Rezension über:

Edward M. Anson: Eumenes of Cardia. A Greek among Macedonians (= Ancient Mediterranean and Medieval Texts and Contexts; Vol. 3), Leiden / Boston: Brill 2004, XVIII + 285 S., 4 Maps, ISBN 978-0-391-04209-4, USD 135,00
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Rezension von:
Christoph Schäfer
Historisches Seminar, Universität Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Schäfer: Rezension von: Edward M. Anson: Eumenes of Cardia. A Greek among Macedonians, Leiden / Boston: Brill 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6 [15.06.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/06/6890.html


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Edward M. Anson: Eumenes of Cardia

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Nach 25 Jahren legt Edward Anson nunmehr eine überarbeitete und erweiterte Fassung seiner 1979 auf Microfiche erschienenen Dissertation zu einer der schillerndsten, aber bis heute auch umstrittensten Gestalten der frühen Diadochenzeit vor. Beim Vergleich mit der Microfiche-Ausgabe fällt zunächst auf, dass in der Druckfassung der wissenschaftliche Apparat deutlich stärker ausgebaut ist, die Forschung der letzten Jahrzehnte wurde weitgehend eingearbeitet und oft auch kritisch kommentiert. Auch der Haupttext hat an Stringenz und Umfang gewonnen.

Die Studie ist im Wesentlichen chronologisch aufgebaut, nach einer ausführlichen Behandlung der Quellenlage (1-33) folgt die Darstellung des Lebenswegs des Protagonisten. Die Zeit im Dienst Philipps und Alexanders, die Phase von der Reichsordnung in Babylon bis zur Übernahme der Satrapie Kappadokien, das Wirken als Ratgeber und Feldherr an der Seite des Perdikkas, die mit dem Titel "the fickleness of fortune" charakterisierte Kriegführung in Kleinasien als von der Heeresversammlung in Triparadeisos zum Tod Verurteilter und schließlich das lange Ringen mit Antigonos bis zum tragischen Ende nach der Schlacht in der Gabiene. Die Lebensabschnitte sind durch Zäsuren derart voneinander getrennt, dass sich eine entsprechende Kapiteleinteilung bis dahin förmlich aufdrängt.

Neu im Vergleich zur Microfiche-Ausgabe ist ein umfangreiches Kapitel "Greeks and Macedonians" (191-231), mit dem Anson den Hintergrund für eine der Kernfragen hinsichtlich der Bewertung des Eumenes beleuchtet, die im letzten Abschnitt unter der Überschrift "A Greek among Macedonians" (233-258) behandelt wird. Beide Abschnitte besitzen eher den Charakter von Exkursen, im ersten stehen neben der Entwicklung des Verhältnisses zwischen Griechen und Makedonen über die Jahrhunderte hinweg Fragen der Ethnogenese im Mittelpunkt, wobei auch die Rolle von Philipps Heeresreform gebührend gewürdigt wird. Im letzten Teil stellt Anson umfangreiches Material zusammen, anhand dessen er die These aufstellt, ein makedonischer Vorbehalt gegenüber den Griechen sei nicht stärker zu belegen als innergriechische Spannungen, ja kurioserweise sei die von Eumenes selbst in die Welt gesetzte Aussage, als Nichtmakedone käme er für die Herrschaft sowieso nicht infrage, das Herzstück für die Theorie von den Vorurteilen unter den Makedonen (246). Letztlich aber sei Eumenes durch seine griechische Abstammung in keiner Weise behindert worden.

Insgesamt stellt die Arbeit einen enormen Fortschritt im Vergleich zur ersten Version dar, man spürt deutlich wie ein profilierter Wissenschaftler sein Erstlingswerk mit all seiner Erfahrung intensiv überarbeitet und für die wissenschaftliche Diskussion neu aufbereitet hat - alles in allem eine höchst anerkennenswerte Leistung. In der Regel urteilt er sicher und beweist ein gutes Gespür für die Erfordernisse der Quellenkritik. An einigen Stellen allerdings schießt er über das Ziel hinaus, etwa wenn er sich im Gegensatz zur Microfiche-Version, wo er diesbezüglich zurückhaltender ist, zu der These versteigt, der später belegte Tyrann Hekataios habe Kardia schon 342 beherrscht, Eumenes' Vater Hieronymos sei zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben gewesen und Eumenes selbst exiliert worden. So wäre letzterer als Flüchtling zu Philipp gekommen und schließlich zum Sekretär ernannt worden (37ff.). Weder für die frühe Datierung der besagten Tyrannis noch für die Vermutungen bezüglich Eumenes' Vertreibung und des Todes seines Vaters gibt es einen fundierten Beleg. Alles hängt von der Tatsache ab, ob man Anson folgt in der Annahme, der um 323 als Feind des Eumenes erwähnte Hekataios habe schon knapp zwanzig Jahre früher die Familie attackiert. Mit Blick auf den athenischen Druck auf Kardia in den Vierzigerjahren des 4. Jahrhunderts und unter Berücksichtigung der Karrierechancen, die sich am Hofe Philipps boten, wären allerdings auch ganz andere Gründe für das Eintreten in makedonische Dienste denkbar.

Auch an anderer Stelle kommt Anson zu durchaus noch zu diskutierenden Schlüssen. Einerseits betont er den rationalen Charakter seines Protagonisten, der bar jeder Loyalität ausschließlich seine eigenen Interessen verfolgte, kurz darauf macht er jedoch deutlich, dass dieser sich wegen Kleinigkeiten mit Hephaistion anlegte und mit Krateros emotional eng verbunden war (45 ff.).

Ähnlich wie seinerzeit Konrad Kraft mit seiner Monografie zum "rationalen" Alexander [1] seine Hauptfigur aus einem sehr einseitigen Blickwinkel porträtiert hat, greift auch Anson mit seiner Darstellung des nüchternen Machtmenschen Eumenes zu kurz. Nur weil vielfach äußere Zwänge mit loyalem Verhalten gegenüber der Argeadendynastie zusammenfallen und Eumenes ein pragmatisches Handeln an den Tag legt, sollte man ihm doch nicht sämtliche Ideale und eine emotionale Seite absprechen. Wie ließe sich sonst erklären, dass er in völlig aussichtsloser Lage - mit wenigen hundert Getreuen in der Bergfestung Nora von Antigonos Monophthalmos belagert - ein attraktives Angebot zur Kooperation und Aufnahme unter dessen Philoi ablehnte, wenn nicht auch eine irrationale Komponente sein Handeln mitbestimmte. Agonales Denken und archaische Handlungsmuster werden auch bei Eumenes deutlich. Stellt man einseitig nur das Kalkül und den Egoismus in den Vordergrund wird man der Persönlichkeit des Mannes aus Kardia nur zum Teil gerecht.

Lange Listen etwa von Belegstellen, in denen Eumenes als "loyal, clever, and militarily skillful" (9) beschrieben wird, wirken eher ermüdend. Hier wäre weniger mehr gewesen. Zwei bis drei repräsentative Beispiele würden auch genügen, um die recht allgemeine, aber kaum bestreitbare Aussage zu untermauern, Diodors "campaign figurs" seien vergleichsweise präzise (19, Anm.120).

Reine Vermutung ist die Behauptung, Eumenes' Freund und Gefährte Hieronymos sei von Antigonos vor Nora gefangen genommen worden (135). Angesichts des regen Gesandtschaftsverkehrs etwa mit Antipatros und den laufenden Verhandlungen mit dem belagerten Eumenes erscheint es ganz und gar nicht selbstverständlich, dass Hieronymos nur als Gefangener mit Antigonos sprechen konnte. Weder Diodor noch Plutarch liefern diesbezüglich stichhaltige Indizien.

An seiner früher schon geäußerten Ablehnung von Plutarchs Bericht, Eumenes habe den Eid von Nora einseitig geändert, hält Anson fest (136). In der Einschätzung der kultischen Maßnahmen nach der Übernahme der Position des Strategen Asien als eines "essentially military cult" folgt er der alten Studie von M. Launey. [2] Der ganze Symbolgehalt des Thronkults wird leider nur gestreift (151ff.). In diesen und etlichen anderen Belangen hätte es der Studie gut getan, wenn er die 2002 erschienene deutschsprachige Biografie zu Eumenes noch zur Kenntnis genommen und sich mit deren Argumentation auseinandergesetzt hätte. [3]

Trotz dieses Defizits und der angesprochenen Kritikpunkte muss man der Arbeit methodische und handwerkliche Solidität und eine Reihe origineller und bedenkenswerter Überlegungen bescheinigen, die den Wert des Buches ausmachen. Bei der Beschäftigung mit dem frühen Hellenismus wird man sich künftig mit seinem Werk stärker als bisher auseinandersetzen müssen und davon letztendlich profitieren.


Anmerkungen:

[1] Konrad Kraft: Der "rationale" Alexander, bearb. u. hrsg. v. H. Gesche (= Frankfurter Althistorische Studien; 5), Kallmünz 1971.

[2] Marcel Launey: Recherches sur les armées hellénistiques, Bd. 2, Paris 1950, 945f. u. 951.

[3] Christoph Schäfer: Eumenes von Kardia und der Kampf um die Macht im Alexanderreich (= Frankfurter althistorische Beiträge; 9), Frankfurt a.M. 2002 .

Christoph Schäfer