Rezension über:

Kay Peter Jankrift: Das Mittelalter. Ein Jahrtausend in 12 Kapiteln, Stuttgart: Thorbecke 2004, 285 S., ISBN 978-3-7995-0133-0, EUR 24,90
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Rezension von:
Jan Keupp
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Jan Keupp: Rezension von: Kay Peter Jankrift: Das Mittelalter. Ein Jahrtausend in 12 Kapiteln, Stuttgart: Thorbecke 2004, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 12 [15.12.2005], URL: http://www.sehepunkte.de
/2005/12/7477.html


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Kay Peter Jankrift: Das Mittelalter

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"Dieses Buch", so formuliert es der Verfasser auf den einleitenden Seiten seines 280 Seiten starken Werkes, "ist lediglich eine von unendlich vielen Möglichkeiten einer ersten Begegnung mit dem Mittelalter" (10). Und in der Tat stellt Kay Peter Jankrifts Rekurs auf die individuelle Subjektivität in Auswahl, Akzentsetzung und Komposition seines Epochenüberblicks weit mehr als eine epistemologische captatio benevolentiae dar. "Es ist ein sehr eigenwilliges Buch geworden - eben mein Buch vom Mittelalter", bekennt der Autor freimütig (7) und legt zugleich Rechenschaft über seine schriftstellerischen Intentionen ab: "Das Werk versteht sich zuallererst als Lesebuch, das eine lange und bunte Geschichte, die des Mittelalters, in einer Form erzählt, die ein größeres Publikum anspricht" (ebd.). Dennoch soll mehr als kurzweilige Unterhaltung geboten werden: Auf den Schultern der modernen Forschung will Jankrift vielmehr das Licht der Erkenntnis in die Finsternis des Wissens über die Vergangenheit tragen, die anachronistische Illusion der Hollywood-Phantasien soll der Klarheit "historischer Fakten" (9) weichen. Was methodisch einer Quadratur des Kreises gleichkommt - die subjektive Präsentation vermeintlich objektiver Erkenntnisse - mag sich als Grundlage einer populärwissenschaftlichen Zusammenschau als durchaus tragfähig erweisen. Inhaltliche Stringenz und ein einprägsamer, niemals belehrender Duktus vermitteln dem Lesepublikum Sicherheit und klare Orientierung. Einem ähnlichen Zweck dienen auch die knappen Zeittafeln am Auftakt der zwölf, jeweils ein Jahrhundert umfassenden Kapitel. Der Verfasser versteht es dabei vor allem zu Beginn seines Werkes, sein Publikum durch anschauliche, auf wesentliche politische Ereignisabläufe und gesellschaftlich-strukturelle Zusammenhänge reduzierte Schilderungen in den Bann des anbrechenden Mittelalters zu ziehen. Die Umbrüche der Spätantike mit ihren Wanderungsbewegungen und Reichsbildungen, christliche Mission und religiöses Leben des Frühmittelalters sowie der Aufbruch des Islams finden sich hier in konzisem Aufriss veranschaulicht. Insgesamt nimmt das frühe Mittelalter mit ca. 100 Textseiten deutlich überproportionalen Raum ein, während die folgenden Zeitabschnitte darstellerisch sehr viel stärker komprimiert anmuten.

Mag mitunter bereits im ersten Teil die Zusammenstellung und Gewichtung der Einzelaspekte verwundern - wenn etwa der Aufstieg der Karolinger mit der Schlacht von Tertry und die Großreichsbildung an der Wende zum 9. Jahrhundert auf wenigen Zeilen abgehandelt wird, oder sich hinter der Überschrift "Aspekte der karolingischen Renaissance" lediglich ein längeres Einhard-Zitat über die Schreibversuche Karls der Großen verbirgt - so verstärkt sich dieser Eindruck bei fortschreitender Lektüre. Die Ungarneinfälle, Otto II., die Sachsenkriege oder die Genese des Rittertums werden gar nicht thematisiert, die staufischen Herrscher bis zu Friedrich II. verschwinden hinter einer breiten Darstellung der Kreuzzüge und Hospitalorden im 12. Jahrhundert. Forschungsdiskussionen, wie die Krönung Pippins 751, der Beginn der ottonischen Herrschaft oder die renovatio imperii Ottos III., werden allenfalls en passant gestreift und nur vereinzelt auf dem Stand aktueller Erkenntnis referiert. Spätestens an der Wende zum Spätmittelalter verlässt die skizzenhafte Schilderung endgültig den Boden des historischen Grundwissens, lediglich die Pest sowie die Politik Philipps des Schönen erfahren eine eingehendere Würdigung, das auf 14 Seiten zusammengedrängte 15. Jahrhundert kennt weder Landesherrschaft noch Humanismus, räumt hingegen der Pest in Wesel breiten Raum ein. Gerade an den detailreichen Ausführungen zu Medizingeschichte und Fürsorgepraxis offenbart sich jedoch der stark "persönlich" geprägte Charakter des Buches. Hier wie bei der hochkompetenten Beschreibung von Krankheiten und Katastrophen entfaltet der Medizinhistoriker Jankrift mit Eindringlichkeit und Präzision in vergleichbaren Überblickswerken häufig unterbelichtete Facetten mittelalterlicher Lebenswirklichkeit.

Die Ausblendung wichtiger Epochendaten und Forschungstendenzen wird den Gebrauchswert für Studienanfänger und Staatsexamenskandidaten zweifellos schmälern, dem Lesevergnügen der anvisierten Zielgruppe hingegen keinen Abbruch tun. Zur breitenwirksamen Attraktivität des Bandes mag insbesondere die prachtvoll Aufmachung sowie die reiche Bebilderung beitragen, auch wenn von fachhistorischer Seite hierbei erneut eine quellenkritische Einordnung und Kontextualisierung der Illustrationen einzufordern wäre. Seiner Zielvorgabe, ein "wirklichkeitsnäheres Bild vom Mittelalter" an eine breitere Öffentlichkeit zu vermitteln, wird Jankrift indes in jedem Fall gerecht. Nicht nur interessierte Laien, auch Fachvertreter und Studierende werden von den Überblickskapiteln und Detailbeobachtungen des Bandes zweifellos in mancherlei Hinsicht profitieren können. Und noch in einem weiteren Punkt erfüllen sich die Zielvorgaben des Werkes: "Kennern der Materie mag es hoffentlich [...] eine unterhaltsame Lektüre bieten" (10).

Jan Keupp