Rezension über:

Hartmut Zwahr: Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und "Prager Frühling". Tagebuch einer Krise 1968 bis 1970 (= Archiv für Sozialgeschichte; Beiheft 25), Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2007, 434 S., ISBN 978-3-8012-4176-6, EUR 36,00
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Rezension von:
Michael Kubina
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Michael Kubina: Rezension von: Hartmut Zwahr: Die erfrorenen Flügel der Schwalbe. DDR und "Prager Frühling". Tagebuch einer Krise 1968 bis 1970, Bonn: J.H.W. Dietz Nachf. 2007, in: sehepunkte 8 (2008), Nr. 6 [15.06.2008], URL: http://www.sehepunkte.de
/2008/06/13766.html


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Hartmut Zwahr: Die erfrorenen Flügel der Schwalbe

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Hartmut Zwahr, Jahrgang 1936, erlangte die Hochschulreife an der Arbeiter- und Bauernfakultät und studierte anschließend an der Karl-Marx-Universität Leipzig Geschichte und Germanistik. Nach seiner Promotion 1963 war er dort Assistent. 1974 habilitierte er sich und war seit 1978 Professor an der Sektion Geschichte dieser Universität. 1992 wurde er erneut an die Universität Leipzig berufen und hatte dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2001 den Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte inne. Obwohl er zu den wenigen Historikern aus der DDR gehört, deren Arbeiten auch schon vor 1989 lesbar waren, will man fast nicht glauben, dass jemand mit einer solchen DDR-Karriere vor nunmehr 40 Jahren das hier zu rezensierende Tagebuch geführt hat.

Zwahr schrieb also Tagebuch, damals unter einem defekten gusseisernen Ofen in der Küche verwahrt, dann bei seiner Mutter in Obhut gegeben. Wäre es von der Staatssicherheit gefunden worden, hätte sein Leben wohl eine andere Richtung genommen. Aber die Tschekisten fanden es nicht, weil sie es nicht bei jemandem wie ihm suchten.

Unter dem Eindruck der Ereignisse in der Tschechoslowakei, dem beginnenden "Prager Frühling", nahm er im März 1968 sein 1960 abgebrochenes Tagebuch wieder auf. Es beginnt mit einem kurzen Rückblick, seiner Aufnahme als Kandidat in die SED, ausgerechnet am Bußtag 1966. Genau ein Jahr später wurde er Mitglied "der Partei". Der Eintritt erfolgte "aus Zwang". Ein Kollege von ihm "erzwang ihn mit der offiziellen Mitteilung in der Parteigruppe", Zwahr wolle nunmehr eintreten (13). So waren die Zwänge des Tagebuchschreibers. Und er ließ sich noch zu vielem zwingen. Davon gibt er in seinem Tagebuch reichlich und offen Zeugnis. Das fordert Respekt ab, weniger für den Mut, dies damals in seinem Tagebuch festgehalten zu haben, als dafür, es heute der Öffentlichkeit preiszugeben.

Der Leser wird vom Tagebuchschreiber sofort mitten hineingerissen in das pralle Parteileben. Dessen Schilderung gelingt Zwahr so wirklichkeitsnah, dass es geradezu schmerzhaft zu lesen ist. Dummheit, Geistlosigkeit, Inkompetenz, Duckmäusertum, Obrigkeitshörigkeit, Verantwortungslosigkeit und nicht zuletzt Zeitverschwendung in einem Maß, wie man es sich an einer Universität nicht vorstellen will.

Von einer Demokratie war die Rede, die nur auf dem Papier existierte, ein Sozialismus wurde gepriesen, den die Menschen nicht wollten. Der Autor war immer dabei und entließ abends seine Verzweiflung in sein Tagebuch. Wahlen "mussten" vorbereitet werden, obwohl es nichts zu wählen gab und in denen das Aufsuchen der Wahlkabine zur Stimmabgabe bereits als staatsfeindlicher Akt gewertet wurde. Wer nichts zu verbergen hatte, gab offen seine (Ja-) Stimme ab! Derjenige, der mit dafür sorgte, dass dies alles reibungslos ablief, schrieb dagegen am Abend in seinem Tagbuch: "Mal sehen, wie es aussieht. Es gibt nicht nur Menschen wie uns, die nicht mucksen dürfen." (37) Zu denen, die "mucksen dürfen", zählte der Autor zum Beispiel Theologiestudenten oder Menschen mit einer "einfachen" Arbeit. Der zeitweise beiden Spezies angehörende Rezensent darf dem Autor versichern: Er "durfte" so wenig mucksen wie der Autor, er tat es einfach. Der Autor weiß dies natürlich selbst. Eines wird beim Lesen dieses Tagebuchs überdeutlich: Menschen stellen ganz unterschiedliche Anforderungen an sich selbst und das Leben, und alle haben sie Rechtfertigungen für ihre Sicht.

Doch nicht nur die, die auf den Herrn hoffen, kriegen neue Kraft. In Prag schickten sich Kommunisten an, die Worthülsen mit Inhalten zu füllen, die ihnen gerecht wurden, die Stagnation zu überwinden, die nicht nur das Nachbarland erfasst hatte. Der Autor war wie elektrisiert, verfolgte die für ihn hoffnungsvolle Entwicklung in der Tschechoslowakei wie gebannt. Er kann etwas tschechisch und mit der Zeit immer besser (Begeisterung ist ein guter Lehrmeister), war daher nicht auf die Berichterstattung im westdeutschen Deutschlandfunk oder gar in der DDR angewiesen. Letztere war voller Hetze gegen die Reformversuche im Nachbarland. Die Rede war von Revisionismus, gar von Konterrevolution. Zwahr war überzeugt, dass das "entwickelte System des Sozialismus" am Ende war. Es deformierte, demoralisierte und entwürdigte die Menschen. Wenn Prag nicht Modell werde, werde er kaputtgehen. Es wurde nicht Modell. Der Autor wurde Professor. Doch auch nach dem Einmarsch blieb Hoffnung. Noch war Dubček nicht Heizer (eine "einfache" Arbeit), noch war nichts verloren. Er hörte bis in die Nacht tschechischen Rundfunk, der noch lange nach dem Einmarsch in den Händen der Reformer war. Seine Frau Annette sagte, er sei ein Fanatiker (315).

Neben Prag scheint es in Zwahrs Leben nur noch die Absurditäten des Parteilebens und die Hochschulreform in der DDR gegeben zu haben. Parallel zu Prag wurden die DDR-Universitäten fester an die Leine der Partei genommen. Die Aufgabe der Historiker war die ideologische Schützenhilfe für die Partei. Dem hatte sich jede Forschung unterzuordnen. Das ist es, was Zwahr umtrieb in jenen Monaten. Wen es interessiert, der kann hier allerhand über Schwächen und Stärken der geisteswissenschaftlichen Elite im Leipzig jener Tage erfahren.

Die Welt außerhalb dieses Zwahrschen Mikrokosmos kommt praktisch nicht vor - Vietnamkrieg oder die Studentenrevolte im Westen. Erst als sich die Niederlage der Reformer nicht mehr weghoffen ließ, drangen auch andere Welten wieder in sein Bewusstsein und damit in sein Tagebuch. Mit Sarkasmus beschreibt er jetzt den absurden Alltag in der DDR, Versorgungsprobleme, Bestechung, Privilegien - jeder klaut, wo er kann. Zwahr notierte die Witze des Volkes. Und dennoch, jene, die sich dem System verweigern, der Student, der seinen Parteieintritt vor dem Parteigericht bereut oder der Abiturient, der sagt, dass der Kaiser nackt sei, tauchen bei Zwahr auf wie Sternschnuppen, wie Meteoriten, die aus einer anderen Galaxie kommen. Sie kreuzen kurz die Bahn Zwahrs und verschwinden dann wieder aus seinem Blickfeld. Zwahrs Partei fällte das Urteil: "Das ist kein Mensch mehr. Einsperren." (258). Zwahr beschreibt ein kaputtes Land mit kaputten Menschen. Das war 1968. Es wurde nicht besser.

Das Buch ist, wie so manche historische Quelle, keine leichte Lektüre. Auch wenn der Autor in einem umfangreichen Anmerkungsapparat vieles zu erklären versucht, ist es ohne Spezialkenntnisse aus eigenem Erleben oder historischen Studien oft nur schwer zu verstehen. Manches ist irreführend, etwa wenn Walter Ulbricht als "KPD- und SED-Politiker mit sozialdemokratischer Vergangenheit" vorgestellt wird (348). Der Nutzwert der Anmerkungen ist sehr unterschiedlich, von unerlässlich bis überflüssig, je nach eigenen Kenntnissen. Da sie sich erst geschlossen im Anhang finden, ist das Lesen recht mühsam.

Nicht alles, was Zwahr für erklärungsbedürftig hält, ist es für die Nachgeborenen auch, z.B. Hippies, Beat und Gammler. Das war so eine andere Galaxie. Der Autor und seine Frau Annette überlegen, als Gammler zum Sektionsfasching zu gehen. Gammler sei in Ordnung, die gebe es auch "bei uns", aber Hippies, das könne man auch "andersherum auslegen", so der Rat aus der Familie (321).

Zwahrs Frau hat das Tagebuch, von dem sie immer wusste und in dem sie als Annette ständig präsent ist, übrigens nie gelesen. Ihr genüge es, "das einmal erlebt zu haben" (8). Dem Rezensenten ging es oft ähnlich.

Michael Kubina