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Sabine Panzram: Produktion und Distribution von Nahrungsmitteln im Imperium Romanum. Der Monte Testaccio und die Forschergruppe CEIPAC. Einführung, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 1 [15.01.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
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Produktion und Distribution von Nahrungsmitteln im Imperium Romanum. Der Monte Testaccio und die Forschergruppe CEIPAC

Einführung

Von Sabine Panzram

'Modernismus' oder 'Primitivismus', das ist hier die Frage - und jeder, der sich mit antiker Wirtschaftsgeschichte beschäftigt, kann sie beantworten. Oder, anders formuliert, beantwortet sie in actu, denn geht er davon aus, dass es Handel gab und diesem eine entscheidende Rolle für das ökonomische Wachstum und für Phänomene wie soziale Mobilität zukam, stellt er sich in die Tradition von Michael Ivanovitch Rostovtzeff. Macht er dagegen die Annahme zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen, dass die Städte des Imperium nicht nur dem Anspruch nach sondern tatsächlich autark waren und Handel nur im Sinne von Luxushandel für die Oberschicht existiert habe, dann folgt er Moses I. Finley. [1] Ob er von Handel im Sinne der Existenz eines freien Marktes, den Angebot und Nachfrage steuern, professionellen Händlern sowie der Verwendung von Geld als Zahlungsmittel spricht oder aber ob er von der Prämisse ausgeht, so genannte primitive Gesellschaften können unter Verwendung moderner Begrifflichkeit nicht angemessen beschrieben und analysiert werden, auf die Problematik verweist, von einer Geldwirtschaft im Imperium Romanum zu sprechen und es vorzieht, von gebundenem Handel zu sprechen - immer bezieht er Position. Die Zuordnung zu den 'Modernisten' oder den 'Primitivisten' folgt qua Automatismus. In Anbetracht einer derart einfachen wie wirkungsvollen Positionierung muss die Provokation schon sehr groß sein, wenn alternative Erklärungsansätze denk- und vorstellbar oder aber gar durchsetzbar sein sollen: in Form neuer Quellen daherkommen oder in der Hauptstadt des Imperium Romanum beheimatet sein.

Der 'achte' Hügel Roms vereint beide Vorzüge. Rund 25 Millionen Ölamphoren, in den Provinzen gefertigt und gefüllt, bilden im Südosten der Stadt, am Fuße des Aventin, in dem Gebiet zwischen dem linken Tiber-Ufer und der Aurelianischen Stadtmauer einen künstlichen Hügel von etwa 45 m Höhe und 1000 m Umfang; ihre Scherben haben hier in den ersten drei nachchristlichen Jahrhunderten die größte 'Müllkippe' des römischen Imperium entstehen lassen. José Remesal Rodríguez hat die Provokation angenommen. Seit 1989 leitet der Professor für Alte Geschichte an der Universität von Barcelona gemeinsam mit Professor José Marίa Blázquez Martίnez aus Madrid (Real Academia de la Historia) und in Zusammenarbeit mit dem Dipartamento di Scienze della Terra der Universität La Sapienza Rom die Untersuchungen auf dem Monte Testaccio. Der Scherbenhaufen war den Römern vergangener Jahrhunderte durchaus ein Begriff: Er galt als Symbol für den Stolz und die Macht Roms, denn laut der volkstümlichen Überlieferung stammten die Amphoren aus allen Provinzen des Imperium und enthielten Produkte, die von diesen als Tribut an die Hauptstadt zu entrichten war. Und auch die Forschung hatte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts an ihm versucht: Heinrich Dressel, von Theodor Mommsen als Initiator des "Corpus Inscriptionum Latinarum" (CIL) damit beauftragt, das instrumentum domesticum Roms aufzunehmen, musste sich dort arbeitend nass regnen lassen, um zu erkennen, dass die Amphoren Inschriften aus schwarzer Tinte trugen. [2] Er begann, diese zu entziffern; glaubte den Besitzer des Öls, die Namen von Händlern und Transportunternehmern sowie einen Beamten des Fiskus ausfindig gemacht zu haben, der mittels Konsulardaten angab, wann die Amphore verschifft worden war. Heinrich Dressel schätzte die Bedeutung seiner Entdeckung richtig ein, suchte aber vergeblich, in der spanischen Forschung Interesse für den "epigraphischen Nippes" zu wecken. Der Monte Testaccio geriet in Vergessenheit.

Ab dem Jahre 1972 beschäftigen sich vereinzelt Wissenschaftler archäologischer wie historischer Provenienz wieder mit dem Befund, bevor 1989 schließlich eine systematische Aufarbeitung der 'Müllkippe' beginnen sollte. Schon bald erkannten José Remesal Rodrίguez und sein Team, dass der römische Volksmund sich geirrt, der Pionier auf dem Gebiet der Amphorenforschung jedoch Recht gehabt hatte: 85% aller Ölamphoren lassen sich als so genannte Dressel 20 klassifizieren und stammten aus der Baetica, und zwar aus einer der rund 100 bisher bekannten Produktionsstätten aus der Region zwischen Hispalis (Sevilla), Corduba (Córdoba) und Astigi (Écija), die - wie beispielsweise La Catria - direkt am Ufer des schiffbaren Baetis (Guadalquivir) lagen. Ihre Stempel, ihre Graffiti und ihre tituli picti geben Auskunft über den Eigentümer und den Produzenten des Öls; über das Leergewicht der Amphore, ihren Inhalt, aber auch den Händler, die Kontrolle durch den Fiskus, das Datum der Verschiffung und den Transportweg. Die 'Müllkippe' entpuppte sich als Archiv, der "epigraphische Nippes" als höchst bedeutsame Quelle für die neue Bewertung der alten Diskussion in der Wirtschaftsgeschichte: Es sind nicht die drei Buchstaben, die die tria nomina mitunter zum Rätsel werden lassen und auch nicht die Graffiti, deren Bedeutung sich nicht in Gänze erschließen will, sondern die tituli picti, die für Polemik sorgen - war der Eigentümer des Öls identisch mit seinem Produzenten und mit demjenigen, der es verschiffte? Oder war er eben nur der Eigentümer in dem Moment, in dem der Transport dieses Grundnahrungsmittels anstand? Waren die erwähnten mercatores, negotiatores, diffusores und navicularii im Auftrag des römischen Staates tätig oder auf eigene Kosten? José Remesal Rodríguez vertritt die These, dass die navicularii Olivenöl transportierten, das Rom gehörte und für ihre Aufwendungen vom Staat entlohnt wurden. [3] Die von Augustus eingerichtete praefectura annonae hatte die Versorgung der Einwohner Roms mit Grundnahrungsmitteln zu sichern; daher verfügte sie über die Naturalien, die als Steuern entrichtet worden waren, über die auf den kaiserlichen Domänen produzierte Güter oder auch zugekaufte Waren. Ihr stand unabhängig vom Marktpreis Olivenöl zu, um einerseits die stadtrömischen Bürger und andererseits die Armee zu versorgen. Der Fund von Dressel 20 in den Militärlagern am Germanischen Limes, von Britannien bis nach Rätien, stützt José Remesal Rodríguez Annahme dahingehend, dass auch die römische Armee eben dieses Olivenöl erhielt. Aus der Notwendigkeit einer kontinuierlichen Versorgung heraus, also als Reaktion auf die Bedürfnisse des Staates, entstand ein interprovinzielles Versorgungssystem, für das Geld als Zahlungsmittel nur in geringem Maße unabdingbar war. Aber seine Genese, die Etablierung der annona in Gebieten wie zum Beispiel dem britannischen Limes, hat dann auch die Entwicklung von Handelsbeziehungen zwischen diesen Regionen und dem Mittelmeerraum im Sinne eines freien, privaten Marktes ermöglicht.

Die Provokation, die diese These dadurch impliziert, dass sie einen neuen Erklärungsansatz jenseits der beiden traditionellen 'Schulen' bietet, ist ihrerseits groß. Doch der spanische Althistoriker und seine Forschergruppe CEIPAC (Centro para el Estudio de la Interdependencia Provincial en la Antigüedad Clásica, gefördert mit Mitteln des Ministerio de Educación y Cultura und der Real Academia de la Historia) wissen die Quellen auf ihrer Seite: Über 30.000 Datensätze enthält ihre über das Internet unter http://ceipac.ub.edu zugängliche Datenbank bereits; dabei vergrößert sich insbesondere der geographische Bereich, aus dem die Amphoren stammen, ständig. Dieses Jahr konnte die Aufnahme des Bestandes in Xanten abgeschlossen werden, gleichzeitig setzten die Arbeiten in Tunesien ein. Für das kommende Jahr liegt ein Angebot aus Albanien vor. Damit geht immer auch eine personelle Vergrößerung des Teams einher: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, England, Italien, Portugal, der Schweiz, Tunesien, ja sogar Brasilien kommen nach Barcelona, um sich in die Lesart der Stempel und Pinselaufschriften einweisen zu lassen. Neben den Untersuchungen in der Hauptstadt des Imperiums, auf dem Monte Testaccio, rückt damit immer auch mehr die Peripherie in den Mittelpunkt, die einst den Ausgangspunkt gebildet hatte: Im Jahre 1986 hatte José Remesal Rodríguez sein erstes Corpus von Amphorenstempel des Typus Dressel 20 aus Germanien vorgelegt; die Besprechung dieser grundlegenden, mit einiger Verzögerung ins Deutsche übersetzten Untersuchung (Remesal Rodríguez 1997) eröffnet das Forum, das signifikante Publikationen der Mitarbeiter von CEIPAC präsentiert. Es folgen die in regelmäßigen Abständen erscheinenden "Estudios sobre el Monte Testaccio", in denen die Forschergruppe das Material der im Jahresrhythmus stattfindenden Kampagnen in gedruckter Form vorlegt (Blázquez Martínez / Remesal Rodríguez 1999-2003) sowie eine Studie, die konsequenterweise die Verortung dieses künstlichen 'achten' Hügels in der Topographie Roms untersucht (Aguilera Martín 2002). Nach der Hauptstadt rückt das Imperium in den Mittelpunkt des Interesses, wenn es nämlich um die Produktion und Distribution von Olivenöl - aber auch Fischsaucen - in benachbarten hispanischen (Berni Millet 1998; Lagóstena Barrios 2001) oder gar entfernten Provinzen wie Britannien (Carreras / Funari 1998; Carreras Monfort 2000) geht. In diesem Kontext darf die Frage des Transports selbstverständlich nicht fehlen; sind es doch die - stets unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit gehobenen - Schiffswracks (Carreras Monfort / Aguilera Martín 2004), deren Ladungen aus Öl-, Wein- und garum-Amphoren es ermöglichen, mediterrane Handelsrouten zu erschließen (Molina Vidal / Márquez Villora 2005). Möglichkeiten und Grenzen der Erforschung jedweder "Epigrafía anfórica" reflektieren die Beiträge eines Sammelbandes, der eine Bestandsaufnahme des Status quo bietet (Remesal Rodríguez 2004); drei weitere Arbeiten gehen dagegen klar über den genuinen Forschungsschwerpunkt von CEIPAC hinaus: Doch selbst wenn sie das Territorium von Tarraco (Tarragona) (Arrayás Morales 2005) und das Stadtgebiet von Iluro (Mataró) untersuchen (Cela Espín / Revilla Calvo 2004) oder aber das Phänomen der Versteigerung in den Blick nehmen (García Morcillo 2005), so tragen auch sie dazu bei, unsere Kenntnis über das Wirtschaftsleben in seiner Gesamtheit zu vergrößern. Und vielleicht kommt dann 'der' theoretische Entwurf dieses Jahrhunderts zum Charakter der römischen Wirtschaft - jenseits von 'Primitivismus' und 'Modernismus', von Vereinigten Staaten und Cambridge - ja irgendwann aus Barcelona.

Anmerkungen:

[1] M.I. Rostovtzeff: The Social and Economic History of the Roman Empire, Oxford 1926 bzw. M.I. Finley: The Ancient Economy, New York/London 1973. Einen grundlegenden Überblick über diese Kontroverse bieten H.-J. Drexhage / H. Konen / K. Ruffing (Eds.): Die Wirtschaft des Römischen Reiches (1.-3. Jh.). Eine Einführung, Berlin 2002 und K. Strobel (Ed.): Die Ökonomie des Imperium Romanum. Strukturen, Modelle und Wertungen im Spannungsfeld von Modernismus und Neoprimitivismus, St. Katharinen 2002 (= Pharos; 17).

[2] Zur Forschungsgeschichte siehe zum Beispiel J. Remesal Rodríguez: Baetican Olive Oil and the Roman Economy, in: S. Keay (Ed.): The Archaeology of Early Roman Baetica, Portsmouth 1998, 183-199 (= JRA. Supplementary Series; 29), Ders.: Heeresversorgung im frühen Prinzipat. Eine Art, die antike Wirtschaft zu verstehen, in: MBAH 21.1 (2002), 69-84, Ders., José: Römische Amphoren aus Xanten. Epigraphische Aspekte, in: Xantener Berichte. Grabung - Forschung - Präsentation 14 (2006), 41-48.

[3] Auf J. Remesal Rodríguez: Providentia et annona: Cum ventri tibi humano negotium est, in: F. Marco Simón / F. Pina Polo / J. Remesal Rodríguez (Eds.): Religión y propaganda política en el mundo romano, Barcelona 2002, 119-125, Ders.: Baetica and Germania. Notes on the Concept of 'Provincial Interdependence' in the Roman Empire, in: P. Erdkamp (Ed.): The Roman Army and the Economy, Amsterdam 2002, 293-308, Ders.: L'Afrique au Testaccio, in: M. Khanoussi / P. Ruggeri / C. Vismara (Eds.): L'Africa Romana. Vol. 15: Ai confini dell'Impero: contatti, scambi, conflitti. Tozeur 2002, Rom 2004, 1077-1089, sei nur beispielhaft verwiesen; eine ausführliche Bibliographie findet sich unter http://ceipac.ub.edu.

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