Rezension über:

Matthias Steinbach / Uwe Dathe (Hgg.): Alexander Cartellieri. Tagebücher eines deutschen Historikers. Vom Kaiserreich bis in die Zweistaatlichkeit (1899-1953) (= Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts; Bd. 69), München: Oldenbourg 2014, 980 S., 7 s/w-Abb., ISBN 978-3-486-71888-1, EUR 148,00
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Rezension von:
Mario Kessler
Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
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Mario Kessler: Rezension von: Matthias Steinbach / Uwe Dathe (Hgg.): Alexander Cartellieri. Tagebücher eines deutschen Historikers. Vom Kaiserreich bis in die Zweistaatlichkeit (1899-1953), München: Oldenbourg 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 10 [15.10.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/10/25095.html


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Matthias Steinbach / Uwe Dathe (Hgg.): Alexander Cartellieri

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Editionen von Tagebüchern deutscher Wissenschaftler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind seit einigen Jahren im Schwang, wenngleich sie selten auf solch allgemeines Interesse stoßen wie die von Victor Klemperer. Unter Historikern fanden die Kriegstagebücher des Heidelberger Mittelalterforschers Karl Hampe Beachtung. [1] Während Hampe sich vom überzeugten Monarchisten zum "Vernunftrepublikaner" wandelte und dem Naziregime distanziert begegnete, durchlief sein Berufs- und Altersgenosse Alexander Cartellieri keinen solch selbstkritischen Wandlungsprozess.

Cartellieri (1867-1955), geboren in Odessa, verbrachte aufgrund der Handelstätigkeit seines Vaters die Kindheit in Paris und ging in Gütersloh aufs Gymnasium. 1887 bis 1891 studierte er an mehreren deutschen Universitäten vor allem mittelalterliche Geschichte. Die Heidelberger Habilitation war 1899 dem französischen König Philipp II. August gewidmet, über den er später ein umfangreiches Werk verfasste. 1902 ging er nach Jena. Dort wurde er 1904 ordentlicher Professor für allgemeine Geschichte und historische Hilfswissenschaften. 1935 wurde er emeritiert. Er starb in Jena.

Matthias Steinbach und Uwe Dathe haben aus seinen in Jena aufbewahrten Tagebüchern, die rund 12.000 Seiten umfassen, eine noch immer äußerlich imposante Auswahl getroffen. Da Cartellieri mit der Niederschrift 1878 begann, müssen Aspekte seiner formativen Phase als Mensch und Gelehrter in dieser Edition im Hintergrund bleiben, und der Verweis auf Steinbachs Cartellieri-Biographie mag genügen. [2]

Cartellieri tritt uns im Tagebuch als Familienvater und Historiker entgegen, der sich in der Fachwelt Ansehen verschaffte, aber keinen weiteren Ruf an eine größere Universität erhielt. So richtete er sich in Jena ein, führte zahlreiche Schüler, auch Schülerinnen, zur Promotion und baute eine riesige Privatbibliothek auf.

Wie es sich für ein Professorentagebuch gehört, nehmen die Arbeit im Institut, das Fakultätsgeschehen und der dazugehörige Klatsch den gebührenden Platz ein. Nicht zu kurz kommen Berichte über Cartellieris Publikationstätigkeit, die erst im höheren Alter zurückging. Er war ein mäßiger Leser belletristischer Literatur, doch ohne eine "Antenne" für die literarische Moderne. Ins Konzert oder Theater ging er recht selten. Er betrieb die Gartenarbeit aus Passion. Im Haus legte er ansonsten keine Hand an und überließ diese Aufgaben seiner Frau und den heranwachsenden Kindern. Das Tagebuch gewährt gute Einblicke in das Auf und Ab seiner materiellen Lage in Krisenzeiten.

All das verdiente indes keine so aufwändige Edition, wie sie hier vorliegt. Doch sind Cartellieris politische Urteile von Interesse. Er war ein Monarchist und übte vorsichtige Kritik an Wilhelm II. nur aus der Sicht Bismarcks. Der Monarchismus blieb eine Konstante in seinem Leben. Er lehnte die Weimarer Republik ab, obwohl er nicht offen republikfeindlich hervortrat. Alles in allem war er ein typischer Anhänger der DNVP.

Cartellieri begrüßte den Ersten Weltkrieg und die Annexion Belgiens, woran seine Freundschaft mit dem in Jena kriegsgefangenen Henri Pirenne zerbrach. Rasch glaubte er der "Dolchstoß"-Legende und hoffte auf einen Revanche-Krieg. Obgleich er einst mit einer Habilitation über den Marxismus geliebäugelt hatte, blieben ihm Sozialismus und Arbeiterbewegung fremd. Er wies den Linken als angeblichen Novemberverbrechern die Hauptschuld am Niedergang Deutschlands zu. Die Reformpolitik der Thüringer Arbeiterregierung 1922/23 lehnte er ab und bezeichnete deren Kultusminister Max Greil unzutreffend als Kommunisten (441).

Seite um Seite zeigen sich ressentimentgeladene Passagen gegen alles, was seinem starren Weltbild widersprach. So nimmt es nicht Wunder, dass er das Hitler-Regime und dessen Terror gegen Andersdenkende begrüßte. Zwar folgte er der völkischen Radikalisierung der NSDAP-Historiker nicht und handelte sich daher Kritik von Otto Brunner ein (833f.). Doch genügte seine extrem konservative Einstellung den neuen Machthabern völlig. Cartellieris Auffassung, wonach Weltgeschichte Machtgeschichte sei, machte ihn blind für Anregungen der französischen Sozialgeschichtsschreibung. Überhaupt zeigte er wenig Interesse an den internationalen Debatten seines Faches, obgleich er durch sein hervorragendes Französisch wie durch Kenntnisse des Italienischen und Englischen die dafür nötigen Voraussetzungen besaß.

Der durch militärgeschichtliche Studien des Mittelalters geschulte Cartellieri sah teilweise die Lage an den Fronten des Zweiten Weltkrieges klar. Dies mischte sich jedoch mit erstaunlich weltfremden Urteilen. So hoffte er noch am 25. März 1945 auf eine Wende im Krieg durch V2-Raketen (849). Ab 1945 hielt er sich öffentlich ganz zurück, wünschte sich aber Adenauer als künftigen gesamtdeutschen Kanzler. Seine sonstigen Urteile zeigen viel Unverständnis der Entwicklung in Ost und West.

Cartellieri war ein Antisemit. Über den Selbstmord der Witwe des Jenaer Juristen Eduard Rosenthal zeigte er sich 1941 zwar "sehr bewegt", doch sei dies ein Zeichen der Zeit, und schließlich habe sie ja in ihrem Leben auch "viel genossen" (794). Zur Verfolgung der Juden fiel ihm kaum mehr ein als die schadenfrohe Bemerkung, dass er schon "als Student eine ziemliche Abneigung gegen Juden hatte" (796). Stets war er voller Lob, wenn er Goebbels las oder im Radio hörte. Stauffenbergs Attentat auf Hitler erschütterte ihn - keineswegs dessen Misslingen. Seinem Hass auf die Russen als "Bolschewisten", verlieh er immer wieder Ausdruck. Noch gefährlicher seien ihre deutschen Handlanger, die sich im Verborgenen sammelten. An einer Stelle fürchtete er, die "Neger" könnten in den USA die Weißen unterjochen. "Und dann ist das Maß der Zeiten voll" (830).

Ein anderer Historiker, der aus Österreich stammende Saul Padover, befragte als US-Offizier 1945 Deutsche aller Schichten nach ihrer Haltung zum besiegten Naziregime. [3] Erschüttert notierte er die auffällige Gleichgültigkeit vor allem gebildeter Deutscher, sobald die Rede auf die zutage liegenden Verbrechen kam. Warum war das so, fragte er? Das sehr sorgfältig edierte Tagebuch gibt anhand der Haltung eines deutschen Historikers eine Teilantwort.


Anmerkungen:

[1] Karl Hampe: Kriegstagebuch 1914-1919, hgg. von Volker Reichert und Eike Wollgast, München 2004.

[2] Matthias Steinbach: Des Königs Biograph, Alexander Cartellieri (1867-1955), Historiker zwischen Frankreich und Deutschland, Frankfurt a. M. 2001.

[3] Saul K. Padover: Experiment in Germany. The Story of an American Intelligence Officer, New York 1946; deutsche Ausgabe: Saul K. Padover: Lügendetektor, Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45, Frankfurt a. M. 1999.

Mario Kessler