Rezension über:

Christian Jaser / Ute Lotz-Heumann / Matthias Pohlig (Hgg.): Alteuropa - Vormoderne - Neue Zeit. Epochen und Dynamiken der europäischen Geschichte (1200-1800) (= Zeitschrift für Historische Forschung; Beiheft 46), Berlin: Duncker & Humblot 2012, 341 S., 4 Abb., ISBN 978-3-428-13867-8, EUR 48,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Klaus Ridder / Steffen Patzold (Hgg.): Die Aktualität der Vormoderne. Epochenentwürfe zwischen Alterität und Kontinuität (= Europa im Mittelalter; Bd. 23), Berlin: Akademie Verlag 2013, 383 S., ISBN 978-3-05-006397-3, EUR 99,80
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Wolfgang Burgdorf
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Wolfgang Burgdorf: Vormoderne und Neuzeit (Rezension), in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 6 [15.06.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/06/24351.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Vormoderne und Neuzeit

Textgröße: A A A

Das passiert nur wenigen Lebenden. Heinz Schilling hat ein Denkmal, eigentlich drei: Sein Werk, eine Festschrift zum 65. Geburtstag und nun noch eine. Alle drei geben viel Anlass zum Denken, sind echte Denkmäler. In seinem jüngsten Ehrenmal ist Heinz Schilling der meistzitierte Autor.

Einleitend thematisieren die Herausgeber Leistungen und Grenzen alternativer Periodisierungskonzepte für die europäische Geschichte am Beispiel der Paradigmen Alteuropa, Vormoderne und Neue Zeit. Egal ob man Alteuropa mit Homer beginnen lässt (Otto Brunner) oder um 1200 (Dietrich Gerhard), dem Begriff haftet die Anmutung des Statischen an. Donald Rumsfeld hat dies 2003 noch verstärkt. Es besteht die Neigung "verlorene Lebenswelten" (Peter Laslett) zu romantisieren.

Der Band gliedert sich in drei Teile: 1. das Profil Alteuropas, 2. alteuropäische Lektüren und 3. Alteuropa und die Sattelzeit. In der ersten Abteilung, die historiographiegeschichtliche und methodische Perspektiven behandelt, fragt Gerd Schwerhoff zunächst, ob Alteuropa ein unverzichtbarer Anachronismus sei? Wie schon Dietrich Gerhard verweist er darauf, dass es attraktiver ist die "Vorgeschichte des Heute" darzustellen, als die "Nachgeschichte des Vorgestern" (32). Vergleichend werden alternative, in der angelsächsischen und französischen Geschichtsschreibung übliche Periodisierungen vorgestellt. Bedenkenswert ist der Hinweis auf den Übergang vom Urkunden- zum Aktenzeitalter um 1200 in den Städten und um 1500 in den Territorien. Allerdings endet das Aktenzeitalter nicht um 1800.

Barbara Stollberg-Rilinger beleuchtet die Verwendung des Alteuropa-Konzepts in der "Zeitschrift für historische Forschung", die diesem Zeitraum gewidmet ist. Der Befund ist bescheiden. Von 229 Beiträgen in der Zeit von 1974 bis 2011 führen nur zwei den Begriff im Titel. In seinen kirchenhistorischen Überlegungen kommt Thomas Kaufmann zu dem Resultat: "Das 'christliche Abendland' dürfte als historisch-heuristische Kategorie analytisch wenig brauchbar sein" (63). Er definiert Alteuropa als die Zeit der gesalbten Herrscher und verweist auf die Bedeutung des Islams für die Bildung Europas. Sein altes Europa ist das "Christenheitseuropa", im Gegensatz zum durchsäkularisierten Alteuropa Brunners, doch es ist Vergangenheit (77).

Über die deutsche und französische Mittelalterforschung zwischen Alteuropa, long moyen âge und vieille Europe berichtet Christian Jaser. Im Gegensatz zur französischen beteiligt sich die deutsche Mediävistik nur ungern an der Diskussion über alternative Epochengrenzen. Für sie ist das Mittelalter ein schützenswertes Kulturgut, Alleinstellungsmerkmal und Existenzberechtigung, während die expansiven Franzosen Teile der Antike und der Neuzeit vereinnahmen. Der Epochenkonservatismus konserviert die Alterität zur Moderne. Für Jacques Le Goff hingegen ist das klassische Mittelalter von 500 bis 1500 ein "monstre chronologique" (85). Seit Beginn der 1990er Jahre und der Diskussion um den Vertrag von Maastricht ist die Periodisierungsdiskussion für Le Goff mit einem Bekenntnis zur europäischen Geschichte verbunden.

Ob wir wirklich die Reformation verloren haben, fragt im Anschluss an Heinz Schilling Thomas A. Brady. Die Jahrhunderte nach der Reformation waren vom Kulturkampf bestimmt. Protestantische Gelehrte empörten sich, weil das Ergebnis der angeblichen "Welttat" nicht das Heilige evangelische Reich deutscher Nation war. Endgültig verloren wurde die Reformation zwischen 1918 und 1945. Weder die Welt, noch die Deutschen, honorierten die deutsche Tat länger. Die DDR erfand die frühbürgerliche Revolution und auch im Westen folgten auf alternative Paradigmen bald andere turns. Das lutherzentrische Geschichtsbild ist zerbröselt und Luther wird dem Mittelalter zugeschlagen. Peter Lasletts gesellschaftsgeschichtliche Interpretation des vorindustriellen Europa wird von Stefan Ehrenpreis nachgezeichnet. "Die Welt, die wir verloren haben", war kein Paradies, sondern ein Ort der Kernfamilie, ohne Menschenrechte, voller Entbehrungen und ohne Mitleid.

Die zweite Sektion des Bandes ist der Religions-, Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte gewidmet und beginnt mit Volker Leppins Überlegungen zum historischen Ort der Reformation. Ihre Entwicklungsoffenheit und offene Potentialität werden hier im Vorfeld des Jubiläums von 2017 betont. Olaf Mörke schildert, wie im 16. Jahrhundert in den Niederlanden die "Legitimität des Dissenses" als Pluralisierung des Freiheitsbegriffes und Voraussetzung ökumenischer Koexistenz und politischer Freiheit entstand. Robert von Friedeburg zeigt, wie ein neuer Typ von Monarchen neue Monarchien schuf, wodurch er so seine Welt von jener des Mittelalters trennte. Neben dem Staat selbst ist die Universität die älteste Institution, welche in Europa ohne Unterbrechung seit dem Mittelalter existiert. Das ist das Thema von Willem Frijhoff. Daran anschließend fragt Kaspar von Greyerz, wie dominant und kohärent der 'alteuropäische' Aristotelismus ist? Die aristotelische Interpretation des Neuplatonismus durch Brunner lehnt er ab. Johannes Burkhardt durchstreift die Wirtschaftstheorien der Frühen Neuzeit. Den entscheidenden Bruch zwischen Nullsummensytemen und Wachstumsorientierung sieht er bei Adam Smith. Wie zuvor Winfried Schulze betont auch Burkhardt, dass das vorherige Denken in begrenzten Ressourcen heute wieder hochaktuell sei. Da wir beides in der Frühen Neuzeit finden, plädiert er leidenschaftlich für die Beibehaltung dieses Epochenbegriffes.

Die Statistik als empirische Methode der Wirklichkeitsaneignung und rationale Legitimation des Aufgeklärten Absolutismus konnte auch gegen die Herrschaft gewendet werden, wie Lars Behrisch zeigt. Ruth Slenczk führt aus, dass unabhängig von Zäsuren wie der Reformation das Zeitalter der Figurengrabmäler ca. 1000 Jahre währte und um 1800 endete.

Schon die Zeitgenossen betrachteten die Entdeckung Amerikas als das wichtigste Ereignis seit der Geburt Christi und stellten fest, dass die Welt kleiner als gedacht war. Für Wolfgang Reinhard beginnt mit der europäischen Expansion ein neues Zeitalter. Ausführlich diskutiert er die bekannten Erklärungsversuche für das "Europäische Wunder" und bereichert sie um die Überlegung, ob es das Instrument der internationalen Konferenzen war, das es den europäischen Staaten erlaubte, trotz ständiger Konkurrenz, ihre Energien immer wieder neu auszutarieren, ohne sich aufzureiben. Allerdings endet dieses europäische Zeitalter nicht um 1800, sondern erst zwischen 1945 und 1989 mit der Dekolonialisierung.

Die letzten fünf Beiträge beschäftigen sich mit Phänomenen des Übergangs zur Moderne. Matthias Pohlig demonstriert am Beispiel Napoleons den Wandel der sattelzeitlichen Individualitätskonzeptionen. Das Zeitalter der bleibenden Strukturen Brunners endete mit einer heroischen Gestalt. Ute Lotz-Heumann fragt nach dem Nachleben Alteuropas bzw. des Hexenglaubens im 19. Jahrhundert und Ruth Schilling betrachtet Galens langen Schatten bzw. den wissenschaftlichen Umbruch und die medizinische Praxis zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert. Jan-Friedrich Missfelder lauscht den fernen Klängen Alteuropas nach und entdeckt das moderne Recht auf Ruhe, während Holger Th. Gräf das Alte Europa in der Neuen Welt wiederfindet.

Die häufigen Verweise auf die Ursprünge und früheren Verwendungen des Begriffes Alteuropa in fast allen Beiträgen wirken redundant. Seit Brunner und erneut seit Le Goff ist unübersehbar, dass Periodisierungsdiskussionen Identitäts- sowie Selbstverständigungsdebatten und letztlich hochpolitisch sind. Es geht um die Frage, mit welchem System wir uns identifizieren wollen. Jede Historikerin und jeder Historiker sollte seine Epochengrenzen definieren und erklären, warum er gerade diese nimmt. Zäsurideologie und "kulturalistische Sagbarkeitsregime" (Christian Jaser) müssen überwunden werden. So lehrreich können Denkmäler sein, wenn sie einer Geistesgröße wie Heinz Schilling gewidmet sind.

Klagte soeben noch Christian Jaser über die mangelnde Bereitschaft der deutschen Mediävistik, sich an der Diskussion über Epochengrenzen zu beteiligen, so zeigt der von Klaus Ridder und Steffen Patzold herausgegebene Band "Aktualität der Vormoderne. Epochenentwürfe zwischen Alterität und Kontinuität" dass sich dies geändert hat. Er dokumentiert eine Tagung des Tübinger "Zentrums Vormodernes Europa", einer interfakultären Institution für kollaborative Forschungsprojekte und strukturierte Nachwuchsförderung.

Einleitend beklagen die Herausgeber mit Kurt Flasch, dass unser Geschichtsbewusstsein kaum über Bismarck zurückreicht. Wichtig erscheint der Hinweis, dass die Dreigliederung Antike, Mittelalter, Neuzeit der humanistischen Selbstdeutung und damit selbst der Vormoderne entstammt. Dann schauen sie auf das Europa des Glaubens. Religion steht nicht nur mit Wissen in einem gespannten Verhältnis, sondern auch mit ihren verschiedenen Ausformungen. Schon in den siebziger Jahren des 13. Jahrhunderts forderte Raimundus Lullus gegenseitige Hochachtung der drei abrahamitischen Religionen.

Neben einer "Eröffnung" in der Jeffrey F. Hamburger und Hildegard Elisabeth Keller Periodisierungsüberlegungen am Beispiel des kirchlichen Bilderstreits in der Frühen Neuzeit präsentieren, gliedert sich der Band in vier Teile: "Nation - Europa - Welt", "Vormoderne - Moderne" sowie "Religion - Wissen" und "Europäische Werte und Identitäten".

Mediävisten beharren darauf, dass das Individuum nicht in der Renaissance, sondern schon im 12. Jahrhundert entdeckt worden sei. Benedikt XVI. und andere versuchen, der Moderne das abzusprechen, was Hans Blumenberg ihre Legitimität nannte, indem sie diese mit Blick auf die Säkularisierung als Verfallsprodukt darstellen. Dagegen fordern Hamburger und Keller, das Mittelalter zeitlich nicht bis zum Untergang des Ancien Régime auszudehnen, da in Zeiten von Budgetkürzungen Rektoren und Dekane darauf erpicht seien, verschiedene Perioden vormoderner Geschichtsforschung zusammenzulegen, um Lehrstühle einzusparen (20). Bei dem Bilderstreit ging es nicht nur um Bilder an Wänden, sondern auch um jene in den Herzen, welches lange als Sitz der Seele galt. Das Ringen um die Herzen führte dazu, dass trotz des Kampfes gegen Bilder Darstellungen des Herzens immer populärer wurden.

Zu Beginn der nächsten Sektion räsoniert Michael Borgolte über die europäische und globale Geschichte des Mittelalters im Zeichen kognitiver Entgrenzung. Während die DDR das Mittalter universalistisch interpretierte, betonte man in der alten Bundesrepublik seinen europäischen Charakter. Gegen Heinrich August Winklers universalistische Fehlinterpretation des Alten Reiches betonen nicht nur Frühneuzeitler, sondern auch Mediävisten den defensiven Charakter des Reiches, und zwar schon seit Otto dem Großen. Interessant für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist Ernst Pitz Theorem des Euromediterraneums (56). Borgolte schlägt vor, statt vom christlichen vom monotheistischen Europa zu sprechen (59). Der amerikanische Historiker Jerry H. Bentley setzt den Ursprung der Globalisierung mit dem Auftreten des Homo erectus und seinem Streben nach der Erkenntnis der weiteren Welt gleich (62). Borgolte schließt, die Perioden der ganzen Welt könnten auf keinen Begriff reduziert werden. Der Vorteil der Globalgeschichte liegt darin, dass sie im Gegensatz zur früheren Weltgeschichte keine Botschaft über Ursprung und Ziel der Geschichte aufdrängt.

In die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit im Gefüge der historischen Archäologien führt Ulrich Müller ein. Unter dem Gesichtspunkt der Archäologie endet das Mittelalter erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts, seit Gebäude von professionellen Architekten mit industriellen Technologien errichtet werden. Abgesehen von der konventionellen Dreiteilung periodisieren die Archäologien in Europa regional sehr unterschiedlich. In Skandinavien z.B. ist das Zeitalter der Wikinger, in Spanien jenes der Westgoten von besonderer Bedeutung. Müller plädiert daher für eine Theoriediskussion und präferiert den Begriff "historische Archäologie", um die Perspektive nicht von vorneherein einzuengen.

Der dritte Teil, "Vormoderne - Moderne" beginnt mit Ewald Fries Beitrag "'Bedrohte Ordnungen' zwischen Vormoderne und Moderne". Dabei handelt es sich um Überlegungen zu einem Forschungsprojekt, um Alternativen zur Modernisierungstheorie und alternative Ordnungskonfigurationen. Damit wäre der grundsätzliche Gegensatz von vormodernen und modernen Ordnungen aufzulösen. Von der scholastischen Wissenschaft in den Meistererzählungen der europäischen Geschichte berichtet Frank Rexroth. Gegen das negative Mittelalterbild der Aufklärung setzte die Romantik ihre positive Version der goldenen Zeit vor der Ursünde von Revolution und Reformation. Entsprechend wurde das Erbe der Scholastik verortet, während Le Goff die Geburt des Intellektuellen schon im Mittelalter nachwies, aber auch dessen Scheitern durch Vereinnahmung. Die moderne rhetorische Kategorie "Textleistung" erprobt Joachim Knape am Beispiel mittelalterlicher Chronistik und kommt zu dem Ergebnis, dass die Rhetorik als Seelenleitung schon im Mittelalter effektive Kommunikationsinstrumente bereitstellte. Schon der "Kaiserchronist" des 12. Jahrhunderts achtete darauf, dass sein Datengerüst quellengestützt war (146).

Wilfried Nippel demonstriert anschließend die Verabschiedung der Antike durch die Französische Revolution. Mit der terreur sei die Nachahmung der Antike diskreditiert worden. Jede Versammlungsdemokratie führe zur Demagogie. Salus populi suprema lex rechtfertigt(e) alles. Die Freiheit musste gerade zu ihrem Schutz angeblich immer wieder verhüllt werden. Wie Selbstreflektion des Individuums, Alterität und Selbstfremdheit, bereits in der mittelalterlichen Minnedichtung beschrieben wurden, führt Martin Baisch aus. Denken und Gefühle des Mittelalters waren nicht grundsätzlich anders. Auch Claudia Lauer stellt "die prekäre Frage nach der sogenannten Alterität der Vormoderne" hinsichtlich des Problems, wie sich Liebe übersetzen lässt (210).

Die folgende Abteilung des Bandes "Religion - Wissen" wird von Andreas Holzem mit einem Beitrag zur "Wissensgesellschaft der Vormoderne" eingeleitet: "Die Transfer- und Transformationsdynamik des 'religiösen Wissens'". Er beginnt mit einem straken Diktum Goethes: "Unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessantes als Luthers Charakter (...). Alles Übrige ist ein verworrener Quark, der uns noch täglich zur Last fällt." Im Verlauf der Vormoderne musste "die Religion in stärkerem Maße als je auf Stützmittel zurückgreifen, die sie selbst institutionell nicht produzieren konnte" (241f.). Es bleibt die Frage, "inwieweit das feste Vertrauen in die Existenz und Rationalität Gottes die empirischen Naturwissenschaften gefördert hat" (265). Punktueller behandelt Michael Stolz die Frage "Religion und Wissen in der Prager Hofkultur des 14. Jahrhunderts". Dort fungierte die Natur bereits als "vicaria Dei", als Stellvertreterin Gottes, wobei sie allerdings auch gegen Phänomene wie Homosexualität instrumentalisiert wurde. Burghart Wachinger referiert über "Religionsgespräche in Erzählungen des Mittelalters". Hier verdienen besonders die "stummen Disputationen" besondere Aufmerksamkeit (295), auch wenn es sich letztlich um Antikenrezeption handelt und Heiden und Muslime in der Regel in einen Topf geworfen werden.

Der abschließende Teil "Europäische Werte und Identitäten" wird von Dietmar Mieth mit einem lesenswerten Beitrag eingeleitet: "Menschenwürde - vormoderne Perspektiven am Beispiel zweier Impulse des Spätmittelalters", Mystik und Völkerrecht. Schon im Mittelalter waren Verhältnisse wie die Leibeigenschaft wegen der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen umstritten. Lange vor der Entdeckung neuer Welten gab es in Europa einen Diskurs um die Würde und die Rechte der Heiden, doch das Papsttum entrechtete die Menschen der neuen Welten. Der Band schließt mit Klaus Oschemas "Ego Europa - die Zukunft eines Kontinents und der Untergang der Welt". Schon in den Türkenschriften des 15. Jahrhunderts waren die Apperzeptionen Europa, Europäer und europäisch als Appellbegriffe präsent, z.B. bei Gregor von Trapezunt. "Es ist frappierend, wie sehr sich seine apokalyptischen Befürchtungen und manche aktuelle 'Horrorszenarien' ähneln" (371).

Geschlossen wird der Band durch ein von Daniela Czink erstelltes Orts-, Personen- und Werkregister. Er präsentiert sich insgesamt etwas aufdringlich als Werbung für Tübingen als Standort der Geisteswissenschaften. Die Einleitung ist so gelungen, dass man nicht unbedingt alle Beiträge lesen muss. Nun ist unwiderlegbar dokumentiert, dass auch Mediävisten über das Konzept "Europa" und dessen Periodisierung diskutieren.

Wolfgang Burgdorf