Rezension über:

Christian Koepfer / Florian Wolfgang Himmler / Josef Löffl (Hgg.): Die römische Armee im Experiment (= Region im Umbruch; Bd. 6), Berlin: Frank & Timme 2011, 305 S., ISBN 978-3-86596-365-9, EUR 24,80
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Rezension von:
Christoph Schäfer
Abteilung Alte Geschichte, Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Kommentare zu dieser Rezension:

Kommentar von Ruben Moor mit einer Replik von Christoph Schäfer

Kommentar von Christian Koepfer mit einer Replik von Christoph Schäfer

Empfohlene Zitierweise:
Christoph Schäfer: Rezension von: Christian Koepfer / Florian Wolfgang Himmler / Josef Löffl (Hgg.): Die römische Armee im Experiment, Berlin: Frank & Timme 2011, in: sehepunkte 12 (2012), Nr. 7/8 [15.07.2012], URL: http://www.sehepunkte.de
/2012/07/20949.html


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Christian Koepfer / Florian Wolfgang Himmler / Josef Löffl (Hgg.): Die römische Armee im Experiment

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Der Sammelband zur römischen Armee im Experiment ist aus einer Zusammenarbeit von Augsburger und Regensburger Studenten und Doktoranden entstanden, deren Ziel es ist "einen Einblick in die Experimentiermöglichkeiten zur römischen Armee zu geben, gleichzeitig auch Ergebnisse zu präsentieren, andererseits Hintergründe aus der römischen Militärgeschichte vorzustellen, die indirekt oder direkt Fragen aufwerfen, die dann über Experimente beleuchtet oder sogar beantwortet werden können." (12) Als Vorbilder benennen sie Marcus Junkelmann und Hansjörg Ubl, dem sie den gesamten Band widmen.

In zwei Teile ist der Band gegliedert. "Eher kleinteilige Fragestellungen wurden von Studierenden der Universität Augsburg bearbeitet", wobei die große Bandbreite der Experimentiermöglichkeiten sowie Möglichkeiten zur Vermittlung der experimentellen Arbeit aufgezeigt werden sollen. Um es vorweg zu nehmen, der Band hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck.

Die meisten Artikel sind aus einem Projekt "Legio XIII Gemina" erwachsen, das an der Universität Augsburg unter Leitung von Christian Koepfer M.A. von 2009 bis 2011 durchgeführt wurde. In der Hauptsache wurden römische Waffen und Ausrüstungsgegenstände rekonstruiert und erprobt. So werden etwa die Schritte bei der Herstellung eines gladius oder eines pugio dokumentiert und sodann die Effizienz von Schlägen mit dem gladius an verschiedenen Materialien bis hin zu einer Kopfnachbildung aus Plastilin getestet. Ein Katapult wurde ausschließlich nach den Angaben des Vitruv gebaut, wo es doch mehrere hochinteressante archäologische Befunde gibt, die man damit in Verbindung hätte bringen können, so dass das Experiment weitgehend sinnlos erscheint. Spannend sind hingegen die Experimente mit römischen Schilden bei Feuchtigkeit und Nässe, wobei neben der Gewichtszunahme auch die Formstabilität untersucht wurde.

Während eines zweiwöchigen Marschs suchten die Studenten schließlich auch einen Eindruck vom Nahrungsmittelbedarf eines römischen Legionärs zu ermitteln. Die interessanten Beobachtungen werden von Ph. Egetenmeier zu Recht als Vorstufe zu umfangreicheren Untersuchungen gewertet (164). Ein Blick in die grundlegende Studie von Th. Kissel hätte allerdings helfen können, die Ergebnisse einzuordnen. [1]

Vom Straßenbau bis zu Wasserbeuteln und kleinen Holzfässern reicht die Palette weiterer Themen, die allesamt Gegenstand von Experimenten waren. Insgesamt konnten wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden, obwohl die Versuchsanordnungen und vor allem mögliche Messmethoden in einigen Bereichen durchaus noch verbessert werden können.

Sind die Augsburger Beiträge um einen wissenschaftlichen Charakter bemüht, so verlieren sich die Experimente der Regensburger Mitherausgeber des Bandes leider in vergleichsweise banalen Beobachtungen, die eindrucksvoll methodische Defizite deutlich machen. Unter dem flapsigen Titel "On the road again" präsentiert F. Himmler Ergebnisse zweier "Erprobungsmärsche" Regensburger Studenten. Nimmt man seine Feststellungen ernst, der heutige Mensch verfüge "in der Regel nicht über die physische Stärke und Ausdauer seiner Vorfahren, die in einer deutlich feindseligeren Umgebung aufwachsen und leben mussten" (173) und moderne Rekonstruktionen hätten nur selten dieselben Eigenschaften wie die antiken Artefakte, fragt man sich, warum er diese dann bei "Märschen" testen will. Offenbar gehen seine Aussagen auf eigene Erfahrungen zurück, schließlich gibt er an, dass er wegen Überlastung der Kniegelenke zwei Wochen lang beim Marschieren aussetzte und sich vom "Tross" fahren ließ. Am Ende steht dann die experimentell gewonnene Erkenntnis, dass weiße Tuniken im Gegensatz zu krapproten auf dem Marsch innerhalb einiger Wochen soweit verschmutzen, dass sie einen graubraunen Farbton annehmen! (182)

Geradezu skurril mutet schließlich der Artikel über das focale, das Halstuch der römischen Armee, an. J. Löffl kommt "auf dem Marsch" durch experimentelles Tragen des Halstuches zu der Erkenntnis, "es eignet sich bei kalten Nächten im Zelt neben dem Mantel als zusätzlicher Wärmefaktor"! (221) Seine Ausführungen gipfeln in der Bemerkung, das Halstuch schütze auch gegen Zugluft und Sonneneinstrahlung! Außerdem könne man damit die Ausrüstung putzen und die Verwendung des focale habe "einen nicht geringen Anteil an der Alltagstauglichkeit des modernen Bildes vom römischen Militärensemble im praktischen Versuch" (sic!) (222).

Am Ende des Bandes finden sich vier etwas weiter gefasste Beiträge zum germanischen Krieger im Vorfeld des Obergermanischen Limes (M. Slansky), zu den Legionen in Pannonien (M. Handy) und zur Stationierung römischen Militärs in Pons Aeni/Pfaffenhofen (M. Weber) sowie zu römischen Schlachttaktiken (R. Cowan), wobei es insbesondere um die Schlachtordnung seit der ersten Schlacht von Adrianopel im Jahr 313 geht. Im Gegensatz zu den experimentell orientierten Artikeln, werden hier die üblichen Methoden historisch-kritischer Analyse angewandt. Dabei werden spannende Beobachtungen gemacht, etwa zur vergleichsweise geringen Bedeutung der legio XIII Gemina, der die Stationierung militärisch wenig profilierter Legionslegaten in Poetovio entspricht.

Der Band entspringt der Begeisterung engagierter Studierender und macht die hohe Bedeutung praktischer Studienanteile deutlich. Er zeigt allerdings auch die Gefahr, beim experimentierfreudigen Nachempfinden römischen Lebens stehen zu bleiben ohne adäquate Messmethoden und vielfach auch ohne fruchtbare Fragestellung. Hier hätten vor allem die Herausgeber, aber auch einige Autoren in der "Historik" des eingangs zitierten Johann Gustav Droysen besser auch den §19 gelesen, in dem er unterscheidet zwischen faulen und fruchtbaren historischen Fragen. Ernsthafte Experimentalarchäologie achtet auf diesen Unterschied.

Sprachliche Mängel und zahlreiche Rechtschreibfehler wie "Waagen" statt "Wagen" (171) bestätigen das ambivalente Bild eines Sammelbandes mit Licht und Schatten, dem man etliche gute Ideen und manches spannende Experiment bescheinigen kann, aber in einigen Bereichen mehr Professionalität gewünscht hätte.


Anmerkung:

[1] Th. Kissel: Untersuchungen zur Logistik des römischen Heeres in den Provinzen des griechischen Ostens (27 v.Chr. - 235 n.Chr.), St. Katharinen 1995.

Christoph Schäfer