Rezension über:

Helmut W. Flügel: Das abenteuerliche Leben des Benedikt Hermann (1755-1815). Vom steirischen Bauernsohn zum Chevalier und Intendanten der russischen Bergwerke, Wien: Böhlau 2006, 334 S., ISBN 978-3-205-77424-2, EUR 24,90
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Rezension von:
Ewald Frie
Neuere Geschichte, Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Ewald Frie: Rezension von: Helmut W. Flügel: Das abenteuerliche Leben des Benedikt Hermann (1755-1815). Vom steirischen Bauernsohn zum Chevalier und Intendanten der russischen Bergwerke, Wien: Böhlau 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 9 [15.09.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/09/12043.html


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Helmut W. Flügel: Das abenteuerliche Leben des Benedikt Hermann (1755-1815)

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Im Jahre 1801 wurde German Ivan Filippowitsch in die vierte russische Adelsklasse eingereiht. Sechs Jahre später ernannte Zar Alexander I. ihn zum General-Bergintendanten, dem höchsten staatlichen Amt des russischen Bergbaus. Das war eine staunenswerte Karriere, bedenkt man, dass der nun mit "Eure Exzellenz" anzusprechende Bergbaufachmann 1755 in Mariahof (Steiermark) als ältester Sohn der zweiten Ehe des Bauern Philipp Hörmann mit der Bäuerin Agnes Lorcherin entstammte. Helmut W. Flügel, Emeritus für Paläontologie und Historische Geologie der Universität Graz, unternimmt nach eigenen Angaben den Versuch, diesen großen Sohn der Steiermark und Österreichs dem Vergessen zu entreißen. Der Böhlau-Verlag hat daraus ein recht liebenswertes Buch gemacht.

Benedikt Hermann, wie Flügel seinen Helden nach der geläufigsten Selbstbezeichnung in seinen deutschen Veröffentlichungen nennt, war zunächst in der Schwarzenbergschen Administration aufgestiegen. Er hatte sich dann in Wien umgetan. 1781 wurde ihm erlaubt, als außerordentlicher Professor Vorlesungen über Technologie an der Universität Wien zu halten. Er begann zu publizieren und projektierte eine "Zeitschrift für Physik mit Nachrichten über Ökonomie, Naturgeschichte, Technologie, Handel, Physik, Chemie, Mechanik, Mathematik, Medizin, Geographie, Finanzen etc." (59). Die großen Pläne für Professur und Zeitschrift zerschlugen sich abrupt, als die Schwarzenbergsche Administration in einem publizierten Reisebericht Hermanns Angaben über ihre Berg- und Hammerwerke entdeckte, die sie geheim zu halten trachtete.

Hermann verließ Wien fluchtartig und scheint über Freunde den Weg nach St. Petersburg gefunden zu haben. Hier wurde er wegen seiner bergbautechnischen und Erzverarbeitungskenntnisse von Katharina II. beauftragt, im Ural ein Stahlwerk aufzubauen. Mit einer Reise nach Ekatarinburg im Jahre 1783 begann Hermanns russische Karriere. Sie führte ihn durch den Ural und ins Altaigebirge, um ihn dann eine Zeitlang nach St. Petersburg zurückzubringen. In der Hauptstadt beschäftigte er sich in den späten 1790er Jahren vor allem mit wissenschaftlichen Arbeiten und übernahm fachlich einschlägige Inspektionsaufgaben. 1801-1805 war Hermann Befehlshaber der Ekatarinburgischen Berghauptmannschaft. Danach kehrte er nach St. Petersburg zurück, wo seine Karriere mit der Position des General-Bergintendanten und der hohen Adelseinrangierung gekrönt wurde. Über seine letzten Jahre ist derzeit wenig bekannt. Er starb im Januar 1815.

Benedikt Hermann hat zahlreiche Bücher und Aufsätze in deutscher und russischer Sprache hinterlassen: Reiseberichte, Studien zur Eisen- und Stahlproduktion, naturwissenschaftliche Publikationen, Beiträge zur Geologie und Paläontologie. Daneben gab es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wenige biographische Arbeiten, die sich auf damals noch erhaltene Briefwechsel Hermanns mit österreichischen Freunden sowie die mündliche Überlieferung stützen konnten. Russische Publikationen ergänzen die Überlieferung, aus der Flügel im 77seitigen Anhang einige Auszüge präsentiert, nur wenig. Ein Nachlass existiert in Österreich nicht. Russische Archive hat Flügel nicht eingesehen. Geschichtswissenschaftliche Arbeiten zur russischen und habsburgischen Geschichte der Jahre 1750-1830 nimmt er eher selektiv zur Kenntnis.

So müssen Erzählkunst und Vermutungen manches Mal über Lücken hinweghelfen, die mit dem zugrunde liegenden Quellenmaterial nicht zu schließen sind. Weil Flügel die Reiseberichte Hermanns für wenig ergiebig hält - die Auszüge im Anhang weisen darauf hin, dass die berufliche Spezialisierung Hermanns Blick sehr geprägt hat, so dass Hüttenwerke, Eisenhämmer und Bodenbesonderheiten alle Schilderungen bestimmen -, ergänzt bzw. ersetzt er sie durch Reisebeschreibungen Alexander von Humboldts und Peter Simon Pallas', die Jahrzehnte vorher bzw. später die gleichen Reiserouten wie Hermann gewählt haben.

An diesem Detail zeigt sich, dass Helmut W. Flügels historiographische Ambitionen nicht sehr weit reichen. Man liest das Buch leicht, lässt sich von dem ungewöhnlichen Lebenslauf an noch ungewöhnlicheren Schauplätzen faszinieren. Und man ertappt sich bei der Hoffnung, dass sich ein Historiker finden möge, der in Russland einen Nachlass und/oder Aktenmaterial zu German Ivan Filippowitsch alias Benedikt Hermann aufspürt und ihn auf der Grundlage des geschichtswissenschaftlichen Forschungsstandes bearbeitet, um ein wahrhaft "abenteuerliche[s] Leben" der Forschung besser zu erschließen, als es die hier gewählte literarisch-heimatgeschichtliche Form vermag.

Ewald Frie