Rezension über:

Claudio De Stefani (ed.): Paulus Silentiarus. Descriptio Sanctae Sophiae. Descriptio Ambonis (= Bibliotheca Scriptorum Graecorum et Romanorum Teubneriana), Berlin: de Gruyter 2011, XLVIII + 163 S., ISBN 978-3-11-022126-8, EUR 69,95
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Rezension von:
Raphael Brendel
M√ľnchen
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Raphael Brendel: Rezension von: Claudio De Stefani (ed.): Paulus Silentiarus. Descriptio Sanctae Sophiae. Descriptio Ambonis, Berlin: de Gruyter 2011, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/20161.html


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Claudio De Stefani (ed.): Paulus Silentiarus

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Das Interesse an der Zeit Justinians, das vor allem in den letzten Jahren durch wichtige impulsgebende Studien deutlich gefördert wurde, hat zur Folge, dass nunmehr auch bislang eher vernachlässigte Autoren dieser Zeit in den Fokus der Forschung rücken. Das wichtigste Beispiel ist der im Entstehen befindliche und teilweise online publizierte Tübinger Kommentar zu Malalas, der dessen früher oft als Machwerk geschmähte Chronik besser als Produkt seiner Zeit zu verstehen helfen wird.

Ein weiteres Beispiel ist Paulos Silentiarios. [1] Dieser verfasste neben einer Reihe von Gedichten eine Beschreibung (ekphrasis) der unter Justinian nach einem Erdbeben wiederhergestellten Hagia Sophia in 1030 Versen - nicht 1029, da nach Vers 222 der Vers 222a folgt - und eine etwas spätere Beschreibung ihrer zuvor noch nicht fertiggestellten Kanzel (ambo) in 304 Versen. Die letzte Edition dieser nur in einer einzigen Handschrift (dem Heidelberger Palatinus Graecus 23 aus der Mitte des zehnten Jahrhunderts) erhaltenen Werke stammt von Paul Friedländer aus dem Jahr 1912 [2]; vollständige Übersetzungen, die auf Friedländers Edition aufbauen, existieren lediglich drei, von denen eine als Anhang zu Vehs Übersetzung der Schrift des Prokopios über die Bauten Justinians publiziert wurde. [3] Umso erfreulicher ist es daher, dass mit der neuen Edition von Claudio de Stefani, die in der traditionsreichen Bibliotheca Teubneriana erschienen ist, fast hundert Jahre nach Friedländer eine moderne Textausgabe vorliegt.

Das Vorwort (VII-XLI) deckt wie bei jeder guten Edition historische und philologische Aspekte ab, konzentriert sich aber hauptsächlich auf letztere. Für die meisten Historiker werden die Ausführungen zur handschriftlichen Überlieferung, Struktur und Metrik der Werke des Paulos trotz ihrer Qualität eher untergeordnete Bedeutung haben. Das größte Interesse dürften die Ausführungen zur Datierung (XXI-XXVI) hervorrufen. Deren Ergebnisse lauten: Paulos starb zu Beginn der Regierungszeit von Justin II., frühestens 567 und spätestens nicht lange nach 570. Der Dichter Makedonios ist eine Quelle des Paulos (und nicht umgekehrt) und somit ein Zeitgenosse oder nur geringfügig älter als Paulos. Paulos verfasste seine Beschreibung der Hagia Sophia im Jahr 562.

Das Literaturverzeichnis (XLV-XLVIII) bietet einen guten Überblick über die überschaubare Zahl der Studien zu Paulos und berücksichtigt nahezu alle relevanten Titel. Eine geringe Anzahl an Spezialforschungen vor allem der letzten Jahre ließe sich noch ergänzen. [4]

Die Edition der Texte selbst (1-88) erweist sich als sorgfältig, ausgewogen und übersichtlich (eine zusätzliche Hilfe bietet das detaillierte Abkürzungsverzeichnis (XLII-XLIV)) und der Apparat ist - auch durch die Auslagerung der offensichtlichen orthografischen Fehler der Handschrift in die eigens zusammengestellte Liste 89-90 - nicht mit unnötigem Ballast überladen. Ein Vergleich des textkritischen Apparates mit dem der Ausgabe Friedländers zeigt die Fortschritte der philologischen Forschung und deren sorgfältige Einarbeitung in de Stefanis Ausgabe. Die größte Errungenschaft ist aber der Similienapparat, der neben Querverweisen auf andere Stellen aus Werken des Paulos eine Vielzahl von Vorbildern und Nachahmern zusammenstellt und somit unverzichtbare Vorarbeiten für jeden philologischen Kommentar bietet.

Der Registerteil, dessen Umfang dem der Edition in nichts nachsteht (91-163), unterteilt sich in ein Verzeichnis der im Apparat hervorgehobenen Similien (91-122), der mehr als 150 Autoren enthält, und einen Wortindex (123-163), die beide, soweit die Stichproben eine sichere Antwort zulassen, sorgfältig und gründlich sind.

Somit bleibt nur noch festzustellen, dass de Stefani mit seiner Edition die maßgebliche Ausgabe für die beiden Kirchenbeschreibungen des Paulos Silentiarios vorgelegt hat. [5] Mit dieser wichtigen Grundlage ist nunmehr zu hoffen, dass neben die bislang hauptsächlich philologische und kunsthistorisch-archäologische Paulos Silentiarios-Forschung nun auch ein (alt)historisches Gegenstück dazu auftritt, welches die Werke des Paulos als Zeugnis der herrschaftlichen Repräsentation Justinians eingehend untersucht. [6]


Anmerkungen:

[1] Einen aktuellen, aber sehr knappen Überblick bietet Mary Whitby: Paul Silentiarius, in: The Encyclopedia of Ancient History IX, hg. v. Roger S. Bagnall (u.a.), Malden 2013, 5109-5110. Der neueste Beitrag von Marko van der Wal: Paulos Silentiarios, in: Tirade (Amsterdam) 58 (2014), 23 konnte vom Rezensenten nicht mehr eingesehen werden.

[2] Paul Friedländer: Johannes von Gaza und Paulus Silentiarius. Kunstbeschreibungen justinianischer Zeit, Leipzig 1912; eine Sammlung der Rezensionen bei Rudolf Keydell, in: Jahresbericht über die Fortschritte der klassischen Altertumswissenschaft 230 (1931), 134 (= Kleine Schriften zur hellenistischen und spätgriechischen Dichtung, Leipzig 1982, 166).

[3] Prokop: Bauten, griechisch-deutsch Otto Veh, München 1977, 306-375; Paul le Silentiaire: Description de Sainte-Sophie de Constantinople, traduction de Marie-Christine Fayant et Pierre Chuvin, Clermont-Ferrand 1997; Maria Luigia Fobelli: Un tempio per Giustiniano. Santa Sofia di Costantinopoli e la Descrizione di Paolo Silenziario, Rom 2005. Die aktuellste Übersetzung von Peter N. Bell: Three political voices from the age of Justinian, Liverpool 2009, 189-212 bietet nur eine Übertragung etwa der Hälfte der Beschreibung der Kirche und lässt die des ambo ganz aus.

[4] Werner Peek: Paulus (10), in: RE XVIII, 4 (1949), Sp. 2366-2372; Karoline Kreidl-Papadopoulos: Bemerkungen zum justinianischen Templon der Sophienkirche in Konstantinopel, in: Jahrbuch der österreichischen byzantinischen Gesellschaft 17 (1968), 279-289; Christopher Walter: Further notes on the Deësis, in: Revue des études byzantines 28 (1970), 161-187 (erneut in: Studies in Byzantine iconography, London 1977, Nr. II) (hierzu 171-181); Josephine Mary Whitby: A linguistic and exegetical commentary on the rhetorical prologue and epilogue framing Paul the Silentiary's Ekphrasis of S. Sophia, Diss. Edinburgh 1982; Barry Baldwin: An unnoticed quotation from Paulus Silentiarius in the Suda, in: Museum philologum Londiniense 6 (1984), 7 (erneut in: Roman and Byzantine papers, Amsterdam 1989, 292); Robert Petitpré / Jean Peyras: Aux origines de la spiritualité orthodoxe. La seconde inauguration de Sainte-Sophie de Constantinople, in: Histoire, espaces et marges de l'Antiquité. Hommages à Monique Clavel-Lévêque IV, hgg. v. Marguerite Garrido-Hory / Antonio Gonzalès, Besançon 2005, 51-91; Vessela Valiavitcharska: Imperial adventus and Paul the Silentiary's Ekphraseis of Hagia Sophia and its Ambo, in: Scripta & e-Scripta 3-4 (2006), 183-198 (non vidi); Marie-Christine Fayant: La creation lexicale dans la Description de Sainte-Sophie de Paul le Silentiaire, in: Culture classique et christianisme. Mélanges offerts à Jean Bouffartigue, hgg. v. Danièle Auger / Étienne Wolff, Paris 2008, 275-284; Pierre Chuvin: Homère christianisé. Esthétique profane et symbolique chrétienne dans l'œuvre de Paul le Silentiaire, in: Cristianesino nella storia 30 (2009), 471-481; der XLVI zitierte Aufsatz von Fletcher / Carne-Ross findet sich zudem leichter zugänglich in Donald S. Carne-Ross: Classics and translation, Lewisburg 2010, 267-285. Nicht mehr rechtzeitig zugänglich dürfte Jan Kostenec / Ken Dark: Paul the Silentiary's description of Hagia Sophia in the light of new archaeological evidence, in: Byzantinoslavica 69 (2011), 88-105 gewesen sein.

[5] Siehe auch das sehr positive Urteil der bisherigen Rezensenten: Steven D. Smith, in: Bryn Mawr Classical Review April 2012, Nr. 33 (http://bmcr.brynmawr.edu/2012/2012-04-33.html); Mary Whitby, in: Journal of Hellenic Studies 133 (2013), 305-306.

[6] Einige Vorarbeiten etwa bei Mischa Meier: Das andere Zeitalter Justinians, Göttingen 2003, 636-638; Hartmut Leppin: Justinian, Stuttgart 2011, 329-330 und der Anm. 3 zitierten Ausgabe von Bell. Aus der älteren Forschung sei auf Johannes Irmscher: Justinian als Bauherr in der Sicht der Literatur seiner Epoche, in: Klio 59 (1977), 225-229 verwiesen.

Raphael Brendel