Rezension über:

Leigh Chipman: The World of Pharmacy and Pharmacists in Mamlūk Cairo (= Sir Henry Wellcome Asian Series; Vol. 8), Leiden / Boston: Brill 2010, X + 318 S., ISBN 978-90-04-17606-5, EUR 104,00
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Rezension von:
Stephan Conermann
Institut für Orient- und Asienwissenschaften, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Tilmann Kulke
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Leigh Chipman: The World of Pharmacy and Pharmacists in Mamlūk Cairo, Leiden / Boston: Brill 2010, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8 [15.07.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/07/26528.html


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Leigh Chipman: The World of Pharmacy and Pharmacists in Mamlūk Cairo

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Die westliche Forschung zur arabischen Medizin (wie auch zu arabischen Naturwissenschaften und zur arabischen Philosophie) war, darin ist Leigh Chipman zuzustimmen, bis zum Ende des 20. Jahrhunderts weitgehend von der Suche nach dem europäischen Kontext geprägt. In der Tat schauten die Wissenschaftler entweder nach den griechischen Vorlagen oder sie untersuchten den Einfluss der im Rahmen der islamischen Übersetzungsbewegung aus griechischen, syrischen und mittelpersischen Quellen ins Arabische (und dann ins Lateinische) übertragenen Texten auf die Entwicklung der Medizin und der anderen Disziplinen im mittelalterlichen Europa. Das war schon einseitig, doch kam hinzu, dass man sich auf eine Untersuchung aus Schriften des sogenannten "Goldenen Zeitalters", also der Zeit vom 9. bis zum Ende des 11. Jahrhundert, konzentrierte und keinerlei Interesse an der Entwicklung nach Ibn Sina (1037) im Osten oder Ibn Rushd (1198) im Westen zeigte. Darüber hinaus reichte offenbar die Beschäftigung mit intertextuellen Bezügen und ideengeschichtlichen Entwicklungen - der Bezug zur Praxis war offenbar von keinem großen Interesse. Schließlich hat sich die Forschung eher mit den exakten Wissenschaften (Astronomie, Mathematik, mathematische Geographie) befasst, wohingegen die Medizingeschichte bislang fast ausschließlich auf die Darstellung von "großen Männern" und "bedeutenden Persönlichkeiten" beschränkt geblieben ist. Weder über die Medizin noch über die Pharmazie liegen systematische Übersichtswerke vor.

Hier setzt das hier zu besprechende Buch an. Es handelt sich um eine von Leigh Chipman an der Hebrew University unter der Betreuung von Reuven Amitai (Department of Islamic and Middle Eastern Studies) und Y. Tzvi Langerman (Department of Arabic Language and Literature) angefertigte, überarbeitete Dissertation. Im Zentrum der Arbeit steht ein Handbuch für Pharmazeuten aus der Mamlukenzeit. Das dem Kolophon in dem Gothaer Manuskript zufolge 1260 in Kairo angefertigte Werk trägt den schönen Titel "Die Verwaltung eines [pharmazeutischen] Ladens. Regeln für die Meister [der Zunft] zur Herstellung und Zusammensetzung von wohltuenden Arzneien." Angefertigt hat es der offensichtlich jüdische Drogist Abu l-Muna Dawud b. Abi Nasr al-Kuhin al-ʿAttar al-Haruni al-Isra'ili. Für Juden im Mamlukenreich war die Ausübung eines solchen Berufes nicht unüblich. Aus den Dokumenten der Alt-Kairener Geniza wissen wir zudem, dass sich die jüdische Gemeinde - zumindest in der Fatimiden- und Ayyubidenzeit - aus unterschiedlichen Gruppen zusammensetzte: den Rabaiten und Karaiten einerseits und den Samaritanern andererseits.

Das 25 Kapitel umfassende pharmazeutische Manual "Minhaj al-dukkan" erfreute sich in der Zeit vom 13. bis zum 15. Jahrhundert in Ägypten in Insiderkreisen einer großen Beliebtheit, denn es sind insgesamt - was sehr selten vorkommt - acht vollständige (und zahlreiche unvollständige) Handschriften erhalten geblieben. Eine genaue Analyse des Handbuches und der Position von Pharmazeuten in der mamlukisch-ägyptischen Gesellschaft liegt jedoch bislang nicht vor. Leigh Chipman hat sich dieser Aufgabe angenommen und ein wirklich sehr lesenswertes Werk geschrieben. Al-Kuhin al-ʿAttar tritt uns deutlich als ein praktizierender Apotheker vor Augen, dessen Intention es war, für Kollegen und vielleicht auch für angehende Pharmazeuten ein Lehr- und Arbeitsbuch zu verfassen, das durchaus die damals gängige pharmazeutische Praxis widerspiegelt. Auf der Basis einer genaue Lektüre des Textes sowie einer Kontextualisierung innerhalb der arabischen pharmakologischen Tradition geht es zunächst um die inhaltlichen und strukturellen Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zwischen dem Minhaj al-dukkan und anderen pharmakologischen Werken.

Im ersten Teil der Arbeit liegt der Schwerpunkt auf dem Text selbst. Die Verfasserin untersucht anfänglich (= Kap. 1), in welcher Art und Weise in dem Kapitel über die aus vielen Ingredienzien bestehenden Arzneien (murakkabat) Texte anderer Autoren zitiert und benutzt werden. Dann vergleicht sie die übrigen Abschnitte des Handbuchs mit von Ärzten angefertigten Schriften. Es wird ganz deutlich, dass al-Kuhin al-ʿAttar seine Quellen zwar sehr unterschiedlich behandelt, doch in einem Punkt sich selbst stets treu bleibt: in der Regel verändert er den Ausgangstext. Im Allgemeinen fügt der Autor seinen Textvorlagen aus dem Fundus seines Wissens Informationen hinzu. Die größten Erweiterungen finden wir bei den Passagen, die die konkrete Zubereitung oder Anwendung von Arzneimitteln zum Gegenstand haben.

Der nächste Abschnitt ist den sehr interessanten Kapiteln 1 und 23 in dem Minhaj al-dukkan gewidmet. Beide unterscheiden sich auffallend von allen anderen Teilen des Werkes, die sich ausschließlich um pharmakologische Details - entweder um die Mischung von Kräutern (Kap. 2-19) oder um Heilpflanzen (Kap. 20-22, 24-25) drehen. In den erwähnten Passagen thematisiert al-Kuhin al-ʿAttar das Selbstverständnis eines Drogisten der Mamlukenzeit und spricht über dessen Rolle in der und für die Gesellschaft. Er adressiert einen (imaginären?) Sohn und breitet vor diesem die ethischen Grundätze seiner Profession in einer Mischung aus moralischen Aufforderungen, Ratschlägen zur guten Praxis und Anweisungen über die korrekte Technik bei der Zubereitung der Arzneimittel aus. Ein in diesem Zusammenhang durchgeführter Vergleich mit ähnlichen Texten zeigt, dass die medizinische Ethik in der mittelalterlichen islamischen Welt tief in der späthellenistischen Antike verwurzelt war. Die moralischen Werte des Islams (oder überhaupt monotheistischer Religionen) haben es ganz offenbar nicht geschafft, die Erwartungen und Anforderungen der Gesellschaft an Ärzte und Pharmazeuten zu beeinflussen. Der Zugriff religiöser Ideen auf die professionelle Ethik dieser Berufsgruppen scheint begrenzt gewesen zu sein. Vielmehr lief es, so zeigt Leigh Chipman, auf eine gemeinsame monotheistische Moral hinaus, die nicht spezifisch für eine der drei Glaubensformen war.

Im Mittelpunkt von Kapitel 3 stehen diejenigen Kenntnisse, die dem Minhaj al-dukkan zufolge von einem Pharmazeuten jenseits der bloßen Herstellung von Arzneien verlangt wurden: (1) Der rechte Umgang mit der Materia medica. Dabei geht es ebenso um Ersatzstoffe und Synonyme wie um Masse und Gewichte. (2) Drogenkunde und nützliche Ratschläge, wenn es um das Sammeln und Lagern der Arzneien oder um die Identifikation und das Testen bestimmter Mittel geht. Insgesamt bekommt man den Eindruck, dass sich der Autor des Handbuches der praktischen Bedürfnisse eines in einem gut laufenden Laden arbeitenden Pharmazeuten sehr bewusst ist.

Im zweiten Teil verlässt Leigh Chipman den Text und kommt zum Kontext. Zunächst beschäftigt sie sich ausführlich mit dem medizinisch-wissenschaftlichen Establishment. Wo hatten die Pharmazeuten ihren Platz innerhalb der Gelehrtenschicht? Und wie wurden sie von den Ärzten und von den Religionsgelehrten gesehen? Chipman analysiert sehr geschickt verschiedene Aspekte des Verhältnisses zwischen Apothekern und Ärzten im Mamlukensultanat. Interessanterweise hielt man die Pharmazie auf theoretischer Ebene überhaupt nicht für eine Wissenschaft, sondern nur für ein Handwerk. Für gewöhnlich erkannte man ihr daher auch nicht den Rang eines unabhängigen Wissenszweiges zu, sondern behandelte sie als ein Nebengebiet der Medizin. Allerdings kam es nicht selten vor, dass die Medizin selbst nicht den eigentlichen Wissenschaften zugeordnet wurde. In dem Fall, in dem man ihr diese Stellung doch zubilligte, fiel sie unter die Naturwissenschaften. Nach einem sehr erhellenden Abschnitt über die Situation der Ärzte in der Mamlukenzeit diskutiert Leigh Chipman anhand biographischer Lexika die durchaus angesehene Position der Pharmazeuten in der Mamlukengesellschaft und ihre wichtige Rolle in den Krankenhäusern. In diesem Zusammenhang ist die kurze Übersicht über den mamlukenzeitlichen Gewürzhandel sehr hilfreich. Der Pharmazeut war schließlich in einem häuslichen Umfeld das letzte Glied in langen der Kette zwischen Produzenten und Endverbrauchern. In der Middle Islamic Period wurde der Terminus "Gewürz" oftmals in einem sehr weiten Sinn aufgefasst, um alle Produkte des Ostens umfassen zu können. Selbst in einem engeren Sinn subsumierte man darunter Färbemittel, Kräuter und Harze zusätzlich zu den eigentlichen Gewürzen wie Pfeffer, Ingwer, Muskat, Zimt, Zucker, Nelken, Indigo, Brasilholz, Aloe, Mazis, etc.

In einem abschließenden Kapitel kommt Leigh Chipman auf das Image der Apotheker zu sprechen. In der Rechtsliteratur und in Volkstexten - bisweilen auch in Chroniken - wird der Pharmazeut in der Regel sehr negativ als gieriger Schwindler - im Sinne des europäischen "Pillendrehers" - dargestellt. Kunden mussten den Pharmazeuten vertrauen, dass diese ihnen die Medizin gaben, die sie brauchten, um gesund zu werden - und das war offenbar nicht immer der Fall. Wie auch die Ärzte sah die breite Öffentlichkeit die Apotheker als eine Zunft an, die man besser öffentlicher Kontrolle unterstellte.

Summa summarum: eine ausgezeichnete Studie, aus der wir sehr viel über einen zentralen Berufsstand lernen können.

Stephan Conermann