Rezension über:

Mathieu Deldicque: Le Grand Condé. Le rival du Roi-Soleil?, Köln: Snoeck 2016, 232 S., ca. 200 Abb., ISBN 978-94-6161-295-3, EUR 29,00
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Rezension von:
Daniel Friedt
Institut für Kunstgeschichte, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Kristina Deutsch
Empfohlene Zitierweise:
Daniel Friedt: Rezension von: Mathieu Deldicque: Le Grand Condé. Le rival du Roi-Soleil?, Köln: Snoeck 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 11 [15.11.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/11/29948.html


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Mathieu Deldicque: Le Grand Condé

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Von September 2016 bis Januar 2017 präsentierte das Musée Condé in Chantilly im Salle de Jeu de Paume eine groß angelegte Sonderausstellung zu Louis II de Bourbon, Prince de Condé (1621-1686). Dabei handelte es sich um die überhaupt erste Ausstellung zur Person des als 'le Grand Condé' bekannt gewordenen Cousins Ludwigs XIV., wie Mathieu Deldicque im Vorwort des Katalogs betont (10). Deldicque, seit 2015 stellvertretender Konservator am Schloss von Chantilly, versteht die von ihm kuratierte Schau und den gleichnamigen Katalog als Hommage an einen der schillerndsten Protagonisten im Frankreich des 17. Jahrhunderts.

Auf der Grundlage etlicher Biografien über den Herzog von Enghien und späteren Fürsten von Condé [1] sollten Ausstellung und Katalog den Kenntnisstand aktualisieren, "pour mieux comprendre la vie, l'action et la destinée" (Klappentext) des Grand Condé. Im Sinne einer wissenschaftlich angelegten "redécouverte" (11) beleuchtet die Publikation den als erfolgreichen Feldherrn sowie Anführer des oppositionellen Hochadels während der Fronde-Aufstände 1648 und 1653 in die französische Nationalgeschichte eingegangenen 'premier prince du sang'.

Dessen militärische Karriere und Rolle während der Fronde, die zu Inhaftierung und zeitweiligem Exil führten, fasst in der Einleitung die Historikerin Katia Béguin zusammen (13-15). Von ihr stammt eines der jüngeren Standardwerke über das Haus Bourbon-Condé. [2] In anregender Kürze umreißt Béguin die historischen Eckdaten und knüpft an ihre frühere These an. Demnach haben das Hofleben in Chantilly und das fürstliche Mäzenatentum unter Louis II de Bourbon in Konkurrenz zur höfischen Kultur in Versailles gestanden (15).

Der Katalog ist in zwei Themenbereiche gegliedert: Der erste Part widmet sich in acht Abschnitten (18-123) der erfolgreichen Militärlaufbahn und den glorifizierten Siegen des Grand Condé. Die Beiträge umfassen knappe, lexikonartikelartige Einführungstexte, denen mehrere objektbezogene Katalogartikel folgen. Der zweite Teil beleuchtet dann in elf umfassenderen Beiträgen (126-229) den Fürsten als Privatmann, Sammler und Mäzen.

Den Auftakt bildet ein Abschnitt zur Schlacht bei Rocroi (18-34), in der die französischen Truppen 1643 unter dem Oberbefehl Louis' II de Bourbon-Condé über die gegnerischen Spanier triumphierten. Dieser Sieg begründete die später legendäre militärische Reputation des Prinzen von Condé. Patricia Mary erläutert in einem Überblick (44-47) das politische Gefüge und die Position der Fürsten als Gouverneur der Bourgogne. Die hohe Stellung der Condé-Familie betont der Kurztext von Deldicque, der den Stammbaum von Louis I, Prince de Condé (1530-1569), bis zu Louis II und dessen Geschwistern Armand, Prince de Conti (1629-1666), und Anna Geneviève, Duchesse de Longueville (1619-1679), nachzeichnet und exemplarisch anhand verschiedener Porträts und Werktexte (54-63) illustriert.

Die Ächtung und Flucht von Louis II de Bourbon-Condé infolge der Fronde beleuchtet ein erster längerer Text von Deldicque (64-69). Hier überrascht, dass der Kurator und Herausgeber gegen Ende des Beitrags seine im Kataloguntertitel gestellte Frage nach der Rivalität zwischen Grand Condé und König mit dem längst bekannten Umstand beantwortet, dass "la fronde de Monsieur le Prince ne fut pas dirigée contre le roi son cousin mais contre 'le' Mazarin" (68), den einflussreichen Minister des Monarchen. Die durch den Untertitel geweckten Erwartungen hinsichtlich einer argumentativen Ausrichtung der Ausstellung und des Katalogs werden somit enttäuscht. Offenbar handelt es sich um eine lediglich rhetorische Fragestellung, nicht um eine inhaltlich begründete Leitthese.

Im letzten Beitrag des ersten Katalogteils analysiert Sylvie Le Ray-Burimi vergleichend Bildnisse des Grand Condé, wie sie in Gemälden, Druckgrafiken, auf Medaillen sowie in Form der Bronze-, Ton- und Marmorbüsten des Bildhauers Antoine Coysevox (1640-1720) überliefert sind. Das Spektrum der Werke veranschaulicht die Möglichkeiten des repräsentativen Fürstenbildnisses in der Zeit - sei es das antikisierende Rollenporträt, der elegant gerüstete Feldherr oder die allegorische Bild-im-Bild-Inszenierung.

Der zweite Teil enthält unter dem übergeordneten Titel "L'intimité et l'apothéose" umfangreichere Textbeiträge. Hier stellt Deldicque zunächst die Stadtresidenz der Fürsten, das Hôtel de Condé, in Paris vor. Anschließend führt er in einem gemeinsam mit Nicole Garnier-Pelle, der staatlichen Sammlungskuratorin und Generalkonservatorin des Musée Condé, verfassten Artikel vor Augen, dass die Schlossanlage von Chantilly inklusive der von André Le Notre (1613-1700) erweiterten Gartenanlage das nahezu wichtigste Ausstellungsexponat bildet. Unterstützt wird diese These durch die detaillierte Präsentation der von Jules Hardouin-Mansart (1646-1708) realisierten Schlachtengalerie, deren prachtvoller Gemäldezyklus die Siege des Grand Condé zelebriert.

Die weiteren Beiträge konkretisieren das breite Spektrum höfischer Kultur in Chantilly. Sie beziehen sich auf die Festkultur, die fürstliche Bibliothek, die Kunstankäufe und -sammlung des Prinzen sowie dessen Auseinandersetzung mit den Wissenschaften. Es gelingt die Vielfalt seiner persönlichen Interessensgebiete aufzuzeigen, die zugleich der Repräsentation dienten. Die im Katalog abgebildeten Exponate bestärken das 'Image' eines ambitionierten Mäzens, Förderers und Sammlers.

Kontroverser erörtert werden müsste der Deutungsvorschlag Deldicques, wonach Chantilly ein "'cour' indépendante, libre et tolérante, une sorte d'anti-Versailles'" (173) gewesen sei. Die Ausstellung folgte damit der früheren Auslegung Katia Béguins, die in der Forschung bereits von Christian Jouhaud kritisch kommentiert wurde [3] - ein Beitrag, der im Katalog keine Berücksichtigung findet. Eine neue Perspektive liefert Deldicque mit der erstmals vorgeschlagenen Zuschreibung eines Porträts des Grand Condé aus dem Victoria and Albert Museum in London an Jean Joubert (188). Den Schluss des Bandes bilden Nicole Garnier-Pelles Thematisierung der posthumen Darstellungen des Grand Condé im 18. und 19. Jahrhundert.

Die Publikation liefert Abbildungsmaterial und Werktexte zu einer Vielzahl von Exponaten, darunter Gemälde, Medaillen, Waffen, Zeichnungen Kupferstiche, Zeichnungen und Skulpturen. Anstelle der zweiseitigen "Bibliographie sélective" (230-231) wäre aus wissenschaftlicher Sicht eine ausführlichere Literaturübersicht wünschenswert gewesen. Dies stellt aber ein nur kleines Manko des sonst positiv zu bewertenden Unterfangens dar. Durch die originellen Denkanstöße und Einblicke zur Personalie des Grand Condé als wichtigen Vertreter der Nebenlinie der französischen Königsdynastie bietet der Katalog viele Anknüpfungspunkte für eine künftige Vertiefung.


Anmerkungen:

[1] Vgl. zuletzt Dominique Paladilhe: Le Grand Condé. Héros des armées de Louis XIV, Paris 2008; Simone Bertière: Condé. Le héros fourvoyé, Paris 2011.

[2] Katia Béguin: Les princes de Condé. Rebelles, courtisans et mécènes dans la France du grand siècle, Seyssel 1999.

[3] Siehe die Rezension von Christian Jouhaud, in: Annales. Histoire, Sciences Sociales 55 (2000), Nr. 5, 1131-1133.

Daniel Friedt