Rezension über:

Alexis Catsambis / Ben Ford / Donny L. Hamilton (eds.): The Oxford Handbook of Maritime Archaeology, Oxford: Oxford University Press 2011, XXVVII + 1203 S., 226 s/w-Abb., ISBN 978-0-19-537517-6, GBP 95,00
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Rezension von:
Christoph Schäfer
Abteilung Alte Geschichte, Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Schäfer: Rezension von: Alexis Catsambis / Ben Ford / Donny L. Hamilton (eds.): The Oxford Handbook of Maritime Archaeology, Oxford: Oxford University Press 2011, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 4 [15.04.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/04/21875.html


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Alexis Catsambis / Ben Ford / Donny L. Hamilton (eds.): The Oxford Handbook of Maritime Archaeology

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Nicht nur vom Umfang her, sondern auch vom Spektrum der behandelten Themen stellt das Oxford Handbook of Maritime Archaeology einen Meilenstein in der Literatur zur Unterwasserarchäologie dar, denn dieser Begriff steht im Deutschen für all das, was maritime archaeology meint. Zu Beginn gibt mit George F. Bass einer der bedeutendsten Begründer dieser Disziplin einen kurzen Überblick über die Entwicklung des Faches, wobei er klare Grenzen zur Schatzgräberei zieht. In diesem Zusammenhang weist er mit Nachdruck auf die UNESCO Convention on the Protection of the Underwater Cultural Heritage hin, der viele Staaten schon beigetreten sind. Neben der Geschichte der maritime archaeology erläutert Bass auch ihre verschiedenen Zweige und Facetten und schließt mit einem Appell an die Länder, in denen die Funde gemacht werden, Wissenschaftler aus anderen Ländern teilhaben zu lassen an den Befunden und Großzügigkeit an den Tag zu legen beim Teilen von Dubletten oder beim Ausleihen von Objekten für Ausstellungen.

Auf diesen Grundsatzbeitrag folgen vier große Teile mit insgesamt 46 Beiträgen durchweg anerkannter Fachkollegen, die im Rahmen dieser Besprechung nicht alle eigens erwähnt werden können. Den zweiten Teil (23-346) eröffnet Patrice Pomey mit einer programmatischen Hinführung zu den verschiedenen Aspekten bei der Analyse eines Schiffsfundes. Er zeigt, dass es keineswegs genügt, die gefundenen Überreste eines Wracks zu beschreiben, dass man vielmehr über die Konstruktion des Schiffes und seine technischen Charakteristika die Funktion erschließen und den Befund schließlich in einen historischen Zusammenhang stellen kann. Infolgedessen gehöre die nautical archaeology durchaus zum größeren Arbeitsgebiet der maritime archaeology. Die Formulierung historischer Fragen an ein Schiffswrack bestimme die Ausgrabungsstrategie, in der Folge die am ehesten geeigneten Methoden zum Erreichen der angestrebten Ergebnisse und schließlich die Wahl der Techniken, die am besten zu der jeweiligen Grabungsstätte passen. Unter der Überschrift process folgen die nächsten 14 Beiträge dieser Linie. An den üblichen Schritten unterwasserarchäologischer Projekte orientiert, thematisieren sie das Lokalisieren, das Inspizieren und Ausgraben inklusive der Aufnahme des Befundes sowie die Konservierung der Funde, die Analyse der Ergebnisse und schließlich die Aufbereitung des Befundes sowie der gewonnenen Informationen.

Im dritten und zugleich umfangreichsten Abschnitt (347-729) stehen die Schiffe selbst im Mittelpunkt der Darstellung. Dabei werden einzelne Typen aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte betrachtet. Es geht um Schiffstypen und deren Leistungsfähigkeit, um Schiffsbautechnik und natürlich um jede Menge Wracks und wie diese archäologischen Zeugnisse zum Sprechen gebracht und für die Beantwortung historischer Fragen genutzt werden können. Nicht zuletzt spielt hierbei auch die experimentelle Archäologie eine gewisse Rolle, wenn nämlich Rekonstruktionen Aufschluss über das Funktionieren und den Einsatz von Schiffen geben (z.B. Kyrenia II).

Deutlich knapper fällt der vierte Teil (731-903) aus. Hier stehen die Kultur und das Leben mit dem Meer im Mittelpunkt der Darstellung. In 7 Beiträgen werden die archäologischen Befunde jenseits der Schiffswracks angesprochen. Dabei geht es nicht nur um einzelne Stätten an Land mit Bezug zur See wie etwa Hafenorte oder um ehemalige Siedlungsplätze, die heute unter Wasser liegen, vielmehr werden heute ganze Küstenlandschaften und die dort lebenden Gesellschaften in den Fokus der Analyse genommen. Entsprechend vielschichtig und interdisziplinär sind die Methoden. Die Autoren machen zu Recht deutlich, wie wichtig dieser Zweig der maritime archaeology ist, gerade weil immer noch das Gros der Untersuchungen den Schiffswracks gilt.

Um die Rahmenbedingungen, mit denen sich die Disziplin konfrontiert sieht, geht es im fünften Abschnitt (905-1081). Dabei werden zum einen Erfahrungen bezüglich des Umgangs mit dem kulturellen Erbe unter Wasser und seiner Gefährdung ausgetauscht, zum anderen aber auch die Bemühungen um dessen Schutz vorgestellt sowie die gesetzlichen Rahmenbedingungen, in denen man sich dabei mancherorts bewegt. Überzeugend demonstrieren die Autoren dieses Teilbereichs u.a. an Beispielen aus den USA und Mexiko die Verflechtungen und Konflikte von Politik, Wirtschaft und Kultur bzw. Wissenschaft, wobei die öffentliche Meinung durchaus eine Schlüsselrolle spielen kann.

Die Zusammenfassung von Paula Martin fasst gut gegliedert die Schwerpunktthemen des Bandes zusammen und zeigt Möglichkeiten auf für die Entwicklung der maritime archaeology in der Zukunft. Ein Wiederabdruck des Glossars zur Terminologie des Holzschiffbaus von J.R. Steffy erleichtert schiffsbautechnischen Laien den Zugang zum Stoff des Bandes. Eine Liste von Datierungsmethoden zu diversen Fundmaterialien und ein ausführlicher Index runden diesen beeindruckenden Band ab.

Viele namhafte Kollegen vornehmlich aus den USA und Großbritannien, aber auch aus Frankreich, Dänemark, Schweden, Norwegen, Israel, Indien, Australien etc. haben ihr Wissen in den Band eingebracht.

Bei dem umfassenden Ansatz - zeitlich von den ersten Indizien für Seefahrt bis ins 20. Jahrhundert, räumlich vom Mittelmeer bis in den Pazifik und den Indischen Ozean, inhaltlich von der Behandlung von Schiffswracks bis zu Bauwerken, Siedlungen und ganzen Küstenlandschaften, methodisch von der Entdeckung bis zur Konservierung und Aufbereitung - bleibt naturgemäß vieles exemplarisch. Manche Themen können nur angerissen werden. Dennoch bietet der Band eine in dieser Dichte einzigartige Zusammenschau zur maritime archaeology, die sowohl dem Einsteiger als auch dem Spezialisten wertvolle Hinweise gibt und Perspektiven eröffnet. Die umfangreichen Hinweise auf die Fachliteratur ermöglichen jederzeit eine Vertiefung einzelner Themen oder Aspekte. Dem Fachkollegen eröffnen sich hier nicht zuletzt auch komparatistische Perspektiven. Mit einem Wort, es handelt sich bei diesem Handbuch um ein hervorragendes Nachschlagewerk, auf das man bei der Beschäftigung mit dem Erbe unter Wasser und mit dessen küstennahem Umfeld künftig nicht verzichten möchte.

Christoph Schäfer