Rezension über:

Pierre Maraval : Les Fils de Constantin, Paris: CNRS Éditions 2013, 335 S., ISBN 978-2-271-07506-2, EUR 25,00
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Rezension von:
Raphael Brendel
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Raphael Brendel: Rezension von: Pierre Maraval : Les Fils de Constantin, Paris: CNRS Éditions 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 7/8 [15.07.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/07/25341.html


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Pierre Maraval : Les Fils de Constantin

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Erfreuen sich Konstantin der Große und Julian "Apostata" einer großen Bekanntheit, kann dies für die drei Kaiser, deren Regierungszeit durch diese beiden eingegrenzt wird, nicht behauptet werden: Konstantin II., Constantius II. und Constans, die drei Söhne Konstantins und Vettern Julians. Obwohl der langlebigste unter ihnen, Constantius II., von 337 bis 361 und somit nicht wesentlich kürzer als sein Vater und deutlich länger als sein Vetter regierte, wurden ihm bislang nur eine moderne Biographie und eine überschaubare Zahl an Forschungsbeiträgen gewidmet - um von seinen noch weniger beachteten Brüdern ganz zu schweigen.

Das neue Buch von Pierre Maraval, Emeritus an der Sorbonne, ist daher besonders erfreulich. Nicht nur, weil damit eine lange bestehende Lücke gefüllt wird, sondern auch, da Maraval als erfahrener Kaiserbiograph (Konstantin, Theodosius) und Herausgeber einer zweisprachigen Ausgabe der Kirchengeschichte des Sokrates Scholastikos bereits auf eine Vielzahl von Vorarbeiten zurückblicken kann, die allerdings in angenehm maßvoller Weise in das Literaturverzeichnis aufgenommen wurden (313).

Der Aufbau von Maravals Werk ist größtenteils chronologisch. Nach einer Einleitung (5-8), die einen Überblick über die Quellenlage bietet, folgen neun Kapitel (1-172), welche die Geschichte der vier Söhne Konstantins (auch Crispus findet Berücksichtigung) von ihrer Geburt und ihren Anfängen bis zum Tod des Constantius II. im Jahre 361 darstellt. Auf diesen ereignisgeschichtlichen Block folgen fünf Kapitel (173-280), die sich mit verschiedenen Aspekten des spätantiken Kaiserreiches auseinandersetzen: Die zwei Kapitel zur Innenpolitik setzen sich mit den Mechanismen der Regierung (Kaiser, Hofämter, Provinzialverwaltung, Heer) und den alltäglichen Aufgaben der kaiserlichen Tätigkeit (unter anderem Gesetzgebung, Münzprägung, städtische Kurien und kaiserliche Bautätigkeit) auseinander. Die drei Kapitel zur Religionspolitik unterteilen diesen Komplex in einen allgemeinen Teil (zur kaiserlichen Politik gegenüber Heiden, Juden und Christen) sowie in einen Überblick zu den innerkirchlichen Disputen und Auseinandersetzungen während der Mehrkaiserherrschaft und während der Alleinherrschaft des Constantius II. Abgerundet wird das Buch durch eine wohlwollende, jedoch nicht unkritische Zusammenfassung (281-285) und in hoher Qualität dargestelltes Bildmaterial (287-293).

Ein herausragendes Merkmal des Buches ist Maravals ausgezeichnete Literaturkenntnis (die Literaturliste findet sich 295-319), die in jedem Kapitel deutlich hervortritt (siehe etwa 262, Anm. 2). Lediglich zu einigen Spezialthemen (so etwa dem Rombesuch von 357) wäre man für eine etwas vollständigere Sammlung dankbar gewesen. [1]

Der Registerteil (321-330) erweist sich auf Basis von Stichproben als enttäuschend: So erhält man dort (324) für den Usurpator Nepotianus die Seitenangaben 93-95, 293 und 306 und für den gleichnamigen Konsul 93 und 306. Letzterer findet findet sich jedoch an keiner der beiden Stellen (beide Male ist der Usurpator gemeint), dafür aber anderenorts (31). Die Angaben zum Usurpator sind korrekt (wenngleich 293 im Abbildungsteil und 306 im Literaturverzeichnis zu verorten ist), aber ebenfalls unvollständig (es fehlen: 84, 100, 101, 103, 134, 142 und 283 sowie im Literaturverzeichnis 314). Warum aber macht man sich die Mühe, die über die Anmerkungen besser erfassbaren Inhalte des Literaturverzeichnisses in das Register einzuarbeiten, um dann zugleich zahlreiche Stellen im Haupttext zu übergehen?

Daneben fielen noch einige kleinere Versehen auf, die in einer zweiten Auflage zu korrigieren wären: 7, Anm. 2 "Kaisersgeschichte" (statt richtig "Kaisergeschichte"); 37, Anm. 65 und 40, Anm. 9 ist "Zosime, HN" statt "Zosime" zu lesen; 39 dürfte MAXIMVS AVGVSTVS besser als "größter Augustus" statt als "très grand Auguste" zu übersetzen sein, auch werden es zumindest Numismatiker nicht mit Begeisterung sehen, dass vokalisches V der Münzlegenden als "U" wiedergegeben wird (etwa 39-41 und 63-64); 157, Anm. 7 "Blockey" (statt richtig "Blockley"); 194, Anm. 3 lies "Klein 1977"; von der anonymen Schrift De rebus bellicis heißt es 197 "dont le texte date du règne de Constance ou celui de Valens" - ersteres wird schon seit einiger Zeit nicht mehr ernsthaft vertreten; 261, Anm. 1 lies "XXI, 16, 18"; daneben ist eine gewisse Neigung, Leerzeichen auszusparen, festzustellen (84, Anm. 12, 129, Anm. 33 (zweifach), 156, Anm. 2, S. 157, Anm. 7, 197, Anm. 25, 211, Anm. 109). Im Literaturverzeichnis wären neben einer Reihe kleinerer Druckfehler (etwa zwanzig wurden ermittelt) folgende irreführenden Angaben zu korrigieren: Barnes 1978 (300) erschien nicht im American Journal of Archaeology, sondern im American Journal of Ancient History; Roberts 1998 (316) erschien im Philologus, nicht in den HSCP; Pierre Bastiens Monographie zur Münzprägung des Magnentius (301) wäre nach der erheblich erweiterten zweiten Auflage (Wetteren 1983) und die Chronik des Malalas (298) nach der Edition von Thurn (Berlin 2000), nicht aber nach der Dindorfs (die nicht aus dem Jahr 1931, sondern 1831 stammt) zu zitieren gewesen. Im Quellenverzeichnis (296-298) vermisst man das Geschichtswerk des Eunapios und die Chroniken der Byzantiner (Pseudo-)Leon Grammatikos/Symeon Magister, Theodoros Skutariotes und Theophanes Confessor (während beispielsweise das Chronicon Paschale, Kedrenos und Zonaras erfasst wurden).

Weder die genannten formalen Aspekte noch die Tatsache, dass der Rezensent Maraval nicht immer zustimmen konnte (etwa 17 und 20 zu den Annales des Nicomachus Flavianus oder 27 zur von Konstantin geplanten Nachfolgeordnung nach Art der Tetrarchie), sollen den Blick darauf versperren, dass Maraval ein exzellentes Buch vorgelegt hat, das für lange Zeit das zentrale Referenzwerk für die Zeit der Konstantinssöhne sein wird.


Anmerkung:

[1] Als mögliche Ergänzungen seien hervorgehoben: Javier Arce: Los funerales del emperador Constancio II, in: Athlon. Satura grammatica in honorem Francisci R. Adrados II, Madrid 1987, 29-39; Pedro Barcelo: Roms auswärtige Beziehungen unter der Constantinischen Dynastie, Regensburg 1981; Roger C. Blockley: Ammianus, the Romans and Constantius II, in: Florilegium 16 (1999), 1-15; Hanns Christof Brennecke: Ammianus Marcellinus über die Usurpation des Silvanus, in: Mousopolos Stephanos. Festschrift für Herwig Görgemanns, Heidelberg 1998, 57-71; Josef Češka: En marge de la visite de Constance à Rome en 357, in: Sborník prací filosofické fakulty Brněnské university E 10 (1965), 107-115; Michael Dimaio: Zonaras' account of the Neo-Flavian emperors, Diss. University of Missouri-Columbia 1977; Peter Gemeinhardt (Hrsg.): Athanasius-Handbuch, Tübingen 2011; Daniël den Hengst: Twee keizerlijke bezoeken aan Rome, in: Hermeneus 78 (2006), 335-345; James Michael Hunt: Constantius II in the ecclesiastical historians, Diss. Fordham University 2010; Karin Mosig-Walburg: Römer und Perser, Gutenberg 2009; Andrej Novikov/Mary Michaels Mudd: Reconsidering the role of Constantius II in the "massacre of the princes", in: Byzantinoslavica 57 (1996), 26-32; Konstantin Olbrich: Kaiser in der Krise. Religions- und rechtsgeschichtliche Aspekte der 'Familienmorde' des Jahres 326, in: Klio 92 (2010), 104-116; Peter Schäfer: Der Aufstand gegen Gallus Caesar, in: Tradition and re-interpretation in Jewish and early Christian literature. Essays in honour of Jürgen C. H. Lebram, Leiden 1986, 184-201; William G. Sinnigen: Three administrative changes ascribed to Constantius II, in: American Journal of Philology 83 (1962), 369-382. Offensichtlich nicht mehr rechtzeitig einzuarbeiten waren Stefan Diefenbach: Constantius II. und die "Reichskirche", in: Millennium 9 (2012), 59-121 und David Woods: Numismatic evidence and the succession to Constantine I, in: Numismatic Chronicle 171 (2011), 187-196.

Raphael Brendel