Rezension über:

Klaus-Dietmar Henke: Die Dresdner Bank 1933-1945. Ökonomische Rationalität, Regimenähe, Mittäterschaft (= Die Dresdner Bank im Dritten Reich; Bd. 4), München: Oldenbourg 2006, VIII + 232 S., ISBN 978-3-486-57868-3, EUR 79,80
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Rezension von:
Werner Plumpe
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Empfohlene Zitierweise:
Werner Plumpe: Rezension von: Klaus-Dietmar Henke: Die Dresdner Bank 1933-1945. Ökonomische Rationalität, Regimenähe, Mittäterschaft, München: Oldenbourg 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 11 [15.11.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/11/10771.html


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Klaus-Dietmar Henke: Die Dresdner Bank 1933-1945

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Mit der vierbändigen Geschichte der Dresdner Bank im 'Dritten Reich' nähert sich zwar nicht die Erforschung des Verhältnisses von Wirtschaft und Politik, Staat und Unternehmen in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur ihrem Abschluß, es geht aber doch ein Forschungs- und Diskussionszyklus zu Ende, der in den 1990er Jahren einsetzte und zwischenzeitlich eine Fülle einschlägiger Arbeiten hervorgebracht hat. Nicht zufällig häufen sich derzeit auch die resümierenden Aufsätze; zudem, so hört man, ist in absehbarer Zeit wohl auch mit Gesamtdarstellungen der Wirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus zu rechnen, in denen die Rolle der privaten Unternehmen einen wichtigen Platz einnehmen wird. Dem hier zu besprechenden vierten Band des Dresdner-Bank-Projektes kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, präsentiert Henke doch gerade nicht die Ergebnisse eigener empirischer Forschung. Vielmehr geht es ihm um die Zusammenfassung und Interpretation der von einer großen Autorengruppe um Johannes Bähr, Harald Wixforth und Dieter Ziegler in den ersten drei Bänden breit entfalteten Ergebnisse mehrjähriger Forschung zur Geschichte der Dresdner Bank im 'Dritten Reich'.

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Lektüre des vierten Bandes macht die Auseinandersetzung mit den ersten drei Bänden keineswegs überflüssig, und es ist auch nicht Henkes Ziel, eine Art Kurzfassung der anderen drei Bände vorzulegen; ihm geht es nach eigener Aussage vielmehr darum, die "methodischen Prämissen und die leitenden Fragestellungen" des Projektes darzulegen und eine Gesamtinterpretation vorzunehmen. (VII) Entsprechend ist das Buch aufgebaut. An eine kurze Skizze des in der Tat höchst kontroversen historischen Bildes, das die Dresdner Bank nach 1945 von sich selbst zeichnete bzw. das von ihr seit den 1980er Jahren gezeichnet wurde, schließen sich einige methodische Überlegungen zur Dresdner Bank als Forschungsgegenstand an, die stark von der allgemeinen unternehmenshistorischen Debatte zur Geschichte der nationalsozialistischen Diktatur geprägt sind. Hier folgt Henke der inzwischen gängigen Auffassung, dass die Diktatur den Unternehmen ihre Autonomie nicht nahm, aber ihre Handlungsspielräume veränderte. Die Frage, wie diese genutzt worden sind, steht damit im Kern der Untersuchung. Damit verbunden ist die Frage nach den Gründen und Motiven, die ein bestimmtes Verhalten begünstigten, ein anderes ausschlossen. Den eigentlichen Kern der Darstellung (39-219) macht dann die in chronologische Reihe gebrachte Wiedergabe der Forschungsergebnisse der ersten drei Bände aus, die lediglich im Fall der Geschichte der Finanzhäuser im besetzten Polen durch zusätzliche Forschungsergebnisse ergänzt werden. Ein knappes Nachwort faßt die Ergebnisse noch einmal zusammen: Hiernach war die Dresdner Bank nicht "verstrickt", sondern aktiver Mittäter. Eine "Erosion professioneller Normen und moralischer Standards in der Wirtschaft" habe man überall beobachten können, "weil alle Unternehmen in demselben Spannungsfeld von ökonomischer Rationalität, Regimenähe und Mittäterschaft arbeiteten. Bei der Dresdner Bank führte diese Enthemmung aufgrund ihrer ökonomischen Situation, ihrer personellen Voraussetzungen und ihrer politischen Möglichkeiten jedoch besonders weit." (224) Man sei bereit gewesen, "im ideologischen Kernbereich nationalsozialistischer Politik" aktiv und freiwillig mitzuwirken; dies habe zu "inakzeptablem Verhalten und schwerer historischer Schuld" geführt. (225)

Da Henkes Darstellung nicht vorrangig der Präsentation neuer Forschungsergebnisse dient, stehen diese auch nicht im Vordergrund der folgenden Anmerkungen. Die Frage ist vielmehr: Gelingt es Henke, aus den Forschungsergebnissen einen Ertrag zu destillieren, der über die Geschichte der Dresdner Bank hinausführt und die Unternehmensgeschichtsschreibung zum Nationalsozialismus voranbringt? Begreift man nach der Lektüre des Buches die Zusammenhänge besser, wie Unternehmen ihre Handlungsspielräume nutzten ? Und schließlich: Wird die Funktionsweise der Wirtschaft im Nationalsozialismus transparenter? Steht die Dresdner Bank für sich allein, oder markiert ihr Fall eine nur radikalere Variante eines allgemeinen Versagens? Zwei Aspekte der Argumentation sind deshalb von besonderem Interesse: erstens die Vorstellung der Zusammenarbeit von Staat und Unternehmen allgemein, zweitens deren konkrete Ausprägung am Beispiel der Dresdner Bank. Die Grundinterpretation der Beziehung von Staat und Unternehmen geht von der weiter bestehenden, wenn auch eingeschränkten Handlungsautonomie der Unternehmen aus. Henke stellt die Frage, wie bestehende Handlungsspielräume genutzt wurden, jedoch nicht grundsätzlich in dem Sinne, dass er den Möglichkeiten von Unternehmen in Marktwirtschaften generell nachginge, um vor diesem Hintergrund dann ihre spezifische Handlungsweise in der Diktatur zum Thema zu machen. Er geht vielmehr unmittelbar zur Beantwortung der Frage nach dem Verhalten im Nationalsozialismus über, indem er drei "eng miteinander verquickte Leitkategorien" (11) als Schlüssel einführt: "Ökonomische Rationalität, Regimenähe und Mittäterschaft erweisen sich dabei als Kategorien, mit denen das Terrain gut abzustecken ist, auf dem sich große Unternehmen zwischen 1933 und 1945 bewegten."

Ob es sich bei Regimenähe und Mittäterschaft um analytische Kategorien handelt oder doch wohl eher um empirische Befunde, sei hier dahingestellt. In der Ausführung dieses Kategorienkomplexes wird jedenfalls klar, was Henke meint: Die ökonomische Rationalität, mithin das Interesse an Organisationserhaltung und Gewinn, habe die Unternehmen dazu gebracht, die durch den Nationalsozialismus sich eröffnenden Chancen zu nutzen, wobei Regimenähe und Mittäterschaft gleichsam abgeleitet waren: (11). Da andererseits der Nationalsozialismus die Unternehmen nicht gleichschaltete, sondern aus Gründen der Effizienz ihre Instrumentalisierung betrieb, trafen sich hier Handlungsspielräume der Unternehmen und politische Erwartungen des Regimes, die allerdings im Zweifelsfall auch durch unmittelbaren Zwang koordiniert werden konnten. Das war jedoch eher in Ausnahmen der Fall; in der Regel stellte sich ein eigeninteressiertes Mittun ein, für das Henke eine Vielzahl von Worten findet, ohne es allerdings wirklich analytisch zu durchdringen: Schlagworte wie Symbiose, asymmetrische Symbiose, Amalgam, Teilidentität etc. tauchen immer wieder auf, markieren aber eher unmittelbare empirische Befunde denn strukturelle Zusammenhänge.

Der Gesamtansatz, den Henke hier vorstellt, ist durchaus plausibel; er leidet allerdings darunter, dass die von der unterstellten ökonomischen Rationalität der Organisation ausgehenden Handlungsimpulse undifferenziert betrachtet werden, obwohl sie keineswegs immer und ausschließlich in Regimenähe und Mittäterschaft mündeten, ja sogar dem Mittun Grenzen zogen. Hier hätten einige grundsätzliche unternehmenshistorische Überlegungen weitergeholfen. Sie hätten vielleicht davor geschützt, die Interpretation zu breitflächig anzulegen. Denn nach der hier vorgestellten Logik sind Unternehmen offensichtlich immer bereit, alles zu tun, was ihnen irgendwie nutzt. Aber eben nur, so ist klar zu betonen, solange es die Organisation nicht gefährdet, was keineswegs trivial ist. Auch nach 1933 war allen Beteiligten mehr oder weniger klar, dass allein mit "Entjuden", "Arisieren", SS-Kontoverwaltung und Rüstungsfinanzierung auf die Dauer kein Bankgeschäft zu führen war. Vielmehr betrieb die Bank ihr normales Geschäft weiter, das in der Masse gerade nicht von derartigen Momenten bestimmt war, auch wenn die Finanzierung der Rüstung und die faktische Übernahme der Staatsschuld im Laufe der Zeit das Alltagsgeschäft der Bank mehr und mehr prägte. Explizit politische Geschäfte blieben bei der Mehrheit der Unternehmen die Ausnahme, und ihre Häufung im Fall der Dresdner Bank ist in der Tat auffällig. Die gefährliche Anbindung des Organisationsziels an die Erfolge der Politik war immer klar, auch wenn in der Euphorie der Erfolge des NS-Regimes zwischen 1939 und 1942 bei manchen Unternehmensleitungen offensichtlich der Verstand aussetzte.

Stärker theoretisch orientierte Grundsatzüberlegungen hätten gezeigt, dass die Organisation von Unternehmen grundsätzlich so anlegt ist, dass sie nicht von spezifischen politischen Konstellationen abhängig ist, sondern - im Gegenteil - deren jeweiligen Wechsel problemlos überstehen kann. Unternehmensentscheidungen an politischen Vorgaben in einer existenziell bindenden Weise auszurichten, kann gerade insofern der ökonomischen Rationalität der Organisation sogar zuwiderlaufen. Derartige Entscheidungen können zumeist nur als Folge einer Deformation des Entscheidungsverhaltens durch politische oder individuelle Motive oder entsprechenden Außendruck erklärt werden. Das "Mitmachen" hat zweifellos Grenzen, vor allem aber setzt es eine einigermaßen reibungslos funktionierende Organisation voraus, die zu diesem Zweck dann "missbraucht" werden kann. Das methodische Konzept Henkes hat mithin eine problematische Seite, insofern es ökonomische Rationalität, Regimenähe und Mittäterschaft zu unreflektiert miteinander verbindet. Daraus ergibt sich fast zwangsläufig, dass Unternehmen insgesamt zu grundsätzlich skrupellosen Organisationen gestempelt werden, die bei jeder Gelegenheit zu allen nur denkbaren Schandtaten bereit sind, solange sie ihnen nur nützen

Die konkrete Darstellung der Geschichte der Dresdner Bank wird vor diesem Hintergrund letztlich zur Illustration der vorher ins Spiel gebrachten Thesen. Das Reden von "Symbiose", "Amalgam", "Teilidentitäten der Interessen von Wirtschaft und Politik" führt zu einer engen thematischen Auswahl und Schwerpunktsetzung sowie zu einer Darstellung, die mit dem breiten Pinsel arbeiten muß. Gab es in der apologetischen Literatur der früheren Jahrzehnte überhaupt keine "Verbrechen" und bestenfalls "Notstände", so scheint es gegenwärtig nur noch "Verbrechen" und "Skandale" zu geben. Bei Henke jedenfalls ist die Tendenz unübersehbar, aus der Geschichte der Dresdner Bank eine "chronique scandaleuse" zu machen. Außer Judenverfolgung, "Arisierung", Ausplünderung der besetzten Gebiete, Finanzierung des Massenmordes und Anbiederei gegenüber SS und Vierjahresplan scheint es in der Unternehmensgeschichte der Dresdner Bank zwischen 1933 und 1945 wenig Bemerkenswertes gegeben zu haben. Wohlgemerkt (und das muß man hier wohl sagen, damit keine Mißverständnisse entstehen!): Es geht nicht darum, die Notwendigkeit der Benennung dieser Verbrechen und dieses Bruchs mit den Regeln von Moral und Anstand in Zweifel zu ziehen. Die Frage ist aber, ob man damit die Entwicklung eines Unternehmens hinreichend beschreibt. Bei der Lektüre der anderen Bände jedenfalls entsteht doch der Eindruck, dass es gerade die Aufrechterhaltung und die Weiterentwicklung des "normalen Bankgeschäftes" unter den Bedingungen sich zunehmend verengender Handlungsspielräume waren, die die Unternehmensgeschichte maßgeblich prägten, und dass hieran gemessen die "Arisierungsgeschäfte" oder das Engagement in den besetzten Gebieten einen eher geringen Umfang hatten. Dies räumt freilich auch Henke jeweils ein, wenn er auf den geringen Gewinnbeitrag dieser "Geschäfte" verweist. Erst vor diesem Hintergrund wird dann aber das moralisch und politisch so zweifelhafte Verhalten von Aufsichtsrat und Vorstand der Dresdner Bank, insbesondere aber von seinen offensichtlich tonangebenden Mitgliedern Karl Rasche und Emil H. Meyer deutlich, die zumeist die Rückendeckung des Aufsichtsratsvorsitzenden Curt Goetz hatten. Ihr Handeln in den besetzten Gebieten folgte nämlich keinerlei zwingenden Organisationszwecken, sondern war bestimmt von persönlichen Motiven und politischer Verbohrtheit, von Karrierestreben und skrupellosem Expansionsdrang.

Damit zeigen sich die Grenzen von Henkes zuvor durchaus plausiblen Überlegungen. Es gab durchaus Regimenähe, vielleicht auch Mittäterschaft, die entsprechend der Selbsterhaltung der Unternehmen erwartbar, wenngleich nicht zu rechtfertigen war; es gab aber auch Regimenähe und Mittäterschaft, die sich politischen Motiven verdankte, auch wenn man diese hinter großen Expansionshoffnungen für die Bank und der stets im Munde geführten Konkurrenz gegenüber der Deutschen Bank unsichtbar machte. Und genau das unterscheidet die Geschichte der Dresdner Bank auch von der anderer Banken, die zu derartigen Schritten (wie etwa die Anbiederung bei der SS) nicht bereit waren oder dies doch sehr viel versteckter und vorsichtiger betrieben - zumindest so weit wir es gegenwärtig wissen.

Die Geschichte der Dresdner Bank im 'Dritten Reich' ist mithin in doppelter Weise lehrreich. Sie zeigt zum einen, dass die über das Erwartbare hinausgehende Zusammenarbeit von Unternehmen und Regime keine Folge kapitalistischer System- oder unternehmerischer Organisationszwänge war, sondern das Ergebnis der Koinzidenz von wirtschaftlicher Schwäche, persönlichem Ehrgeiz, ungehemmtem Expansionsdrang und politisch-moralischer Skrupellosigkeit. Und sie zeigt zum anderen die Gefahr, die in modernen Gesellschaften dadurch entsteht, dass Unternehmen ihre Funktionsfähigkeit unabhängig von der Politik garantieren müssen, da die Politik diese Selbsterhaltungslogik parasitär ausnutzen und über Personen sogar instrumentalisieren kann. Dass das Vorstands- und hochrangige SS-Mitglied Emil H. Meyer sich am 9. Mai 1945 erschoß, ist insofern ebenso folgerichtig wie die Tatsache, dass die Bank selbst überlebte.

Werner Plumpe