Rezension über:

J. Remesal Rodríguez: Heeresversorgung und die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Baetica und Germanien. Materialien zu einem Corpus der in Deutschland veröffentlichten Stempel auf Amphoren der Form Dressel 20 (= Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg; Bd. 42), Stuttgart: Theiss 1997, 271 S., 35 Abb., ISBN 978-3-8062-1314-0, EUR 44,00
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J. Remesal Rodríguez: La "annona militaris" y la exportacion de aceite betico a "Germania" con un "corpus" de sellos en anforas Dressel, 20 hallados en. Nimega, Colonia, Mainz, Saalburg, Zugmantel y Nida-Heddernheim, Madrid: Edición de la Universidad Complutense 1986, 283 S., ISBN 9788474911862
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Rezension von:
Kai Ruffing
Seminar für Alte Geschichte, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Kai Ruffing: Heeresversorgung und die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Baetica und Germanien (Rezension), in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 1 [15.01.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/01/11036.html


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Heeresversorgung und die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Baetica und Germanien

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Die hier anzuzeigende José Remesal Rodríguez zu verdankende Monografie ist die deutsche Übersetzung seiner 1986 auf Spanisch veröffentlichten Untersuchung, die um ein Corpus der bis 1985 publizierten Amphorenstempel erweitert wurde. Dementsprechend wurde der Textteil in seiner Essenz für die deutsche Ausgabe übernommen und repräsentiert somit den Stand der Forschungen und Überlegungen Remesals zu dem angesprochenen Themenkomplex gegen Ende der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts (9).

Folgerichtig liefert Remesal Rodríguez in der auf Deutsch publizierten Arbeit zunächst einen Überblick über die seit dem Manuskriptschluss der spanischen Version erschienene Literatur auf dem Gebiet der Erforschung der Amphoren und ihrer Auswertung für historische Fragestellungen (9-11). Auf diese einleitenden Bemerkungen folgen Ausführungen, in denen der Autor seine Methode darlegt und wissenschaftsgeschichtliche Ausführungen zu dem ihn beschäftigenden Thema macht (13-21). Völlig zu Recht unterstreicht er dabei die Notwendigkeit des schon von M.I. Rostovtzeff vertretenen Ansatzes, auch den archäologischen Befund in Gestalt der Amphoren in die Diskussion über die antike Wirtschaft miteinzubeziehen (13). Besondere Beachtung hinsichtlich der von Remesal Rodríguez angewandten Methode der Auswertung des Befundes an Dr.-20-Amphoren muss dem Umstand geschuldet werden, dass er angesichts des damaligen Forschungsstandes seine Analyse und seine Schlussfolgerungen auf die Untersuchung der gestempelten Amphoren respektive der Amphorenstempel gründete, die er - soweit möglich - im Zusammenhang mit den tituli picti betrachtete (20 f.). Er macht hier somit dezidiert auf die Nichtberücksichtigung der ungestempelten Amphoren ebenso aufmerksam wie auf die Beschränkung der Analyse auf Dr. 20, wobei er betont, idealerweise müssten alle an einem gegebenen Ort gefundenen Amphoren Gegenstand der Untersuchung sein. Ebenso legt er dementsprechend an dieser Stelle dar, dass er die Ergebnisse seiner Ausführungen und Analysen lediglich als Tendenzen, nicht aber als absolute Werte verstanden wissen will (21; s.a. 29 f.).

Nach diesen Ausführungen zur Methode seiner Arbeit und der notwendigen Eingrenzung des Themas geht Remesal Rodríguez auf die Typologie der Dr.-20-Amphore und die diesbezüglich zu eruierende Chronologie ein (22-28). Im Anschluss daran legt er die Auswertung des Kataloges, wie er sie im Jahre 1986 vorgenommen hat (29-51), sowie eine solche aus dem Jahr 1990 vor (52-61). Dabei betrachtet er jeweils sowohl die Abnehmerorte in Germanien als auch die Produktionsstätten in der Baetica. Aufgrund seiner so durchgeführten Analysen vermag Remesal Rodríguez dann dezidierte Verbindungen zwischen einzelnen Produktionsorten in der Baetica und Abnehmerorten in Germanien nachzuweisen. Diese zu konstatierenden Verbindungen und die hieraus resultierende hohe Bedeutung der Baetica für die Versorgung der in Germanien stationierten Soldaten und der Stadt Rom bringt er dann mit den Bürgerrechtsverleihungen der Flavier in diesem Gebiet zusammen; er sieht diesen Schritt motiviert u. a. durch das Interesse des Staates, in diesem Gebiet - also insbesondere der Zone um den Guadalquvir - einheitliche Rechts- und Verwaltungsstrukturen zu schaffen, um auf diese Weise eine Stabilisierung des Marktes und eine Intensivierung der Produktion zu erreichen (49). Man hätte es in diesem Fall übrigens mit einer sehr deutlich erkennbaren Wirtschaftspolitik des römischen Staates zu tun. [1] Darüber hinaus stellt der Autor in seinem Ergebnis Überlegungen zu den Bedarfszahlen des römischen Heeres an Olivenöl an, die er zu den dafür notwendigen Anbauflächen in Beziehung setzt (49 f.). Bezüglich der Transportwege betont er schließlich die hohe Bedeutung des Seeweges über den Atlantik, den er gegenüber einem Transport über die Rhône deutlich präferiert (50 f.). Im Rahmen der 1990 angestellten Auswertung, die auf einer verbreiterten Materialbasis beruht, da sie nicht nur auf den in Autopsie betrachteten Stempeln, sondern allen bis 1985 publizierten Stempeln beruht (52 f.), vermag er schließlich die von ihm herausgearbeiteten Tendenzen zu untermauern.

Auf seinen so gewonnenen Ergebnissen baut Remesal Rodríguez im Folgenden seine Ausführungen zur Heeresversorgung in der römischen Kaiserzeit und ihren wirtschaftlichen Implikationen auf. Hierzu sucht er zunächst nachzuweisen, dass die Heeresversorgung in den Provinzen einen Teil der annona und der diesbezüglichen Verwaltung bildete und zwischen den Provinzkassen ein Verrechnungssystem existierte, über das die Lieferungen an das Heer in finanzieller Hinsicht abgewickelt werden konnten (62-67).

Das folgende Kapitel widmet sich dem Beschaffungswesen innerhalb der römischen Armee. Dabei unterscheidet er zwischen der Eigenversorgung der jeweiligen Einheiten, den Bezug aus der Provinz, in dem die jeweilige Einheit stationiert war, und Lieferungen aus entfernteren Provinzen. Im Zuge dieser Darlegungen wird auch die Buchführung beim Militär thematisiert (68-70).

Daran anschließend geht Remesal Rodríguez zum administrativen Aufbau der Heeresversorgung über. Hierbei betont er noch einmal die Funktion der praefectura annonae für die Versorgung aller Einheiten im Römischen Reich. Dabei liefert er auch einen Überblick über die Zeugnisse, die für Verwaltungschargen, die mit der Heeresversorgung betraut waren, vorliegen (71-80).

Die Ergebnisse und die sich daraus ergebenden weiteren Perspektiven der Forschung resümiert der Autor dann in einem abschließenden Kapitel (81-83). Als entscheidendes Ergebnis seiner Untersuchung hebt er die Etablierung fester wirtschaftlicher Beziehungen zwischen der Baetica und Orten am Limes hervor, die sich aus der Produktion und dem Konsum von Olivenöl ergaben. Aus diesem Sachverhalt deduziert Remesal Rodríguez ein planmäßiges Eingreifen des Staates in die Wirtschaftsbeziehungen einzelner Gebiete des Imperium Romanum. Dies hatte auch Veränderungen auf sozialgeschichtlichem Gebiet zur Folge, etwa in der Verleihung des latinischen Bürgerrechtes in der Baetica beziehungsweise dem sozialen Aufstieg hispanischer Familien in die imperiale Führungs- und Oberschicht. Wiederum unterstreicht er dann die Bedeutung der praefectura annonae für die Heeresversorgung und die Existenz von Verrechnungsinstanzen zwischen den einzelnen Provinzen.

Auf die Analyse folgen dann der Katalog der Stempel auf Dr.-20-Amphoren (84-165) sowie Abbildungen der Stempelungen und Umzeichnungen betreffender Amphoren (166-179). Beschlossen wird die Arbeit durch 17 ausführliche Indizes (180-268).

Mit dieser Arbeit weist Remesal Rodríguez nach, wie wichtig die Berücksichtigung von Kleininschriften und archäologischen Zeugnissen für strukturgeschichtliche Untersuchungen war und ist. Mit seiner Arbeit und seinen Modellen hat er die Sicht und Richtung der diesbezüglichen Forschungen in den letzten 20 Jahren wesentlich bestimmt. Erst in jüngerer Zeit wurde Kritik an Methode und Ergebnissen geäußert. Dass seine Positionen sowohl hinsichtlich dieser Methodik, in der er als ein Pionier zu gelten hat, als auch inhaltlicher Fragen in der neueren Forschung so kontrovers diskutiert werden [2], unterstreicht die grundlegende Bedeutung seiner Arbeiten. In Bezug auf die Wirtschaftsgeschichte der Römischen Kaiserzeit ist ihm auch das Verdienst zuzuschreiben, abseits primitivistischer Orthodoxien gezeigt zu haben, dass die Analyse der dokumentarischen Quellen ein gänzlich von der neoprimitivistischen Sicht der Dinge unterschiedliches Bild lieferte.


Anmerkungen:

[1] Zur Wirtschaftspolitik in der Kaiserzeit vgl. H.-J. Drexhage u.a.: Die Wirtschaft der römischen Kaiserzeit in der modernen Deutung: Einige Überlegungen, in: K. Strobel (Hg.): Die Ökonomie des Imperium Romanum. Strukturen, Modelle und Wertungen im Spannungsfeld von Modernismus und Neoprimitivismus. Akten des 3. Trierer Symposiums zur Antiken Wirtschaftsgeschichte, St. Katharinen 2002 (Pharos XVII), 1-66, hier 5-21.

[2] Vgl. L. Wierschowski: Die römische Heeresversorgung im frühen Prinzipat, in: MBAH XX 2 (2001), 37-61; B. Onken: Administrative Zuständigkeiten bei der Organisation der römischen Heeresversorgung im 1. u. 2. Jh. n. Chr., in: Laverna XII (2001), 123-138; U. Ehmig: Die römischen Amphoren aus Mainz, Bd. 1, Möhnesee 2003 (= FArS 4), 91-110. Vgl. dazu die Replik auf die Äußerungen auf L. Wierschowski von J. Remesal Rodríguez: Heeresversorgung im frühen Prinzipat. Eine Art, die antike Wirtschaft zu verstehen, in: MBAH XXI 1 (2002), 69-84, sowie die Stellungnahme zu diesem Forschungsstreit von A. Tchernia: L'arrivée de l'huile de Bétique sur le limes germanique: Wierschowski contre Remesal, in: L. Rivet / M. Sciallano (Hg.): Vivre, produire et échanger: reflets méditerranéens. Mélanges offerts à Bernard Liou, Montagnac 2002, 319-324.

Kai Ruffing