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Rezension von:
Hermann Wentker
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Hermann Wentker: Friedliche Revolution und Wiedervereinigung in neuer Perspektive? Neuerscheinungen zum Umbruch in Deutschland (Rezension), in: sehepunkte 9 (2009), Nr. 10 [15.10.2009], URL: http://www.sehepunkte.de
/2009/10/15852.html


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Friedliche Revolution und Wiedervereinigung in neuer Perspektive? Neuerscheinungen zum Umbruch in Deutschland

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Epochale Ereignisse ziehen die schreibende Zunft an - vor allem dann, wenn sie nicht all zu lange zurückliegen und noch im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Daher gibt es wohl kaum einen Abschnitt der neuesten Zeitgeschichte, der bereits jetzt so gut erforscht ist wie das "annus mirabilis" von 1989/90, in dem die Diktatur in der DDR in einer friedlichen Revolution zu Fall gebracht und Deutschland wiedervereinigt wurde. Journalisten und Historikern kommen dabei vor allem drei Umstände entgegen: Erstens fanden viele Ereignisse in der Öffentlichkeit statt, so dass sie bereits unmittelbar danach von den Medien breit dokumentiert wurden. Zweitens erwiesen sich zahlreiche Beteiligte äußerst auskunftsfreudig und veröffentlichten schon bald im Anschluss an das Geschehen autobiographische Schriften. Und drittens wurde unmittelbar nach der Wiedervereinigung die archivalische Hinterlassenschaft der DDR der Forschung fast uneingeschränkt zugänglich. Westdeutsche Archive blieben zwar aufgrund der gesetzlich festgelegten Sperrfristen weitgehend, aber nicht völlig verschlossen - verwiesen sei etwa auf die Edition von Akten von 1989/90 aus dem Bundeskanzleramt. Daher verwundert es nicht, dass in einer maßgeblichen Bibliographie von 2003 bereits 82 Publikationen zur friedlichen Revolution und weitere 119 zur Wiedervereinigung verzeichnet sind [1].

Gleichwohl liegt pünktlich zum 20. Jubiläum der Revolution eine ganze Reihe von Neuerscheinungen zu dem Thema vor, die ein Gesamtpanorama der epochalen Ereignisse bieten wollen. Dabei sind es meist weniger neue Erkenntnisse zu Einzelproblemen - die es durchaus gibt - als Versuche, neue Perspektiven auf die Umbrüche von 1989/90 zu finden, die die Autoren zu ihren Büchern inspiriert haben. Bis auf die zweibändige Untersuchung von Michael Richter, die einen unverkennbaren sächsischen Schwerpunkt hat, handelt es sich überdies um Darstellungen, die sich an ein breiteres Publikum richten.

Sehr populär gehalten sind die Bücher von Michael Funken und Jens Schöne. Funken, Journalist beim ZDF, unternimmt gar nicht den Versuch, die Geschichte der Revolution und der Wiedervereinigung zu erzählen, sondern beschränkt sich darauf, über zehn Glücksfälle in dieser Zeit zu berichten, in denen "die richtigen Menschen zur Stelle sind" und ohne die "die Geschichte mit großer Sicherheit einen anderen Verlauf genommen hätte" (12f.). Dass Revolution und Wiedervereinigung gelangen, führt Funken daher vor allem darauf zurück, dass die Deutschen den "glückliche[n] Zufall mehrfach auf ihrer Seite" hatten (14). Dabei werden durchaus zutreffende Beobachtungen gemacht, aber zum Teil zu weitreichende Schlussfolgerungen daraus gezogen: So habe Präsident George Bush durch seinen "unamerikanischen" Verzicht auf triumphale Gesten angesichts des Mauerfalls wesentlich zur NATO-Mitgliedschaft des vereinigten Deutschland beigetragen. Durch die Krebserkrankung Erich Honeckers im Sommer und Frühherbst des Jahres 1989 sei die SED-Führung weitgehend gelähmt gewesen und habe nicht entschieden genug auf die Demonstrationen reagieren können. Nur weil bei der Demonstration in Dresden vom 8. Oktober 1989 Kaplan Frank Richter auf den verständnisvollen Volkspolizisten Detlef Pappermann zugegangen sei, sei keine polizeiliche Gewalt gegen 1500 eingekesselte Demonstranten in Dresden angewendet worden und es habe zu einem Dialog zwischen letzteren und der Staatsmacht kommen können. Nur weil Helmut Kohl auf dem CDU-Bundesparteitag am 10. September 1989 trotz erheblicher gesundheitlicher Probleme seinen Sturz als Parteivorsitzender abgewendet habe, habe er als Kanzler die deutsche Einheit gegen zahlreiche innerdeutsche und ausländische Widerstände durchsetzen können. Diese Beispiele mögen genügen, um Funkens Vorgehensweise zu skizzieren. Gleichzeitig suggeriert sie, dass Geschichte doch vor allem von Männern (prominente Frauen kommen kaum vor) gemacht wird, deren Memoiren unkritisch gefolgt wird. Hinzu kommt eine durchgehend kontrafaktische Argumentationsweise, die für Historiker äußerst problematisch ist. Schließlich fallen in dem flott geschriebenen Text Verkürzungen und einzelne Fehler auf; auf relevante Literatur und Quellenpublikationen wurde nicht zurückgegriffen. Wenngleich das Buch aus der Werkstatt von Guido Knopp mit seriöser Geschichtsschreibung nicht viel zu tun hat, macht es doch auf einen bedenkenswerten Umstand aufmerksam: Bei der Revolution von 1989/90 und der Wiedervereinigung handelte es sich nicht um einen zwangsläufigen Prozess - auch damals war die Geschichte offen.

Jens Schöne, der Stellvertretende Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Berlin, macht es sich zwar nicht so einfach wie Funken, jedoch wirft auch sein Abriss Fragen auf. Das beginnt schon beim Titel: "Die friedliche Revolution. Berlin 1989/90 - Der Weg zur deutschen Einheit". Geht es um die Revolution oder um die Wiedervereinigung? Und welche Bedeutung hat dabei Berlin? Das Buch beinhaltet eine sehr knappe Darstellung der Ereignisse zwischen der Kommunalwahl vom 7. Mai 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 (auf 90 Seiten); vorangestellt ist ein wesentlich kürzerer Abschnitt zur Geschichte der SBZ/DDR. Das offensichtlich sehr schnell geschriebene Bändchen zeichnet den Verlauf der Ereignisse im wesentlichen zutreffend nach. Freilich bleibt die Grenzöffnung durch Ungarn am 11. September 1989 unerwähnt, obwohl es sich dabei um ein Schlüsseldatum im Verlauf der Revolution handelt: Nun erst wuchs der Flüchtlingsstrom so stark an, dass sich einerseits die Oppositionsgruppen formell konstituierten und andererseits die Demonstrationen in Leipzig anschwollen. Wenngleich Schöne in einer Bildunterschrift schreibt, dass Leipzig "zwischenzeitlich zum Brennpunkt der Revolution" wurde (79), bildet für ihn nicht der 9. Oktober in der sächsischen Metropole, sondern bereits der 7. Oktober in Ost-Berlin "einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der Friedlichen Revolution" (13), als dort eine friedliche Demonstration zusammengeknüppelt wurde. Das wird freilich nur unzureichend begründet: zum einen mit dem Verweis auf die an diesem Tag und an diesem Ort angeblich exzeptionell hohe staatliche Gewaltbereitschaft, zum anderen damit, dass am 40. Geburtstag der DDR Gorbatschow die SED-Führung vor den Folgen politischen Starrsinns warnte und sich die Bevölkerung sichtbar den politischen Protesten der Oppositionsgruppen anschloss. Demgegenüber war die Tatsache, dass es zwei Tage später in Leipzig nicht, wie allseits befürchtet, zu einem Blutbad kam, von weitaus größerer Bedeutung für den weiteren Gang der Entwicklung: Denn erst dadurch sahen sich die Bürger anderenorts veranlasst, ebenfalls auf die Straße zu gehen. Die außenpolitischen Prozesse bis zur Wiedervereinigung werden auf nur wenigen Seiten abgehandelt; leider sitzt Schöne hier noch der "Strickjackenlegende" auf, der zufolge Gorbatschow erst Mitte Juli 1990 im Kaukasus der Mitgliedschaft Deutschlands in der NATO zugestimmt habe. In Wirklichkeit gestand Gorbatschow dies gegenüber Bush in Washington bereits am 31. Mai 1990 zu. Das insgesamt gut lesbare Buch vermag daher inhaltlich nicht so recht zu überzeugen. Es enthält aber zahlreiche sehenswerte Schwarz-Weiß-Fotos, mit denen Vorgeschichte und Geschichte des revolutionären Geschehens gut illustriert werden.

Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass mit Wolfgang Schuller ein renommierter Althistoriker eine weitere Gesamtdarstellung der Revolution von 1989 vorgelegt hat. Schuller ist zwar (emeritierter) Professor für Alte Geschichte, hat sich aber seit seiner juristischen Dissertation über das politische Strafrecht in der DDR von 1967 immer wieder mit dem östlichen deutschen Teilstaat und dem innerdeutschen Verhältnis befasst. Schuller hat sein Werk bewusst "Die deutsche Revolution 1989" genannt und begründet dies folgendermaßen: "Ihr Träger war das ganze Volk in allen seinen Schichten. [...] Zudem fand die Revolution überall statt, im ganzen Land [...]" (300f.). Zwar räumt er an anderer Stelle ein, dass die Intellektuellen in der Minderheit waren und Professoren und Studenten fehlten, doch an seiner Generalthese ändert dies nicht viel. Die Bezeichnung ist freilich aus zwei anderen Gründen zu kritisieren: Denn zum einen handelte es sich doch um eine ostdeutsche Revolution - die Westdeutschen waren weitgehend passiv - und zum anderen müsste spezifiziert werden, was denn über die Beteiligung der (ost-)deutschen Bevölkerung hinaus das typisch "Deutsche" an der Revolution war.

Vorgeschichte und Geschichte der Revolution werden bis zur Wiedervereinigung in zehn Kapiteln abgehandelt, bevor abschließend auf die "Gestalt der Revolution" und auf deren Bedeutung für die deutsche Geschichte eingegangen wird. In der chronologischen Darstellung, in der immer wieder die Offenheit der Situation in den unterschiedlichen Phasen betont wird, liegt der Schwerpunkt weniger auf den bekannten Schauplätzen Leipzig, Dresden und Ost-Berlin, sondern auf anderen Orten: zum einen, um die Ereignisse in den Klein- und mittelgroßen Städten dem Vergessen zu entreißen, und zum anderen um die These zu untermauern, dass die Revolution "im ganzen Land" stattfand. In der DDR seien vor dem Mauerfall insgesamt mehr als 325 Orte in Aufruhr gewesen (133) - eine Zahl, die angesichts von Detailforschungen von Uwe Schwabe und anderen zu niedrig erscheint (siehe unten). Außerdem hätte man sich in diesem Zusammenhang eine stärker quantitative Analyse gewünscht, um eine Antwort auf die Frage nach der Intensität der Proteste in den einzelnen Regionen zu bekommen. So wird die Darstellung von einer Aneinanderreihung - durchaus interessanter - Erzählungen über das Protestgeschehen in den unterschiedlichsten Städten Mecklenburgs, Thüringens, Sachsen-Anhalts und Sachsens dominiert.

Zu Recht betont Schuller, dass "das Volk" in der DDR der zentrale Akteur gewesen sei; daher werde auch mit dem Satz: "Wir sind das Volk!", "die deutsche Revolution in der DDR am zutreffendsten und prägnantesten" beschrieben (306). Freilich trifft dies mehr auf die erste Phase der Revolution (bis zum 9. November) zu, in der sich die Demonstranten mit diesem Ruf zunächst einmal als Masse konstituierten. Gleichberechtigt daneben steht die sich im November/Dezember 1989 allmählich durchsetzende Parole "Wir sind ein Volk!", mit dem knapp und prägnant die Wiedervereinigung gefordert wurde. Natürlich wird auch auf Gründung und Ausrichtung der Bürgerrechtsgruppen eingegangen; der Gegensatz zwischen Volksbewegung und Gruppen kommt freilich etwas zu kurz. Dass "basisdemokratische Vorstellungen und die Idee einer reformierten DDR [...] durch den Wunsch nach parlamentarischer Demokratie und nach Wiedervereinigung abgelöst [wurden], weil zu den intellektuellen Gruppen des Anfangs die Durchschnittsbürger einer Volksbewegung hinzukamen", trifft zwar grundsätzlich zu (289). Wenn Schuller im Anschluss daran "Freiheit" als zentrales Ziel aller benennt, verdeckt dies die Unterschiede jedoch zu stark: Zahlreiche Bürgerrechtler waren alles andere als begeistert von den nationalen Begeisterungsstürmen der Demonstranten, und das "Volk" wiederum hatte in der zweiten Phase der Revolution nicht mehr viel übrig für die auf Eigenständigkeit der DDR beharrenden Bürgerrechtler. Unterbelichtet bleiben auch die internationalen Voraussetzungen der Revolution, die nicht am Anfang der Darstellung, sondern erst am Ende, mehr en passant erwähnt werden: Das verkennt die fundamentale Bedeutung, die dem sowjetischen Politikwechsel unter Gorbatschow für die Revolution in der DDR zukam.

Ehrhart Neubert war 1989/90 nicht nur Beobachter des Geschehens in der DDR, sondern als protestantischer Pfarrer und Mitbegründer des "Demokratischen Aufbruchs" unmittelbar an den revolutionären Umbrüchen beteiligt. Seit 1996 hat er sich als Zeithistoriker betätigt - bis zu seinem Ruhestand als Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Forschung der BStU. Auch für ihn war der "eigentliche Beweger [...] das Volk, der große Lümmel" (429). Noch emphatischer als bei Schuller lautet der Titel seines Werkes "Unsere Revolution". Ein programmatischer Titel, den Neubert mit Bedacht gewählt hat: Denn zum einen sei aus der Revolution die Bundesrepublik "als geeinter Nationalstaat" hervorgegangen, und zum anderen habe sich die Revolution "im Zusammenhandeln und -wirken von West und Ost" vollzogen (13). Ersteres ist zwar unstrittig, aber letzteres entspricht nicht der Realität: Bei aller Sympathie, mit der die Westdeutschen den Aufruhr in der DDR begleiteten und bei aller praktischen Solidarität, die viele seit Anfang 1990 übten - die Hauptlast des Kampfes lag auf den Schultern der Ostdeutschen. Der Verdacht liegt deshalb nahe, dass Neubert hier weniger geschichtswissenschaftlich als geschichtspolitisch wirken und zu einer positiven Identitätsstiftung der Deutschen beitragen will.

Einen besonderen Blick richtet Neubert auf den Sprachgebrauch in der Revolution: Denn "der Kampf um die Macht [war] ein Kampf um die richtige Bedeutung der Wörter" (19). Die zutreffende Beobachtung, dass "Selbstbefreiung durch die Sprache [...] eine elementare Form der Selbstbestimmung" war (167), Sprach- und Kommunikationsunfähigkeit hingegen "zum Machtverlust führten" (21), zieht sich durch das ganze Buch hindurch und wird durch zahlreiche klug gewählte Beispiele illustriert, die auf den Wortwitz der Revolutionäre verweisen. So zeigt er etwa, wie mit Wortspielen um die Begriffe "Dialog" und "Lüge" die "Dialogpolitik" der SED-Führung nach dem Wechsel von Honecker zu Krenz binnen kurzem diskreditiert wurde.

Neubert, der sich nur kurz mit der Vorgeschichte aufhält, widmet sich vor allem dem Revolutionsgeschehen selbst. Er geht chronologisch vor - manchmal etwas zu chronologisch, etwa wenn er in einem "Revolutionskalender" der Tage zwischen dem 2. und dem 9. Oktober lediglich die Ereignisse aufzählt, die sich in dieser Woche abspielten. Die revolutionären Prozesse werden umfassend dargestellt; auch die Politik der Bundesregierung, die ab Anfang November ihre demonstrative Zurückhaltung aufgab, wird angemessen gewürdigt. Verwiesen seien vor allem auf Neuberts interessante Reflexionen zur Gewaltlosigkeit der Demonstranten und zum Gewaltverzicht (ab dem 9. Oktober 1989) auf Seiten des Staates. Während für die Kirchenleute Gewaltlosigkeit "eine ethisch-theologisch motivierte Hilfe zur Kompensation des politischen Konfliktpotenzials" war, verwies der staatliche Gewaltverzicht auf den Machtverlust der SED (155). Dabei übersieht er freilich, dass Gewaltlosigkeit für die meisten Demonstranten Ergebnis des rationalen Kalküls war, sich nicht als Krawallmacher diskriminieren zu lassen und den Sicherheitskräften Anlass zum Einschreiten zu geben.

Anders als bei Schuller werden die Divergenzen zwischen den Bürgerrechtlern und der Masse der Protestierenden, die bis zum Mauerfall noch weitgehend überdeckt wurden, deutlich akzentuiert und mit treffenden Zitaten illustriert. Bemerkenswert ist vor allem ein Brief des 1987 in die Bundesrepublik abgewanderten Uwe Kolbe an Bärbel Bohley vom 8. November 1989 (!), in dem dieser bereits auf das Problem hinwies, das durch das Festhalten der Bürgerrechtler an einer reformierten DDR und dem allgemeinen Verlangen nach Überwindung der Zweistaatlichkeit entstehen könnte (200). Noch deutlicher wurde die Brigade "Fortschritt" eines landwirtschaftlichen Betriebs im Vogtland, die Sebastian Pflugbeil, Minister ohne Geschäftsbereich in der Regierung Modrow, aufforderte, sich für den Besuch bei Bundeskanzler Kohl am 15. Februar "anständig zu kleiden", und ihm riet, seinen "ungepflegten Bart schneiden zu lassen", damit er richtig sprechen könne: "Wir konnten Sie am Runden Tisch nie richtig verstehen. Ihre Darlegungen waren sowieso nur Käse." (339) Hier ist die große Kluft zwischen den basisdemokratischen "Gruppen" und der sehr viel traditioneller orientierten Masse der Bevölkerung mit Händen greifbar.

Ein weiteres Verdienst der Arbeit liegt darin, auf "die fast explosionsartige Entfaltung der Zivilgesellschaft" im Spätherbst und Winter 1989 aufmerksam gemacht zu haben (300). Durch die Verengung des Blicks auf die das Bild bestimmenden Demonstrationen wird oft dieser gesellschaftliche Aufbruch übersehen, der sich unter anderem in Schüler- und Elterndemonstrationen, in Bemühungen zum Aufbau einer freien Polizeigewerkschaft und in zahlreichen Bürgerinitiativen manifestierte.

Das letzte Kapitel zur Entwicklung zwischen den Volkskammerwahlen vom 18. März und dem 3. Oktober 1990 ist das schwächste des Buches. Über die Verhandlungen zu den Verträgen über eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion vom 18. Mai und über die deutsche Einheit vom 31. August geht Neubert hinweg. Überdies ist die Schilderung der außenpolitischen Zusammenhänge nicht seine starke Seite; auch er geht noch irrtümlich davon aus, dass die NATO-Zugehörigkeit der Bundesrepublik Kohl von Gorbatschow im Kaukasus zugestanden wurde. Insgesamt jedoch, so seine zutreffende Einschätzung, kam die Revolution mit der Wiedervereinigung zu ihrem Ziel. Trotz seiner Herkunft aus der Bürgerrechtsbewegung ist Neubert Realpolitiker genug, um nicht, wie viele seiner Mitstreiter, weiter dem Traum einer basisdemokratischen DDR anzuhängen.

Anders als Neubert lässt Ilko-Sascha Kowalczuk, Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Forschung bei der BStU, seine große Darstellung mit dem Titel "Endspiel" mit den freien Volkskammerwahlen vom 18. März 1990 enden, weil an diesem Tag "die SED-Diktatur institutionell und unwiderruflich Geschichte geworden" war (15). Er will vor allem erklären, warum die scheinbar stabile und ruhige DDR "innerhalb weniger Wochen" zerfiel (13). Vor diesem Hintergrund ist sein Werk dreigeteilt: Zunächst geht es um eine Analyse von Staat und Gesellschaft der DDR, sodann um die Entwicklung von der Gesellschafts- zur Diktaturkrise vom Frühjahr bis zum 9. Oktober 1989 und drittens um den Untergang der Diktatur von Mitte Oktober 1989 bis zum März 1990. Insgesamt, so Kowalczuk in der Einleitung, werden "die Ereignisse von 1989 als Bürgerbewegung" begriffen, so dass sich die Darstellung auch auf "den Bürger" konzentriere: "Auf jene, die im Herbst 1989 zu Bürgern wurden und jene, die schon vor 1989 versuchten, in der Diktatur Bürgerrechte einzuklagen und wahrzunehmen." (15) Durch diese Erläuterung bleibt der Begriff "Bürgerbewegung" freilich etwas unscharf, da er sich auf der einen Seite vor allem auf die "Bürgerrechtler" bezieht und auf der anderen auf die Massen, die ab September/Oktober 1989 auf den Straßen demonstrierten.

Der erste Teil befasst sich mit der DDR vor 1989 und behandelt dabei deren Stellung im internationalen System ebenso wie den Staats- und Gesellschaftsaufbau sowie deren "Krisensymptome" in den1980er Jahren. Sehr intensiv widmet sich Kowalczuk, der diese Zeit als Jugendlicher und junger Erwachsener miterlebt hat, vor allem den Jugendkulturen: Wer etwas zur Musikszene dieser Zeit erfahren will, wird hier ausführlich unterrichtet. Von den Schlagwörtern, mit denen die DDR vor allem seit 1990 bedacht worden ist - Nischengesellschaft, Fürsorgediktatur, Konsensdiktatur - hält Kowalczuk nicht viel: Damit komme man nicht weit, wenn man den Zusammenbruch von Staat und Gesellschaft 1989 erklären wolle. Dem ist zuzustimmen. Aber Kowalczuks Erklärung, dass die DDR-Gesellschaft auch deshalb unterging, "weil sie unheilbar krank war" (179), führt auch nicht recht weiter: Denn was zeichnet eine solche Gesellschaft aus - außer der Tatsache eines weit verbreiteten Alkoholkonsums, der aber eher Symptom als tiefer gehende Ursache war?

Äußerst lesenswert innerhalb dieses Abschnitts sind die Ausführungen zu den "Gegenbewegungen" gegen das System. Damit bezeichnet Kowalczuk den westdeutschen Einfluss in der DDR, die evangelische Kirche - die insgesamt sehr differenziert beurteilt wird - und die eng mit letzterer verbundene Opposition. Gut gelungen und sehr kenntnisreich sind die Darlegungen zur Herausbildung der Opposition in den 1980er Jahren, die sich in ihrer Auseinandersetzung mit dem Staat nicht nur behaupten, sondern ihre Basis sogar verbreitern konnte.

Kowalczuk zeichnet das Bild einer sich stetig vergrößernden "Bürgerbewegung": "Seit Ende 1987/Anfang 1988 schwoll die Zahl der bewussten Bürger in einem Land ohne Bürgerrechte stetig an." (343) Die Opposition konnte vor allem durch ihr Auftreten bei den (wie stets) gefälschten Kommunalwahlen vom Mai 1989 punkten und trat ab dem Frühsommer immer stärker aus den Kirchen heraus. Dennoch hebt der Autor zu Recht hervor, dass die Opposition der Entwicklung hinterhereilte, die letztlich von dem Strom der Flüchtlinge bestimmt wurde. Die Entwicklung der Oppositions-, Demonstrations- und Ausreisebewegung wird dann parallel geschildert, ohne dass die Wechselwirkungen - insbesondere ab dem 11. September, dem Tag der Grenzöffnung durch Ungarn - verdeutlicht würden. So spricht Kowalczuk sicher zu Recht von einem "Riss durch die Gesellschaft" Anfang Oktober 1989 - einem Riss zwischen den Oppositionellen, die in der DDR etwas verändern, und den Hoffnungslosen, die nur noch weg wollten (386); aber dass die Ausreiser indirekt jene befeuerten, die bleiben wollten, schreibt er nicht.

Was die revolutionäre Entwicklung zwischen dem 9. Oktober 1989 und dem 13. März 1990 betrifft, so bringt Kowalczuk die oft irritierende Vielfalt der Ereignisse wie folgt auf den Punkt: "Überall war alles anders, aber das Ergebnis war überall gleich." (410) Dabei sieht er weniger die Volksmassen als Triebkraft der Geschichte; entscheidend sei vielmehr gewesen, "dass in dieser Krise im ganzen Land beherzte Bürger und Bürgerinnen im Namen der neuen Oppositionsgruppen und ab November von Dutzend weiteren Neugründungen überhaupt der monatelangen Sprachlosigkeit der Herrschenden Forderungen und Wünsche entgegenzustellen wussten" (435). Doch ohne die Massenbewegung, an deren Spitze die Bürgerrechtler gespült wurden, hätten solche Forderungen keinen Resonanzboden und sicherlich nicht die bekannten Auswirkungen gehabt. Interessant ist in diesem Zusammenhang die wiederholte Aussage, dass Revolutionen nie vom gesamten Volk, sondern stets von engagierten Minderheiten getragen worden seien, die sich nicht nur gegen das Regime, sondern auch gegen die schweigende, passive Mehrheit richteten. Ganz im Einklang mit dieser Überlegung steht der kritische Umgang mit den immer wieder genannten Zahlen der Demonstrierenden. Diese stammten meist von den Demonstranten selbst, so dass Kowalczuk sie für zu hoch gegriffen hält. Am deutlichsten wird dies im Zusammenhang mit der immer wieder angeführten größten Demonstration in der Geschichte der DDR am 5. November 1989 in Ost-Berlin. Mit guten Gründen bezweifelt er, dass damals wirklich 500.000 auf dem Alexanderplatz und in der unmittelbaren Umgebung auf den Beinen waren. Dafür habe schlicht der Platz nicht gereicht; außerdem zeigten die Bilder von dem Ereignis, dass die Menschen alles andere als dicht gedrängt standen. Insgesamt seien daher "Angaben von mehr als 200.000 Teilnehmern sehr unwahrscheinlich, die tatsächliche Anzahl dürfte darunter gelegen haben" (452).

Wenn Kowalczuk schreibt, dass "die Nacht vom 9. zum 10. November historisch das endgültige Ende der SED-Diktatur" bedeutete (460), widerspricht er sich zwar selbst, weil er seine Darstellung ja erst mit den Volkskammerwahlen enden lässt. Aber er hat insofern recht, als von nun an die Option der Wiedervereinigung ernsthaft verfolgt werden konnte, da nach dem Ende der sowjetischen Bestandsgarantie mit dem Fall der Mauer der SED die letzte Stütze ihrer Herrschaft abhanden gekommen war. Die SED habe sich seit Dezember in einem Prozess der Selbstauflösung befunden und sei völlig handlungsunfähig gewesen. Dies ist nicht ganz zutreffend, weil die SED noch zu Rückzugsgefechten und dazu in der Lage war, die Partei (einschließlich des Parteivermögens) unter anderem Namen in die neue Bundesrepublik zu überführen. Den in diesem Zusammenhang geäußerten Vorwurf, die Opposition hätte damals doch die Macht von der Straße nur aufheben müssen, lässt Kowalczuk zu Recht nicht gelten: Als wichtigste Ursache führt er die mangelnde Bereitschaft zur Machtübernahme an, weil die Oppositionsgruppen "nach anderen politischen Mitteln strebten als sie ihre politischen Gegner verwendeten" (495).

Klaus-Dietmar Henke, Zeithistoriker an der Technischen Universität Dresden, fasziniert offensichtlich die ungeheure Dynamik, die sich in der Revolution von 1989 entfaltete. Daher hat er den Ausspruch eines ostdeutschen Künstlers, 1989 "sei ein Jahr, in dem die Realität die Phantasie überholte" (13), als Untertitel des von ihm herausgegebenen Sammelbandes gewählt. Wenngleich dieser Revolution und Wiedervereinigung behandelt, möchte Henke zwischen beiden Prozessen eine deutliche Trennlinie ziehen: Revolutionär sei allein der Umsturz in Ostdeutschland gewesen; dadurch sei eine "demokratische DDR" geschaffen worden, ohne die wiederum die Wiedervereinigung undenkbar gewesen wäre. Noch stärker unterscheidet Charles Maier in dem vorliegenden Band zwischen beiden Prozessen: Die Herbstmonate 1989 seien "eine eigenständige historische Episode" gewesen, während die "Entwicklung zwischen dem 9. November 1989 und dem 3. Oktober 1990 [...] einer ganz anderen Dynamik" folgte (574). Doch verkennt dies nicht den Umstand, dass der Übergang vom Revolutionsherbst in den "Vereinigungswinter" letztlich kaum wahrnehmbar war? Gewiss, einige Akteure verloren an Bedeutung, andere kamen hinzu, und die Revolution mündete zunächst in die demokratischen Wahlen vom 18. März 1990. Aber dass die Volksmassen weiterhin die Entwicklung wesentlich prägten und ein revolutionäres Ergebnis - freie Wahlen und Wiedervereinigung - herbeiführten, ist letztlich unbestritten.

Henke leitet den Band mit einem instruktiven Aufsatz ein, in dem er zunächst zehn günstige Voraussetzungen für die Revolution in der DDR nennt: von Gorbatschows Abschied von der Breschnew-Doktrin bis zur Entschlossenheit zahlreicher Menschen, der SED-Diktatur den Rücken zu kehren. Er markiert deutlich die Zäsuren, Brüche und Zusammenhänge im revolutionären Geschehen. So ist für ihn die Grenzöffnung Ungarns am 11. September 1989 ein Schlüsseldatum, da es ohne Massenflucht keinen Massenprotest gegeben hätte. Die zeitweilige Verschmelzung von Volksprotest und Bürgerrechtsopposition im September/Oktober 1989 wird genauso benannt wie die Zäsur vom 9. November 1989, als "die Öffnung der Grenze die politische Szenerie in Deutschland komplett verwandelt[e]" (32). Knapp und präzise benennt er die Entwicklungen, die ab November das Geschehen prägten: den Absturz der Wirtschaft, den Zerfall der SED, die große Angst der Bevölkerung und die Marginalisierung der Bürgerrechtler. Weniger intensiv widmet er sich den außen- und deutschlandpolitischen Zusammenhängen: Hier spricht er von einer "Sternstunde der Diplomatie", die freilich "allein dadurch ermöglicht [wurde], dass das Volk der DDR im Herbst 1989 in einer Revolution die Demokratie in seinem Lande erzwang" (45).

Der Band mit insgesamt 37 meist knappen Aufsätzen ist gut komponiert - aus dem Rahmen fällt nur der Erlebnisbericht von Stefan Wolle über die Tage zwischen dem 7. und 9. Oktober in Ost-Berlin und der Beitrag von Matthias Judt über Schalck-Goldokowski und die KoKo, da hier kein Zusammenhang mit der Revolution erkennbar ist. Die Beiträge, die nicht alle gewürdigt werden können, behandeln zunächst Strukturdefekte der DDR und Ursachen des Umbruchs und wenden sich dann dem revolutionären Geschehen selbst zu, bevor sie sich mit den bundesdeutschen Reaktionen und der Politik der Mächte befassen.

Neben einem Artikel von Marion Detjen zu Abwanderung und Flucht als permanenter Bedrohung für die DDR dominieren im ersten Teil Aufsätze zur DDR-Wirtschaft. Besonders gelungen sind die Ausführungen von Werner Plumpe, der zeigt, wie die Verbreitung der D-Mark seit den 1970er Jahren in der DDR "zu einer Art schleichendem Gift im Körper des Sozialismus" wurde (100). Schon vor dem Untergang der DDR sei die westdeutsche Währung damit "zum Symbol des Sieges der Bundesrepublik Deutschland geworden" und habe wesentlich zum Gelingen der Wiedervereinigung beigetragen (102f.). Wichtig ist ebenfalls der Hinweis von Ralf Ahrens, dass die DDR vor der Maueröffnung zwar noch nicht zahlungsunfähig war; deren Zahlungsbilanz sei aber ein Indikator dafür, "dass ihre Volkswirtschaft kurz vor dem Zusammenbruch stand" (109). Dass die DDR-Volkswirtschaft am Ende und nicht mehr reformierbar war, zeigt mit gewohnter Sachkompetenz André Steiner.

Die Aufsätze zur Herbstrevolution setzen ein mit Ausführungen von Ralph Jessen, der den Forschungsstand zum Verhältnis von Massenprotest und zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation in den Bürgerrechtsorganisationen prägnant zusammenfasst. Detlef Pollack stellt zwar die interessante Frage "Wer war 'das Volk'?", geht aber eher auf die ereignisgeschichtlichen Bedingungen des Massenprotests ein, ohne die Sozialstruktur der Demonstranten im Herbst 1989 näher zu analysieren. Rainer Eckert konstatiert, dass sich durch die Permanenz der Demonstrationen Leipzig "zur Hauptstadt der sich Bahn brechenden Revolution" entwickelte (217), wo mit dem ersten Sieg der Demonstranten über die Sicherheitskräfte am 9. Oktober 1989 der entscheidende Wendepunkt erreicht wurde. Dass der Fall der Berliner Mauer demgegenüber "ein abgeleitetes Ereignis" (222) gewesen sei, ist jedoch eine zu weitgehende Behauptung. Wie dieser Tag in die Geschichte der Revolution einzuordnen ist, geht aus der faktographischen Schilderung von Manfred Wilke leider nicht hervor. Dies kommt auch in dem Beitrag von Marc-Dietrich Ohse nicht mit der wünschenswerten Klarheit heraus, der sich mit der "Wende in der 'Wende'" befasst. Denn er ist der Auffassung, dass für die Durchsetzung des Rufes "Wir sind ein Volk" die Öffnung der Grenze "nur bedingt" ein Wendepunkt gewesen sei (281). Das Gegenteil ist der Fall: Erst mit der Öffnung der Mauer erhielt die Revolution ihre nationale Wende, da erst jetzt der Wunsch nach Wiedervereinigung erfüllbar wurde!

Unter den Beiträgen zur Revolution und ihrem unmittelbaren Umfeld ist des weiteren der von Jens Gieseke zu nennen, dem zufolge das MfS durchaus zutreffend und differenziert festgehalten habe, welche Stimmung in den letzten Jahren der DDR und 1989 in der Bevölkerung herrschte, diese Ergebnisse aber von der SED-Führung nur sehr eingeschränkt rezipiert worden seien. Ehrhart Neubert zeichnet ein sehr einfühlsames Porträt von Bärbel Bohley - einer Idealistin, die politisch wirkte und gleichzeitig Machtpolitik von Grund auf ablehnte. Clemens Vollnhals äußert sich eher kritisch als wohlwollend über die evangelische Kirche im Jahre 1989, die "als Institution weder Motor noch Katalysator der friedlichen Revolution gewesen war" (268). Walter Süß zeigt zwar, dass sich 1989/90 die SED-Basis gegen die SED-Führung durchsetzen konnte; etwas zu kurz kommt dabei aber der Versuch letzterer, im Januar 1990 wieder Tritt zu fassen - ein Versuch, der eine zweite Revolutionswelle auslöste. Thomas Lindenberger schließlich widmet sich der "demokratischen" DDR zwischen den Volkskammerwahlen und der Wiedervereinigung; hervorzuheben ist vor allem sein Hinweis darauf, dass die Revolution nicht zuletzt deshalb so friedlich war, weil sie mit der DDR-Verfassung in Einklang stand, deren Demokratie-Versprechen freilich erst von den "Revolutionären" von 1989 mit Leben erfüllt wurden.

Die Bundesregierung war, wie Hanns Jürgen Küsters zeigt, bis zum Mauerfall ein höchst interessierter Beobachter der Krise in der DDR, wobei Bundeskanzler Kohl trotz seiner gegenteiligen Versicherung gegenüber Gorbatschow im Oktober durchaus an einer Destabilisierung in der DDR interessiert gewesen sei, eine Explosion aber vermeiden wollte. Jens Hüttmanns Darlegungen zur Perzeption der DDR-Krise in den westdeutschen Medien fallen demgegenüber ab, denn die Frage, wann aus Ahnungslosigkeit Gewissheit darüber wurde, dass in der DDR revolutionäre Veränderungen im Gange waren, wird letztlich nicht beantwortet. Dass die Debatte über die Wiedervereinigung unter den west- und ostdeutschen Intellektuellen höchst kontrovers verlief, zeigt Roger Engelmann. Karl Rudolf Korte gibt mit seinen Darlegungen zur Deutschlandpolitik der Regierung Kohl weitgehend Bekanntes wieder; wichtig ist sein Hinweis, dass sich der Bundeskanzler 1989 "ohne Masterplan an den Einigungsprozess" herantastete und sich erst am 8. November entschied, offen in die inneren Angelegenheiten der DDR einzumischen (439). Ein unverzeihlicher Fehler ist es allerdings, die ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen auf den 14. Oktober und nicht auf den 2. Dezember 1990 zu datieren.

Wie die Sowjetunion auf die Revolution von 1989 reagierte, wird auf der Grundlage der Forschungsliteratur sachkundig von Michael Lemke skizziert. Deutlich arbeitet er heraus, dass Gorbatschow im Herbst 1989 die DDR noch keineswegs verloren gab, sondern auf deren Stabilisierung im Zuge einer von Krenz und Modrow eingeleiteten Reform von oben hoffte. In der Frage der Wiedervereinigung war Gorbatschow Lemke zufolge ein "einsichtig Getriebener" (473) - eine respektvolle Wendung, die etwas überdeckt, dass der Partei- und Staatschef für diesen Fall kein Konzept hatte. Enttäuschend ist der Beitrag von Bernd Stöver zur US-amerikanischen Politik. Denn es genügt nicht darauf zu verweisen, wie überrascht Washington über die Revolution in der DDR und die anschließenden Prozesse war. Nicht erwähnt wird der Strategiewechsel der Regierung Bush, die angesichts des sich abzeichnenden Umbruchs in einigen osteuropäischen Staaten bereits im Mai 1989 auf einen Sieg im Kalten Krieg setzte. Anders als Stöver schreibt, war Bush sehr wohl vom Sieg der Solidarność in Polen beeindruckt - er trat immerhin im Juli 1989 öffentlich in Warschau auf! Zwar wird die Rolle der USA im Prozess der Vereinigung grundsätzlich zutreffend geschildert, aber auch Stöver übergeht, dass Gorbatschow gegenüber Bush am 31. Mai 1990 die NATO-Mitgliedschaft des vereinigten Deutschland zugestand. Erwähnt seien des weiteren die Ausführungen von Günther Heydemann zur ablehnenden britischen Politik, die er freilich bereits an anderer Stelle veröffentlicht hat. Rainer Hudemann vertritt in seinem Beitrag die These, dass in Frankreich weder die Regierung noch die Öffentlichkeit die deutsche Einheit abgelehnt habe - eine äußerst einseitige Sicht, die sich so wohl nicht aufrechterhalten lässt. Sehr zu begrüßen ist die Tatsache, dass die polnische Haltung ebenso gewürdigt wird (von Klaus Ziemer) wie der Zwei-plus-Vier-Vertrag, den Reinhard Müller ein "Glanzstück der Diplomatie mit einigen Fragezeichen" nennt (536): Als kritikwürdig erachtet er die Anerkennung der polnisch-deutschen Grenze ohne Volksbefragung, die Weitergeltung von in der SBZ vorgenommenen Enteignungen sowie die trotz des Vertrags weiterhin geltenden Elemente von Besatzungsrecht.

Das Werk von Michael Richter, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden, zur friedlichen Revolution mit dem Untertitel "Aufbruch zur Demokratie in Sachsen" erscheint auf den ersten Blick eher von landesgeschichtlichem Interesse. Doch dieser erste Eindruck trügt: Richter bettet die Entwicklung nicht nur in das Gesamtgeschehen ein, sondern rekonstruiert letzteres in fast all seinen Aspekten. Er bezieht die internationalen Zusammenhänge ebenso ein wie die bundesdeutsche Politik, er beleuchtet die Vorgänge in Ost-Berlin fast genauso intensiv wie die in Sachsen, er befasst sich mit den Bürgerrechtsgruppen in all ihrer Vielfalt, mit den Demonstrationen auf der Straße und den Auseinandersetzungen in den Betrieben, mit den Rückwirkungen auf die SED, das MfS, die Polizei und die Massenorganisationen und fragt nach der Rolle der Blockparteien - kurzum: Richter bietet ein äußerst breites Panorama der Revolution in der DDR mit einem unverkennbaren Schwerpunkt in Sachsen. Dort geht er bis hinab auf die lokale Ebene: Wer also wissen will, was sich etwa in Brand-Erbisdorf im Erzgebirge im Herbst und Winter 1989/90 zugetragen hat, wird ebenso zuverlässig informiert wie derjenige, der sich für die Zentren der Erhebung in Dresden und Leipzig interessiert. Doch brauchen wir wirklich eine solch flächendeckende Behandlung, die 1.500 Seiten Text in Anspruch nimmt? Eine pointiertere Analyse mit mehr Mut zur Lücke hätte die Lesbarkeit stark gefördert; zudem geht in der ausladenden Darstellung manches wichtige Detail unter - so etwa der Hinweis darauf, dass bereits auf Faschingsumzügen in Sachsen im Februar 1989 Kritik an den Verhältnissen in der DDR geübt wurde, oder die nachweisbare Feststellung, dass der Ruf "Wir sind das Volk!" erstmals am 8. Oktober 1989 in Dresden erklang (350).

Die zentralen Thesen Richters hingegen bleiben klar erkennbar. Sein wichtigstes Anliegen besteht darin, die Bevölkerung als zentralen Akteur angemessen zu würdigen. Denn es sei das Volk gewesen, das an den entscheidenden Wendepunkten die Revolution vorangetrieben habe. Dies begann bereits Mitte August 1989, als die Ausreisebewegung die "einzige oppositionelle Massenbewegung" gewesen sei (163): Letztere ist für Richter mit einem gewissen Recht "integraler Bestandteil der Proteste gegen das Regime" (236). Es war letztlich auch das Volk, das in Dresden nach der brutalen Gewaltanwendung durch die Sicherheitskräfte um den Staatsfeiertag herum am 8. Oktober durch seine friedliche Demonstration beim 1. Sekretär des Bezirks, Hans Modrow, ein Umdenken bewirkt habe. Dessen nun eingeschlagene Dialogpolitik sei auch für die Demonstration in Leipzig am 9. Oktober von großer Bedeutung gewesen - ein Zusammenhang, der bisher kaum gesehen worden ist. Insgesamt beurteilt Richter das Verhältnis von Demonstranten und der "schweigenden Mehrheit" anders als etwa Kowalczuk, der eher von einem Gegensatz ausgeht. Richters Auffassung nach rebellierten "die aktiven Teile der Bevölkerung [...] aus Gründen [...], die im wesentlichen auch von einer schweigenden Mehrheit mitgetragen wurden" (494).

Ein zentrales, immer wieder behandeltes Problem ist das Verhältnis von Massenbewegung und Bürgerrechtsbewegung. Die Bürgerrechtler, so Richter, hätten nicht zur Massenmobilisierung beigetragen; einzelne Gruppen seien aber im September/Oktober 1989 sehr wohl zu Kristallisationspunkten der allgemeinen Protestbewegung geworden. Bis Anfang November hätten sich beide aufgrund der Allgemeinheit der Reformforderungen noch im Einklang befunden. Mit der weitgehenden Herstellung von Artikulationsfreiheit seien allerdings radikalere Forderungen von den Massen geäußert worden, die sich zunehmend von denen der Bürgerrechtler entfernt hätten. Insbesondere in dem Verlangen nach Wiedervereinigung habe es einen unüberbrückbaren Dissens gegeben. Bis hierhin ist Richter völlig zuzustimmen. Er überspannt den Bogen freilich, wenn er ab der zweiten Novemberhälfte von einer "Allianz" zwischen SED-Funktionären, marxistischen DDR-Intellektuellen und führenden Vertretern der Bürgerbewegungen spricht: "Die gemeinsame Perspektive begründete sich vor allem in antiwestlichen Ressentiments der industriegesellschaftlich orientierten Akteure" (856). Eine partielle Übereinstimmung der Gruppen mit SED-Funktionären, wie sie etwa in der Unterzeichnung des Aufrufs "Für unser Land" durch Krenz und andere SED-Funktionäre zum Ausdruck kam, sollte indes mehr als Versuch von letzteren gewertet werden, auf den "Reformwagen" aufzuspringen, solange er noch nicht Kurs auf die deutsche Einheit genommen hatte, und nicht so sehr als ein Bündnis. Denn in der Systemfrage - Demokratie oder Diktatur - waren beide nach wie vor weit auseinander. Aufschlussreich sind hingegen die differenzierenden Bemerkungen hinsichtlich des Neuen Forums, dessen Ost-Berliner Führungsgruppe sehr viel stärker eine basisdemokratische Reform ansteuerte, während dessen Gruppierungen in Sachsen "eine freiheitliche Demokratie samt ökologischer Marktwirtschaft und eine Vereinigung Deutschlands" gewünscht hätten (1491).

Richter, der sich genauso intensiv wie mit den Demonstranten und den Bürgerrechtlern auch mit der SED in dieser Zeit beschäftigt, geht zu Recht auch auf die Versuche der Parteiführung im Dezember 1989 und Januar 1990 ein, wieder Fuß zu fassen. Rechtsradikale Schmierereien am sowjetischen Ehrenmal in Treptow wurden dabei von der SED instrumentalisiert, um sich als Bewahrer der "antifaschistischen" Tradition der DDR zu präsentieren. Thematisiert werden in diesem Zusammenhang auch die Versuche Modrows, das in "Amt für nationale Sicherheit" umbenannte MfS in einen Verfassungsschutz und einen Auslandsnachrichtendienst zu überführen. Beides löste im Januar 1990 eine "zweite Welle der Revolution" aus (1147), der sich Richter in aller Ausführlichkeit widmet. Die Demonstrationen seien dann im Verlauf des Februar und März 1990 in Wahlkampfveranstaltungen übergegangen.

Kritisch ist anzumerken, dass Richter für die Abschnitte zur internationalen Politik in seinem Buch oft nicht die neueste Literatur und Akteneditionen benutzt, sondern sich häufig auf Artikel aus den 1990er Jahren und auf Erinnerungen stützt. Vor diesem Hintergrund kommt er auch zu der Fehleinschätzung, "dass die US-Regierung bereits im Frühjahr 1989 fest davon überzeugt [gewesen sei], die deutsche Einheit stehe kurz bevor" (40). Unzutreffend ist auch die Feststellung, dass Helmut Kohls politisches Handeln seit dem Gorbatschow-Besuch in Bonn im Juni 1989 "auf eine Überwindung der deutschen Teilung ausgerichtet" gewesen sei (126). Am Ende seines "opus magnum" stellt Richter fest, dass das SED-Regime zum Zeitpunkt seiner Entmachtung totalitär gewesen sei. Dies begründet er vor allem mit dem Festhalten der Politbürokratie an ihrem Alleinherrschaftsanspruch. Die "Reformunfähigkeit des SED-Regimes sei Ausdruck seines totalitären Charakters" gewesen (1465). Gewiss gab das Regime bis zuletzt nicht seinen totalitären Anspruch auf - aber konnte es ihn auch durchsetzen? Dass die Machtbesessenheit und Reformunfähigkeit der DDR-Führung insbesondere auf die ungelöste deutsche Frage zurückzuführen war, wird von Richter nicht berücksichtigt. Er beendet sein Buch mit dem Satz: "Ihren Höhepunkt fand die friedliche Revolution in der Auflösung der DDR durch den Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990." (1500) Wenngleich ihm darin zuzustimmen ist, dass Revolution und Wiedervereinigung als einheitliche Episode zu behandeln sind, verwechselt er hier "Höhepunkt" mit Endpunkt.

In engem Zusammenhang mit der Monographie Richters ist das Beiheft zum Kartenblatt "Friedliche Revolution 1989/90 in Sachsen" entstanden. Auf der Karte kann man Demonstrationen und das "sonstige Revolutionsgeschehen" - also Warnstreiks, Mahnwachen, MfS-Besetzungen und die Bildung runder Tische - lokalisieren. Das Beiheft bietet nicht nur Erläuterungen dazu, sondern ist ein eigenständiger kleiner Sammelband. Darin nimmt Hartmut Zwahr eine historiographische Einordnung vor, aus der auch hervorgeht, wie viel Literatur bereits zu dem Thema erschienen ist. Die sächsischen Bezirke werden darin "als Ausgangsterritorium und bald schon Zentrum der friedlichen Revolution von 1989" betrachtet (6). Das ist sicher richtig. Zwahr schießt aber über das Ziel hinaus, wenn er schreibt: "Es waren Sachsen, die mit machtvollen Demonstrationen den Weg zum 9. November 1989 bereiteten." (16) Waren nicht auch ein paar Thüringer, Brandenburger und Mecklenburger dabei? Sehr dezidiert äußert er sich hinsichtlich der Einheitsforderungen der Demonstranten ab November: Der Massenruf sei "Deutschland einig Vaterland" gewesen, während die "Wir-sind-ein-Volk-Kampagne" von der Bild-Zeitung angestoßen und von der CDU in Bonn beschlossen worden sei (17) - aber konnte das Demonstrationsgeschehen wirklich von außen gesteuert werden?

Der Band enthält überdies zahlreiche Übersichten und Graphiken zum Demonstrationsgeschehen, die von Uwe Schwabe erläutert werden. Anhand dieser Aufstellungen lässt sich beispielsweise rekonstruieren, an welchen Orten und an welchen Tagen wie viele Demonstranten auf der Straße waren und wann welche Parolen skandiert wurden. Eine Zahl ist hier besonders interessant: Zwischen August 1989 und dem 18. März 1990 konnten "3.151 öffentlichkeitswirksame Aktivitäten [...] in 539 Gemeinden und Städten der DDR registriert werden", wovon 1.037 Aktivitäten in 161 Gemeinden und Städten auf Sachsen entfielen (35). Damit wird die Vorreiterrolle Sachsens zwar belegt, aber auch darauf verwiesen, dass zwei Drittel der Aktivitäten in den anderen Regionen der DDR stattfanden.

Tobias Hollitzer schildert in einem weiteren Beitrag die Besetzung der Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen für Staatssicherheit. Auch hier ist eine Tabelle angefügt, aus der hervorgeht, wie die einzelnen Dienststellen besetzt wurden und ob zuvor dort Demonstrationen stattfanden. Michael Richter befasst sich abschließend mit den Wahlen, die 1989/90 in Sachsen stattfanden - beginnend mit der Kommunalwahl vom 7. Mai 1989 und endend mit der Bundestagswahl vom 2. Dezember 1990. Außer im Detail ist darin nicht viel Neues enthalten; interessant ist allerdings der Hinweis, dass durch die Kommunalwahl vom 6. Mai 1990 "fast überall in Sachsen bisherige Mitglieder und Funktionäre der Block-CDU, auch solche, die enger mit dem System liiert waren, durch den Wähler legitimiert [wurden], politische Funktionen zu übernehmen" (68).

Mit der Hauptthese von Michael Richter stimmt auch Gerhard A. Ritter überein, der in seiner jüngsten Buchveröffentlichung das Volk in der DDR als die "entscheidende Triebkraft" im Prozess der Revolution und der Wiedervereinigung bezeichnet (10). Etwas irreführend ist freilich der Titel, in dem mit den beiden Parolen "Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk!" suggeriert wird, es gehe um das Geschehen auf den Straßen in der DDR, das zur Wiedervereinigung führte. Doch die Demonstrationen werden gar nicht weiter thematisiert. Das dreigeteilte Buch behandelt vielmehr zunächst die Deutschlandpolitik der Regierung Kohl im internationalen Kontext, sodann die Sozialpolitik der deutschen Einigung und schließlich die Wirtschafts-, Finanz- und Verfassungspolitik in diesem Prozess. Während die ersten beiden Teile auf Ritters großem Werk "Der Preis der deutschen Einheit" beruhen [2], handelt es sich beim letzten Abschnitt um ein stark erweitertes Vortragsmanuskript.

Im Rahmen ihrer Deutschlandpolitik musste die Regierung Kohl sowohl in die DDR hineinwirken als auch die internationalen Rahmenbedingungen berücksichtigen. Auf der Grundlage der bisherigen Forschungen und edierten Dokumente zeichnet Ritter ein knappes, prägnantes Bild, in dem nicht nur die bekannten Akteure Gorbatschow, Bush, Thatcher und Mitterrand berücksichtigt werden, sondern auch die Außenpolitik der demokratischen DDR, die unter Federführung von Außenminister Markus Meckel zwar eigene Initiativen entwickelte, sich aber nicht durchsetzen konnte. Insgesamt, so Ritter, habe auf Seiten der Regierung Kohl die "Ausnutzung der Chance zur deutschen Einigung in einem engen Zeitfenster [...] zweifellos eine staatsmännische Leistung" dargestellt (50).

Die Bilanz, die Ritter hinsichtlich der Sozialpolitik in der deutschen Einigung zieht, ist hingegen gemischt. Aus der Darstellung geht hervor, welch eine immense Aufgabe es war, das System der sozialen Sicherung in der DDR umzustrukturieren. Er befasst sich detailliert vor allem mit der Rentenversicherung, mit dem Gesundheitswesen, der Familien- und Frauenpolitik, dem Arbeitsrecht sowie der Arbeitsmarktpolitik. Das Grundproblem wird klar benannt: Die latente Krise, in der sich der westdeutsche Sozialstaat bereits vor 1989/90 befand, wurde durch die Wiedervereinigung "entscheidend verschärft" (52). Der Hauptfehler, der dabei gemacht wurde, bestand darin, wesentliche Kosten der Vereinigung über die Solidargemeinschaft der Versicherten der gesetzlichen Arbeitslosen- und Rentenversicherung zu finanzieren. Die Frage, ob die Übernahme der westdeutschen Sozialordnung durch die DDR im Prozess der Vereinigung sinnvoll war, beantwortet Ritter mit der Feststellung, dass es keine politische realisierbare Alternative dazu gegeben habe. Außerdem hätte eine Reduzierung der westdeutschen Standards im Hinblick auf den arbeitsrechtlichen Schutz und auf soziale Sicherung "die Akzeptanz der neuen Ordnung im Osten gefährdet und war politisch nicht durchsetzbar" (95). Angesichts dieser Lage habe man sich sowohl innerhalb der Bundesrepublik als auch zwischen beiden deutschen Staaten auf die Übertragung des westdeutschen Systems als den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt. Hätte man "den Kräften der reinen Marktwirtschaft [...] freien Lauf gelassen", hätte dies den Abwanderungsdruck im Winter 1989/90 noch erhöht und möglicherweise soziale Unruhen zur Folge gehabt (96).

Während sich der erste und zweite Teil des Buches sinnvoll ergänzen, wirkt der dritte eher wie ein Fremdkörper. Denn erst hier werden nach kurzen Betrachtungen zum Wiedervereinigungsproblem im Grundgesetz wichtige Ausführungen zum wirtschaftlichen Niedergang der DDR gemacht. Dann geht es erneut um den Vertrag zur Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion vom 18. Mai und um den Einigungsvertrag vom 31. August 1990. Da sich dadurch eine Reihe von Wiederholungen ergeben, hätte viel für eine Integration von Teil zwei und drei gesprochen. Sehr lesenswert sind die Betrachtungen Ritters zu den Folgen der Einheit für Wirtschaft und Staat der Bundesrepublik, aus denen deutlich hervorgeht, dass durch die Wiedervereinigung die Verhältnisse nicht nur in den östlichen Bundesländern, sondern in ganz Deutschland verändert worden sind. Überdeutlich wird die finanzielle Belastung, die aus der Wiedervereinigung erwachsen ist: Bis 2006 waren es 1,26 Billionen Euro, die für den Osten aufgebracht wurden! Nicht zuletzt dadurch hat im Osten eine "Wohlstandsexplosion" stattgefunden (141); freilich messen die Ostdeutschen ihre Situation nicht an der Vergangenheit und schon gar nicht an den Verhältnissen in Osteuropa, sondern an Westdeutschland. Trotz des Aufholens der östlichen Länder liegen sie im Hinblick auf ihre gesamtwirtschaftliche Leistungskraft pro Kopf hinter dem Westen, während die Arbeitslosigkeit dort doppelt so hoch ist. Auch deshalb identifizieren sich weniger Ostdeutsche als Westdeutsche mit der Demokratie als bester Staatsform. In dieser ausgewogenen, sowohl die Verdienste als auch die Probleme der deutschen Wiedervereinigungspolitik in den Blick nehmenden Bilanz liegt ein wesentlicher Vorzug des Buches.

Anders als Ritter nimmt Andreas Rödder keine thematische Einschränkung vor, sondern möchte mit seinem Buch die "erste wissenschaftliche Gesamtdarstellung der Wiedervereinigung" vorlegen (12), die allen Aspekten des Themas gerecht wird: Die internationalen Rahmenbedingungen, das revolutionäre Geschehen in der DDR, die Deutschlandpolitik der Bundesregierung in ihrer Wirkung auf die DDR und auf die anderen Mächte, die Verhandlungen auf dem internationalen Parkett werden genauso thematisiert wie die Verträge zur deutschen Einheit und deren innere Ausgestaltung. Dabei wird nicht nur quellennah und lebendig erzählt, sondern immer wieder systematisch nach den Ursachen bestimmter Entwicklungen in dem keineswegs geradlinig verlaufenen Prozess gefragt.

"Am Anfang war Gorbatschow." (15) Mit diesen deutlichen Worten, die in mehreren anderen hier besprochenen Darstellungen fehlen, setzt Rödder nach der Einleitung in den Text ein. Die Voraussetzungen für die Revolution in der DDR werden damit klar benannt: Gorbatschow öffnete die Sowjetunion für Perestroika und Glasnost und leitete damit, wie Goethes Zauberlehrling, einen Prozess ein, über den er später die Kontrolle verlor. Demgegenüber verweigerte sich die DDR dem Reformkurs, weil eine reformierte DDR neben der demokratischen Bundesrepublik nicht überlebensfähig gewesen wäre. Die Bundesrepublik befand sich Ende der 1980er Jahre wirtschaftlich und politisch scheinbar in bester Verfassung; wesentliche Strukturprobleme wurden aber erst ansatzweise erkannt, geschweige denn ernsthaft angepackt.

Erst vor diesem deutlich gezeichneten Hintergrund kommt Rödder auf den "Zusammenbruch des Ostblocks und [den] Untergang der DDR" (50) zu sprechen. Er benennt klar die Passivität Gorbatschows angesichts des Zusammenbruchs des sowjetischen Imperiums. Dafür spielten, so Rödder in Anlehnung an Wladislaw Zubok, langfristige interne Prozesse im Ostblock eine größere Rolle als etwa die massive Gegenrüstung Reagans und Bushs gegen die sowjetische Aufrüstung der 1970er Jahre. Die Revolution in der DDR wird grundsätzlich zutreffend dargestellt. So verdeutlicht Rödder etwa, wie sich die Opposition formierte, wie die Ausreisebewegung entstand und wie die "Flüchtlingskrise [...] in eine Regimekrise" umschlug (79). Dabei unterbleibt leider der wichtige Hinweis, dass die ungarische Grenzöffnung vom 11. September 1989 als Katalysator für die Protestbewegung in der DDR wirkte. Honecker sei Anfang Oktober noch zu einer "chinesischen Lösung" bereit gewesen - einen Beleg dafür führt Rödder leider nicht an. Auch dass im so genannten "Schürer-Papier", in dem der letzte Chef der Staatlichen Plankommission Ende Oktober die katastrophale wirtschaftliche Situation realistisch schilderte, die Preisgabe der Mauer für westdeutsche Milliardenkredite erwogen wurde, kommt nicht zur Sprache. Freilich fallen diese kleineren Mängel wenig ins Gewicht, etwa gegenüber den abgewogenen Überlegungen zu den Ursachen für den Untergang der DDR und zur Frage, ob es sich bei den Vorgängen im Herbst 1989 um eine Revolution gehandelt habe - eine Frage, die Rödder letztlich bejaht.

Sehr gut gelungen sind die Ausführungen zur "nationalen Wende" in der Revolution nach dem 9. November und zur Politik der Bundesregierung, die nun zu einem immer wichtigeren Akteur im Gesamtgeschehen wurde. Dies galt insbesondere ab dem Zehn-Punkte-Plan vom 28. November, wobei sich die zeitlichen Vorstellungen des Bundeskanzlers im Hinblick auf die Wiedervereinigung nach seinem Auftritt in Dresden am 19. Dezember deutlich verkürzten. Dieses Ereignis, von Kohl im Rückblick als sein "Schlüsselerlebnis" auf dem Weg zur Einheit bezeichnet, ist jüngst als reine Inszenierung und als "Mythos Dresden" abgetan worden [3]. Mit dieser Forschungsmeinung setzt sich Rödder differenziert auseinander, indem er eine gründliche Vorbereitung und geschickte Inszenierung seitens des Bundeskanzleramts zwar einräumt, was aber "nichts an der politischen, nicht zuletzt psychologisch-emotionalen Bedeutung jenes 19. Dezember" (145) ändere.

Die Darstellung verschränkt sehr gut die bundesdeutsche Deutschlandpolitik mit der Erzählung vom rapiden Niedergang des SED-Regimes und der internationalen Politik zwischen dem 28. November 1989 und den Volkskammerwahlen vom 18. März 1990. Deutlich wird einerseits der Handlungsdruck, dem die Bundesregierung angesichts der Forderungen der ostdeutschen Demonstranten und des rapiden Machtverfalls der SED ausgesetzt war, und andererseits die Skepsis und der Widerstand gegen eine Wiedervereinigung seitens der Sowjetunion, Frankreichs und Großbritanniens. Bis Januar 1990 war die Möglichkeit, dass die Einheit verhindert werden konnte, am größten. Dass sie dann doch zustande kam, führt Rödder zu Recht auf ein ganzes Ursachenbündel zurück: Die Ostdeutschen bekundeten machtvoll ihren Einheitswillen, in der sowjetischen Führung herrschte Chaos, und eine Koordinierung mit Großbritannien und Frankreich unterblieb, während Washington Bonn unterstützte. Die Bundesregierung wurde damit spätestens ab Januar 1990 "zum dominierenden Akteur in der deutschen Frage" (216).

In den letzten beiden Kapiteln werden die internationalen und die innerdeutschen Vorgänge getrennt dargestellt. Die Frage der Bündniszugehörigkeit des vereinigten Deutschland steht im Mittelpunkt des vorletzten Kapitels, und Rödder gibt plausible Antworten auf die Frage, warum Gorbatschow am 31. Mai 1990 die NATO-Mitgliedschaft der Bundesrepublik zugestand: Dies ging zunächst auf die "strategische Planlosigkeit und Handlungsunfähigkeit in Moskau" zurück (250), aber auch auf die erheblichen finanziellen Gegenleistungen der Bundesrepublik und das sicherheitspolitische Entgegenkommen der USA.

Im letzten Kapitel steht zunächst der deutsch-deutsche Prozess der Wiedervereinigung bis zum 3. Oktober 1990 im Mittelpunkt, der durch die beiden Staatsverträge vom 18. Mai und 31. August strukturiert wurde. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Umstrukturierung der Wirtschaft in der DDR - ein Problem, über dessen Umfang sich die Bundesregierung in "notorisch optimistischer Erwartung eines neuen Wirtschaftswunders" (310) erst ganz allmählich klar wurde. Rödder folgt im wesentlichen der Interpretation Ritters, dass es letztlich angesichts des Zeitdrucks keine Alternative zu dem eingeschlagenen Weg gab, bei dem freilich auch Fehler gemacht wurden. Als Beispiel führt er das Versäumnis der Bundesregierung an, die Bürger nicht vor den Bundestagswahlen von 1990 auf größere Belastungen eingestimmt zu haben. Rödder interessiert sich darüber hinaus für die Auswirkungen der Sozialunion sowie der getroffenen Regelungen im Hinblick auf die Eigentumsproblematik und den gesellschaftlichen Umbruch nach 1990 in den östlichen Bundesländern. Vor allem die Ausführungen zu dem letzten Thema sind lesenswert, da sie auch erklären, warum sich eine "empirisch messbare Kultur der Unzufriedenheit und ein Gefühl der Benachteiligung" dort breit machten (350).

Wenngleich diese und andere infolge der Wiedervereinigung aufgetretenen Probleme nicht verschwiegen werden, überwiegt am Ende das Positive. Denn die Wiedervereinigung konnte im Einklang mit den Nachbarn vollzogen werden, Deutschland war 1990 - anders als etwa 1871 - saturiert, "und es vereinte erstmals Volkssouveränität und Freiheit, Einheit und Frieden" (378). Die Hoffnungen des 19. Jahrhunderts hatten sich damit doch noch erfüllt. Ob freilich das wiedervereinigte Deutschland angesichts der Probleme des 21. Jahrhunderts bestehen kann, bleibt auch für Rödder eine offene Frage. Insgesamt handelt es sich bei dem Buch um eine überzeugende, das Wesentliche klug zusammenfassende, abgewogen urteilende Darstellung.

Die besprochenen Werke, die anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von Revolution und Wiedervereinigung erschienen sind, lassen sich nur schwer auf einen Nenner bringen. Zunächst ist positiv zu würdigen, dass die meisten versuchen, auf der Grundlage der verfügbaren Quellen und der immer stärker anwachsenden Fachliteratur das gesamte Geschehen zu erfassen - sei es in einer Darstellung, sei es in einem Sammelband. Diese Bücher weisen auf der einen Seite große Übereinstimmungen auf, beispielsweise hinsichtlich der Zäsuren des Geschehens, des Zusammenhangs von Ausreisebewegung und Massenprotesten und des Verhältnisses der Bürgerrechtler zur Massenbewegung vor und nach dem Mauerfall. Auch darüber, dass "das Volk" der entscheidende Akteur war und der ganze Prozess zumindest bis zum 9. November 1989 eine Revolution gewesen sei, herrscht weitestgehender Konsens. Die Frage stellt sich jedoch, warum diese Positionen, die unter ernsthaften Historiker schon seit längerem unstrittig sind, mit so viel Verve vertreten werden. Man wird den Verdacht nicht los, dass es sich dabei weniger um Geschichtswissenschaft, sondern um Geschichtspolitik handelt - Geschichtspolitik in bester Absicht, mit der herausgestrichen werden soll, dass die Ostdeutschen die SED-Herrschaft aus eigener Kraft abgeschüttelt haben. Die anderen Faktoren, die zu diesem Ergebnis beigetragen haben, werden zwar genannt, aber oftmals nicht genügend gewichtet.

Anders verhält es sich, wenn nicht die Revolution in der DDR, sondern die Wiedervereinigung im Mittelpunkt steht. Dann wird der Einfluss der internationalen Politik, und dabei insbesondere die Politik Gorbatschows als fundamentale Voraussetzung gewürdigt. Aber Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion waren genauso wie die Abkehr Gorbatschows von der Breschnew-Doktrin schon für die Massenproteste in der DDR von entscheidender Bedeutung. Umstritten ist offensichtlich die Frage, ob die Herbstrevolution in der DDR und die sich daran anschließenden Entwicklungen bis zum 3. Oktober als einheitlicher Prozess zu betrachten sind. Statt hier eine künstliche Trennung vorzunehmen, erscheint es sinnvoller, von unterschiedlichen Phasen eines Prozesses zu sprechen. Dabei verschoben sich zwar die Gewichte zwischen den unterschiedlichen Akteuren; aber genauso wie es zutrifft, dass die Revolution in der DDR Voraussetzung für die Wiedervereinigung war, ist es auch richtig, dass mit Revolution und Mauerfall die Frage der Wiedervereinigung wieder auf die Tagesordnung der Weltpolitik kommen musste. Offene Fragen zur friedlichen Revolution in der DDR gibt es kaum noch. Aber vielleicht sollte man verstärkt nach den regionalen Spezifika fragen: Zwar ist Richters voluminöser Band zu Sachsen nicht die erste derartige Arbeit, aber weitere Studien zur Revolution in der Region wären nicht nur aus lokalhistorischem Interesse wünschenswert. Damit könnte zum einen die Frage beantwortet werden, warum in einigen Regionen intensiver und in anderen weniger protestiert wurde, und zum anderen wäre an diesem Gegenstand das Problem des Elitenwechsels vor Ort in und nach der Revolution zu erforschen. Zudem sollte die Revolution in der DDR stärker als Teil des Umbruchs in Ost- und Ostmitteleuropa wahrgenommen werden: Dazu könnte einerseits nach den Perzeptionen der anderen Revolutionen in der DDR gefragt werden, und andererseits eine vergleichende Perspektive sinnvoll sein.


Anmerkungen:

[1] Rainer Eppelmann / Bernd Faulenbach / Ulrich Mählert (Hgg.): Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn u.ö. 2003, 478-482, 525-530.

[2] Gerhard A. Ritter: Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaats, München 2006.

[3] Markus Driftmann: Die Bonner Deutschlandpolitik 1989/90. Eine Analyse der deutschlandpolitischen Entscheidungsprozesse angesichts des Zerfalls der DDR, Münster 2005, 179-189.

Hermann Wentker