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Krishnan Srinivasan: Diplomatic Channels, New Delhi: Manohar 2012, 264 S., ISBN 978-81-7304-968-2, INR 750,00
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Rezension von:
Amit Das Gupta
Berlin
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Amit Das Gupta: Rezension von: Krishnan Srinivasan: Diplomatic Channels, New Delhi: Manohar 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 11 [15.11.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/11/24850.html


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Krishnan Srinivasan: Diplomatic Channels

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Memoiren des Foreign Secretary, des höchsten Beamten im indischen Außenministerium, haben eine lange Tradition, die mit K.P.S. Menon begann. [1] Während viele dieser Erinnerungen - angefangen bei Menon selbst - nur Atmosphärisches oder Anekdoten wiedergeben, haben Subimal Dutt [2] und Y.D. Gundevia [3] wichtige Einblicke in Entscheidungsprozesse gewährt, die der Forschung neue Perspektiven eröffnet haben. Diese Memoiren sind umso bedeutsamer, als Indien zwar theoretisch nach 30 Jahren seine Akten frei gibt, in der Praxis jedoch alles anders aussieht. Hier fehlt es nicht nur wie anderswo an Personal. Die Vorstellung, Dokumente für den internen Gebrauch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, scheint in den Ministerien unverändert Missbehagen auszulösen. Ein Lichtblick ist das Nehru Memorial Museum mit seinen Nachlässen wichtiger Beamter und Politiker, die teils umfassende Sammlungen klassifizierter Akten enthalten. Licht am Ende des Tunnels zeichnet sich mittlerweile auch beim Außenministerium ab, das dabei ist, hunderttausende Dokumente freizugeben. Wann diese allerdings in den National Archives einmal katalogisiert und einsehbar sein werden, steht noch in den Sternen.

Es wird also noch lange dauern, bis sich die Forschung ein detailliertes Bild von der indischen Außenpolitik Mitte der neunziger Jahre machen kann. Dankenswerterweise hat nun aber Krishnan Srinivasan im ersten Teil seines Buches sehr offene Einblicke in Vorgänge während seiner 13-monatigen Amtszeit 1994/95 gegeben. Dass dem Kapitel "Retrospections" ein weiteres zur Blockfreiheit folgt, ergänzt durch eine Sammlung von Artikeln, die Srinivasan zwischen 2007 und 2011 in Tageszeitungen zu aktuellen politischen Debatten verfasst hat, mag etwas kurios erscheinen. Es gibt jedoch durchaus einen inneren Zusammenhang: Der Autor verfolgt die langen Linien der indischen (Außen-)Politik von den frühen Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart. Dabei geht er teilweise durchaus respektlos mit Mythen und Helden um. Das beginnt mit Narasimha Rao, der sich einen Ruf als der Premierminister erworben hat, unter dem das Land die erfolgreichen Wirtschaftsreformen begann und die außenpolitische Stagnation der 1980er Jahre überwand. Srinivasan beschreibt ihn als kalt, zögerlich und nichtssagend - immerhin unterschrieb er aber, was der Foreign Secretary ihm vorlegte. Außenminister Dinesh Singh oder die Staatsminister R.L. Bhatia und Salman Kurshid erhalten noch weitaus schlechtere Noten. Dass (indische) Spitzenbeamte nicht immer allzu viel von ihren politischen Vorgesetzten halten, ist ein bekanntes Phänomen. Das gilt auch für die ausgeprägte Skepsis gegenüber den USA, die Srinivasan stellvertretend für diese Generation indischer Diplomaten zu erkennen gibt. Bei der Diagnose des alten Dilemmas, der ausgeprägten Selbstgerechtigkeit beider Seiten, kritisiert er aber auch schonungslos Indien, das zwar moralische Unterstützung einforderte und auf wirtschaftliche Zusammenarbeit setzte, sich jedoch zugleich jede amerikanische Einmischung in Südasien verbat.

Während der Leser nicht allzu viel über die indische Wirtschaftsdiplomatie erfährt, erhält er relevante Einblicke in die taktischen Finessen des indisch-pakistanischen Dauerkonflikts. Hier berichtet Srinivasan, wie pakistanische Bemühungen um eine Initiative im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen torpediert wurden. Im Übrigen lädt er zu einer Art Rundreise durch die indischen auswärtigen Beziehungen ein, bei der auch vermeintlich kleinere Themen und Partnerstaaten zur Geltung kommen. Bemerkenswert sind die skeptischen Anmerkungen zu Israel, das längst einer der wichtigsten Partner Indiens geworden ist, sowie die Warnungen, dass sich der indische Nordosten zu einem weit gefährlicheren Pulverfass entwickeln könnte als das umstrittene Kaschmir.

Für diejenigen, die sich der Realpolitik verschrieben haben, setzen Srinivasans Ausführungen zur Blockfreiheit Standards. Dass der Terminus unter Indira Gandhi, die immer enger mit der Sowjetunion zusammenarbeitete, jegliche Bedeutung verlor, ist Konsens. Höchst informativ sind aber Srinivasans Ausführungen zu den idealistischen Nehru-Jahren, die mit einer kurzen Phase begannen, in denen sich Indien selbst als neutral sah. Mit dem Korea-Krieg erkannte der Premierminister, dass sein Land sich nicht völlig aus dem Kalten Krieg heraushalten könne. Die nun verfolgte Politik der Nichtbindung blieb meist nebulös und bemüht, sich den Realitäten des Kalten Kriegs anzupassen. Dass dies nicht gelang, führt Srinivasan zum einen darauf zurück, dass Nehru und seine Berater glaubten, dass sie dank ihres überlegenen Intellekts jede Situation meistern würden, ohne je von ihrer vagen Linie abweichen zu müssen. Delhi verlor aber insbesondere wegen des Zögerns, die sowjetische Intervention in Ungarn 1956 zu verurteilen, bald das Ansehen, das es mit der erfolgreichen Vermittlung in Korea und Vietnam gewonnen hatte. Vor allem aber übersah Nehru, dass jeder Staat, der nicht in der Lage ist, sich militärisch selbst zu verteidigen, auf Verbündete angewiesen ist. Damit ist der Bogen geschlagen zur desaströsen Niederlage im Grenzkrieg gegen China 1962, neben dem ungelösten Kaschmir-Disput ein Ansatzpunkt der zahlreichen Nehru-Kritiker. Auch wenn Srinivasan in historischen Zusammenhängen der Nehru-Jahre nicht immer ganz sattelfest ist, sind seine Hauptthesen schlüssig. Seine Ausführungen zur Blockfreiheit werden mit einem lesenswerten Interview mit einem seiner Amtsvorgänger, Jagat S. Mehta, ergänzt, in dem es ebenfalls nicht an klaren Aussagen mangelt.

Aus der Sammlung von Zeitungsartikeln in Srinivasans Buch sei aus aktuellem Anlass ein Beitrag zu Bücherverboten hervorgehoben, die mittlerweile weltweit für Schlagzeilen sorgen. Ein Bann wie beispielsweise der der "Satanischen Verse" von Salman Rushdie war lange eher die Ausnahme. Schon unter der von der Bharatiya Janata Party (BJP) geführten Regierung unter Atal Bihari Vajpayee gab es aber Bestrebungen, insbesondere in Lehrbüchern eine sehr einseitige Deutung der vielfältigen indischen Geschichte durchzusetzen. Landesregierungen, die von derselben Partei gestellt werden, haben diese Praxis intensiviert, und die Regierung Modi scheint sich nun aller Zurückhaltung zu entledigen. Srinivasans Essay darüber, wie Jaswant Singh, einst ein führender Politiker der BJP, von dieser ausgeschlossen wurde, weil er in einem Buch Pakistans Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah lobte, dagegen die Zentralisierungsbemühungen Nehrus als Grund für die Teilung Britisch-Indiens 1947 kritisierte [4], ist vor diesem Hintergrund unverändert lesenswert.

Insgesamt deckt dieses Buch viele Bedürfnisse ab. Der Leser kann sich in kleinen, wohlgeratenen Häppchen die indischen Debatten der letzten Jahre zu Gemüte führen, sich vertieft mit Geschichte und Problematik der Blockfreiheit beschäftigen oder aber einen in dieser Qualität seltenen Einblick in ein Jahr indischer Außenpolitik der 1990er Jahre gewinnen. Dringend zu wünschen wäre, dass Srinivasan, der schon ein Buch zu seiner Zeit als Botschafter in Bangladesch vorgelegt hat [5], eine Gesamtdarstellung seiner vielseitigen diplomatischen Karriere nachlegt.


Anmerkungen:

[1] K.P.S. Menon: Many Worlds. An Autobiography, London 1965.

[2] Subimal Dutt: With Nehru in the Foreign Office, Calcutta 1977.

[3] Y.D. Gundevia: Outside the Archives, Hyderabad 1984.

[4] Jaswant Singh: Jinnah. India, Partition, Independence, New Delhi 2009.

[5] Krishnan Srinivasan: The Jamdani Revolution. Politics, Personalities and Civil Society in Bangladesh 1989-1992, New Delhi 2008.

Amit Das Gupta