Rezension über:

Georg Scheibelreiter: Heraldik (= Oldenbourg Historische Hilfswissenschaften), München: Oldenbourg 2006, 222 S., ISBN 978-3-486-57751-8, EUR 29,80
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Rezension von:
Francesco Roberg
Fachgebiet Mittelalterliche Geschichte und Forschungsinstitut Lichtbildarchiv älterer Originalurkunden, Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Harald Winkel
Empfohlene Zitierweise:
Francesco Roberg: Rezension von: Georg Scheibelreiter: Heraldik, München: Oldenbourg 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 10 [15.10.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/10/11210.html


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Georg Scheibelreiter: Heraldik

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Ähnlich wie der Verlag Hahnsche Buchhandlung Hannover [1] bietet nun auch der Oldenburg-Verlag Wien / München eine den Historischen Hilfswissenschaften gewidmete Reihe, die die verschiedenen Disziplinen in Einzeldarstellungen monografisch behandeln will. Sie wird von einem dreiköpfigen Gremium in Verbindung mit dem Institut für Österreichische Geschichtsforschung herausgegeben. Der anzuzeigende Band von Georg Scheibelreiter über die Heraldik eröffnet das schon für sich genommen begrüßenswerte Unternehmen.

Der Autor ist auf dem Feld der Wappenkunde kein Unbekannter: Im Jahre 1976 legte er eine einschlägige Arbeit über "Tiernamen und Wappenwesen" vor, die 1992 in zweiter und ergänzter Auflage erscheinen konnte. [2]

Der Band ist in elf Kapitel unterteilt, die einen weiten Bogen von den Wappen selbst über Wappenrecht, Anfänge des Wappenwesens, Herold und Heroldswesen bis hin zur Wappensymbolik und weiteren einschlägigen Themen schlagen. Das Kapitel über die Wappen selbst ist in zahlreiche Unterkapitel gegliedert, die die Schildtopografie, die Farben, die Darstellungen, den Helm, Rangkrone und kirchliche Rangzeichen sowie die so genannten Prunkstücke thematisieren. Der Zugriff auf die komplexe und vielfach verschachtelte Materie ist also in der Hauptsache ein systematischer, was sich in einer als Einführung konzipierten Darstellung in der Tat anbietet. Diesen inhaltlichen Kapiteln gehen, ebenfalls sehr willkommen, solche über Grundzüge der heraldischen Wissenschaftsgeschichte wie auch die gerade für den Anfänger oftmals verwirrende - und falsch benutzte: immer mal wieder trifft man in unterschiedlichen Zusammenhängen auf "das Schild" - heraldische Fachterminologie voran. Wegen ihrer in gewissen Kreisen großen Popularität scheut der Verfasser daher auch nicht vor Kritik an - manchmal durchaus verdienstvollen, wie zu ergänzen wäre - "Hobbyforschern" zurück, "die sich leider oft auch zu historischen Aussagen berufen fühlen, denen jede Grundlage fehlt", und die so "dem wissenschaftlichen Ansehen der Heraldik" geschadet hätten (11).

Der Band steht in der besten Tradition des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, das die zeitweise weltweite Führungsposition der deutschsprachigen Mediävistik und insbesondere der Hilfswissenschaften maßgeblich mitbegründet hat: "Der Zwang zur Innovation um jeden Preis ist sehr oft gekoppelt mit einem Verlust der unbestreitbaren Grundlagen des Forschers, der soliden Quellenkenntnis. Diese aber muss auf einer kritischen Auseinandersetzung mit den Quellen basieren, wie man sie nur durch den zünftigen Umgang mit ihnen erwerben kann; und das beginnt mit der methodisch exakten Aufnahme der Überlieferung aus den vorhandenen Zeugnissen. Erst die hilfswissenschaftliche Behandlung der Quelle schafft die Vorraussetzungen, sie im wissenschaftlichen Diskurs argumentativ verwenden zu können." (7).

Inhaltlich breitet der Verfasser eine große Fülle intimen Detailwissens aus; als Leistung sui generis ist hier freilich zu würdigen, dass dieses jederzeit stringent gebündelt und verständlich formuliert dargeboten wird, der Band auf diese Weise trotz der Materialfülle den Charakter einer Einführung behält, zeitweise sogar den eines Handbuchs für sich beanspruchen kann.

Der Einführung liegt auch typografisch ein gelungenes Konzept zugrunde: Die Ränder der Seiten säumen zahlreiche (Schwarz-Weiß-)Abbildungen von Wappen und Realien sowie zentrale Begriffe der Disziplin, die im Text erklärt werden. Zudem wartet Scheibelreiters Buch mit einem eigenen Übungsteil auf: Im Anschluss an ein ebenfalls willkommenes und daher hier gesondert anzuzeigendes deutsch-französisches und französisch-deutsches Glossar der wichtigsten Begriffe der Heraldik finden sich 96 farbige Wappenabbildungen, anhand derer der Benutzer die Blasonierung der abgebildeten Stücke üben kann. Über die diesen beigegebene Nummer lässt sich problemlos auf die darauf folgenden Lösungsvorschläge zurückgreifen. Eine nach Themen aufgegliederte, nicht weniger als 597 Titel umfassende Bibliografie sowie ein Register runden den Band ab.

Insgesamt handelt es sich um einen sehr gelungenen Band, der Anfängern eine willkommene Einführung und fortgeschrittenen Benutzern wegen seiner Materialfülle und zugleich stringenten Konzeption sowohl Nachschlagewerk für Zweifelsfälle wie auch Fundgrube sein kann. Wie der ganzen Reihe wünscht man auch ihrem ersten Band durchschlagenden Erfolg.


Anmerkungen:

[1] Elke Frfr. von Boeselager: Schriftkunde. Basiswissen, Hannover 2004 (= Hahnsche Historische Hilfswissenschaften 1); Andrea Stieldorf: Siegelkunde. Basiswissen, Hannover 2004 (= Hahnsche Historische Hilfswissenschaften 2).

[2] Georg Scheibelreiter: Tiernamen und Wappenwesen, Wien 1976 (= Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 24); 2., ergänzte Aufl. ebd. 1992.

Francesco Roberg