Rezension über:

Eugenio Amato / Gianluca Ventrella (eds.): I Progimnasmi di Severo di Alessandria (Severo di Antiochia?). Introduzione, traduzione e commento (= Sammlung wissenschaftlicher Commentare), Berlin: de Gruyter 2009, XXXIV + 181 S., ISBN 978-3-11-021867-1, EUR 79,95
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Rezension von:
Raphael Brendel
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Raphael Brendel: Rezension von: Eugenio Amato / Gianluca Ventrella (eds.): I Progimnasmi di Severo di Alessandria (Severo di Antiochia?). Introduzione, traduzione e commento, Berlin: de Gruyter 2009, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 3 [15.03.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/03/18925.html


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Eugenio Amato / Gianluca Ventrella (eds.): I Progimnasmi di Severo di Alessandria (Severo di Antiochia?)

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Severus von Alexandria gehört zu den antiken Autoren, die außerhalb eines kleinen Spezialistenkreises nur wenigen bekannt sind. Über sein Leben lässt sich nur wenig gesichert in Erfahrung bringen und selbst bezüglich seiner Lebenszeit bestand (und besteht) Unklarheit, ob er dem vierten oder dem fünften nachchristlichen Jahrhundert zuzurechnen ist - dazu gleich mehr. Auch sein Werk, bei dem es sich um eine Reihe von Schulschriften handelt, ist in seinem Umfang stark begrenzt. Erhalten und ihm sicher zuzuschreiben sind acht Charakterreden (ethopoiiai / ethopoeiae) und sechs kurze Erzählungen (diegemata / narrationes).

Zur Veranschaulichung seines Werkes hier eine kurze Zusammenfassung des Inhaltes der dritten Charakterrede (85-86) zum Thema "Was hätte wohl Menelaos gesagt, als Alexander Helena geraubt hatte?" (Die Benennung des Paris als Alexander findet sich in der antiken Literatur gelegentlich, Malalas beispielsweise verwendet beide Namen). [1] Die kurze Rede enthält eine Klage des Menelaos, der seine Wohltaten gegenüber Paris und dessen Undankbarkeit hervorhebt, als Folge dieses Vergehens einen Niedergang der Gastfreundschaft prophezeit und zu dem Schluss kommt, dass er sich für den Krieg vorbereiten müsse. Umfang, Themenfeld und Inhalt sind weitgehend repräsentativ.

Die vorliegende Ausgabe bietet einen kritischen Text, eine italienische Übersetzung und einen Kommentar zum Werk des Severus. Das reichhaltige Literaturverzeichnis (XIII-XXV) bezeugt, dass die Herausgeber (fast) alles herangezogen haben, was zu diesem Autor heranzuziehen war. [2] Dies gilt ebenfalls für die Liste der Parallelquellen (XXVI-XXXIII).

Die Einführung ist in folgende Partien untergliedert: Autor (1-12), Genus und Typologie des Werkes (13-29), Sprache (30-39) sowie Prosarhythmus (40-45 mit den Tabellen 46-49). Auch wenn die drei letzten der genannten Kapitel für den Historiker gewiss nicht ohne Bedeutung sind, so dürften sie doch hauptsächlich das Interesse des Philologen wecken. Für den Historiker von Belang sind dagegen hauptsächlich die Ausführungen zum Autor. In diesen diskutieren die Herausgeber die Hypothesen von Fabricius (Severus identisch mit dem gleichnamigen Konsul von 470) und Schissel (Severus identisch mit dem gleichnamigen Schüler des Libanios, an den dessen nach 389 zu datierende 57. Rede gerichtet ist) und nehmen dagegen an, dass Severus mit dem Patriarchen Severus von Antiochia (Patriarch 512-518) identisch sei.

Wie die Relationen der Raumverteilung zeigen, kommt den Charakterreden (61-152) in dieser Edition die bedeutendere Rolle zu, während die Erzählungen eher kurz (51-60) abgehandelt werden.

Wohl aufgrund der Kürze der Texte werden nicht, wie bei zweisprachigen Ausgaben meist üblich, Text und Übersetzung auf Doppelseiten einander gegenübergestellt, sondern diese als jeweils aufeinanderfolgende Blöcke zusammengefasst. Der Kommentar ist in Form von Anmerkungen zu den einzelnen Stellen beigegeben, was sich positiv auf den Lesefluss auswirkt, da so ein schnelles Wechseln zwischen Text / Übersetzung und Kommentar ohne langes Blättern möglich ist. Bei den Charakterreden ist zudem den einzelnen Texten eine kurze Einführung vorangestellt, in der die Hintergründe der Thematik der Rede erläutert, die Quellen und Vorbilder zusammengestellt und philologische Erörterungen zu literarischer Form und Stil der einzelnen Rede geboten werden.

In einem Anhang (153-158) folgt eine italienische Übersetzung der Überreste der Rede In patria Romana des Kallinikos von Petra (Sophist, zweite Hälfte des 3. Jahrhundert n.Chr.) und der Declamationes des Hadrian von Tyros (Sophist, 2. Jahrhundert n.Chr.). Weder der Originaltext dieser Schriften noch die zughörigen Testimonien werden hier abgedruckt, beides ist aber in der zeitgleich erschienenen Teubner-Ausgabe der Werke des Severus (die ebenfalls von Eugenio Amato herausgegeben wurde) zu finden. [3] Ein Index der Namen und Stellen (159-181) rundet den Band ab.

Den Herausgebern ist für diesen wertvollen Beitrag, der gleich drei nahezu unbekannte Autoren in einer aktuellen Übersetzung zugänglich macht, zu danken. Das insgesamt geringe Echo - Rezensionen ließen sich bislang keine ausmachen - lässt allerdings befürchten, dass die Anerkennung dieser Leistung sich auf die wenigen Personen beschränken wird, die bereits ohnehin zuvor ausgiebiger mit den übersetzten Autoren gearbeitet haben und ein größerer Leserkreis selbst in der Wissenschaft kaum zu erwarten ist. Vielleicht ließe sich dies mit einer englischen Übersetzung ändern?


Anmerkungen:

[1] Eine deutsche Übersetzung dieser Rede bietet Anna Staudacher, in: Byzantinisch-neugriechische Jahrbücher 10 (1932-34), 321-324.

[2] Lediglich folgende (den Herausgebern bekannte) Titel wären in dem Verzeichnis der Spezialliteratur noch zu ergänzen: Karl Dowertill: Severos von Alexandreia, in: Byzantinisch-neugriechische Jahrbücher 13 (1936/37), 5-16 (zeitlich vor der Dissertation desselben Forschers, aber leichter zugänglich); Otmar Schissel: Rhetorische Progymnasmatik der Byzantiner, in: Byzantinisch-neugriechische Jahrbücher 11 (1934/35), 1-10.

[3] Severus sophista Alexandrinus, Progymnasmata, edidit Eugenio Amato, Berlin 2009.

Raphael Brendel