Rezension über:

Berthold Heinecke / Hole Rößler / Flemming Schock (Hgg.): Residenz der Musen. Das barocke Schloss als Wissensraum (= Schriften zur Residenzkultur; Bd. 7), Berlin: Lukas Verlag 2013, 223 S., 62 s/w-Abb., ISBN 978-3-86732-134-1, EUR 30,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Edith Ulferts
Bad Eilsen
Redaktionelle Betreuung:
Julian Jachmann
Kommentare zu dieser Rezension:
Empfohlene Zitierweise:
Edith Ulferts: Rezension von: Berthold Heinecke / Hole Rößler / Flemming Schock (Hgg.): Residenz der Musen. Das barocke Schloss als Wissensraum, Berlin: Lukas Verlag 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 10 [15.10.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/10/23524.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Andere Journale:

Diese Rezension erscheint auch in KUNSTFORM.

Berthold Heinecke / Hole Rößler / Flemming Schock (Hgg.): Residenz der Musen

Textgröße: A A A

Die frühneuzeitliche Wissens- und Wissenschaftsgeschichte kann unter den unterschiedlichsten Aspekten beleuchtet werden. Üblicherweise stehen im Fokus sogenannte höfische Wissensräume wie Kunstkammern, Theater, Laboratorien und Bibliotheken. Sie werden bevorzugt mit anderen Beispielen ihrer Gattung verglichen und unter dem Gesichtspunkt der politischen Repräsentation analysiert.

Zweifelsfrei ist das Schloss in seiner Entstehung und seiner Nutzung nicht ohne den jeweiligen Hof denkbar, aber das Schloss sollte in seiner Funktion als Wissensraum nicht allein aus den sozialen Praktiken der höfischen Gesellschaft heraus verstanden werden. Es sollte immer auch eine Rückbindung an den sozialen Kontext erfolgen. Davon ausgehend kann die jüngere Forschung die Frage stellen: Gibt es eine Typologie des für den Wissensraum "Schloss" relevanten Wissens? Wie die Zusammenstellung der Beiträge belegt, existieren mindestens drei Arten des Wissens: Präfiguratives Wissen, höfisches Wissen und extrinsisches Wissen. Unter dem ersten Typ, dem präfigurativen Wissen, können der Entwurf, die Instandhaltung und der Umbau des frühneuzeitlichen Schlosses inklusive des theoretisch-planerischen, ästhetischen und praktisch-technischen Wissens subsumiert werden. Ferner umfasst es das Wissen um die Aufgaben und Funktionen des Schlosses, die damit entscheidend die Gestalt und Struktur des Baus bestimmen. Folglich bilden die formale Struktur der Schlossanlage und der darin stattfindenden höfischen Kommunikation die entscheidende Grundlage für die Repräsentation eines Fürsten. Somit hat das Schloss als "Gehäuse" für den Fürsten, aber auch für den Hofstaat zugleich einen obligatorischen wie normativen Charakter. Die Architekturtraktate und zeremonialwissenschaftlichen Abhandlungen belegen ein breites Spektrum des Wissens, das zur Gestaltung und zum Verständnis der komplexen Semantik des Schlosses, aber auch der Ausstattung und des Zeremoniells erforderlich ist (Ulrich Schütte, 34-53).

Am Beispiel des Lustschlosses Salzdahlum in seiner Doppelfunktion als Erlebniswelt und Wissensraum analysiert Simon Paulus die Bau- und Sammlungsaktivitäten des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel (1633-1714). Diese Fallstudie verdeutlicht die Vielfältigkeit und Komplexität des Repertoires zwischen Informationsspeicherung in Büchern und Stichfolgen und deren Anwendung (53-69). Aufgrund des zu tätigenden großen finanziellen Aufwandes bleibt die Gartenkunst dem Adel vorbehalten, wobei der Gartenkünstler als Hofkünstler in das soziale Gefüge des Hofes integriert ist. Allerdings gelingt es im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts nicht, eine nachhaltige Identifizierung spezifischer Wissensgebiete mit der Profession des Hofgärtners bzw. Gartenkünstlers herzustellen. Nicht zuletzt, weil an der Idee des universal gebildeten Hofgärtners weiterhin festgehalten wird (Stefan Schweizer, 71-89).

Unter dem zweiten Typ, dem höfischen Wissen, sollen die im Schloss etwa im Zeremoniell und der damit verbundenen Repräsentation praktizierte Anwendung des Wissens sowie das im Rahmen von Interaktion der Personen entstehende bzw. aktualisierte Wissen verstanden werden. Hierbei ist zu beachten, dass sich höfisches Wissen außerhalb zeremonieller Anlässe vor allem in der Konversation realisiert.

Am Beispiel der Hundisburger Deckengemälde wird aufgezeigt, dass häufig das ikonografische Detailwissen beim zeitgenössischen Betrachter weder vorhanden noch erforderlich war. Das allgemeine Wissen von der thematischen Angemessenheit zur Beurteilung und Würdigung des Ausstattungsprogrammes reicht für eine gesellige Konversation aus und bietet darüber hinaus dem einen oder anderen Schlossherrn die Möglichkeit, seine vorrangige Position im Bereich des Kunstwissens unter Beweis zu stellen (Pablo Schneider, 90-105).

Anders verhält es sich im Bereich der Kunstkammern (Stefan Laube, 106-124). In Wittenberg ist unter Kurfürst Friedrich dem Weisen die Schlosskirche permanenter Ausstellungsort von Kunstwerken. 150 Jahre später zu Zeiten von Herzog Ernst von Sachsen-Gotha wird die Kunstkammer von der Kirche getrennt. Sie ist nicht mehr der Ort seiner Erbauung und seiner Religiosität, sondern hat sich zum Raum der Wissensakkumulation und -präsentation fortentwickelt.

Diese Entwicklung verweist auf den dritten Typ, das extrinsische Wissen. Durch die interpretative Aneignung und Neufiguration von Wissensräumen wird Wissen produziert. Dieses Wissen ist wesentlich durch äußere Faktoren bestimmt. Zeitgenössische Reiseführer und Reiseberichte belegen, dass Fürsten- und Adelssitze in der frühen Neuzeit zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Bildungsreisenden gehören. Professionell organisierte Schlossführungen vermitteln dem Besucher Wissensinhalte zu unterschiedlichsten Themen: Während Zahlen, Maße und Gewichte Objektivität suggerieren, steht der Staatsschatz für die finanzielle Stabilität. Andere Objekte vermitteln Informationen über dynastische und historische Zusammenhänge, aber auch den technischen Fortschritt (Michaela Völkel, 125-147).

Gottfried Wilhelm Leibniz als Vertreter eines neuen Gelehrtentypus nutzt einerseits seine Reiseaktivitäten für den Aufbau eines Kommunikationsnetzwerkes und bindet andererseits die Reisen in sein Wissenschaftskonzept ein, da mit der Kunstkammer als Sammlungsort ein allgemeines wissenschaftliches Interesse verbunden wird. Folglich verlieren Kunstkammern ihre mehr oder weniger ausgeprägte Selbständigkeit und werden zu einem Ort des sich etablierenden Systems der Wissenschaften. Sie dienen nicht mehr primär höfischen Aspekten, sondern es bedarf auch zunehmend einer Publizität dieser Sammlungsbestände (Hartmut Hecht, 169-187)

Diesen Aspekt vertieft Flemming Schock (187-212), der sich der Wirkung der Publizität von Bibliotheken und Kunstkammern widmet. Es kommt zu einer medialen Potenzierung oder Multiplikation der Kunstkammer. Sie entwickelt eine relative Öffentlichkeit, die von einer breiten textualen Öffentlichkeit flankiert werden (muss). Die in Reiseberichten thematisierten Kunst- und Naturwunder wecken Begehrlichkeiten bei den Kunstkammereigentümern, die wiederum ihre Sammlungen entsprechend zu erweitern versuchen. Letztlich beeinflussen Texte wie etwa Reisebeschreibungen, Kunstkammer-Inventare und Sammlungsleitfäden die Sammlungen und wiederum die Sammlungen die Texte.

Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass die in diesem Tagungsband veröffentlichten Beiträge zweifelsfrei den interessanten Impuls geben, die frühneuzeitliche Wissens- und Wissenschaftsgeschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln zusammenzuführen, um sie in der Gesamtschau alternativ zu klassifizieren. Um diesen Forschungsansatz und damit die Diskussion zu beleben, müssen in den Beiträgen ganz bewusst funktionale Differenzen zwischen den verschiedenen Typen von Schloss bzw. Hof vernachlässigt werden. Ob dieser Ansatz langfristig zielführend ist, wird die weitere Forschung zeigen.

Edith Ulferts