Rezension über:

James Beresford: The Ancient Sailing Season (= Mnemosyne. Supplements - History and Archeology of Classical Antiquity; Vol. 351), Leiden / Boston: Brill 2013, XVI + 364 S., ISBN 978-90-04-22352-3, EUR 131,00
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Rezension von:
Christoph Schäfer
Abteilung Alte Geschichte, Universität Trier
Redaktionelle Betreuung:
Sabine Panzram
Empfohlene Zitierweise:
Christoph Schäfer: Rezension von: James Beresford: The Ancient Sailing Season, Leiden / Boston: Brill 2013, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 12 [15.12.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/12/23030.html


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James Beresford: The Ancient Sailing Season

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Basierend auf seiner Dissertation legt James Beresford unter dem Titel "The Ancient Sailing Season" eine Studie vor, die mit so manchem Vorurteil hinsichtlich der maritimen Aktivitäten der griechisch-römischen Seefahrer aufräumen möchte. Im Mittelpunkt seiner Untersuchungen steht die Frage, inwieweit die Grundregel vom Ruhen der Schifffahrt auf dem Mittelmeer während der Wintermonate in der Phase des mare clausum ernst zu nehmen oder zu revidieren ist. Inspiriert von den Überlegungen von M. McCormick (Origins of the European Economy: Communications and Commerce, A.D. 300-900, Cambridge 2001), der für das frühe Mittelalter von November bis März zwar einen Rückgang des Handelsverkehrs konstatiert, aber nichtsdestoweniger mit etwa einem Fünftel des Verkehrsaufkommens rechnet, weist Beresford zurecht darauf hin, dass eine systematische Prüfung der Verhältnisse in griechisch-römischer Zeit noch aussteht.

Eingangs kann er dies in einem Forschungsüberblick eindeutig belegen. Einen zentralen Grund für die vorschnelle Akzeptanz der Vorstellung vom mare clausum sieht er nicht zuletzt in der Tatsache, dass die literarische Überlieferung der Antike im wesentlichen von den gesellschaftlichen Eliten getragen wurde, die den Seehandel an sich und dessen Akteure eher gering achteten. Ein Vegetius, der in der Forschungsliteratur in der Regel als Hauptzeuge angeführt wird, habe überdies erst deutlich nach der großen Zeit hellenistischen und spätrepublikanisch-kaiserzeitlichen Schiffbaus geschrieben und mithin von der Leistungsfähigkeit und Widerstandskraft der Fahrzeuge kaum eine Ahnung gehabt.

Angefangen bei Hesiod analysiert Beresford die Textzeugnisse zu den Segelzeiten im Mittelmeerraum, wobei er bereits darauf hinweist, dass in etlichen Gebieten des Mittelmeerraumes die Bedingungen für die Schifffahrt selbst in den Wintermonaten so günstig waren, dass die Seeleute dort ihre Fahrten problemlos fortsetzen konnten. Anhand eines Zolldokuments aus Elephantine kann er deutlich machen, dass im 5. Jahrhundert v.Chr. ionische und phönizische Schiffe noch Mitte Dezember aus ägyptischen Häfen ausliefen und dies offensichtlich nicht als Einzelfall zu betrachten ist.

Um solche Ergebnisse verallgemeinern zu können, konzentriert er sich im nächsten Schritt auf die natürlichen Rahmenbedingungen wie Wetter und "sea conditions", wobei er davon ausgeht, dass die heutigen Bedingungen grosso modo auch für die Antike angenommen werden dürfen.

Ein nicht minder wichtiges Feld sind in diesem Zusammenhang die Bauweise und die Takelage der antiken Schiffe. Zurecht betont er die Fortschritte, die man in hellenistischer Zeit bei der shell-first-Bauweise erzielte, wodurch stabilere Rumpfkonstruktionen möglich wurden, die auch schwererem Seegang und winterlichen Wetterbedingungen widerstehen konnten. Eine wichtige Rolle spielt für B. nicht zuletzt die experimentelle Archäologie, insbesondere die positiven Erfahrungen die man beim Einsatz von Rahsegeln auf den Rekonstruktionen der athenischen Triere Olympias und der Kyrenia II gemacht hat. Insgesamt sieht er die technischen Voraussetzungen für die Fahrt in den Wintermonaten gegeben. Angesichts der geringen Erfahrungsdichte mit Schiffstypen, die eher am Rande seines Untersuchungsbereiches zu verorten sind, muss hier allerdings noch vieles offen bleiben.

Nach den natürlichen und den technischen Rahmenbedingungen wendet sich Beresford der Frage nach dem Niveau der Seemannschaft und den Möglichkeiten der Navigation zu. Mit guten Argumenten plädiert er gegen die Vorstellung, man habe sich während der Antike weitgehend auf Küstenfahrt beschränkt. Nicht nur die Schiffe selbst, auch die navigatorischen Fähigkeiten der Kapitäne reichten aus, Fahrten über das offene Meer regelhaft durchzuführen.

Gegen Ende der Arbeit richtet er seinen Blick noch über das eigentliche Untersuchungsgebiet hinaus, indem er die Seerouten nach Indien und die sailing season im Indischen Ozean skizziert. Während des Südwest-Monsuns bewältigten griechische und römische Seefahrer regelmäßig die vorherrschenden starken bis stürmischen Winde, den hohen Seegang und die oft deutlich reduzierte Sicht. Warum also, schließt Beresford, sollten ihre Kollegen im Mittelmeer mit derartigen Bedingungen, wie sie dort in den Wintermonaten auftreten, nicht ebenfalls fertig werden?

In überzeugender Weise ist es Beresford gelungen, die Vorstellungen vom mare clausum grundlegend zu revidieren. Ein mare clausum gab es nicht, bestenfalls eine gewisse Reduktion des Schiffsverkehrs. Desweiteren kann er zeigen, dass Fahrten über das offene Meer absolut möglich waren und künftig in der Diskusssion um den Seehandel der Antike stärker berücksichtigt werden müssen. Zahlreiche Tabellen, Abbildungen und Grafiken runden dieses hervorragende Buch ab.

Christoph Schäfer