Rezension über:

Daniel Kah / Peter Scholz (Hgg.): Das hellenistische Gymnasion (= Wissenskultur und sozialer Wandel; Bd. 8), München: Oldenbourg 2004, 465 S., 40 Abb., ISBN 978-3-05-004078-3, EUR 69,80
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Rezension von:
Matthias Haake
Seminar für Alte Geschichte, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Klaus Freitag
Empfohlene Zitierweise:
Matthias Haake: Rezension von: Daniel Kah / Peter Scholz (Hgg.): Das hellenistische Gymnasion, München: Oldenbourg 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 12 [15.12.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/12/7174.html


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Daniel Kah / Peter Scholz (Hgg.): Das hellenistische Gymnasion

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Gilt es, charakteristische Institutionen der hellenistischen und kaiserzeitlichen polis zu benennen, so kommt dem gymnasion dabei zweifellos eine nachgerade zentrale Rolle zu: Von Massalia im Westen bis hin nach dem im heutigen Afghanistan gelegenen Aï Khanoum im Osten, von Tanais im Norden bis zum oberägyptischen Ombos im Süden sind gymnasia epigrafisch und respektive oder archäologisch bezeugt. [1]

Der anzuzeigende Sammelband "Das hellenistische Gymnasion", den Daniel Kah und Peter Scholz herausgegeben haben, ist seit über vierzig Jahren der erste Versuch, sich dem Phänomen gymnasion in umfassender Weise, wenn auch zeitlich begrenzt, zu widmen. War es Jean Delorme in seiner im Jahre 1960 publizierten, monumentalen Studie "Gymnasion" [2] darum gegangen, sich mit dem Komplex 'gymnasion' von der archaischen Zeit bis in die römische Kaiserzeit monografisch zu befassen, so haben sich die beiden Herausgeber des vorliegenden Bandes für einen dezidiert anderen Ansatzpunkt entschieden: Sie wählten eine Epoche aus, in der dem gymnasion eine ganz besonders große Bedeutung zukommt, nämlich den Hellenismus. Im Rahmen eines Kolloquiums zu Ehren des Frankfurter Althistorikers Klaus Bringmann anlässlich dessen 65. Geburtstags sollte in vierzehn Vorträgen und elf Koreferaten das hellenistische gymnasion in seinen verschiedenen Facetten und Funktionen erfasst werden. [3] Dieses ambitionierte Unterfangen, das sich auf zahlreiche archäologische, epigrafische und historische Einzelstudien zum gymnasion aus den letzten vier Jahrzehnten stützen konnte [4], ist vollauf gelungen; als Ergebnis der Frankfurter Tagung haben Daniel Kah und Peter Scholz einen Band vorgelegt, der die Tagungsthemen in neuer Gliederung beinhaltet. [5]

In vier großen Themenblöcken ("Erziehung, Ausbildung, Sozialisation: Das Gymnasion als Bildungsinstitution", 25-128 [6], "Die 'zweite Agora': Das Gymnasion in der Polis", 129-311 [7], "Akkulturation durch Bildung? Das Gymnasion im griechischen Osten", 313-348 [8] und "Architektur und Statuenschmuck: Die materielle Ausgestaltung der Gymnasien", 349-411 [9]) werden vier zentrale Aspekte des hellenistischen gymnasion als sozialem Ort abgehandelt, die eng miteinander verwoben sind und sich vielfach gegenseitig bedingen; eingerahmt werden diese Themenblöcke von einer "Einleitung" von P. Scholz (11-24) und "Eine[r] Bilanz: Die Entwicklung des Gymnasions zur Institution der Sozialisation in der Polis" von H.-J. Gehrke (413-420).

Die Zahl der Beiträge und deren ebenso umfassende wie verschiedenartige Themenstellung machen es unmöglich, die Aufsätze im Rahmen der vorliegenden Rezension je für sich genommen zu besprechen. Hervorgehoben sei deswegen als Form einer grundsätzlichen Würdigung, dass sowohl die vier Themenblöcke als auch der Sammelband insgesamt von ihrer Disposition her voll und ganz zu überzeugen vermögen. Bedauerlich erscheint es dem Referenten jedoch, dass mit den auf der Tagung gehaltenen Koreferaten uneinheitlich umgegangen worden ist: Während nämlich einige - wie etwa diejenigen von M. Hatzopoulos, J. Engels, S. V. Tracy und K. Bringmann [10] - Eingang in den Sammelband gefunden haben, sind andere - etwa von Ph. Gauthier und W. V. Harris [11] - nicht publiziert worden. Auch wenn die Ausführungen der Koreferate in den Beiträgen Berücksichtigung gefunden haben, zeigt der Themenblock IV ("Architektur und Statuenschmuck: Die materielle Ausgestaltung der Gymnasien"), wie gewinnbringend die Publikation der Beiträge (C. Wacker; R. von den Hoff [12]) und Koreferate (W. Raeck; W. Martini [13]) ist.

Obgleich es sich bei "Das hellenistische Gymnasion" nicht um ein Handbuch handelt, wird das Phänomen des gymnasion in hellenistischer Zeit auf breiter Basis multiperspektivisch und facettenreich abgehandelt. Und auch wenn man nicht allen Beiträgen in gleichem Maße wird zustimmen wollen, so ist doch die hohe Qualität des Kolloquiumsbandes hervorzuheben. Für zukünftige Forschungen zum hellenistischen gymnasion und Auseinandersetzungen mit diesem Themenkomplex wird der besprochene Sammelband ein Referenzwerk sein, das anregt - unabhängig davon, ob einzelne Thesen Zustimmung finden oder Widerspruch evozieren.


Anmerkungen:

[1] Massalia: Inscriptiones Graecae XIV Nr. 2445 = Inscriptions Grecques de la France Nr. 15; vgl. zu dieser Inschrift G. Cordiano, La ginnasiarchia nelle «poleis» dell'occidente mediterraneo antico (= Studi e testi di storia antica 7), Pisa 1997, 55-56. - Aï Khanoum: P. Bernard: Gymnase d'Aï Khanoum, in: G. A. Pugacenkova et al. (éds.): La culture urbaine de la Bactriane-Tokharistan et de la Sogdiane. Matériaux du colloque soviéto-français (Samarcande 1986), Taškent 1987, 22-31 (in russ.) und S. Veuve: Fouilles d'Aï Khanoum VI. Le gymnase. Architecture, céramique, sculpture (= Mémoires de la Délégation Archéologique Française en Afghanistan XXX), Paris 1987. - Tanais: Corpus Inscriptionum Regni Bosporiani Nr. 1260. - Ombos: A. Bernand: De Thèbes à Syène, Paris 1989 (= I. Eg. Syene) Nr. 189 = ders.: La prose sur pierre dans l'Égypte héllenistique et romaine I, Paris 1992 (= I. Eg. Prose) Nr. 21; s. den in diesem Band vorliegenden Beitrag von Habermann, 338.

[2] J. Delorme: Gymnasion. Étude sur les monuments consacrés à l'éducation en Grèce (des origines à l'Empire romain), Paris 1960.

[3] Vgl. auf Seite 461 die Namensliste der Referenten, Koreferenten und Diskussionsleiter.

[4] Verwiesen sei hier allein auf einige wichtige - jedoch mehr oder weniger willkürlich ausgewählte - Arbeiten: J. Audiat: Le gymnase (= Délos XXVIII), Paris 1970; W. Martini: Das Gymnasium von Samos (= Samos XVI), Bonn 1984; Veuve (wie Anm. 1); P. Gauthier / M. Hatzopoulos: La loi gymnasiarchique de Béroia (= MELETEMATA 16), Athen / Paris 1993; P. Gauthier: Notes sur le rôle du gymnase dans les cités hellénistiques, und H. v. Hesberg: Das griechische Gymnasion im 2. Jh. v.Chr., in: M. Wörrle / P. Zanker (Hg.): Stadtbild und Bürgerbild im Hellenismus. Kolloquium, München, 24. bis 26. Juni 1993 (= Vestigia 47), München 1995, 1-11 und 13-27; C. Wacker: Das Gymnasion in Olympia. Geschichte und Funktion (= Würzburger Forschungen zur Altertumskunde 2), Würzburg 1996; Cordiano (wie Anm. 1); E. Mango: Das Gymnasion (= Eretria XIII), Gollion 2003.

[5] Von den in Frankfurt gehaltenen Vorträgen sind die Beiträge von H. Kotsidu, die sich mit der Vermittlung und Ausübung musischer Künste beschäftigt hatte (vgl. Scholz, 12), und T. Scheer nicht in den Sammelband eingegangen. Dafür sind Beiträge von B. Dreyer: Die Neoi im hellenistischen Gymnasion, 211-236; S. Aneziri / D. Damaskos: Städtische Kulte im hellenistischen Gymnasion, 247-272, sowie E. Mango: Bankette im hellenistischen Gymnasion, 273-312, die nach der Liste der Referenten (461) nicht auf dem Kolloquium vorgetragen haben, in den Sammelband eingeflossen.

[6] Die Beiträge stammen von I. Weiler: Gymnastik und Agonistik im hellenistischen Griechenland, 25-46; D. Kah: Militärische Ausbildung im hellenistischen Gymnasion, 47-90, und P. Scholz: Elementarunterricht und intellektuelle Bildung im hellenistischen Gymnasion, 103-128.

[7] Mit den Aufsätzen von W. Ameling: Wohltäter im hellenistischen Gymnasion, 129-162; C. Schuler: Die Gymnasiarchie in hellenistischer Zeit, 162-192; L. Burckhardt: Die attische Ephebie in hellenistischer Zeit, 193-206, und J. Kobes: Teilnahmeklauseln beim Zugang zum Gymnasion, 237-246, sowie den Beiträgen von Dreyer, Aneziri / Damaskos und Mango; s. zu den drei zuletzt genannten Anm. 5.

[8] Die beiden aus den Vorträgen erwachsenen Beiträge sind K. Groß-Albenhausen: Bedeutung und Funktion der Gymnasien für die Hellenisierung des Ostens, 313-322, und W. Habermann: Gymnasien im ptolemäischen Ägypten - eine Skizze, 335-348.

[9] Zu den Aufsätzen von Wacker und von den Hoff s. Anm. 12.

[10] La formation militaire dans les gymnases hellénistiques, 91-96; Das Training im Gymnasium als Teil der Agoge des hellenistischen Sparta, 97-102; Reflections on the Athenian Ephebeia in the Hellenistic Age, 207-210; Gymnasion und griechische Bildung im Nahen Osten, 323-334.

[11] Zur Liste der Koreferenten s. Seite 461.

[12] Die bauhistorische Entwicklung der Gymnasien. Von der Parkanlage zum 'Idealgymnasion' des Vitruv, 349-362; Ornamenta gymnasiode? Delos und Pergamon als Beispielfälle der Skulpturenausstattung hellenistischer Gymnasien, 373-406.

[13] Archäologische Randbemerkungen zum griechischen Gymnasion, 363-372; Bemerkungen zur Statuenausstattung der hellenistischen Gymnasien, 407-412.

Matthias Haake