN 978-3-631-60548-6, EUR 48,00
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Rezension von:
Anne Barnert
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Anne Barnert: Rezension von: Jochen Staadt (Hg.): "Die Eroberung der Kultur beginnt!". Die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten der DDR (1951-1953) und die Kulturpolitik der SED, Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2011, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 10 [15.10.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/10/19876.html


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Jochen Staadt (Hg.): "Die Eroberung der Kultur beginnt!"

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Der Sammelband umfasst vier Beiträge von Dagmar Buchbinder, Daniel Zur Weihen, Jochen Staadt und Horst Laude über die Staatliche Kommission für Kunstangelegenheiten der DDR (1951-1953) und die Kulturpolitik der SED in den frühen 1950er Jahren. Im Zentrum steht die Frage, "wie nach Gründung der DDR die politische Unterwerfung und Kontrolle der kulturellen Sphäre auf administrativer Ebene bewerkstelligt worden ist" (5). Der Fokus liegt auf den Mitteln, Methoden und Institutionen, mit denen die SED ihre Kunst- und Kulturpolitik und die Doktrin des Sozialistischen Realismus in der Bildenden Kunst, im Theater und in der Musik durchzusetzen suchte. Anhand der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten wird die Entwicklung und Wirkung des Überwachungsapparates im Kulturbereich analysiert. Als Vorgängereinrichtung des 1954 gegründeten Ministeriums für Kultur entwickelte die Kunstkommission "Langzeitwirkung": Herausgeber Staadt bescheinigt ihr eine entscheidende Rolle bei der "politischen Formierung von Kunst und Kultur der DDR" (1).

Der erste und umfangreichste Beitrag von Dagmar Buchbinder gibt einen quellenbasierten Überblick über die Geschichte der Kunstkommission. Beschrieben wird ihre Konstituierung im Juli 1951, ihr "institutionelles Alltagsleben" (27) und die Beziehungen sowohl zur ZK-Kulturabteilung als auch zur Sowjetischen Kontrollkommission. Die SED setzte ihren Führungs- und Kontrollanspruch "durch eine eher indirekte Steuerung" (22) durch: Dem sowjetischen Schema folgend, wurde eine Vielzahl an Lenkungs- und Kontrollinstitutionen für die Bildende Kunst, Theater, Musik, Literatur, Film und Rundfunk geschaffen, die zentral durch die SED-Parteigremien kontrolliert wurden. Zahlreiche Kommissionsmitglieder hatten bereits im März 1951 in der Formalismus-Kampagne gegen moderne abstrakte Malerei agiert; der Kampf um die Durchsetzung einer gegenständlichen Kunst sollte dann auch eine der wichtigsten Aufgaben der Kunstkommission werden.

Die "Stakuko" übte Leitung und ideologische Kontrolle aller künstlerischen Einrichtungen in der DDR aus, hatte über 150 Mitarbeiter und gliederte sich in vier Hauptabteilungen: Theater und Musik, Bildende Kunst, Nachwuchs und Lehranstalten, Laienkunst. Alle Theaterhäuser, Orchester, Kunstmuseen sowie Kultur- und Klubhäuser der DDR waren ihr unterstellt, zahlreiche Institutionen sogar unmittelbar, etwa die Berliner Staatsoper, das Deutsche Theater, das Berliner Ensemble, das Gewandhausorchester Leipzig, die Staatlichen Museen zu Berlin und die Hochschulen für Bildende Kunst und Musik. Die Spielpläne mussten von der Kunstkommission genehmigt werden. Öffentlich bekannt wurde sie in der DDR durch Otto Grotewohls programmatische Rede "Die Eroberung der Kultur beginnt" am 31. August 1951, in der er die "große und bedeutende Autorität" der Kunstkommission betonte.

Grundannahme der Kommissionsarbeit war die Planbarkeit von Kultur. Die Abteilung Planung hatte nach Vorgaben des Ministerrates einen "Kulturentwicklungsplan Kunst und Theater" für die gesamte DDR anzufertigen. Durch planmäßig gelenkte Aufträge, Veranstaltungen, Ausstellungen, Preisausschreiben, Forschungsarbeiten und Diskussionen sollten die Künstler veranlasst werden, neue Theater- und Musikstücke und Werke der bildenden Kunst im Sinne des Sozialistischen Realismus zu schaffen. Gerade in der Anfangsphase äußerten einige Kommissionsmitglieder Kritik an der Vorstellung einer planmäßigen Entwicklung der Kunst, was jedoch als "bürgerliche Meinung" abgetan wurde. Der Ministerrat forderte im Gegenteil ein noch aktiveres Eingreifen in den Prozess der Kunstentwicklung und monierte 1952, dass die Kommission den direkten Kontakt mit den Künstlern vernachlässige und sich zu sehr auf administrative Tätigkeiten beschränke.

Der zweite Beitrag von Daniel Zur Weihen untersucht speziell die Lenkung des Musiklebens. Im Mittelpunkt steht die Beschäftigung der Kommission mit der Komposition von Gegenwartsmusik, die "einen eindeutig manipulativen oder erzieherischen Charakter annehmen sollte" (289). In Abgrenzung von "formalistischen" Kompositionstechniken Strawinskys und Schönbergs und dem "Gefühlskitsch" des amerikanischen Schlagers förderte man die Komposition "realistisch" empfundener, heimat- und volksverbundener Musik. Nicht in dieses Konzept passende Kompositions- oder Aufführungsprojekte wurden verboten. Sogar gegen Hanns Eisler, den Komponisten der DDR-Nationalhymne, lancierte die Kommission seit Herbst 1952 nach Vorgaben der Parteiführung schwere Formalismusvorwürfe.

Noch schärfer als Hanns Eisler wurde Bertolt Brecht von der Kunstkommission angegriffen, wie Buchbinder im Rahmen ihrer Überblicksdarstellung und Staadt im dritten Beitrag des Sammelbandes zeigen. Seit dem Frühjahr 1952 plante die Kunstkommission eine von der SED gewünschte Kampagne gegen Bertolt Brechts Berliner Ensemble. Höhepunkt war die berüchtigte "Stanislawski-Tagung" im April 1953. In Absprache mit Kommissionsfunktionären attackierte Wolfgang Langhoff, Intendant des Deutschen Theaters, Brechts Theaterarbeit und sein Konzept der Verfremdung. Gegen Brecht wurde die Theatertheorie Stanislawskis zitiert, die das Aufgehen der Schauspieler in ihrer Rolle sowie die Einfühlung der Zuschauer betont und damit besser in das Konzept einer die Massen mobilisierenden Kunst zu passen schien. Brecht wehrte sich und veröffentlichte im Juli 1953 zwei satirische Gedichte über die Kunstkommission sowie das Amt für Literatur.

Wie Buchbinder anhand der Sitzungsprotokolle der Kunstkommission zeigt, nahmen die leitenden Mitarbeiter die angespannte Lage im Frühjahr 1953 nicht zur Kenntnis und wurden vom Volksaufstand am 17. Juni 1953 überrascht. Die Kommission reagierte mit einem "Einsatzplan" und schickte "Instrukteure" zur Inspektion in die Kreise und Bezirke. Im August 1953 verkündete der Vorsitzende Helmut Holtzhauer, nun müsse Schluss sein mit dem "freiheitlichen Gerede". Doch zahlreiche Künstler - etwa Johannes R. Becher, Bertolt Brecht und Arnold Zweig - übten weiterhin Kritik. Sie stellten die Kunst- und Kulturpolitik der SED zwar nicht grundsätzlich in Frage, betonten aber die Eigenverantwortung des Künstlers und forderten, Zensureinrichtungen wie die Kunstkommission, das Amt für Literatur und Verlagswesen und die Staatlichen Komitees für Film und Rundfunk aufzulösen. Die Parteiführung reagierte mit einer Strukturreform und gründete im Januar 1954 das Ministerium für Kultur, in dem die meisten Lenkungsbehörden mit ihren Mitarbeitern aufgingen.

Der Schlussbeitrag von Horst Laude zeichnet die strategischen kulturpolitischen Grundsatzentscheidungen der SED aus den Jahren 1950/51 nach, die das kulturelle Leben in der DDR der fünfziger Jahre bestimmten und zu einer "Verstärkung der zentralen staatlichen Lenkung und Planung" (384) führten. Mittels der Kunstkommission wurde der Druck auf die Künstler erhöht, um sie im Sinne der Doktrin des Sozialistischen Realismus direkt in den Dienst der Partei zu stellen.

In dem Band wird das Nachwirken von NS-Ästhetik und -Terminologie in Sprache und Denken der DDR-Kulturfunktionäre kritisch vermerkt. Auch deswegen hätte Staadts und Buchbinders eigene Verwendung des Begriffs "Gleichschaltung" ohne Anführungszeichen begründet werden sollen. Insgesamt ist bemerkenswert, dass die Beiträge über den rein institutionsgeschichtlichen Ansatz weit hinausgehen: Es werden die handelnden Akteure biografisch vorgestellt, stilistische Merkmale der DDR-Propagandasprache analysiert und kunsthistorische Zusammenhänge erläutert. Die Autoren vermitteln so eine genaue und lebendige Beschreibung des Spannungsverhältnisses von Staat und Kultur in der frühen DDR.

Anne Barnert