Rezension über:

Daniela Weiland: Otto Glagau und "Der Kulturkämpfer". Zur Entstehung des modernen Antisemitismus im frühen Kaiserreich (= Dokumente - Texte - Materialien; Bd. 53), Berlin: Metropol 2004, 240 S., ISBN 978-3-936411-44-7, EUR 19,00
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Rezension von:
Ewald Frie
Universität Essen
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Ewald Frie: Rezension von: Daniela Weiland: Otto Glagau und "Der Kulturkämpfer". Zur Entstehung des modernen Antisemitismus im frühen Kaiserreich, Berlin: Metropol 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10 [15.10.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/10/8420.html


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Daniela Weiland: Otto Glagau und "Der Kulturkämpfer"

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Otto Glagau war nach dem zeitgenössischen Urteil Hellmut von Gerlachs (18) für den deutschen Antisemitismus das, was Edouard Drumont für den französischen Antisemitismus war. In der Tat gibt es Analogien. Beide machten durch die Aufdeckung angeblicher jüdischer Skandale auf sich aufmerksam (Glagau behandelte den Gründerkrach, Drumont den Panamaskandal). Beide waren eine Zeit lang zentrale Figuren antisemitischer Netzwerke. Beide gründeten antisemitische Periodika. Beide lebten länger als ihr Ruhm. Doch man darf die Analogie nicht überziehen. Drumont war aktiver Politiker. Seine Tageszeitung "La Libre Parole" verkaufte sich in den 1890er-Jahren regelmäßig in mehreren zehntausend Exemplaren und stand im Zentrum der Dreyfus-Affäre. Glagaus Wirksamkeit war begrenzter und anders gelagert. Er verstand sich zwar als politisch, nicht aber als parteilich. Seine 1880 bis 1888 erscheinende Halbmonatsschrift "Kulturkämpfer" hatte 150 Abonnenten und eine Auflage von ein- bis dreitausend Exemplaren. Der Kulturkämpfer wollte "den Antisemitismus in die höheren Kreise der Gesellschaft ein[...]führen" (77). Doch der Erfolg blieb auf die frühen 1880er-Jahre begrenzt. Dann ebbte die erste Welle des politischen Antisemitismus in Deutschland ab. "Der Kulturkämpfer" erschien ab 1885 nur noch unregelmäßig und wurde 1888 ganz eingestellt. Die zweite Welle des politischen Antisemitismus, deren Protagonisten nicht mehr aus Berlin, sondern aus der "Provinz" (122) kamen (vor allem Hessen und Sachsen), ging an Glagau vorbei. Er starb 1892.

Daniela Weiland hat sich nun erstmals mit Glagau und seinem "Kulturkämpfer" intensiv beschäftigt. Sie stellt zunächst die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen dar und geht auf die Situation der jüdischen Minderheit im Kaiserreich ein. Dann behandelt sie Glagau und seine Schriften im Kontext des politischen Antisemitismus der 1870er-Jahre. Im Rahmen einer Inhaltsanalyse untersucht sie abschließend "Judenbild und Selbstbild im 'Kulturkämpfer'". Der Arbeit als Anhang beigefügt sind Hellmut von Gerlachs "Vom deutschen Antisemitismus" aus dem Jahre 1904, mehrere Artikel Glagaus sowie ein vom Antisemiten der zweiten Generation Otto Böckel verfasster Nachruf.

Daniela Weiland hat ein schmales, aber inhaltsreiches Buch geschrieben. Zwar zeichnet sie die Rahmenbedingungen entlang der Vorgaben, die die Geschichtswissenschaft in den 1970er-Jahren erarbeitet hat, und ist in ihren späteren Wertungen von Gerlachs hellsichtiger Analyse aus dem Jahre 1904 beeinflusst. Doch die preisgekrönte Lüneburger Magisterarbeit (!) ist durchaus selbstständig. Insbesondere die Inhaltsanalyse des Kulturkämpfers ist zu nennen, die zu einer eindringlichen Darstellung "der antisemitischen Weltanschauung" (160) und zu einer eigenständigen Auseinandersetzung mit der Antisemitismusforschung vordringt. Gegen Shulamit Volkov betont Weiland die Modernität des Glagau'schen Antisemitismus und seine enge Verbindung mit dem Nationalismus. Indem sie von hier aus den Blick auf die Kontinuitäten bis in das 20. Jahrhundert wirft, muss sie sich implizit auch von Gerlach trennen. Der hatte 1904 geschrieben: "Mit dem Antisemitismus als politischem Faktor ist es bei uns wirklich aus" (178). Weiland hingegen bestätigt und begründet durch ihre Inhaltsanalyse - die Eigenart der deutschen Staats- und Nationsbildung stets im Blick -, was sie bereits am Ende des mittleren Teils ihrer Arbeit festgestellt hat: "Der Antisemitismus [hatte sich] seit den 1870er-Jahren zu einem festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft entwickelt und blieb in seiner Latenz eine immer wieder abrufbare Größe" (124).

Ewald Frie