Rezension über:

Bernd Schütte: König Philipp von Schwaben. Itinerar - Urkundenvergabe - Hof (= Monumenta Germaniae Historica. Schriften; Bd. 51), Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2002, XXXVII + 594 S., ISBN 978-3-7752-5751-0, EUR 70,00
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Rezension von:
Jan Keupp
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Jan Keupp: Rezension von: Bernd Schütte: König Philipp von Schwaben. Itinerar - Urkundenvergabe - Hof, Hannover: Hahnsche Buchhandlung 2002, in: sehepunkte 3 (2003), Nr. 5 [15.05.2003], URL: http://www.sehepunkte.de
/2003/05/1894.html


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Bernd Schütte: König Philipp von Schwaben

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Der Kern des ganzen Reiches ("totum robur imperii") sei König Philipp angehangen, eine große Anzahl von Sachsen, Franken, Schwaben und Bayern habe sich um ihn geschart. So jedenfalls umreißt Arnold von Lübeck die Einflusssphäre des staufischen Thronprätendenten. Zur Gänze anders nimmt sich hingegen das moderne Forschungsurteil Bernd Ulrich Huckers aus: Philipp von Schwaben sei ein "schwacher König" gewesen, so konstatiert er mit den Blick auf das personelle Umfeld des Staufers. In seiner Entourage hätten Reichministerialen ein "unnatürliche(s) Übergewicht" besessen, ja gar die "eigentlichen Machthaber" gestellt, während die Stimmen der Reichfürsten angeblich immer weniger Gehör fanden.

Solch widersprüchliche Einschätzungen fordern zweifellos zu genauerem Hinsehen auf, zumal das bewegte Jahrzehnt des Doppelkönigtums seit dem 1873 erschienenen Jahrbuch Eduard Winkelmanns keine umfassende Würdigung vonseiten der Historiker mehr erfahren hat. Abhilfe verspricht nun das Werk Bernd Schüttes zu Itinerar, Urkundenvergabe und Hof König Philipps von Schwaben. Wie im Titel bereits impliziert, steht dabei weniger eine erneute Rekonstruktion der Ereignisgeschichte der Jahre 1197 bis 1208 im Zentrum der Untersuchungen. Vielmehr richtet sich der Blick auf die Frage, "über welchen Aktionsradius und welche Integrationskraft Philipps Königsherrschaft letztlich verfügte", oder eingängiger formuliert: "welchen Raum und welche Personen Philipps Königsherrschaft erreichte". Mit diesem Zugriff verbindet sich zugleich ein übergeordnetes reichsgeschichtliches Forschungsinteresse, das auf den Stellenwert des Thronstreits für die Entfaltung der "zentrifugalen Kräfte der Reichsverfassung" abzielt. Schütte selbst versteht seine Studie folglich vor allem als Baustein "einer künftig durchzuführenden vergleichenden Untersuchung" und verweist dabei auf vergleichbar ausgerichtete Arbeiten zu Itinerar und Hofstruktur hochmittelalterlicher Herrscher. Damit ist zu Recht ein drängendes Desiderat der mediävistischen Forschung benannt, dessen Behebung freilich mit Blick auf die genannten Vorarbeiten angesichts eines bedauerlichen Mangels an gemeinsamer Methodik und Fragestellung rasch an seine Grenzen stoßen muss.

Gerade in diesem Kontext setzt Schütte indes in vielerlei Hinsicht neue Maßstäbe, die seine Monografie zweifellos zur unentbehrlichen Grundlage nachfolgender Studien machen. Dazu tragen insbesondere die einleitenden Überlegungen bei, die Schütte jedem Analyseschritt voranstellt. Argumentativ ausgewogen und auf hohem methodischem Niveau wird hierin sorgsam Rechenschaft über die weitere Vorgehensweise abgelegt. So gelingt es Schütte trotz disparater Überlieferungslage in vielen Fällen, die Grenzen des Erkennbaren merklich zu erweitern und den beim ersten Hinsehen ernüchternden Quellenbefund durch zahlreiche instruktive Beobachtungen anzureichern. So wird es ihm etwa möglich, die punktuellen Itinerarangaben der vornehmlich urkundlichen Zeugnisse von 165 gesicherten Aufenthaltstagen plausibel auf 609 Tage zu ergänzen, woraus sich bei 155 Aufenthalten eine durchschnittliche Verweildauer von 3,9 Tagen errechnen lässt. Dass sich mithin auch mit dem ausgereiftesten methodischen Instrumentarium nur ein Bruchteil der 3920 Tage des Untersuchungszeitraumes präzise erfassen lässt, wird von Schütte bei seinen Erwägungen stets kritisch reflektiert.

So kann die Studie immer wieder plausible Trends und Entwicklungslinien nachskizzieren, die das Itinerar Philipps in Beziehung zu denjenigen seiner staufischen Vorgänger und Nachfolger setzen. Wie schon in der Spätzeit Barbarossas erkennbar, lässt sich daraus eine weitgehende Konzentration des Reiseweges auf die "staufischen Zentralräume in Schwaben, am Oberrhein, im Rhein-Main-Gebiet sowie in Mainfranken" ablesen, wo zudem die Pfalzen und Reichsgüter zu bevorzugten Aufenthaltsorten avancierten. Hingegen zeigt sich ein Rückzug des Herrschers aus den übrigen Regionen des Reiches. Der Nord- und Südwesten des Reiches wurden dadurch ebenso wie der Nord- und Südosten zusehends zur Randzone der staufischen Königsherrschaft degradiert. Generell weist Schütte auf die vielfachen Zwänge hin, denen sich die Reisedisposition des Staufers im Rahmen des Thronstreits unterzuordnen hatte und die den speziellen Charakter seines ausgesprochen 'politischen' Itinerars maßgeblich prägten und bestimmten. Immerhin belegt die räumlich über die persönliche Herrscherpräsenz hinausgreifende Urkundenvergabe, welche Geltung das Königtum Philipps jenseits seines unmittelbaren Aktionsradius besaß. Auch hier wird der Wirkungskreis des Königs indes vorderhand durch die Entwicklungen und Notwendigkeiten der politischen Gesamtsituation umrissen, als Untersuchungsfeld einer (freilich niemals vorhandenen) idealtypischen Kommunikationssituation zwischen Reichsspitze und Region eignet sich die Regierung Philipps von Schwaben daher nur sehr eingeschränkt.

Umso ergiebiger erscheint es daher, wenn Schütte im folgenden Kernstück seiner Arbeit das Augenmerk auf den stets fluktuierenden Kreis der etwa 630 nachweislich um den Herrscher versammelten Personen richtet. Sein Interesse gilt zum einen jenen Hofbesuchern, die eine mutmaßlich einflussreiche Position innerhalb des königlichen 'Kernhofes' bekleideten. Daneben beschäftigt ihn die Frage, wie bestimmte Regionen des Reiches am Herrscherhof personell vertreten waren. Sorgsam wird dabei nach der Häufigkeit der Hofpräsenz, dem regionalen und überregionalen Auftreten, den Gruppenbindungen und Sekundärgefolgen sowie den unterschiedlichen Motiven eines Hofbesuches differenziert. Ebenso ausführliche Vorüberlegungen beziehen sich auf die Problematik der prosopographischen und sozialgeschichtlichen Auswertung der Zeugenlisten, die keinesfalls als reine 'Anwesenheitslisten' verstanden werden sollen.

Der Überblick über die verschiedenen Funktions- und Standesgruppen der curia regis zeigt zunächst die vergleichsweise dünne Trägerschicht der höfischen Administration, bestehend aus den Angehörigen von Kanzlei und Kapelle sowie den Inhabern der ministerialischen Hofämter. Daneben dominieren Grafen, Edelfreie und Reichsministerialen den Hof, die sich indes zumeist nur im engeren Umfeld ihres Herkunftsortes oder aber im Gefolge eines mächtigen Herren beim König einfanden und so auf eine zunehmende 'Regionalisierung' und 'Mediatisierung' des Dynastenadels verweisen. Bei den weltlichen Fürsten des Reiches, die sich 1204 sämtlich von Otto IV. abgewandt hatten, glaubt Schütte zwar punktuell ein "positives Reichsbewußtsein" (223) zu erkennen, konstatiert aber insgesamt "eine gewisse Reserviertheit gegenüber der Zentralgewalt" (245). Der Thronstreit habe auch hier "wie ein Katalysator" gewirkt, "der die Freisetzung der zentrifugalen Kräfte der Reichsverfassung beschleunigte" (247). Seine zahlreichen Einzelimpressionen und Detailansichten untermauert der Autor durch eine umfangreiche Dokumentation, die eine große Zahl wichtiger Personen aus dem Umfeld des Stauferkönigs in kurzen biografischen Skizzen erfasst. Die Auswahl richtet sich vornehmlich nach den Zeugenlisten der Urkunden, während weitere, nur über erzählende Quellen erschließbare Hofbesucher - von Alexios IV. Angelos bis Walther von der Vogelweide - leider keine Berücksichtigung fanden. Im Gegenzug lassen die etwa 175 Einzelportraits an Präzision und Detailkenntnis kaum etwas zu wünschen übrig und stützen sich dabei auf eine breite Grundlage reichs- und landesgeschichtlicher Literatur. Zahlreiche instruktive Beobachtungen und kritische Einwände des Autors lassen zudem auf breite Resonanz und lebhafte Diskussion in der landesgeschichtlichen Forschung hoffen. Ähnliches gilt für das Verzeichnis der Itinerarorte Philipps von Schwaben, das nicht allein einzelne Aufenthalte in ihrem jeweiligen regionalen und politischen Kontext auflistet, sondern zugleich Informationen über den Stellenwert des Ortes über die gesamte Ära des staufischen Reichsregiments hinweg bietet.

Allein darin erweist sich der unschätzbare Wert der Studie. Sie legt ohne Zweifel den Grundstock einer dringend gebotenen Neubewertung des Reichsregiments Philipps von Schwaben. Qualifizierter als jeder andere wäre der Autor aber selbst dazu berufen gewesen, erste Erkenntnisschneisen in den Wald überkommener Werturteile zu schlagen. Bei aller methodischen Sorgfalt hätte eine dezidiertere Stellungnahme zu den bisherigen Forschungspositionen der Arbeit an vielen Stellen zusätzlich Kontur zu verleihen vermocht. Dies gilt ebenso für die kritische Berücksichtigung zeitgenössischer Urteile in den erzählenden Quellen, die im Verhältnis zu den Diplomata insgesamt nur selten zum Sprechen gebracht werden. Weshalb etwa konnten Arnold von Lübeck und Walther von der Vogelweide einmütig die Anhänger Philipps als die 'Laien' von der welfischen Partei der 'Pfaffen' abheben, wenn Schüttes eingehende Untersuchungen für die Reichsbischöfe "eine grundsätzliche Orientierung am (staufischen) Königtum" (245) ergaben? Gleichfalls schärfer könnte das Profil der maßgeblichen Persönlichkeiten der königlichen Entourage herausgearbeitet werden: Während Schütte sich eingangs selbst zum Ziel setzt, "nicht nur einige allgemeine Beobachtungen zu formulieren" (151), muss er sich nach eigenem Bekunden am Ende seiner methodischen Erwägungen "mit der lapidaren Erkenntnis abfinden, daß der eine oder andere eine wichtige Rolle gespielt hat, ohne diese näher bestimmen zu können" (172). Zumindest über Einflussposition und Eigeninteresse der Schlüsselgestalten des staufischen Hofes - etwa den in über der Hälfte aller Zeugenlisten präsenten Protonotar Konrad von Scharfenberg oder den gleichsfalls überdurchschnittlich engagierten Reichsmarschall Heinrich von Kalden - wäre vermutlich ein noch pointierteres Urteil zu fällen. So steht zu hoffen, dass der Autor seiner grundlegenden und kenntnisreichen Studie recht bald aus eigener Feder weitere Untersuchungen zu den wesentlichen Stationen und Wendemarken der umkämpften Herrschaftszeit Philipps von Schwaben folgen lässt.

Jan Keupp