Rezension über:

Nathalie Bondil (ed.): Benjamin-Constant. Marvels and Mirages of Orientalism, New Haven / London: Yale University Press 2014, 400 S., 250 Farb-, 100 s/w-Abb., ISBN 978-0-300-21089-7, USD 65,00
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Rezension von:
Andreas Baumerich
Köln
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Baumerich: Rezension von: Nathalie Bondil (ed.): Benjamin-Constant. Marvels and Mirages of Orientalism, New Haven / London: Yale University Press 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 12 [15.12.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/12/26659.html


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Nathalie Bondil (ed.): Benjamin-Constant

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Der umfangreiche Ausstellungskatalog zu François Jean Baptiste Benjamin-Constant (1845-1902), einem der "Malerfürsten" in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, verweist bereits in seiner Gliederung auf Schwerpunkte seines Werkes: Im ersten Hauptkapitel wird die Position Benjamin-Constants in der Historienmalerei behandelt. Seiner Bekanntheit als Maler des Orientalismus entspricht der große Umfang des anschließenden Hauptkapitels zu diesem Bereich. Im letzten Hauptkapitel stehen Benjamin-Constants Karriere und seine Porträtmalerei sowie die gesellschaftliche Rolle des zu Lebzeiten gefeierten Malers im Vordergrund. Zwischen den Aufsätzen und auf deren Inhalt Bezug nehmend, stehen Texte zu ausgewählten Bildern.

Mit seinem Beitrag zur Palette des Malers legt Axel Hémery im ersten Hauptkapitel einen starken Akzent auf die große Bedeutung der Farbe in den Bildern, wobei er Benjamin-Constant in eine Reihe mit Eugène Delacroix und Mariano Fortuny stellt. Für ihn waren die Grundlagen "sincerity, desire and an eye for colour" (29). Benjamin-Constants meisterhafte Grisaille-Gemälde sind eine koloristische Besonderheit, die vor dem Hintergrund der aufkommenden Fotografie zu sehen ist. Nathalie Bondils Aufsatz schließt mit einer Analyse der besonderen Position der späten Historienmalerei im Wettstreit mit dem jungen Impressionismus an. Wegen der stark betonten Rolle der Farben bei Benjamin-Constant sah Joris-Karl Huysmans in seinen orientalistischen Bildern einen "sunny Orient in Batignolles-Clichy with a thick sauce of bright colours to mask its dull flavour." (60) Den ungewöhnlichen Einsatz von Farbe und Licht in Benjamin-Constants monumentalen Ausstattungswerken thematisiert François de Vergnette.

Huysmans Vorwurf eines "Orients" aus dem Batignolles ist der Ansatzpunkt für Christine Peltres Aufsatz als Auftakt für das zweite Hauptkapitel. Die Orientalismus-Expertin unterstreicht den Aspekt des Malens im Atelier, bei dem entsprechende Requisiten den "Orient" vergegenwärtigen sollten. Wobei Benjamin-Constant durchaus zeittypisch für den Nahen Osten einen Verlust von "Ursprünglichkeit" beklagte und eine Nostalgie für die alten "barbarian times" (106) pflegte. So zeigen seine Bilder den "Orient" oft als Ort eines "theatre of cruelty" (106) (vgl. Antoni Artaud). Bei M. Quilez i Corella wird ausführlich die Entdeckung Spaniens nach 1850 als Land künstlerischer Inspiration mit dem Schwerpunkt Andalusien geschildert. Nur kurz fällt der Vergleich mit Mariano Fortuny aus.

In Jordi À. Carbonells Aufsatz wird das marokkanische Tanger als Ort künstlerischer Inspiration geschildert. Nach einem Text des Malers selbst, der seinen Aufenthalt in Marokko schildert, folgt der Aufsatz von Florence Hudowicz, der die zwei politischen Missionen ins Zentrum rückt, an denen 1832 Delacroix und 1871 Benjamin-Constant teilnahmen. Bei Christelle Taraud stehen Benjamin-Constants Gemälde mit "orientalischen" Frauen im Zentrum. Typisch für die europäischen Männerfantasien wird die Orientalin als - meist - untätige Sexsklavin in einem Harem gesehen. Korrespondierend ist der orientalische Mann viriler Barbar oder impotenter Schwächling. Eine Ergänzung stellen die folgenden Interviews zu den Positionen dreier heutiger nahöstlicher Künstlerinnen dar.

Das letzte Hauptkapitel leitet der Aufsatz von Régine Cardis ein, der in ausführlicher Weise Lebensstationen und künstlerischen Werdegang Benjamin-Constants nachzeichnet. In den folgenden Texten werden die Rolle des Künstlers bei den Salonausstellungen, seine Porträts und seine Position als Lehrer beleuchtet. Im letzten Aufsatz nutzt Dominique de Font-Réaulx Atelierfotografien, die für die Öffentlichkeit gedacht waren, als Ausgangspunkt. Sie erläutert so die Beziehungen von nahöstlicher Realität, den Ateliergestaltungen orientalistischer Maler und dem Orientbild in ihren Gemälden. Letzteres zeigt sich als aus Fantasie und Realität konstruiert.

"After Cabanel, Gérôme and Rochegrosse, Benjamin-Constant's day has come" (21), verkünden im Vorwort Nathalie Bondil als Direktorin und Chefkuratorin des Montreal Museum of Fine Arts und in gleicher Funktion für das Musée des Augustins in Toulouse Axel Hémery. Bisher war das Werk von Benjamin-Constant wenig erforscht. So stellte Régine Cardis' künstlermonografische Masterarbeit von 1985 für die Autoren des Katalogs die einzige jüngere Quelle dar. Ihre Forschungsergebnisse wurden für den Katalog hinsichtlich der Provenienz und Chronologie der Werke erweitert. Entsprechend setzt der Ausstellungskatalog die wissenschaftliche Aufarbeitung und Aufwertung der letzten Jahre zu den lange verschmähten Salonmalern fort.

Die im ersten Hauptkapitel stehenden Aufsätze von Axel Hémery, Nathalie Bondil und François de Vergnette gehören zu den besten des ganzen Katalogs. In ihnen liegt der Schwerpunkt auf den malerischen Qualitäten Benjamin-Constants und ihrer Einordnung in die Kunstgeschichte. Der Aufsatz von Christine Peltre liefert wesentliche Ansätze zum Verständnis des Orientalismus bei dem Maler. Dagegen fallen die Aufsätze zu den Orten und Vorbildern von Francesc M. Quilez i Corella und Jordi À. Carbonell deutlich ab. In ihnen fehlt die konkrete und umfangreiche Auseinandersetzung mit den künstlerischen Mitteln und Vergleiche - besonders der zu Fortuny - kommen zu kurz. Florence Hudowicz schildert primär Hintergründe der französischen Nordafrikapolitik, aber den Nachweis ihres Niederschlags in den Gemälden von Delacroix und Benjamin-Constant bleibt die Autorin schuldig. Besonders enttäuschend ist die vertane Chance, die Werke der beiden "Koloristen" Delacroix und Benjamin-Constant zu vergleichen. Eine durchaus gelungene Analyse der Frauendarstellungen bei Benjamin-Constant in Beziehung zum Orient- und Frauenbild der (männlichen) Europäer bietet dagegen Christelle Taraud. Einen spannenden Ansatz liefert schließlich auch Dominique de Font-Réaulx mit ihrer Darstellung der Verbindung von Romantik und Realitätsbezug in der Ateliergestaltung und den Gemälden der Orientalisten. Hier wird viel über den Geist des 19. Jahrhunderts offenbar.

Die im Katalog geleistete wissenschaftliche Aufarbeitung des Werkes von Benjamin-Constant stellt eine wichtige Grundlage für weitere Forschungen dar. Allerdings sind deswegen die drei schwachen Aufsätze des mittleren Hauptkapitels mit ihrer Konzentration auf eher Historisches und zu geringer Beachtung der Malerei selbst eine Enttäuschung. Gerade wegen der Stellung der orientalistischen Gemälde im Werk Benjamin-Constants schmälern sie die Bedeutung des gesamten Katalogs. Hier wurde eine Chance vertan! Ihnen gegenüber stehen die gelungenen Aufsätze, bei denen die Malerei Benjamin-Constants mit ihren besonderen Qualitäten im Zentrum steht. Die Fülle der größtenteils guten Abbildungen gibt der Malerei Benjamin-Constants die ihr gebührende Aufmerksamkeit zurück. Die bis heute wahrnehmbare, durch die Brille der Moderne und die Kolonialismuskritik geprägte Sichtweise auf das Werk der Orientalisten wird mit diesem Band besonders durch die Herausstellung der malerischen Qualitäten Benjamin-Constants in verdienstvoller Weise weiter korrigiert. Dominique de Font-Réaulx: "Today, his works are worth rediscovering [...]." (342)

Andreas Baumerich