Rezension über:

Patrick Major: Behind the Berlin Wall. East Germany and the Frontiers of Power, Oxford: Oxford University Press 2010, XIV + 321 S., ISBN 978-0-19-924328-0, GBP 60,00
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Rezension von:
Michael Kubina
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Dierk Hoffmann / Hermann Wentker im Auftrag der Redaktion der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Empfohlene Zitierweise:
Michael Kubina: Rezension von: Patrick Major: Behind the Berlin Wall. East Germany and the Frontiers of Power, Oxford: Oxford University Press 2010, in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 10 [15.10.2010], URL: http://www.sehepunkte.de
/2010/10/18270.html


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Patrick Major: Behind the Berlin Wall

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Schaut man auf Titel und Cover, denkt man zunächst, es handele sich um ein Buch über die Berliner Mauer, blättert man weiter zum Inhaltsverzeichnis, stellt man etwas überrascht fest, dass in etwa zu gleichen Teilen der Zeitraum von 1945 bis 1961 und dann der vom Mauerbau bis zum Mauerfall 1989 behandelt wird und sogar noch ein nur wenig kürzerer Abschnitt über die Zeit nach der Mauer folgt. Liest man das Buch, wird schnell deutlich, dass es sich nicht allein um eine Geschichte der Berliner Mauer handelt. Zentraler Gegenstand der Arbeit ist die meist mehr als weniger dicht geschlossene Westgrenze.

Dem Autor geht es um eine ganz neue Sicht auf diese Grenze. Für ihn ist der größte Teil der bisherigen Literatur, nicht zuletzt der deutschsprachigen, der Gefahr erlegen, die "Mauer vor lauter Steinen" (7) nicht mehr zu sehen. Er wende sich daher ab vom traditionellen top-down-Ansatz der Geschichtsschreibung des Kalten Krieges, biete dagegen "an interlocking political, social and cultural history of the impact of the open frontier, followed by border closure, on the East German population at large - an everyday history of high politics, if that is not a contradiction in terms." (10)

Er legt dabei den Ansatz des Ökonomen Albert O. Hirschman zugrunde, demzufolge jedes Mitglied einer ökonomischen, politischen oder sozialen Einheit in einer unbefriedigenden Situation zwei grundsätzliche Optionen habe, die Einheit zu verlassen ("exit") oder das Problem anzusprechen und zu beanstanden ("voice"). Wenn beide Möglichkeiten unterdrückt würden, sei auf lange Sicht ein Kollaps der Einheit unvermeidbar. Der Autor unternimmt den Versuch, die Entwicklung von "exit" und "voice" in ihrer, die Macht der SED begrenzenden, Wirkung zu untersuchen.

Doch wie sind für eine Diktatur mit Macht- und Meinungsmonopol im Nachhinein Formen und Inhalt von "voice" zu rekonstruieren? Major versucht dies hauptsächlich mit der Auswertung der apparatinternen Informationen über Stimmungen und Meinungen in der Bevölkerung, seien es die Parteiinformationen, die Berichte der Volkspolizei oder des Ministeriums für Staatssicherheit, Eingaben an Staat oder Partei und ähnlichen Quellen. Damit ist er nicht der erste, aber doch wohl der erste, der es systematisch für den gesamten Zeitraum und mit Konzentration auf die Grenze unternimmt. Seine Darstellung bezieht durchgehend immer wieder die Meinungen im Volk in die Betrachtung mit ein, wie sie sich in seinen Quellen darstellen.

In einem knappen einführenden Kapitel widmet er sich zunächst der Rolle von Mauern in der Geschichte, legt seine methodischen Grundlagen dar und problematisiert seine Quellen. Anschließend behandelt er in drei Kapiteln Aspekte der Zeit "vor der Mauer": die Auswirkungen der politischen und ökonomische Krise, die differenzierten Motive für die "Republikflucht" und den Umgang der SED-Führung mit der faktisch noch offenen Grenze zwischen Repression und Liberalisierung. Die ostdeutsche Bevölkerung habe, so der Autor, durchaus Mittel und Wege gefunden, ihre Stimme zu erheben, erlebte aber eine weitgehend ignorante Führung. Andererseits sei sie in gewisser Weise auch in der Lage gewesen, die SED zu erpressen, stand hinter jeder Beschwerde doch im- und oft auch explizit die Drohung der Republikflucht.

Im anschließenden zweiten Teil des Buches analysiert der Autor zunächst die unmittelbare Reaktion der Bevölkerung auf den Mauerbau und die anfangs scharfe Repression des Staates gegen jeden Protest, um dann zu schildern, wie ein neuer Modus vivendi zwischen Volk und Partei gesucht wurde. Die SED musste jetzt eine soziale Befriedungsstrategie fahren ("Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik"), während das Volk wieder öffentliche Zustimmung gegen das Zugeständnis privater Refugien bot ("Nischengesellschaft"). Der Unterschied zu dem bis zum 13. August geltenden Modus habe vor allem darin bestanden, dass einerseits das Utopieangebot kaum noch wirkte und dem Volk nun zunächst das Erpressungspotential ("exit") fehlte. Dafür habe sich aber parallel auf allen Ebenen eine kulturelle Dissidenz entwickelt. Im anschließenden, mit dem deutschen Wort "Wanderlust" überschriebenen Kapitel, belegt der Autor, wie sich dieses verloren gegangene Erpressungspotential im Ergebnis der Entspannungspolitik wieder einstellte (sich verbessernde Reise- und Fluchtmöglichkeiten, Ausreiseantrag) und vor allem im letzten Jahrzehnt der SED-Herrschaft zunehmend auch genutzt wurde. Entgegen den SED-Verheißungen von einer klassenlosen Gesellschaft habe die Bevölkerung eine neue Spaltung in der Gesellschaft erkennen müssen, zwischen jenen, die Zugang zum Westen hatten (Westverwandtschaft, -geld, -reisen) und jenen, denn solche Privilegien fehlten.

Im letzten Teil erfährt der Leser zunächst, wie ein Zusammenspiel von "exit" und "voice", begünstigt durch äußere Faktoren, das System schließlich 1989 kollabieren ließ. In einem abschließenden Kapitel kritisiert der Autor den Umgang mit der Mauer in den letzten 20 Jahren als hauptsächlich von einer Westsicht geprägt, und stellt den "winners" im Westen die "losers" im Osten gegenüber. Bezogen auf die rechtliche Aufarbeitung meint er feststellen zu können, dass "many [sic!] East Germans felt that they were being subjected to an arbitrary interpretation of West German law" (265).

Es ist das Verdienst dieser Arbeit, die Bedeutung der Grenz- und Reisefrage für die Befindlichkeit der ostdeutschen Bevölkerung und letztlich auch den Untergang der SED-Herrschaft systematisch und auf Basis vieler neuer Quellen herausgearbeitet zu haben. In der bisherigen Forschung wird gern über das Gewicht von externen (Wegfall der Breschnew-Doktrin) und internen (Oppositions- und Bürgerbewegung) Faktoren beim Zusammenbruch der SED-Herrschaft gestritten. Major fügt dem einen weiteren, wie er meint, wesentlichen Faktor hinzu: Es sei falsch, den gewöhnlichen Ostdeutschen lediglich für einen Trittbrettfahrer auf dem Rücken der Opposition zu halten und seine Fähigkeit "of waging guerrilla campaigns which absorbed a great deal of state resources" zu übersehen (293). Unzweifelhaft bietet der Autor viele Argumente für seine Sicht. Aber muss man wirklich die "Meckerkultur" der DDR als den massiven Versuch der Verteidigung ihrer "politischen und Menschenrechte" (293) sehen?

Die Arbeit bietet eine Fülle von Daten, Informationen, Einsichten und Urteilen, die hier kaum angemessen gewürdigt werden können. Der Autor selbst verzichtet auf eine Zusammenfassung seiner Ergebnisse und schließt seine fast 300 Seiten umfassende Darstellung mit nicht einmal vier Seiten "conclusions". Das Buch wird die Forschungsdiskussion in jedem Fall anregen, aber wohl auch Widerspruch hervorrufen, etwa was die statistische Relevanz der ausgewerteten Quellen betrifft. Zudem sind viele Einsichten nicht immer so neu. Die zuweilen eher illustrative als analytische Präsentation von Meinungen aus dem Volk ermüdet den fachkundigen Leser recht schnell, wie auch die für ein solches Publikum zuweilen zu umfängliche Nacherzählung der einschlägigen historischen Vorgänge, etwa der Zweiten Berlin-Krise und des konkreten Ablaufs des Mauerbaus. In diesem Zusammenhang wäre zu fragen gewesen, inwieweit Volkes Stimme in der DDR nicht schlicht durch die Wahrnehmung der westlichen Funk- und Printmedien geprägt worden sei.

Für den historischen Laien ist wiederum die Fragestellung zu speziell. Zudem werden wichtige Aspekte der ostdeutschen Entwicklung und auch der Entwicklung des Verhältnisses von Bevölkerung und SED-Führung gar nicht oder kaum erwähnt, etwa die Zwangsvereinigung von KPD und SPD, die Gleichschaltung der Blockparteien, die Schikanen gegen Kirche und Christen, sowie Opposition und Widerstand in den 1950er Jahren. Für manchen Aspekt, etwa die Rolle von Streiks in der DDR, liegen zudem längst einschlägige Untersuchungen vor, die aber nicht genannt werden. So steht auch die recht kurzatmige und pauschale Kritik an der bisherigen Forschung auf eher wackeligen Beinen.

Bei einer solch umfassenden Darstellung sind Fehler nahezu unvermeidbar. Einige sollen aber doch exemplarisch und ohne Anspruch auf Vollständigkeit erwähnt werden: Die Berliner U-Bahn wurde in den 1950er Jahren nicht mehr von der BVG, die ihren Sitz im Westteil der Stadt hatte, betrieben, sondern war bereits, wie die ganze Stadt, gespalten (28); mit Ingrid Stoph (verheiratete Berger) hat sich 1984 nicht die Tochter, sondern eine Nichte des DDR-Ministerpräsidenten in den Westen abgesetzt (204); Franz Josef Strauß war nicht Bundesfinanzminister, als er 1983 den Milliardenkredit an die DDR vermittelte, sondern bayerischer Ministerpräsident (228).

Michael Kubina