Rezension über:

Klaus Schroeder / Jochen Staadt (Hgg.): Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989. Ein biografisches Handbuch (= Studien des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin; Bd. 24), Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2017, 684 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-631-72594-8, EUR 49,95
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Rezension von:
Jochen Maurer
Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Jochen Maurer: Rezension von: Klaus Schroeder / Jochen Staadt (Hgg.): Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989. Ein biografisches Handbuch, Bruxelles [u.a.]: P.I.E. - Peter Lang 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 2 [15.02.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/02/30907.html


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Klaus Schroeder / Jochen Staadt (Hgg.): Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989

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Die Geschichte der deutschen Teilung und der Grenze, die über Jahrzehnte beide Länder und deren Bevölkerung voneinander trennte, ist komplex und facettenreich. Dies wird bereits daran ersichtlich, dass in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute die Abschottung der DDR von der Bundesrepublik erst mit dem Bau der Berliner Mauer einsetzte. Der Prozess der Abriegelung und der Überwachung der innerdeutschen Grenze hatte jedoch bereits im Gründungsjahr der DDR 1949 den ersten Todesfall an der Grenze durch den Einsatz von Schusswaffen zur Folge. Die Geschichte und die Biographien der Todesopfer an der Berliner Mauer und im Zusammenhang mit der Berliner Sektorengrenze - auch vor 1961 - wurden bereits fundiert erforscht. Die vorliegende Untersuchung schließt die bisherige Lücke im Forschungsstand und widmet sich eingehend den Todesopfern des DDR-Grenzregimes an der weit weniger beachteten, "grünen", innerdeutschen Grenze. Ausgehend vom Jahr 1949 betrachten die Herausgeber Klaus Schroeder und Jochen Staadt sowohl die Lebenswege als auch die Umstände und Hintergründe des Sterbens der Todesopfer des DDR-Grenzregimes.

Dem Hauptteil des Buches stellen die Herausgeber, die auf ein umfangreiches Autoren- und Mitarbeiterteam zurückgreifen konnten, zunächst eine Einleitung voran, die neben der wesentlichen Entwicklung des DDR-Grenzregimes auch auf den Forschungsstand, den Verlauf der Untersuchung und die später präsentierten Fallgruppen der Todesopfer eingeht. Die fünf eingestuften Fallgruppen enthalten jeweils bis zu neun weitere Untergruppen und machen deutlich, wie differenziert die Forscher die Fälle untersucht und aufgearbeitet haben. Den Schwerpunkt der Arbeit bilden daran anschließend die Biographien der 327 Opfer und deren Todesfälle an der innerdeutschen Grenze, die von den Autoren aus annähernd 1.500 Verdachtsfällen für das gesamte Grenzregime der DDR herausgearbeitet werden konnten. Ähnlich wie bei den übrigen Handbüchern zu den Todesopfern rund um die Berliner Mauer und die Berliner Sektorengrenze, schildern die einzelnen Autoren, wann immer möglich, die spätere strafrechtliche Ahndung der untersuchten Taten, den Umgang der Sicherheitsorgane der DDR mit den Fällen und den Familien der Verstorbenen, oder die posthume Heroisierung getöteter Grenzpolizisten und -soldaten durch die Staatsführung der DDR. Gerade mit Blick auf die Angehörigen der letzten Fallgruppe wird deutlich, dass die Studie zwar strukturelle, keineswegs jedoch moralische Unterscheidungen zwischen den einzelnen Fallgruppen vornimmt.

Die Opfer des Grenzregimes, ihre Rollen und ihre Lebenswege sind vielfältig. Eine ganze Reihe der zum Grenzdienst verpflichteten jungen Grenzsoldaten nahm sich "aus Verzweiflung über die Zumutungen des Grenzdienstes oder aus Angst vor Bestrafungen nach geringfügigen Vergehen im Grenzdienst das Leben" (15). Andere wurden im Zuge ihres Fahnenfluchtversuchs erschossen, oder von den eigenen Kameraden für Flüchtende gehalten und versehentlich getötet, wiederum andere kamen bei Minenunfällen im Grenzabschnitt zu Tode. Die Mehrheit der Todesopfer jedoch waren Flüchtlinge (114 Personen) oder "Grenzgänger" (31 Personen) aus allen Bevölkerungsschichten und Altersgruppen der DDR und der Bundesrepublik. Ihre Lebenswege und mehr noch ihre Todesfälle ermöglichen einen tiefen Einblick in die Funktions- und Denkweise des Grenzregimes. Es zeichnet ein Bild eines Systems, in dem die Staatsführung junge Wehrpflichtige mit Furcht und Drohungen zu übertriebener Waffengewalt gegen Flüchtlinge und eigene Kameraden antrieb und in dem Menschen lediglich aufgrund ihres Freiheitsdranges, nicht selten aber auch aufgrund von Bagatelldelikten den Tod fanden. Die große Stärke des biographischen Handbuchs liegt in seiner veritablen und profunden Quellendichte und in der Akribie, mit der die Forscher die Lebenswege und Fälle der Todesopfer nachgezeichnet haben. Neben den Angaben und Unterlagen der Berliner Staatsanwaltschaft, der ehemaligen Zentralen Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV), dem Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg, des Beauftragten für die Unterlagen der ehemaligen Staatssicherheit der DDR (BStU), lokalen Archiven und Zeitzeugen wurde eine Vielzahl weiterer Archive und Unterlagen genutzt, um die Todesumstände und Lebenswege der im Handbuch dokumentierten Personen zweifelsfrei nachweisen zu können. Überdies widmen sich die Autoren einer ganzen Reihe weiterer Zweifels- und Verdachtsfälle, bei denen Menschen möglicherweise im Grenzabschnitt zu Tode kamen, der kausale Zusammenhang mit dem Grenzregime jedoch nicht zweifelsfrei zu belegen ist.

Insgesamt gesehen vervollständigt die vorliegende Arbeit den bisherigen Forschungsstand zu den Todesopfern des DDR-Grenzregimes; sie wird - zusammen mit anderen biographischen Handbüchern zu dem Thema - zweifelsohne einen festen Platz als Grundlagen- und Standardwerk zu dieser Thematik einnehmen. Über die Einblicke in die menschlichen Schicksale der Todesopfer hinaus trägt es wesentlich dazu bei, das Grenzregime weiter aufzuarbeiten und der breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen.

Jochen Maurer