Rezension über:

Steffen Patzold: Konflikte im Kloster. Studien zu Auseinandersetzungen in monastischen Gemeinschaften des ottonisch-salischen Reichs (= Historische Studien; Bd. 463), Husum: Matthiesen 2000, 426 S., ISBN 978-3-7868-1463-4, EUR 61,00
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Rezension von:
Knut Görich
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Knut Görich: Rezension von: Steffen Patzold: Konflikte im Kloster. Studien zu Auseinandersetzungen in monastischen Gemeinschaften des ottonisch-salischen Reichs, Husum: Matthiesen 2000, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 2 [15.02.2004], URL: http://www.sehepunkte.de
/2004/02/1362.html


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Steffen Patzold: Konflikte im Kloster

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Die Untersuchung von Konflikten erlaubt einen fassettenreichen Einblick in die Funktionsweise der mittelalterlichen Gesellschaft und ihrer Ordnungsvorstellungen: Die Offenlegung sozialer Strukturen macht die sozialgeschichtliche, die Frage nach der Praxis des politischen Handelns die verfassungsgeschichtliche und die Frage nach der Wahrnehmung der Konflikte die mentalitätsgeschichtliche Fassette solcher Analysen aus. Steffen Patzold zeigt in seiner Hamburger Dissertation eindrucksvoll, wie ertragreich diese Studien sein können, wenn man die vielfältigen Formen der Konfliktbeilegung nicht von vornherein durch die erkenntnisleitende Erwartung systematisierbarer "Rechtsfälle" verzerrt.

Patzolds Untersuchung gilt innerklösterlichen Auseinandersetzungen in ottonisch-frühsalischer Zeit, in der jene klosterübergreifenden Ordensstrukturen noch fehlen, die für die Zeit seit dem 12. Jahrhundert typisch werden. Aus einem einleitenden Überblick zur jüngeren angloamerikanischen und deutschen Konfliktforschung wird die Fragestellung entwickelt, in deren Mittelpunkt die Einwirkungen der sozialen Bindungen und Beziehungen einer Mönchsgemeinschaft auf die Formen der Konfliktbeilegung stehen. Aber auch die Diskussion über Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der mittelalterlichen Gesellschaft wird fortgesetzt: Patzold fragt nach dem Stellenwert von Ritualen und Gesten, nach der Übertragbarkeit des von Gerd Althoff an Beispielen aus dem weltlichen Bereich entwickelten Modells der Konfliktbeilegung, nach der Funktion schriftlicher Normen und nach der Tragfähigkeit von Hanna Vollraths These, eine überwiegend orale Gesellschaft verfüge über eine charakteristische Art der Konfliktwahrnehmung. Diese Fragen sollen Aufschluss geben über die allgemeine, bislang aber nicht durch systematische Untersuchung erhärtete Vermutung, der Konfliktaustrag im geistlichen Bereich unterscheide sich wegen der existenten schriftlichen Normen (etwa des Kirchenrechts oder der Benediktregel) von dem im weltlichen Bereich.

Die empirische Grundlage der Untersuchung bilden fünf ausführliche Fallbeispiele für Konflikte zwischen dem Abt und dem Konvent (63-189) und drei Fallbeispiele für Konflikte unter Konventualen (190-216). Ein Anhang verzeichnet 44 klösterliche Konflikte, die in den Kapiteln "Vergleich und Analyse" (217-305) und "Folgerungen" (306-359) ergänzend herangezogen werden. Umsichtig vermeidet Patzold bei der Auswertung der erzählenden Quellen die unfruchtbare Alternative von Faktizität und Fiktion, indem er die Texte als Hinweise auf zeitgenössische Vorstellungen versteht und aus ihrer vorauszusetzenden Verständlichkeit beim zeitgenössischen Adressaten Anhaltspunkte für gültige soziale Praktiken und Normen der Zeit gewinnt.

Konfliktursache waren Fragen der klösterlichen Wirtschaft sowie der monastischen Observanz und ihrer Reform. Der archimedische Punkt, an dem die idealerweise engelsgleiche und gehorsam ihrem Abt untergebene Friedensgemeinschaft im Kloster aus den Angeln gehoben wurde, war die auch nach dem Klostereintritt fortdauernde Bindung adliger Konventualen an ihre einflussreichen weltlichen Verwandten und Freunde sowie ihre ungebrochene "mentalitäre" Verflechtung mit der Welt des Adels.

Aus den Rückkoppelungen zwischen den Beziehungen der Äbte und Mönche zu ihrer Außenwelt erklärt sich, weshalb ein innermonastischer Konflikt letztlich nicht auf das Kloster selbst beschränkt bleiben konnte: Die Parteien suchten Unterstützung außerhalb der Mauern. Das Beziehungsgeflecht, das sie mit der laikalen Außenwelt verband, bestimmte gleichzeitig Weg und Methode der Konfliktbeilegung. Der vergleichende Überblick lässt zwar Prozess und Gericht, außergerichtlich-gütliche Konfliktregelung sowie Gewalt als immer wieder auftauchende Methoden des Konfliktaustrags erkennen. Aber selbst das Gerichtsverfahren war von Qualität und Quantität persönlicher Bindungen und Beziehungen geprägt. Mit diesen "in der Tiefe das Procedere vor dem königlichen und bischöflichen Gericht" (264) prägenden persönlichen Kontakten erklärt Patzold überzeugend die Verschiedenartigkeit des Verfahrens selbst. Der zentrale Stellenwert persönlicher Kontakte macht auch verständlich, dass das personelle Beziehungsgeflecht im Konfliktfall aktiviert und manipuliert werden musste - also etwa durch Geschenke und Gesten öffentlicher Ehrung oder Demütigung.

An diese strukturellen Einsichten knüpfen sich eine ganze Reihe sehr bedenkenswerter Folgerungen: Für die klösterliche Lebenswelt belegt die auch in den Klostermauern fortdauernde Gültigkeit weltlich-adligen Rangdenkens, dass Konflikte gerade nicht in einer Isolation der monastischen Gemeinschaft von der Welt wurzelten, sondern vielmehr in ihrer Einbindung in die Welt. Nur konsequent ist es daher auch, Abstriche an dem auf Ulrich Stutz zurückgehenden Konzept vom Eigenkloster, das dem Klosterherrn in vermögensrechtlicher und geistlicher Hinsicht volle Verfügungsgewalt beimaß, zu machen.

Reformbedingte Konflikte beschrieb die ältere Forschung als innermonastische, geistig-geistliche Auseinandersetzungen; demgegenüber akzentuiert Patzold ihre sozialgeschichtliche Seite: Insoweit eine Reform stets mit personellen Änderungen verbunden war, war sie vor allem ein tiefer Einschnitt in das bestehende Geflecht sozialer Beziehungen zwischen Kloster und Außenwelt. Innerklösterlicher Widerstand gegen Reformbemühungen wird so deutbar als "Seitenzweig" adliger Machtkonflikte.

Patzolds Beobachtung, dass bei innerklösterlichen Konflikten auch, aber keineswegs immer, Vermittler eine Rolle spielten und über Gesten verhandelten, führt ihn zu einer Modifikation von Gerd Althoffs Modell der Konfliktbeilegung durch Vermittler: Die Vielfalt an Austragungs- und Beilegungsmöglichkeiten, die auf den Seiten 328-334 auch an einer von Althoff abweichenden Interpretation des Konflikts zwischen Heinrich II. und dem Markgrafen von Schweinfurt illustriert werden, mache deutlich, dass Althoff eher "regelmäßig" überlieferte und nicht "regelgemäße" Handlungen, also lediglich einen typischen "Spielzug" in einem komplexen Spiel beschrieben habe, aber nicht dessen "Spielregeln". Als eigentliche Spielregeln erschienen die Methoden zielgerichteter Manipulation der sozialen Beziehungen der Konfliktparteien (337).

Auch die Übereinstimmung der Formen von innerklösterlichem Konfliktaustrag im ottonischen Reich mit jenen, die die angloamerikanische Forschung in Konflikten zwischen Laienadligen und Klöstern in Frankreich erkannt hat, hat Folgen. Denn die "spezifische Konfliktmentalität" (341) zeige sich unabhängig von Stärke oder Schwäche des Königtums. Daher seien die Formen der Konfliktlösung im westfränkischen Reich um das Jahr 1000 auch keine Konsequenz des Zusammenbruchs der Karolingerherrschaft.

Mit Blick auf die Diskussion um Mündlichkeit und Schriftlichkeit betont Patzold, dass die Grenzen zwischen der klerikalen, von Schriftlichkeit geprägten, und der laikalen, von Mündlichkeit geprägten, Kultur, unscharf und durchlässig seien. Die Quellen wiesen nicht auf ein spezifisches Wahrnehmungsmuster schriftkundiger Mönche hin, das sich von jenem ihrer illiteraten Verwandten außerhalb des Klosters unterscheide. Durch die Schriftlichkeit der Normen sei im geistlichen Bereich zwar grundsätzlich die Möglichkeit einer stärkeren Verobjektivierung gegeben; aber offenbar sei den Mönchen die uns heute selbstverständliche Vorstellung einer Normenhierarchie fremd gewesen, denn sie zogen Normen ganz unterschiedlicher Herkunft als Argumentationshilfe zur Legitimation ihrer Position heran. Diese "Rechtsmentalität" (342) erkläre auch, warum die Kirche über Jahrhunderte hinweg mit einer ungeordneten Vielzahl verschiedenartiger Normen zurecht kam.

Auch Patzolds Untersuchung beseitigt die als "unsicher und konturlos" (44) beklagte Unübersichtlichkeit im aktuellen Bild des Konfliktaustrags nicht, er bereichert sie vielmehr mit einem nachdrücklichen Plädoyer für die Untersuchung des Einzelfalls - der er sich zwischenzeitlich in weiteren Beiträgen auch gewidmet hat. [1] Das gut lesbare Buch ist klar gegliedert und wird von einem nützlichen Sachregister beschlossen.

Anmerkung:

[1] Steffen Patzold: ... inter pagensium nostrorum gladios vivimus. Zu den "Spielregeln" der Konfliktführung in Niederlothringen zur Zeit der Ottonen und frühen Salier, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 118 (2001), 58-99. Außerdem: Jürgen Martschukat / Steffen Patzold (Hg.): Geschichtswissenschaft und "performative turn". Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Köln / Weimar / Wien 2003.

Knut Görich