Rezension über:

Claudia Jarzebowski / Anne Kwaschik (Hgg.): Performing Emotions. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Verhältnis von Politik und Emotion in der Frühen Neuzeit und der Moderne, Göttingen: V&R unipress 2013, 334 S., 21 Abb., ISBN 978-3-89971-960-4, EUR 49,99
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Rezension von:
Jutta Stalfort
Bersenbrück
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Schnettger
Empfohlene Zitierweise:
Jutta Stalfort: Rezension von: Claudia Jarzebowski / Anne Kwaschik (Hgg.): Performing Emotions. Interdisziplinäre Perspektiven auf das Verhältnis von Politik und Emotion in der Frühen Neuzeit und der Moderne, Göttingen: V&R unipress 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 7/8 [15.07.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/07/22527.html


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Claudia Jarzebowski / Anne Kwaschik (Hgg.): Performing Emotions

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Wer kennt es nicht, dass Gleichnis der blinden Männer, die einen Elefanten beschreiben, um zu begreifen, worum es sich bei diesem Tier handelt: Jeder untersucht einen Körperteil und vergleicht ihn mit etwas Bekanntem. Derjenige, der den Rüssel untersucht, vermutet, dass dieses Tier wohl Ähnlichkeit mit einem Wasserschlauch haben wird. Der die Beine betastet, schließt auf etwas Säulenartiges und der den Bauch vor sich hat, weiß, dass er es mit einer Art Kornspeicher zu tun hat. Die Männer tauschen sich aus, werden sich nicht einig und geraten schließlich in Streit.

Was hat diese Geschichte mit der Veröffentlichung "Performing Emotions" zu tun? Das Buch enthält 16 Annäherungen an das Thema "Geschichte der Emotionalität", ohne dass die Autorinnen und Autoren eine gemeinsame Idee davon hätten, was Emotionalität eigentlich ist und wie sie am geeignetsten erforscht werden könnte.

"Performing Emotions" beinhaltet neben Einführung und Nachwort 14 Aufsätze auf insgesamt 332 Seiten und ist in vier Themenabschnitte gegliedert: Fühlen und Handeln, Sinnlichkeit und Materialität, Diskurs und Ordnung, Perspektiven. Der Sammelband geht zurück auf zwei Veranstaltungen der Freien Universität Berlin im Jahr 2011, der Ringvorlesung "Politics and Emotion" und der Tagung "Politik und Emotion: Interdisziplinäres und internationales Symposium zum Verhältnis von Politik und Emotion in der Frühen Neuzeit und in der Moderne". Dies mag die Heterogenität der Aufsätze erklären, denn sie reichen von der Geschichtswissenschaft bis zu Soziologie, von der Politik bis zur Philosophie.

Um mit der Einleitung von Helena Flam und dem Nachwort von Helmut Puff zu beginnen: Wer glaubt, sich das Lesen der 14 Aufsätze sparen zu können, weil alles Wesentliche einschließlich ihrer Einordnung in den Forschungskontext hier zusammengefasst würde, wird enttäuscht: Beide Texte beziehen sich zwar auf die Aufsätze und zitieren aus ihnen, doch verfolgen sie eigene Interessen. Helena Flam ruft dazu auf, Emotionen in kulturwissenschaftlicher Perspektive insbesondere auf der Ebene der politischen Elite zu untersuchen und über die Techniken aufzuklären, die auf die Beherrschung des Emotionalen zielen: "Meine Idee ist märchenhaft metaphorisch: Wir sollen zu dem Kind werden, das die verschwiegene bzw. ungesehene Wahrheit sieht, und 'Der Kaiser ist nackt! Der Kaiser ist nackt!' ausruft. [Untersucht werden sollen ...] das Finanzkapital, die hohen Beamten, die Unternehmer, die Spitzen der Politik, die Generäle, die Neoliberalen, die Gewerkschaftsfunktionäre. Diese Akteure und die verantwortungslose, rücksichtslose Welt, die sie schaffen, sollen kritisch analysiert und entblößt werden" (13). Zweifellos wurde sie zu diesem Aufruf u. a. durch die gesellschaftskritischen Beiträge von Birgit Sauer und Gertraude Krell inspiriert. Beide Autorinnen untersuchen, inwiefern kulturell geprägte Vorstellungen und Praktiken im emotionalen Bereich Teilgruppen der Gesellschaft von politischer bzw. wirtschaftlicher Teilhabe exkludieren. Doch würde man den Autorinnen nicht gerecht, würden ihre Analysen lediglich als Bloßstellung emotionaler Hegemonie interpretiert, denn beide plädieren letztlich für eine sehr umsichtige Forschung. In den Worten Sauers: "[...] Gefühle [müssen] stets differenziert betrachtet und in ihrer herrschaftlichen Wirkmächtigkeit kontextbezogen hinterfragt werden" (255). Schnellschüsse verbieten sich, so Gertraude Krell, denn im gesellschaftlichen Diskurs über Gefühle und Emotionen herrschen "verworrene und verwirrende Verhältnisse" (275). Dieser Bereich sei offen für Deutungskämpfe (277).

Helmut Puff reflektiert in seinem Nachwort das hohe theoretische Niveau der einzelnen Untersuchungen. Er konstatiert, dass "die historische Emotionenforschung erst dann ihr Potential ein[löst], wenn sie ihre eigene Verfasstheit mitreflektiert" (322) und fügt dem reichlich vorhandenen Reflektionsangebot noch ein weiteres hinzu, indem er anregt, die Aufmerksamkeit auch auf die "Präsenz der Emotionen in der Historiographie" zu richten. Er verweist auf Publikationen zum europäischen Mittelalter; beispielhaft zeigt er, inwiefern Gefühlsexzesse "als Signum monarchischer Herrschaft" als Erklärungsmuster eingesetzt werden (329).

Gefragt werden kann allerdings, ob die von Helmut Puff gelobte "konzeptuell-terminologische Offenheit" der aktuellen Emotionsforschung nicht auch einer problematischen Unschärfe Tür und Tor öffnet. Anachronistische Begriffsverwendungen zumindest, bspw. bei Janina Wellmann, erschweren das Verständnis erheblich und stellen die Anschlussfähigkeit des Forschungsergebnisses schließlich infrage. Auf das Konto der "Offenheit" geht vermutlich auch, dass es der Fantasie des Lesers überlassen bleibt, wie sich die Untersuchungen in das Themenfeld "Performing Emotions" und in die thematische Struktur des Buches einfügen.

Die interessantesten Ergebnisse, belastbar und inspirierend, werden von jenen Autorinnen erzielt, die nicht nur theorie-, sondern auch quellenbewusst arbeiten und mit dem Vokabular der Untersuchungszeit operieren, wie beispielsweise Renate Dürr. Anhand von Laienprophetien beleuchtet sie die enge Verbindung zwischen gelebter Emotionalität, Theologie und Frömmigkeit. Die bisher in der Forschung akzeptierte These, reformatorische Denk- und Lebensweisen hätten weniger Wert auf Emotionalität gelegt als altkirchliche, wird von ihr überzeugend widerlegt. Für die weitere Forschung schlägt sie vor, "die emotionalen Dimensionen von Prophetien als göttliche wie politische Kommunikation" zu untersuchen. Auch Doris Koelsch zeigt, dass eine bisher wenig beachtete Quelle - in ihrem Fall die von Ludwig XIV. verfassten Anleitungen, wie die Gärten von Versailles präsentiert werden sollen - über ihre emotionale Dimension politisch interpretiert werden kann. Indem der König die Höflinge anleitet, dieselben Dinge zu sehen wie er und seine Blicke und Gesten zu übernehmen, zwingt er sie auch, ihr Empfinden, dem seinen anzupassen.

Insgesamt zeigen die Beiträge des Sammelbandes, dass es sich bei diesem Thema um ein beeindruckend weites Forschungsgebiet handelt, im Vergleich zu dem die Untersuchung eines Elefanten fast wie eine Kleinigkeit erscheint. Es lohnt sich, jeden einzelnen Aufsatz genau zu lesen, denn immer neue Facetten dessen, was Emotionalität ist und kann, werden sichtbar. Emotionalität in kulturhistorischer und politischer Perspektive zu untersuchen, ist anspruchsvoll. Da keine natürliche Distanz zum Forschungsbereich gegeben ist, muss sie konzeptionell und methodisch hergestellt werden. Nun gilt es, die vielfältigen Ergebnisse zusammenzubringen, damit die kulturelle Dimension der Emotionalität als Ganzes erkannt und beschrieben wird.

Jutta Stalfort