Rezension über:

Peter D. Clarke / Anne J. Duggan (eds.): Pope Alexander III (1159-81). The Art of Survival (= Church, Faith and Culture in the Medieval West), Aldershot: Ashgate 2012, XXI + 427 S., ISBN 978-0-7546-6288-4, GBP 70,00
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Rezension von:
Knut Görich
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Knut Görich: Rezension von: Peter D. Clarke / Anne J. Duggan (eds.): Pope Alexander III (1159-81). The Art of Survival, Aldershot: Ashgate 2012, in: sehepunkte 13 (2013), Nr. 9 [15.09.2013], URL: http://www.sehepunkte.de
/2013/09/21760.html


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Peter D. Clarke / Anne J. Duggan (eds.): Pope Alexander III (1159-81)

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Die letzte Gesamtdarstellung des Pontifikats Papst Alexanders III. ist mehr als 50 Jahre alt. [1] Mittlerweile werden die traditionellen ideengeschichtlichen und rechtshistorischen Perspektiven auf das Papsttum ergänzt durch die Frage nach Interaktion und Kommunikation zwischen dem römischen Zentrum und der kirchlichen Peripherie: der Aufstieg des Papsttums zu gesamtkirchlicher Autorität ist nicht mehr nur aus der Vorstellung einer von den Päpsten betriebenen Zentralisierung erklärbar, sondern in die Wechselbeziehungen zwischen Kurie und Region eingebettet. [2] Die meisten Beiträge des vorliegenden Bandes fügen sich in methodischer Hinsicht recht bruchlos in diesen Kontext ein.

Das gilt insbesondere für Anne J. Duggan (Master of the Decretals: A Reassessment of Alexander III's Contribution to Canon Law, 365-417), die Alexanders Dekretalen - auch in Ehefragen - nicht als Ausdruck konsequenter Gesetzgebung versteht, sondern auf die Anfragen der Ortskirchen zurückführt und das Bild Alexanders als "Juristenpapst" als Folge der erst später einsetzenden Sammlung und Verbreitung der Texte durch die Kanonisten erklärt, wodurch die Beteiligung der Kardinäle und kurialer Rechtsgelehrter an den päpstlichen Entscheidungen lange aus dem Blick der Forschung verschwunden sei. Einen methodischen Gegenpol bildet gewissermaßen die rein quellenkritische Analyse von Katherine Christensen (The Curious Case of Becket's Pallium: Guernes de Pont-Ste-Maxence and the Court of Alexander III, 241-255), die den singulären Bericht über Alexanders Zögern bei der Palliumsübergabe mit mündlich tradiertem Wissen eines Augenzeugen erklärt.

Der Sammelband verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er die bislang fehlende moderne Monographie durch einen thematisch und geographisch weit gefassten Überblick ersetzen und so den zweitlängsten Pontifikat des Mittelalters - gewissermaßen vorläufig - auf der Basis des aktuellen Forschungsstandes erschließen will. Diese Zielsetzung deckt sich aber nur teilweise mit dem Untertitel "The Art of Survival", der einen eigentlich spezifisch problemorientierten Zugriff suggeriert, dem sich aber nicht alle Beiträger in solcher Weise verpflichtet zeigen wie etwa Anne J. Duggan (Alexander ille meus: The Papacy of Alexander III, 13-49), Nicholas Vincent (King Henry II and the Papacy 1154-1189, 257-299, mit Verzeichnis der Briefe Alexanders an Heinrich II.) oder Myriam Soria (Alexander III and France: Exile, Diplomacy and the New Order, 181-201).

Der einleitende Beitrag von Peter D. Clarke (1-12) fasst die Ergebnisse des Bandes wesentlich unter zwei systematisierten Fragestellungen prägnant zusammen. Sie gelten erstens der Durchsetzung der alexandrinischen Obödienz: wie ein Vergleich der Iberischen Halbinsel (Damian J. Smith, Alexander III and Spain, 203-242) mit Frankreich (Myriam Soria) oder dem angevinischen Reich (Nicholas Vincent) zeigt, war sie von unterschiedlich starker politischer Fragmentierung abhängig. [3] Zweitens tritt das besondere diplomatische Feingefühl Alexanders III. immer wieder als wichtige Voraussetzung seines politischen Überlebens hervor: anders als unter Gregor VII. oder Innozenz III. schlugen Kurie und Legaten in ihren diplomatischen Aktivitäten gegenüber weltlichen Herrschern (wie jenseits des Becket-Konflikts mit Heinrich II. von England und mit Ludwig VII. von Frankreich) und geistlichen Repräsentanten (wie Erzbischof Heinrich von Reims) keinen schroff konfrontativen, sondern einen eher konzilianten, auf Kompromiss abzielenden Ton an (Nicholas Vincent, Myriam Soria). Diese politische Linie entsprang nicht nur dem Zwang zur Rücksichtnahme während des Schismas, sondern auch den Erfahrungen, die Alexander als Legat in heiklen politischen Missionen und als Kanzler der römischen Kirche noch vor Beginn seines Pontifikats gesammelt hatte. Friedrich I. Barbarossa ließ eine solche Flexibilität vermissen und geriet - weniger als Folge einer geplanten Konfrontation, sondern vielmehr einer an die Wahrung des unverletzten honor imperii gebundenen Entwicklung, die seinen Handlungsspielraum zunehmend beschnitt - in eine Spirale immer starrer werdender Grundsätzlichkeit hinein (Jochen Johrendt: The Empire and the Schism, 99-126). [4]

Drei Beiträge gelten dem italienischen Kontext des Schismas: John Doran ('At least we reached the port of salvation': The Roman Context of the Schism of 1159, 51-98) zufolge unternahm Alexander III. wenig, um die Unterstützung des römischen Klerus zu gewinnen, wie auch fehlende Kardinalserhebungen von Römern zeigten. Das verbreitete Bild, Alexander III. sei angesichts der Bedrohung durch Barbarossa in Italien zu faktischer Untätigkeit gezwungen gewesen, widerlegt Brenda Bolton mit einer eindringlichen Untersuchung der mit Unterbrechungen insgesamt achtjährigen päpstlichen Präsenz im Bergland der Ciociaria östlich von Rom (The Absentee Lord? Alexander III. and the Patrimony, 152-180). Edward Coleman bekräftigt die Revision des älteren Geschichtsbildes, Alessandria sei eine strategischem Weitblick verpflichtete Gründung des lombardischen Städtebundes ('A city to be built for the glory of God, St Peter, and the whole of Lombardy': Alexander III, Alessandria and the Lombard League in Contemporary sources, 127-151), übergeht freilich die Herausforderung, die in der Namensgebung für Barbarossa lag. [5]

Jonathan Harris und Dmitri Tolstoy (Alexander III and Byzantium, 301-313) stellen die Kontakte Alexanders III. in den größeren Kontext der Verhandlungen über die Kirchenunion und vermuten, Alexanders Zugeständnisse an Manuel Komnenos hätten weiter gereicht als Boso erkennen lässt - diskutieren aber nicht die möglichen Gründe für Bosos Schweigen oder die zeremoniellen Schwierigkeiten der Salbung, die mit einer Anerkennung Manuels als römischer Kaiser verbunden gewesen wären. Thomas Madden (Alexander III and Venice, 315-339) sieht in der Lösung des langjährigen Streits zwischen Aquileja und Grado 1180 eine Folge von Alexanders Aufenthalt in Venedig 1177 und erkennt in der mit Enrico Dandolo, dem langlebigen Patriarchen von Grado und Onkel des gleichnamigen Dogen, gefundenen Lösung des Konflikts (Primat über Zara) einen wichtigen Aspekt der Vorgeschichte des Vierten Kreuzzuges. Iben Fonnesberg-Schmidt (Alexander III and the Crusades, 341-363) verfolgt die nur langsam über die Vorgaben seiner Vorgänger hinausgehende Formierung einer eigenen Haltung Alexanders zum Kreuzzugsprojekt und betont das unterschiedliche Maß an Unterstützung, das er dem Kampf gegen die Ungläubigen im Heiligen Land, auf der Iberischen Halbinsel und im Baltikum gewährte.

Angesichts der Kirchenspaltung war es für Alexander III. wichtig, sich als rechtmäßiger Papst inszenieren zu können, weil der Konflikt zwischen ihm und den kaiserlichen Gegenpäpsten auch ein Kampf um die Macht war, die eigene Legitimität symbolisch sichtbar machen zu können. Dieser Aspekt wird zwar mehrfach angesprochen - etwa anlässlich der Ankunft Alexanders III. in Montpellier oder des Konzils von Tours 1163 (Soria, 184ff.) sowie der Übersendung der goldenen Rose an Ludwig VII. von Frankreich (Duggan, 23) -, jedoch werden symbolische Verhaltensweisen wenn überhaupt, dann nur aspekthaft erwähnt. Damit bleibt eine ergiebige Erkenntnismöglichkeit ungenutzt - wie ein Hinweis auf den mehrfach unzutreffend als päpstlichen Triumph charakterisierten Frieden von Venedig 1177 (z.B. Madden, 315) zeigen mag: weil Barbarossa schon vor seiner Ankunft auf dem Markusplatz durch eine Kardinalsdelegation in S. Nicolò auf dem Lido von der Exkommunikation gelöst worden war, erschien er in einem prächtigen adventus-Zeremoniell schon als mit der Kirche versöhnter princeps catholicus vor dem Papst auf dem Markusplatz; solcherart vom Zwang eines öffentlichen Rekonziliationsrituals befreit, konnte er nunmehr persönliche Demut, Frömmigkeit und Friedensabsicht - kurz: Freiwilligkeit als das eigentliche Motiv seiner Prostration vor dem Papst demonstrieren. [6] Auch in dieser umsichtigen Inszenierung, die dem Kaiser keinen Gesichtsverlust zumutete, zeigte sich die besondere diplomatische Flexibilität des Papstes, die als ein Kennzeichen seiner Politik erscheint.

Insgesamt ist der Band eine vorzügliche Ausgangsbasis für weitere Forschungen über Alexander III., die durch zahlreiche Beiträge wichtige neue Impulse erhält. Mit Blick auf die Geschichte des Papsttums hätte die konkrete Tätigkeit der Kardinallegaten als Voraussetzung sowohl der Stärkung des Kardinalskollegiums seit dem Dritten Laterankonzil als auch der Pontifikate dreier Legaten Alexanders III. nach dessen Tod mehr Aufmerksamkeit verdient. [7] Wer außerdem Wert auf die Einsicht legt, dass Alexanders politisches Überleben auch vom schieren Zufall abhing - wie beispielsweise der nur kurzen Lebensspanne der drei kaiserlichen Gegenpäpste -, sollte auf den nahezu zeitgleich erschienenen Beitrag von Werner Maleczek zurückgreifen. [8]


Anmerkungen:

[1] Marcel Pacault: Alexandre III: Étude sur la conception du pouvoir pontifical dans sa pensée et dans son œuvre, Paris 1956.

[2] Ernst-Dieter Hehl (Hg.): Das Papsttum in der Welt des 12. Jahrhunderts, Stuttgart 2002; Jochen Johrendt / Harald Müller (Hgg.): Römisches Zentrum und kirchliche Peripherie: das universale Papsttum als Bezugspunkt der Kirchen von den Reformpäpsten bis zu Innozenz III., Berlin 2008; Klaus Herbers / Jochen Johrendt (Hgg.): Das Papsttum und das vielgestaltige Italien: hundert Jahre Italia Pontificia, Berlin 2009; Klaus Herbers / Fernando López Alsina / Frank Engel (Hgg.): Das begrenzte Papsttum: Spielräume päpstlichen Handelns: Legaten, delegierte Richter, Grenzen, Berlin 2013.

[3] Zu Italien jetzt Kai-Michael Sprenger: Zwischen den Stühlen: Studien zur Wahrnehmung des Alexandrinischen Schismas in Reichsitalien (1159 -1177), Berlin 2012.

[4] Dazu jetzt Jürgen Petersohn: Kaisertum und Rom in spätsalischer und staufischer Zeit. Romidee und Rompolitik von Heinrich V. bis Friedrich II., Hannover 2010.

[5] Zur Diskussion der erzählenden Quellen wäre nachzutragen: Jörg W. Busch: Die Mailänder Geschichtsschreibung zwischen Arnulf und Galvaneus Flamma: die Beschäftigung mit der Vergangenheit im Umfeld einer oberitalienischen Kommune vom späten 11. bis zum früheren 14. Jahrhundert, München 1997; Frank Schweppenstette: Die Politik der Erinnerung. Studien zur Stadtgeschichtsschreibung Genuas im 12. Jahrhundert, Frankfurt 2003.

[6] Knut Görich: Friedrich Barbarossa. Eine Biographie, München 2011, 442-461.

[7] Dazu die einschlägigen Beiträge von Claudia Zey, genannt sei wenigstens: Handlungsspielräume - Handlungsinitiativen: Aspekte der päpstlichen Legatenpolitik im 12. Jahrhundert, in: Zentrum und Netzwerk, hgg. v. Gisela Drossbach / Hans-Joachim Schmidt, Berlin 2008, 63-92.

[8] Werner Maleczek: Das Schisma von 1159 bis 1177. Erfolgsstrategie und Misserfolgsgründe, in: Gegenpäpste. Ein unerwünschtes mittelalterliches Phänomen, hgg. von Harald Müller / Brigitte Holtz, Wien-Köln-Weimar 2012, 165-204.

Knut Görich