Rezension über:

Jörg Rogge: Die deutschen Könige im Mittelalter. Wahl und Krönung (= Geschichte kompakt), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2006, 128 S., ISBN 978-3-534-15132-5, EUR 14,90
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Bernd Schneidmüller: Die Kaiser des Mittelalters. Von Karl dem Großen bis Maximilian I. (= C.H. Beck Wissen; Bd. 2398), München: C.H.Beck 2006, 128 S., ISBN 978-3-406-53598-7, EUR 7,90
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Rezension von:
Jan Keupp
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Jan Keupp: Die deutschen Könige und die Kaiser im Mittelalter (Rezension), in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 12 [15.12.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/12/11478.html


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Die deutschen Könige und die Kaiser im Mittelalter

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Als "anregende Lektüre für historisch Interessierte" sei die Reihe "Geschichte Kompakt" konzipiert, so läßt sich dem Vorwort der Herausgeber entnehmen. Die Bände sollen "ebenso für eine erste Begegnung mit dem Thema wie für eine Prüfungsvorbereitung geeignet" und als "Arbeitsgrundlage für Lehrende" hilfreich sein (VII).

Die so umrissene Aufgabe - eine an die Adresse von Laien, Studierenden und Fachleuten gleichermaßen gerichtete Abhandlung zu verfassen - scheint eine schier unlösbare. Jörg Rogge bemüht sich nach Kräften, diesen Gordischen Knoten zu durchschlagen. Dies gelingt ihm - das historische Exempel legt es nahe - nicht durch eine Kompromisslösung, sondern durch eine konsequent umgesetzte Entscheidung. Rogge separiert daher das Informationsbedürfnis eines geschichtsinteressierten Laienpublikums säuberlich vom kontroversen Forschungsgang. Statt ins Dickicht fachlicher Dispute über Kurstimmen und Krönungssymbolik führt er seinen Leser auf die gerade Straße weithin gesicherter Informationen. Dies eröffnet ihm die Möglichkeit, seine komplexe Materie in eine ebenso konzise wie komprimierte Darstellungsform zu bringen. Sein Überblick beginnt mit der Erhebung Konrads I. 911 und reicht bis zur Krönung Maximilians I. im Jahr 1486. Diesen langen Zeitraum weiß der Verfasser einer eingängigen Gliederungssystematik zu unterwerfen, wobei er die frühen Wahlen "in Form von Huldigungen" (3-21) von den durch "Stimmabgabe (Kur)" entschiedenen Erhebungen zwischen 1125 und 1198 absetzt (22-35). Die folgenden Wahlen bis zum Jahr 1298 sieht Rogge als Vorstufen zur Verdichtung eines Kurfürstenkreises (36-54), der schließlich 1356 reichsrechtlich kodifiziert wurde (55-71). Während die Königserhebungen der Jahre 1376, 1400, 1410 und 1411 dennoch "ohne Rezeption der Goldenen Bulle" erfolgt seien (72-82), hätten sich deren Regelungen seit 1438 endgültig in der politischen Praxis durchgesetzt (83-90).

Die Darstellung beschränkt sich indes keineswegs auf einzelne Epochenjahre. Statt eines eng geführten Kompendiums der deutschen Königserhebungen bietet Rogge über weite Strecken einen reichsgeschichtlichen Abriss, der zwar auf die Herrscherwechsel fokussiert, die zentralen Protagonisten und Entwicklungslinien zumeist aber über große Zeiträume hinweg verfolgt. Eigene Kapitel sind zudem Zwischenstationen wie der Hausordnung Heinrichs I. 929 oder Querschnittbetrachtungen wie der Rolle der Päpste bei der Königserhebung im 11. und 12. bzw. im 14. Jahrhundert gewidmet. Insofern gelingt es dem Werk, seiner Leserschaft die historischen Hintergründe der Einzelentscheidungen auch ohne größeres Vorwissen anschaulich zu vermitteln.

Allerdings erscheint die konzeptionelle Vorentscheidung des Verfassers nicht ohne Problematik. Hinter dem Bemühen um Stringenz und Anschaulichkeit verschwindet der Verweis auf die Zeit- und Perspektivengebundenheit historischer Forschung fast ebenso vollständig wie die kritische Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Quellen. Aussagen erhalten allzu rasch apodiktischen Charakter. So wird Widukind von Corvey tatsächlich zum verläßlichen Kronzeugen, wenn es um die vermeintliche Insignienübergabe an Heinrich I. durch König Konrad und seinen Bruder Eberhard geht. Das in der Sachsengeschichte überlieferte Faktum wird nicht in Zweifel gezogen, die intensiv geführte Debatte um den Quellenwert der Chronik findet sich reduziert auf den lapidaren Nachsatz: "wenn man Widukind von Corvey glauben darf" (5). Analog wird auch die durch Otto von Freising postulierte Designation Friedrich Barbarossas durch Konrad III. unhinterfragt übernommen, obwohl die jüngere Forschung diese "geglättete" Version nahezu einhellig in Zweifel gezogen hat. In beiden Fällen finden sich die zugehörigen Quellenpassagen zwar abgedruckt, eine problembewusste Interpretation jedoch unterbleibt. Zumal die Reihe bewusst auf eine weiterführende Referenzebene in Form von Anmerkungen verzichtet und die auf knapp vier Seiten verdichtete Bibliographie die Kapitelgliederung des Darstellungsteiles nicht wieder aufnimmt, bleiben die Hinweise auf weiterführende Forschungskontexte spärlich.

Als Grundlage einer auf wissenschaftliches Denken und quellenkritisches Arbeiten hin ausgerichteten Lehrveranstaltung oder gar als Vorbereitungslektüre zu einer akademischen Abschlussprüfung stößt das Werk daher an enge Grenzen. Seiner zweiten im Vorwort benannten Bestimmung, die einer klar strukturierten und kompakten Überblickskizze für eine breite Leserschaft, kann das anschaulich geschriebene und fachlich versierte Werk indes vollauf gerecht werden.

Dass der Wunsch nach einem großen Rezipientenkreis und das Bedürfnis nach fachlicher Deutungsvielfalt indessen keinen unlösbaren Widerspruch darstellen muss, belegt das in der populären Reihe "C.H.Beck Wissen" erschienene Werk aus der Feder des Heidelberger Mediävisten Bernd Schneidmüller. Seine Synopse der "Kaiser des Mittelalters" auf knapp 120 Seiten stellt inhaltlich in vielerlei Weise das Gegenstück zum Thema der "deutschen" Königswahlen dar. Indem es große Entwicklungslinien mit den Details der Kaisergeschichte zu verknüpfen versteht, führt das Werk über die karolingischen und ottonischen Neuanfänge, die Verwerfungen des Investiturstreits und ihre Nachbeben in staufischer Zeit bis hin zu den erschöpfenden Rangkonflikten des 14. Jahrhunderts und der pragmatischen Politik der letzten Romzüge.

Das offen gehaltene Reihenkonzeption erweist sich hierbei durchaus nicht als Nachteil. Vielmehr verleiht der Verfasser dem reinen Ereignisüberblick durch den Verweis auf Quellenprobleme und Forschungszusammenhänge zusätzliche Prägnanz und Tiefenschärfe. Exemplarisch hierfür mag das Kapitel über die Erneuerung des Westkaisertums durch Karl den Großen stehen: Zu Beginn des Abschnitts erfolgt der Rekurs auf die vier zentralen Quellenzeugnisse der Kaisererhebung. Der lakonische Bericht der Reichsannalen, die auf strikte Wahrung der päpstlichen Position bedachte Lebensbeschreibung Leos III., der allein mit der Machtfülle Karls argumentierende Text der Lorscher Annalen sowie Einharts enigmatische Karlsvita werden ausführlich zitiert und knapp eingeordnet. Schneidmüller sucht dabei keine nahtlose Syntese der widersprüchlichen Aussagen, die "eine jeweils eigene erinnerte Wirklichkeit" (25) repräsentierten. Vielmehr wertet er sie als Reflexe einer genetischen Disparität der neu gewonnenen imperialen Würde. Wie die umständlich wirkende Titulatur des Frankenkaisers kennzeichneten die Berichte eine Phase der behutsamen Selbstvergewisserung: "Am Anfang stand (...) das Experiment und die Mehrdeutigkeit in Formen wie Wörtern" (26). Den am Weihnachtsfest 800 keineswegs abgeschlossenen Formierungsprozess verfolgt der Verfasser anschließend zurück in die Vergangenheit. Indem er "zwei Emanzipationswege des 8. Jahrhunderts" (26) - die Loslösung des Papsttums von Byzanz und die dynastische Wende von 751 - mit knappen Strichen skizziert, gelingt es ihm, Bindungen und Rangkonflikte im Verhältnis von Frankenherrscher und Petrusnachfolger gleichermaßen als Wurzeln widerstreitender Sinngebungen freizulegen.

Mit geschulter Rhetorik und analytischer Schärfe fügt Schneidmüller Fragmente der Forschung zusammen, statt konträre Einzelpositionen penibel zu trennen. Gewiss sind didaktischer Reduzierung und pointierter Zuspitzung notwendige Zutaten seiner gerafften Darstellung. Doch demonstriert sein Werk dem faszinierten Leser die Perspektivenvielfalt moderner Mediävistik, statt Widersprüche in Quellenbefund und Interpretation zugunsten stringenter Faktenvermittlung aufzulösen. Schneidmüllers Buch präsentiert sich somit als stilistisch brillantes Beispiel für das populäre Potential historischer Wissenschaften.

Jan Keupp