Rezension über:

Karl Bernhard Kruse (Hg.): Der Heziloleuchter im Hildesheimer Dom, Regensburg: Schnell & Steiner 2015, 411 S., 369 Farb-, 82 s/w-Abb., ISBN 978-3-7954-2755-9, EUR 79,00
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Rezension von:
Joanna Olchawa
Kunstgeschichtliches Institut, Universität Osnabrück
Redaktionelle Betreuung:
Philippe Cordez
Empfohlene Zitierweise:
Joanna Olchawa: Rezension von: Karl Bernhard Kruse (Hg.): Der Heziloleuchter im Hildesheimer Dom, Regensburg: Schnell & Steiner 2015, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 9 [15.09.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/09/26887.html


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Karl Bernhard Kruse (Hg.): Der Heziloleuchter im Hildesheimer Dom

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Mit Abschluss der Sanierungsarbeiten und der Neueröffnung des Hildesheimer Doms im August 2014 ging eine Neuaufstellung der liturgischen Objekte einher. Insbesondere der sogenannte Hezilo-Leuchter, der größte der vier erhaltenen romanischen Radleuchter, dominiert mit seiner neuen, aber historisch bezeugten Aufhängung inmitten des Langhauses und seinem imposanten Durchmesser von sechs Metern den Kirchenraum. Sein einer Stadtmauer nachempfundener Ring mit jeweils zwölf Türmen und Toren sowie die 72 Traufschalen für Kerzen bestehen aus feuervergoldeten Kupferblechen. Ihre florale Ornamentik ist teilweise durchbrochen gearbeitet und mit Braunfirnis verziert. In dieser im Mittelalter selten verwendeten Technik ist auch die umfangreiche Inschrift an den Rändern des Reifens ausgeführt, die den Auftraggeber, den Hildesheimer Bischof Hezilo (1054-1079), nennt. Aus ihr lässt sich schließen, dass der Leuchter wahrscheinlich 1061 zur Weihe des nach einem Brand neu aufgebauten Doms vollendet und aufgehängt wurde.

Durch die einheitliche Komposition mutet das Werk besonders gut erhalten an. Doch der Eindruck täuscht - der Leuchter hat in seiner 950-jährigen Geschichte aufgrund von Zerstörungen und Restaurierungen mehrfach sein Aussehen verändert. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde er so stark beschädigt, dass man ihn grundlegend erneuern musste. Weitere Reparaturen wurden im 19. und 20. Jahrhundert ausgeführt, wobei er mehrfach demontiert und nicht mehr wie ursprünglich zusammengesetzt wurde oder Fragmente verloren gingen. Die letzte Konservierung und Restaurierung erfolgten in den Jahren 2002 bis 2007.

Der Hildesheimer Diözesankonservator Karl Bernhard Kruse hat nun die Ergebnisse dieser jüngsten Untersuchungen und Arbeiten in einem stattlichen Band herausgegeben, an dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Kunstgeschichte, Geschichte, Metallkonservierung und -restaurierung mitgearbeitet haben. Die insgesamt 19 Beiträge von elf Autoren richten sich nicht nur an Spezialisten. Selbst der technisch unkundigste Leser kann dank des klaren Aufbaus der Publikation sowie der zahlreichen imponierenden Nahaufnahmen und Schemazeichnungen das Abenteuer der Restaurierung des Hezilo-Leuchters nachvollziehen. Denn gerade die einleitenden Beiträge widmen sich der ausführlichen Bestandsaufnahme des Objekts (Ulrich Knapp) sowie der Darstellung der Organisation der Restaurierung (Karl Bernhard Kruse). Die Wiedergabe der "Schadensbilder am Heziloleuchter" (Ulrich Knapp), welche die zahlreichen mechanischen oder durch ältere Reparaturen und Korrosion bedingten Schäden aufzeigen, wirkt wie der Beitrag "Der mittelalterliche Bestand" (Ulrich Knapp) gar desillusionierend. Von den zwölf Toren und den Rundtürmen sind nämlich jeweils nur noch sechs vollständig oder in ihrer Grundstruktur erhalten; von den 24 originalen Wandsegmenten an der Außenseite sind lediglich elf größtenteils aus mittelalterlicher Zeit, während die 24 Inschriftentafeln nicht mehr die originale Länge besitzen. Es ist außerdem davon auszugehen, dass sich in den Öffnungen der Apsiden, Vorhallen und Torhallen Figuren aus Silberblech befunden haben, die wahrscheinlich Propheten, alttestamentliche Könige und Patriarchen sowie Tugendpersonifikationen darstellten. Dieser Befund, der bei den letzten Untersuchungen zurückgewiesen wurde, gewinnt nun durch die technischen Beobachtungen an Wahrscheinlichkeit.

Der von Hezilo gestiftete Radleuchter ist jedoch nicht der einzige, dessen Restaurierungsergebnisse vorliegen. Auch die Resultate der denkmalpflegerischen Arbeiten am Hertwig-Leuchter in Comburg (1135-1150) und am Barbarossa-Leuchter in Aachen (1165-1170) sind publiziert worden. [1] Doch keine jener Publikationen war so umfangreich wie diejenige zum Hezilo-Leuchter. Bedauerlicherweise nimmt jener Band nur marginal auf diese beiden Leuchter und die angewandten Methoden Bezug. Auch wäre der Leser im Rahmen der umfangreichen Restaurierungsgeschichte für einen Vergleich mit dem Thietmar-Leuchter dankbar gewesen. Der sich ebenfalls im Hildesheimer Dom befindende Radleuchter, der eine Stiftung des Hildesheimer Bischofs Thietmar (1038-1044) darstellt, wurde durch Restaurierungen im 15. und 17. Jahrhundert so stark in seinem Aussehen verändert, dass er kaum mehr als mittelalterliches Werk bewertet werden kann. Die während der letzten Restaurierung von 1982 bis 1989 gewonnenen Ergebnisse sind nicht publiziert worden und hätten im Rahmen der Veröffentlichung zum Hezilo-Leuchter mehr Aufmerksamkeit als nur kurze Erwähnungen erhalten können.

Willmuth Arenhövel hat bereits 1975 eine ausführliche und präzise Studie vorgelegt, in der er sich vornehmlich den Form- und Stilanalysen und dabei der Einbettung des Hezilo-Leuchters in den Kontext der zeitgenössischen Werke widmete. [2] Ferner hat Bernhard Gallistl 2009 den Leuchter anhand von Schriftquellen hinsichtlich seiner liturgischen Verwendung sowie der Licht- und Rechtssymbolik sehr gewissenhaft untersucht. [3] Er konnte nachweisen, dass das Monument nicht nur zur Beleuchtung, sondern bei innerkirchlichen Prozessionen auch als Station diente. Zudem besaß es eine memoriale Funktion, denn unter der "corona" wurden die Gedächtniszeremonien für die Verstorbenen gefeiert. Da diese zwei Publikationen nicht an Aktualität verloren haben, verzichtet der neue Band konsequent und überzeugend auf diese Untersuchungsfelder.

Thematisiert werden aber andere, weitgehend neue Aspekte wie etwa die Materialikonologie (Thomas Raff), also die Untersuchung der inhaltlichen Aussage der verwendeten Materialien. Wie der Autor in seiner Habilitation bereits herausgestellt hat [4], erweist sich diese Methode bei dem Hertwig-Leuchter in Comburg als sehr fruchtbar, da dessen Inschrift auf die Materialien und gleichzeitig auf exegetische Traktate Bezug nimmt. Die Inschrift des Hezilo-Leuchters jedoch verfolgt mit dem Verweis auf das Himmlische Jerusalem eine andere Intention, sodass nun lediglich allgemeine materialikonologische Überlegungen formuliert werden können. Der Beitrag "Zum ursprünglichen Ort des Heziloleuchters im Hildesheimer Dom" (Karl Bernhard Kruse) veranschaulicht - im Gegensatz zu Bernhard Gallistls Studie, der die Disposition anhand von Schriftquellen ermittelte - den räumlichen Kontext durch die neuesten bauarchäologischen Befunde und die Rekonstruktion des Doms unter Hezilo. Besonders hervorzuheben ist der Beitrag zu "Der Heziloleuchter und seine Nachfolge im 19. und 20. Jahrhundert" (Andrea Giersbeck). Er stellt dezidiert die zahlreichen Nachschöpfungen heraus und verdeutlicht die intensive Auseinandersetzung mit dem Werk, die nicht nur kunsthistorisch im Zuge des Historismus, sondern auch restaurierungsgeschichtlich motiviert war.

Weiterführend wären auch bisher kaum behandelte Fragen wie nach dem formalen Einfluss aus der antiken, spätantiken und karolingischen Zeit sowie aus Byzanz gewesen: Schließlich haben sich vergleichbare Radleuchter realiter oder in Bildquellen erhalten. Oder spielten gar Votivkronen eine besondere Rolle, wie es Nicoletta Isar bei dem Barbarossa-Leuchter in Aachen anspricht? [5] Der Andeutung Bernhard Gallistls folgend wäre ebenfalls zu fragen, wann und in welchem Kontext erstmals die Vorstellung des Himmlischen Jerusalems die Gestalt eines Radleuchter annahm und ob Hezilos Baumeister und späterer Bischof Benno II. von Osnabrück (1022-1088) bei seinem Besuch der Grabeskirche in Jerusalem den dort aufgehängten Radleuchter besichtigen konnte und sich diese Eindrücke in dem Hezilo-Leuchter widerspiegelten. [6]

Zusammenfassend sei aber betont, dass die neue Publikation zum Hezilo-Leuchter in mehrfacher Hinsicht bedeutsam ist. Die Detailaufnahmen erlauben ein ausführliches Studium des Artefaktes und vermitteln, wie sorgfältig sowohl die mittelalterlichen als auch die modernen Teile angefertigt wurden. Die Texte geben Einblicke in die Metallrestaurierung mittelalterlicher Objekte und bezeugen den aktuellen Stand der technischen Untersuchungsmöglichkeiten. Das Buch ist ein mustergültiges Beispiel für die gelungene Zusammenarbeit der Denkmalpflege und der Kunstgeschichte.


Anmerkungen:

[1] Rolf-Dieter Blumer / Ines Frontzek: Recherchiert und kartiert. Der Comburger Hertwig-Leuchter, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege 4 (2012), 194-199; Herta Lepie / Lothar Schmitt: Der Barbarossaleuchter im Dom zu Aachen, Aachen 1998.

[2] Willmuth Arenhövel: Der Hezilo-Radleuchter im Dom zu Hildesheim. Beiträge zur Hildesheimer Kunst des 11. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Ornamentik, Berlin 1975.

[3] Bernhard Gallistl: Bedeutung und Gebrauch der großen Lichterkrone im Hildesheimer Dom, in: Concilium medii aevi 12 (2009), 43-88.

[4] Thomas Raff: Die Sprache der Materialien. Anleitung zu einer Ikonologie der Werkstoffe, München 1994.

[5] Nicoletta Isar: Celica Iherusalem Carolina: Imperial Eschatology and Light Apocalypticism in the Palatine Chapel at Aachen, in: Novye Ierusalimy. Ierotopija i ikonografija sakralnych prostranstv, hg. v. Aleksej Michajlovic Lidov, Moskau 2009, 313-337.

[6] Vgl. Gallistl [wie 3], 77, Anm. 107.

Joanna Olchawa