Rezension über:

Tamer el-Leithy: Coptic Culture and Conversion in Medieval Cairo, 1293-1524 A.D. . PhD-thesis, Princeton University, Ann Arbor, MI: UMI 2005, 519 S., ID: 3156038

Rezension von:
Stephan Conermann
Institut für Orient- und Asienwissenschaften, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Tilmann Kulke
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Conermann: Rezension von: Tamer el-Leithy: Coptic Culture and Conversion in Medieval Cairo, 1293-1524 A.D. . PhD-thesis, Princeton University, Ann Arbor, MI: UMI 2005, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8 [15.07.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/07/27500.html


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Tamer el-Leithy: Coptic Culture and Conversion in Medieval Cairo, 1293-1524 A.D.

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Wenn es um die Veröffentlichung von Dissertationen geht, ist das amerikanische Wissenschaftssystem eher schwerfällig. Hat man sich entschlossen, eine akademische Karriere zu verfolgen, so ist es von großer Wichtigkeit, dass man einen angesehenen Verlag für die Publikation seiner Promotionsschrift findet. Ein Exposé muss zur Begutachtung und Genehmigung eingereicht werden. Nach etwa einem halben Jahr erhält man dann im besten Fall die Aufforderung, sein Manuskript vorzulegen, wobei es in der Regel eine Reihe von grundsätzlichen Auflagen gibt. Der Text soll von allem Unwichtigen befreit und die Kernthesen klar erkennbar sein. Ein flüssiger Stil wird ebenso erwartet wie eine Beschränkung auf weniger als 200 Seiten. Im Grund genommen ist der Autor gezwungen, eine weitgehend neue Arbeit zu verfassen. Dies dauert dann weitere zwei Jahre. Doch damit ist es nicht getan. Da es sich ja um ein Peer-Review-Verfahren handelt, geht der Entwurf noch einmal zu mindestens zwei Gutachtern. Nach weiteren 6-12 Monaten erhält man die Beurteilungen. Normalerweise gibt es nun erneut inhaltliche Änderungswünsche, die von dem Verfasser in einem nächsten Arbeitsschritt zu berücksichtigen sind. Wieder verstreicht ein Jahr. Dann: Neueinreichung, erneute Begutachtung, und schließlich: Druckfreigabe. Nun ist es fast geschafft, doch folgt noch der häufig ebenfalls lange Publikationsprozess in dem Verlagshaus. Alles in allem vergehen gerne einmal fünf bis sechs Jahre von der Disputation bis zum Buch... In dem hier vorliegenden Fall hat sich die Veröffentlichung aus verschiedenen Gründen offenbar noch länger hinausgezögert. Bereits 2004 hat Tamer el-Leithy, der heute als Assistant Professor of Middle Eastern and Islamic Studies an der New York University arbeitet, für seine gerade abgeschlossene Dissertation Coptic Culture and Conversion in Medieval Cairo, 1293-1524 A.D. den Bruce D. Craig Prize for Mamluk Studies erhalten. Seitdem kündigt el-Leithy eine nahe bevorstehende Publikation seiner Arbeit an, doch bisher haben wir vergebens auf das Erscheinen des Buches gewartet... Da sich aber der über UMI Dissertation Services erhältliche Text mittlerweile zu einem viel zitierten Standartwerk entwickelt hat, scheint es mir angebracht, nicht länger auf die umgearbeitete Neufassung zu warten, sondern die alte Dissertation als Grundlage für eine Besprechung zu nehmen.

In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts durchlief die koptische Kirche in Ägypten eine schwierige Phase. Eine lange Vakanz des Patriarchats (1216-1235) führte zu Ämterkäufen, einem Zerfall der inneren Organisation und einem Rückgang kirchlicher wirtschaftlicher Prosperität. Hinzu kamen spürbare Assimilierungsprozesse. Die Kopten hatten sich fast vollständig in das muslimische Rechtssystem integriert und waren insgesamt dazu übergegangen, die arabische Sprache der koptischen vorzuziehen, die man - in ihrer buhairischen Variante -nur noch in der Liturgie verwendete. Erst unter Kyrillos III. Ibn Laqlaq (1235-1243) besserte sich die innerkirchliche Situation ein wenig. [1] Gleichzeitig stellen wir eine bemerkenswerte Produktivität koptischer Gelehrter fest. Michael von Dimyat (gest. nach 1208) verfasste einen Nomokanon, Abu l-Makarim (13. Jh.) eine Abhandlung über die Kirchen und Klöster Ägyptens, al-Makin (gest. 1273) eine vielbeachtete Weltgeschichte, die al-Assal-Brüder (13. Jh.) exegetische und philosophisch-theologische Werke und Abu l-Barakat (gest. 1324) eine umfangreiche theologische Enzyklopädie. Nach der Übernahme der Macht durch die Mamluken änderte sich jedoch offenbar das politische Klima. Es kam im Laufe der Zeit zu zahlreichen anti-koptischen Maßnahmen, u.a. zur Verdopplung der jizya und Erhöhung anderer dhimmi-Steuern, zu gezielten kollektiven Strafmaßnahmen und zum Verbot koptischer Feste. Darüber hinaus wurden vor dem Hintergrund des ökonomischen Zusammenbruchs im Zuge der Pest um die Mitte des 14. Jahrhunderts koptische Beamte entlassen, Stiftungsgüter konfisziert und einschneidende rechtliche Änderungen vorgenommen. Diese Gemengelage führte ganz offensichtlich zu einer massiven Konversionswelle, wobei dies, so Tamer el-Leithy, nur als das Ende eines langen und langsamen Islamisierungsprozesses in Ägypten angesehen werden kann. [2] Von nun an blieb die Zahl der Kopten in Ägypten konstant bei etwa 10-12 % der Gesamtbevölkerung. [3]

Die Quellenlage zur Situation der Kopten während der Mamlukenzeit ist komplex. Zum einen liegt uns eine Reihe von normativ-religiösen Texten vor, die aber nur wenig über den gelebten Alltag der Menschen aussagen. Besser sieht es da in den Beständen des St. Katharinenklosters auf dem Sinai und des Koptischen Patriarchats in Kairo aus. Hier sind neben zahlreichen Rechtsdokumenten etwa auch zwei umfangreiche Korrespondenzen der beiden Patriarchen Kyrillos III. (s.o.) und Yoannis XIII (1484-1524) auf uns gekommen. Die meisten Informationen liefern jedoch weiterhin muslimische Autoren, insbesondere natürlich al-Maqrizi (gest. 1442), aber auch die Verfasser der vielen umfangreichen biographischen Lexika. Natürlich geht es in diesen Werken nicht um Lebensbeschreibungen von Kopten, doch gibt es viele Biogramme von Konvertiten. Und genau hier setzt Tamer el-Leithy an. Er möchte uns keine Geschichte des Koptentums in Ägypten während des Mittelalters präsentieren, sondern es geht ihm um eben diese Gruppe der Überläufer zum Islam. Dabei ist er klug genug, den muslimischen Quellen nicht zu trauen. Ein Mann wie al-Maqrizi etwa ist bekannt für seine gezielt einseitigen und tendenziösen Darstellungen, doch auch bei den Biographen sind über die Zeit hinweg sehr unterschiedliche Beurteilungen ein und derselben Person zu lesen. Mit diesem Caveat im Hinterkopf nähert sich Tamer el-Leithy seinem Material, und es gelingt ihm, sehr überzeugende Ergebnisse zu präsentieren, die hier nur summarisch präsentiert werden können.

Der Übertritt von Kopten zum Islam konnte verschiedene Formen annehmen und von unterschiedlicher Intensität sein. Es kam sehr häufig vor, dass Einzelpersonen konvertierten, aber ihre Familie, insbesondere die Kinder, den christlichen Glauben beibehielten. (Ch. 2: Single Generation Conversion, 67-100). Aus dem Ende des 14. Jahrhunderts sind uns ferner viele Fälle bekannt, in denen einige der Konvertiten sich dazu entschlossen, öffentlich blasphemisch zu agieren, vom Islam abfielen und erneut den koptischen Glauben praktizierten. Sie taten dies, um als Märtyrer zu besonderer Ehre zu gelangen und ihrer Gemeinschaft ein Vorbild für einen möglichen Widerstand gegen die Muslime zu sein. Auch finden sich in den Quellen zahlreiche Beispiele für eine Rückkehr zum alten Glauben. Hierfür wird ein besonderes "Gefäßritual" (arab.: fusul (oder salat) al-qidr) genannt, wobei sich das Gefäß auf das Behältnis bezieht, in dem sich das Wasser für die rituelle Waschung befand. Der Priester goss das Wasser drei Mal im Namen des dreifaltigen Gottes über den Pönitenten, der sich zuvor seiner Kleider entledigt hatte. Es geht aus den Texten klar hervor, dass es sich bei diesem Vorgang um eine erneute Aufnahme von Renegaten in die koptische Kirche handelte. (Ch. 3: Martyrdom and Apostasy in the late 8th/14th Century, 101-139).

Auf muslimischer Seite hegte man offensichtlich großen Argwohn gegen die neuen Glaubensbrüdern und -schwestern. Tamer el-Leithy kann anhand einer genauen Untersuchung der in den biographischen Nachschlagewerken verwendeten Epitheta und Tropen zeigen, wie misstrauisch die Autoren gegenüber den koptischen Muslimen waren bzw. mit welchen narrativen Mittel sie ihr Unbehagen äußerten. (Ch. 4: 'Good Copt, Bad Copt': Epithets in Convert Biographies, 146-175 und Ch. 5: The Tropes of Convert Suspicions, 176-216). Eine ausführliche Fallstudie, in der das Schicksal einer neu-muslimischen Familie über sechs Genrationen verfolgt wird, verdeutlicht darüber hinaus sehr gut die langsame Assimilation der Gruppe in die sie umgebende islamisch-arabische Gesellschaft. (Ch. 6: A Case Study of Convert Assimilation: The Banu bint al-Malaki, or How to Lose an Epithet, 217-241). In einem weiteren Kapitel (Ch. 7: The Topography of Cairene Converts, 279-338) versucht Tamer al-Leithy aus den spärlichen Angaben in den Quellen herauszufinden, ob die Konvertiten in Kairo bestimmte Viertel und Gegenden als Wohnort bevorzugten oder ob sich Ortswechsel nach dem Übertritt zum Islam erkennen lassen. Insgesamt verfügt er aber nur über 63 Fallbeispiele, so dass die Ergebnisse am Ende der Untersuchung eher pointilistischen als analytischen Charakter haben, zumal ohnehin unklar ist, ob die sichtbare Konzentration von Nicht-Muslimen in bestimmten urbanen Regionen einer gezielten Segregationspolitik oder einfach nur einem Bedürfnis nach Gleichgesinnten geschuldet ist. Interessanter ist hingegen der Ansatz, anhand von einigen ausgewählten Rechtsdokumenten einen Einblick in gewisse Alltagspraktiken einer Konvertitenfamilie in dem christlichen Viertel Harat ar-Rum zu geben. (Ch. 8: The Biography of a House and its Converts, 339-359)

Das letzte Kapitel der Qualifikationsschrift (Ch. 9: Religious Conversions, Cultural Convergence: The Family as Site of Change and Contestation, 362-456) bietet die gelungene Auswertung eines Teils der weiter oben bereits erwähnten Briefe des Patriarchen Yoannis XIII. Dieser hob sich von seinen Vorgängern nicht nur aufgrund seiner langen Amtszeit ab, sondern auch durch seine Leistungen als energischer und weitsichtiger Leiter der koptischen Gemeinde. Von den 92 Einzelstücken, die keine thematische Sammlung, sondern eher zufällig zusammengefügte Schreiben darstellen, wählt el-Leithy die zehn Exemplare aus, die sich mit familiären Angelegenheiten befassen. Neben der sehr problematischen Integration von Kopten in die muslimische Rechtsprechung zeigen die Texte ganz klar, dass die koptische Elite sich in der Mitte des 15. Jahrhunderts stark von den kirchlichen Würdenträgern entfernt hatte und deren Autorität massiv untergrub.

Alles in allem hat Tamer el-Leithy auf der Basis von sehr heterogenen Quellen eine grundlegende Studie zum Koptentum und zum Phänomen der Konversion von Kopten im 14. Jahrhundert in Ägypten vorgelegt, die zu recht - auch in der für amerikanische Verhältnisse völlig inakzeptablen Dissertationsform - zu einem Standartwerk geworden ist.


Anmerkungen:

[1] Siehe zu dieser Zeit Kurt J. Werthmuller: Coptic Identity and Ayyubid Politics in Egypt, 1218-1250. Cairo / New York 2010.

[2] Für die Osmanenzeit ist nun maßgeblich Febe Armanios: Coptic Christianity in Ottoman Egypt, Oxford 2011.

[3] Zur Frage, ob es bereits im 9. Jahrhundert zu einer Konversionswelle gekommen ist, siehe Shaun O'Sullivan: "Coptic Conversion and the Islamization of Egypt", in: Mamluk Studies Review 10,2 (2006), 65-79.

Stephan Conermann