Rezension über:

Guntolf Herzberg: Anpassung und Aufbegehren. Die Intelligenz der DDR in den Krisenjahren 1956/ 58 (= Forschungen zur DDR-Gesellschaft), Berlin: Christoph Links Verlag 2006, 728 S., ISBN 978-3-86153-377-1, EUR 34,90
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Rezension von:
Andreas Malycha
Fakultät Erziehungswissenschaften, Technische Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Malycha: Rezension von: Guntolf Herzberg: Anpassung und Aufbegehren. Die Intelligenz der DDR in den Krisenjahren 1956/ 58, Berlin: Christoph Links Verlag 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/12/11359.html


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Guntolf Herzberg: Anpassung und Aufbegehren

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Das Buch führt in die öffentlichen und internen Auseinandersetzungen ein, die als Folge der Rede Chruschtschows und seiner so genannten Abrechnung mit dem Personenkult um Stalin auf dem XX. Parteitag der KPdSU vom Februar 1956 in der DDR ausbrachen. Das politische Tauwetter, das sich in der Sowjetunion nach den Enthüllungen über die Verbrechen Stalins ausbreitete, bot auch in der DDR einigen unangepassten Intellektuellen die Möglichkeit zu kritischen Stellungnahmen. Insbesondere marxistisch und sozialistisch orientierte Akademiker, Schriftsteller, Künstler und Publizisten hofften auf eine Reformdiskussion innerhalb der Staatspartei SED. Herzberg zeigt im Detail und gestützt auf umfangreiche Quellen- und Materialrecherchen, wie die sich eröffnende Chance, die Last des Stalinismus abzuwerfen, trotz des zeitweiligen und begrenzten politischen Rückzuges der SED-Führung nur zaghaft genutzt und schließlich vertan wurde.

Die von Herzberg für die DDR benutzte Definition der Intelligenz kann zwar in ihrer ausdrücklichen Abgrenzung gegenüber dem Begriff "Intellektuelle" nicht hinreichend überzeugen, erklärt jedoch den methodischen Zugriff auf den behandelten Gegenstand: Es geht in dem Band um die "bildungsabhängig und sozial definierte Schicht der Intelligenz" (50), an die sich die Intelligenzpolitik der SED wandte. Dementsprechend folgt er deren Einteilung in soziale Intelligenztypen: in die wissenschaftliche, technische, medizinische, pädagogische und künstlerische Intelligenz. Die politischen und weltanschaulichen Auffassungen innerhalb dieser sozialen Gruppen hätten sich, und das ist grundlegend für den generellen Erklärungsansatz Herzbergs, eben nicht durch machtkritische Distanz gegenüber dem eingeschlagenen gesellschaftspolitischen Weg der DDR ausgezeichnet. Darüber hinaus steht die eher ideologisch als politisch herausgehobene kleine Gruppe der Intellektuellen im Mittelpunkt, denen Herzberg wenigstens den Versuch zubilligt, kritische Zentren der Gesellschaft zu sein.

Herzberg spannt den Bogen vom 17. Juni 1953 und dessen Folgen für die Intelligenz über die Debatten gegen den "Dogmatismus" der Wissenschaft, Kunst und Ideologie im ersten Halbjahr 1956 bis hin zu den im Herbst 1956 einsetzenden und bis Sommer 1958 andauernden Repressionen gegen kritische Intellektuelle im Rahmen der "Revisionismus"-Kampagne. Dabei werden verschiedene Protagonisten, die sich 1956 im Rahmen der Dogmatismus-Diskussion kritisch zu Wort meldeten, exemplarisch betrachtet: Jürgen Kuczynski, Wolfgang Harich, Robert Havemann, Walter Besenbruch, Fritz Behrens, Arne Benary, Gunther Kohlmey, Kurt Vieweg, Ernst Bloch u. a. Behandelt werden auch weniger bekannte Konflikte und Repressionen an verschiedenen Universitäten und Hochschulen, die das Bild über das Verhalten der Intelligenz im Krisenjahr 1956 und während der Abrechnung mit den Kritikern des Stalinismus 1957 wesentlich erweitern und tiefer gehende Aufschlüsse über das Verhältnis zwischen SED-Führung und verschiedenen sozialen Intelligenztypen in der DDR ermöglichen.

Das Buch veranschaulicht die Motive für die Dogmatismus-Diskussionen und die inhaltliche Substanz der Reformdebatten, die nach dem XX. Parteitag der KPdSU an nahezu allen Universitäten und Hochschulen der DDR, unter Künstlern, in Redaktionsstuben und in Verlagen geführt wurden. Charakteristisch für die Polemiken der Schriftsteller, Künstler, Ökonomen, Philosophen und auch der Historiker war der Versuch, Interpretationsspielräume und Freiräume für unorthodoxe Erklärungen zu schaffen. Dies schien einen Weg aus der ideologischen Umklammerung durch die SED-Kultur- und Wissenschaftspolitik zu bieten. Zu einer grundlegenden Gesellschaftskritik ist es in der DDR - im Unterschied beispielsweise zu Ungarn - allerdings nicht gekommen.

Herzberg sucht nach Gründen für das Fehlen echter gesellschaftspolitischer Alternativen und für das Ausbleiben einer konsequenten Opposition. Für ihn trifft der Begriff Opposition nicht den Kern jener Rolle, die die Kritiker der SED-Politik im Jahre 1956 spielten, denn sie hätten keineswegs vorgehabt, das Machtmonopol der SED abzuschaffen oder die Gesellschaft grundlegend zu verändern. Zweifelsohne stand hinter den im Jahre 1956 artikulierten Reformansätzen keineswegs ein grundsätzlicher Veränderungswille in Staat und Gesellschaft bzw. die Bereitschaft für eine tief greifende Demokratisierung. So ist das Fazit Herzbergs hervorzuheben, die im Umfeld der SED von den Stalinismus-Kritikern formulierten Vorstellungen hätten eher einen systemstabilisierenden Hintergrund gehabt.

Der Autor sieht die Ursachen für die Begrenztheit der 1956 debattierten Vorstellungen über eine Erneuerung der Gesellschaft in der "Krise der Intelligenz", die er in sein Konzept einer "verzerrten Kommunikation" zwischen Partei/Staat und Intelligenz einordnet. Damit ist die von beiden Seiten benutzte offizielle Sprachregelung gemeint, bei der sowohl die SED-Führung als auch die Intelligenz den Anschein erweckten, als seien ihre Argumente für beide Seiten ausreichend und verbindlich. Im Rahmen dieser Sprachregelungen traten Intellektuelle offiziell mit Sichtweisen an die Öffentlichkeit, von denen sie keineswegs überzeugt waren. Auf der anderen Seite gab die SED-Führung nur gefilterte und zensierte Informationen an die Öffentlichkeit, denen es an Glaubwürdigkeit fehlte. Auf diese Weise sei ein Dialog in der "Offizialsprache" entstanden, der jedem Wunsch nach gesellschaftspolitischen Veränderungen sehr enge Grenzen setzte und keinen Kommunikationsspielraum für wirkliche Alternativen zuließ.

Einer der Vorzüge des Bandes besteht in der anschaulichen Darstellung von verschiedenen Verhaltensweisen innerhalb des sozialen Milieus der Intelligenz im behandelten Zeitraum zwischen 1953 und 1958, die zwischen den beiden Polen "Anpassung" und "Aufbegehren" bzw. Konsens und Dissens pendelten. Dabei verweist Herzberg zu Recht auf generationelle Faktoren bzw. unterschiedliche mentale Prägungen. In Rechnung zu stellen ist allerdings, dass die im Rahmen des SED-Konzepts der Etablierung einer "neuen Intelligenz" gezielte Ersetzung der alten akademischen und künstlerischen Eliten durch eine neue, marxistisch-leninistisch geschulte Elite zwar von Partei und Regierung vehement angeschoben worden war, in den Fünfzigerjahren jedoch bei weitem nicht die erhofften Ergebnisse erzielt hatte.

Generell wird von Herzberg unzureichend berücksichtigt, dass die ambitionierten Pläne der SED-Intelligenzpolitik gerade im akademischen Milieu zunächst an den Beharrungskräften, der Resistenz tradierter Verhaltensnormen und den Mechanismen der sozialen Selbstreproduktion der bürgerlichen Bildungselite scheiterten. Ein gesellschaftspolitischer Gegenentwurf war von diesem traditionell eher unpolitischen Milieu freilich nicht zu erwarten. Dennoch haben diese üblicherweise kaum beachteten und wenig spektakulären Beharrungskräfte die Durchsetzung der diktatorischen Allmachtsansprüche in Wissenschaft, Kunst und Kultur der SED-Führung stärker behindert als die kritischen Denkschriften des Jahres 1956.

Insgesamt ist es Herzberg überzeugend gelungen, an biografischen Einzelbeispielen das Spektrum verschiedener Verhaltensweisen der Intelligenz sowie die Hintergründe und Folgen der öffentlichen und internen Auseinandersetzungen an den Universitäten und Akademien in den Krisenjahren 1956/58 aufzudecken.

Andreas Malycha