Rezension über:

Bernd Schütte: König Konrad III. und der deutsche Reichsepiskopat (= Studien zur Geschichtsforschung des Mittelalters; Bd. 20), Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2004, 119 S., ISBN 978-3-8300-1600-7, EUR 58,00
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Rezension von:
Gerhard Lubich
Historisches Seminar, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Gerhard Lubich: Rezension von: Bernd Schütte: König Konrad III. und der deutsche Reichsepiskopat, Hamburg: Verlag Dr. Kovač 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 10 [15.10.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/10/7196.html


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Bernd Schütte: König Konrad III. und der deutsche Reichsepiskopat

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Die Mediävistik hat Konrad III. im Vergleich zu den "großen" Stauferkaisern Friedrich I. Barbarossa und Friedrich II. bislang eher stiefmütterlich behandelt. Dies liegt wohl nicht zuletzt daran, dass er der Forschung des 19. Jahrhunderts noch als ein schwacher Herrscher, als ein regelrechter "Pfaffenkönig" galt, ein Urteil, das erst von der Nachkriegsforschung partiell revidiert wurde. Doch weder die ältere noch die jüngere Mediävistik haben es unternommen, ihre Ansichten in einer breiten Gesamtschau zu entwickeln und zu begründen. Die vorliegende Arbeit nimmt mit ihrem erklärten Anliegen, einen "ersten Beitrag" zur Beantwortung der Frage nach dem "Verhältnis Konrads III. zur Reichskirche insgesamt" zu leisten (24), somit für sich selbst den Rang einer Art Pionierarbeit oder gar eines Desiderats in Anspruch.

Es sind dies große Worte, die jedoch bereits im weiteren Verlauf der äußerst knappen Einleitung (etwas mehr als 2 Seiten) auf ein reelles Maß zurückgenommen werden. Denn trotz des im Titel formulierten und in den ersten Abschnitten der Arbeit geäußerten umfassenden Anspruchs geht es dem Autor lediglich um zwei Aspekte: Bischofserhebungen und bischöfliche Hofpräsenz unter Konrad III. (was vielleicht einen etwas präziseren Titel dargestellt hätte). Die Relevanz dieser beiden Untersuchungsfelder für das Gesamtproblem wird allerdings nicht weiter hinterfragt oder erläutert; gerne hätte man vorab gewusst, was genau denn aus den jeweiligen Bischofserhebungen abgelesen werden soll (Rückschlüsse auf die königliche Personalpolitik, Verfahrensfragen, generelles Interesse des Königtums etc.), in welchem historischen Kontext diese zu betrachten sind (mögliche Beachtung des Wormser Konkordats, "Feudalisierung" der Reichskirche etc.), und so sehr man dem Verfasser Recht geben mag, dass es im Bereich der Hofpräsenz bei der Auswertung von Urkunden nicht nur darum gehen kann, "nach Handlungs- und Beurkundungszeugen [zu] fragen, sondern den jeweils gewonnen Befund vor allem [zu] gewichten" (25), so wenig wird deutlich, wie diese Gewichtung denn eigentlich auszusehen hat. Kurzum: Der geringe Umfang der Einleitung ist der grundsätzlichen Abwesenheit jedweder weitergehenden methodologischen Reflexion geschuldet, als ob die Konzentration auf die genannten Bereiche weder einer Begründung bedürfe noch das Verfahren irgendeiner Rechtfertigung. Um über die "Impressionen" (24) der bisherigen Forschung hinausgelangen zu können, scheint der Autor wie selbstverständlich davon auszugehen, dass es ausreiche, wenn zunächst "das Material nach Möglichkeit vollständig ausgebreitet [...] sowie Quellen und Literatur für weitere Forschungen zusammengestellt" werden, um schließlich - als konstruktives Kernstück - die dabei erbrachten Ergebnisse in einer systematischen Zusammenfassung abschließend zu interpretieren (24 f.).

Dieser Vorgabe entsprechend besteht der auf die Einleitung folgende, umfangreichste Teil der Arbeit (25-93) aus einer systematischen, nach Kirchenprovinzen geordneten Untersuchung der Bischofseinsetzungen und der Aufenthalte der Bischöfe bei Hofe. Durch die regionale Unterteilung werden schnell die Qualitäten der Arbeit deutlich, die zunächst einmal zweifellos darin liegen, dass eine Vielzahl landesgeschichtlich verankerter prosopografischer Hinweise geliefert und dabei gleichsam en passant einzelne Einschätzungen der Forschung revidiert oder spezifiziert werden können (etwa 30 zur Ausgangslage bei der Wahl Friedrichs von Magdeburg, 48 Anm. 79 zum Itinerar Ottos von Freising, 78 ff. zur Stellung der sächsischen Mainzer Suffragane, 88 f. zur Rolle Embrikos von Würzburg). Des Weiteren ist natürlich die Zusammenstellung der Bischofserhebungen durchaus verdienstvoll, ebenso wie die Untersuchung der Hofaufenthalte über eine rein statistische Erhebung hinausgeht, indem Gründe für An- oder Abwesenheit gesucht und benannt werden.

Die Ergebnisse, in einer immerhin 17 Seiten langen "Zusammenfassung" (93-110) eher erarbeitet als resümiert, erstaunen kaum. In Bezug auf die Bischofswahlen zeigt sich nun deutlicher, dass sich Konrads Verhalten bezüglich der praesentia regis letztlich in die Entwicklungslinie einfügt, die man bereits als abnehmende Bedeutung herrscherlicher Anwesenheit erkannt und gekennzeichnet hat, während die Belehnung in ihrer Bedeutung stieg (100 f.). Was die Auswahl der Kandidaten angeht, so wird als Triebfeder sowohl dem Königtum als auch Klerus und Volk eine Orientierung am Territorium, mithin also an regional-lokalen Vorbedingungen unterstellt; Konrad habe in einer Mischung von Verwandtenpolitik und der Suche nach lokal verankerten Stützen gehandelt (101 f.). Der Disparität der nachgewiesenen Motive entspricht schließlich auch das uneinheitliche Bild, das von der bischöflichen Hofpräsenz trotz eingehender Untersuchungen gezeichnet werden muss (102 f.). Hinzu kommt die insgesamt durch den Territorienbezug geförderte politische Regionalisierung, die in bestimmten, auf einzelne Landstriche konzentrierten Phasen der Königsherrschaft aufgrund geringer bischöflicher Mobilität zu insgesamt geringer Anwesenheit des Episkopates führte (104 f.), der sich auch bei der Heerfolge nicht sonderlich engagierte (107 ff.; ob man aber gerade im Hinblick auf die von Anfang an unterstellte "Regionalisierung" bischöflichen Wirkens einen Ausweis "verminderte[r] Integrationsfähigkeit des Staufers" darin erblicken muss, dass die sächsischen Bischöfe auf den Wendenkreuzzug und nicht ins Heilige Land zogen, ließe sich wohl diskutieren). Schließlich und endlich erscheinen König und Episkopat damit als zwei Kräfte, die vornehmlich durch die Lehnsbindung miteinander in Beziehung standen und gleichsam realpolitisch-unaufgeregt ohne nennenswerten Bezug zu theologischen Positionen koexistierten (109 f.).

Die Arbeit erfüllt damit das, was sie sich in der Einleitung zum Ziel gestellt hat: eine Aufbereitung des Materials zu Bischofserhebungen und bischöflicher Hofpräsenz unter Konrad III. Der Anspruch, wie er im Titel formuliert ist, wurde hingegen nicht eingelöst. Es ließe sich auch überlegen, inwiefern präzise Fragestellungen oder methodische Reflexionen auch dem eingeschränkten Arbeitsziel förderlich gewesen wären. So bleibt etwa die Position des Episkopates insgesamt nur schwer zu erkennen. Bei aller gerechtfertigten Betonung der Konzentration auf die "inneren Belange" und den Zusammenhang mit der "Feudalisierung" bleibt unklar, welche generelle Amtsauffassung einem Bischof dieser Zeit überhaupt zu unterstellen wäre. Wenn es denn mitunter ein "gewisses positives Reichsbewußtsein" - was immer das sein mag - gegeben haben soll (102), dann fragt sich, welche anderen Haltungen gegenüber der Königsherrschaft möglich waren und welche Konsequenzen daraus hätten resultieren können. Sollte damit ein Gegensatz zur "Reformgesinnung" gemeint sein, wäre es sicherlich wünschenswert gewesen, auch die theologische Haltung der Bischöfe zu untersuchen. Und wenn schon mit Kategorien wie "Integrationsfähigkeit" operiert wird, dann wäre eine Überlegung dazu, wie Integration denn überhaupt funktionierte oder welche Disparität man denn durch Integration beseitigen musste, sicherlich nicht ganz abwegig gewesen. Dass dabei vielleicht auch die Zeit Konrads vor seinem "offiziellen" Königtum, als ein zeitweise exkommunizierter Gegenkönig also, mit in Rechnung hätte gestellt werden sollen, scheint nahe liegend, wurde doch der "Reichsfeind" zum Beherrscher des Reiches. Inwiefern dabei dann wieder "Reichsbewußtsein" oder Pragmatik auf Seiten der Bischöfe die oftmals geänderte Haltung gegenüber dem "offiziellen" König Konrad bestimmten, wäre ebenfalls einer Untersuchung wert, und hieraus ließe sich schließlich wohl auch ein anderes Bild selbst bei Fragen von Hofpräsenz und Kandidatenauswahl bei Neuwahlen gewinnen. Ein Mehr an methodischer Reflexion hätte der Arbeit wohl gut getan; das vergleichsweise kurze Werk Schüttes (87 Textseiten, reihentypisch großzügig gesetzt) ist somit letztlich ein sicherlich bedeutender, nicht aber zu letzter Tiefe gelangter Ansatzpunkt zu einem umfassenden Thema, nämlich einer grundsätzlichen Abhandlung über König Konrad III. und den deutschen Reichsepiskopat.

Gerhard Lubich