Rezension über:

Anne Kwaschik / Mario Wimmer (Hg.): Von der Arbeit des Historikers. Ein Wörterbuch zu Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft (= Bd. 19), Bielefeld: transcript 2010, 240 S., ISBN 978-3-8376-1547-0, EUR 23,80
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Rezension von:
Detlev Mares
Institut für Geschichte, Technische Universität, Darmstadt
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Detlev Mares: Rezension von: Anne Kwaschik / Mario Wimmer (Hg.): Von der Arbeit des Historikers. Ein Wörterbuch zu Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft, Bielefeld: transcript 2010, in: sehepunkte 11 (2011), Nr. 3 [15.03.2011], URL: http://www.sehepunkte.de
/2011/03/18517.html


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Anne Kwaschik / Mario Wimmer (Hg.): Von der Arbeit des Historikers

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Die Werkstatt als Metapher für die Produktionsbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens ist im Fach Geschichte wohlbekannt. In bereits 16 Auflagen lassen sich Studierende ihr hilfswissenschaftliches "Werkzeug" von Ahasver von Brandt bereitstellen, Martha Howell und Walter Prevenier luden vor nicht allzu langer Zeit in die Methodenwerkstatt des Historikers ein. [1] Im Titel des Sammelbandes von Anne Kwaschik und Mario Wimmer kommt der Begriff zwar nicht vor, doch das Bild der Werkstatt ist zentral für die Formulierung des Leitgedankens der Sammlung im Vorwort der Herausgeber. Die Bedingungen historischen Arbeitens sollen in drei Ausprägungen erfasst werden: dem Ort als räumlicher Dimension der Wissensproduktion, den Praktiken als Darstellungs- und Vermittlungsformen im modernen Wissenschaftsalltag und den Konzepten als theoretischem Rüstzeug der historischen Analyse.

Mit dieser Ankündigung weckt der Band Appetit auf eine systematische Reflektion der konkreten Entstehungsbedingungen wissenschaftlichen Arbeitens, wie sie sich zwischen den allgemeinen Fragehorizonten der Disziplin und den individuellen Gewohnheiten der jeweiligen Forscherpersönlichkeit entfalten. Allerdings zeigt sich rasch, dass die Werkstatt-Metapher nicht nur das Thema des Bandes umreißt, sondern auch seine Darstellungsform: Die Herausgeber selbst betonen die Unabgeschlossenheit der Sammlung, die zum offenen Nachdenken über die eigene Disziplin anregen soll. Zum "Programm" des Bandes erheben sie die "Vorläufigkeit" (14).

Dieser experimentelle Anstrich steht jedoch im Widerspruch zum Typus des "Wörterbuchs", dem der Band im Untertitel zugeteilt wird. Eine solche Zuordnung lässt ein grundsolides Überblickswerk erwarten, wie man es als Dozent seinen Proseminaristen gefahrlos anempfehlen würde. Die nie aufgelöste Spannung zwischen Grundlagenwissen und Gedankenexperiment verleiht dem Band einen eigenwilligen, gelegentlich eigenartigen Charakter.

Schon die Auswahl der durchweg knappen Beiträge bleibt rätselhaft: Als Arbeitsort enthalten ist der "Fußboden", nicht aber der Schreibtisch; "Gutachten" und "Peer-review" kennzeichnen die Publikationslandschaft und die Chancen auf Ressourcenmobilisierung, doch warum spielen Drittmittel keine Rolle? Warum ist die "Bielefelder Schule" vertreten, nicht aber die Cambridge School? Welche Rolle spielt die Lehre für die Arbeit des Historikers? Die "Vorlesung" mag für einen Professor "ein narzisstischer Genuss ohnegleichen" (211) sein, zwingt sie die Zuhörer doch anderthalb Stunden lang unter den Bann der eigenen Stimme - doch welche Rolle spielt das Seminar? Warum fährt im Band niemand zu Tagungen?

Zur "vorläufigen" Auswahl der Begriffe gesellt sich die uneinheitliche Form der Beiträge. Manche Autorinnen und Autoren geben zum jeweiligen Stichwort einen historischen Abriss, andere bewerben eigene wissenschaftliche Projekte oder Theorieansätze. Manche Einträge sind gar satirisch gemeint. Dies ist gelegentlich vergnüglich zu lesen - so bietet Klaus-Michael Bogdal ein verschmitztes Spiel mit wissenstheoretischen Konzepten in Anwendung auf den "Fußboden". Unter anderem erscheint dieser mit seinen Materialstapeln als "zentraler Erinnerungsort, dessen moralische Funktion darin besteht, den Forscher an seine ungeschriebenen Aufsätze und Bücher zu gemahnen" (77). Manchmal allerdings fehlt die Treffgenauigkeit des satirischen Angriffs. Wenn von der "Bibliothek" als einem "undurchdringlichen Universum" gesprochen wird, dessen Personal sich bemüht, "das Wissen durch höchste Komplexität der Formen vor den Lesern zu schützen" (29), dann mag dies auf die Erfahrungen des Autors mit der Bibliothèque nationale in Paris zutreffen. Doch die molochartigen Züge einer Nationalbibliothek lassen sich zu wenig auf Bibliotheken insgesamt übertragen, als dass der Pfeil der Ironie in diesem Fall sein Ziel treffen würde.

Einige Beiträge präsentieren persönliche Erfahrungen oder Anliegen der Autoren. So wird der Begriff "Realexperiment" - auf den viele andere Einträge verweisen - letztlich nicht grundlegend geklärt, sondern Hans Medick stellt unter diesem Stichwort seine digitale Edition von Quellen zum Dreißigjährigen Krieg vor. Und wer sich von dort zum Stichwort "Quelle" treiben lässt, sieht sich mit der Erkenntnis konfrontiert, dass "die ganze Quellenkunde eine der Stadien und Aggregatzustände des Ausquellens" sein kann (162).

Überwindet man aber die "brisante Verbindung von Verengung und Hoffnung" (203), die laut Jakob Tanner den eigenen "Tunnelblick" kennzeichnet, entdeckt man trotz der Eigenarten des Bandes manches Anregende. So schreiben hier nicht nur Fachhistoriker, sondern auch Vertreter anderer geschichtsbezogener Disziplinen, die eine Außenperspektive in das Nachdenken über die Bedingungen historischen Arbeitens einbringen. Teilweise werben sie für den Einsatz von skeptisch beäugten statistischen Methoden, wie der "Stichprobe"; Michael Pammer sieht es im Fall der "Kliometrie" sogar als segensreich an, dass zunehmend Ökonomen die historische Arbeit in diesem Feld betreiben.

Neben der Interdisziplinarität ist die Internationalität der teilweise hochrenommierten Beiträger bemerkenswert. Insbesondere französische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind mit mehreren Beiträgen vertreten, aber auch italienische und amerikanische Kolleginnen. Der Band bemüht sich somit um einen Brückenschlag zwischen unterschiedlichen Wissenschaftskulturen, was seine Disparität teilweise erklären mag. Eine ganze Reihe von Autoren bietet überdies durchaus lesenswerte, pointierte Erörterungen, so Thomas Welskopp zur "Bielefelder Schule". Und auch aus der verschränkenden Lektüre der Beiträge können sich weiterführende Fragen ergeben. Zeichnet sich beispielsweise in den aktuellen Forschungen zum "Gedächtnis" die Entstehung eines neuen "Geschichtlichkeitsregimes" ab? Wie verhalten sich die Ansprüche einer erneuerten "materialistischen Geschichtsschreibung" zur Produktion von "Wahrheit", wenn diese stets hinter einem "Schleier versteckt" (217) bleibt?

Wer Vergnügen am intellektuellen Experiment empfindet, auch wenn Gedanken eher aufblitzen als zu Ende geführt werden, könnte Gefallen an dieser Sammlung finden; wer verlässliche Auskünfte über "Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft" sucht, dürfte eher zu anderen Werken greifen.


Anmerkung:

[1] Ahasver von Brandt: Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, Stuttgart 16. Auflage 2007; Martha Howell / Walter Prevenier: Werkstatt des Historikers. Eine Einführung in die historischen Methoden, Köln / Weimar / Wien 2004.

Detlev Mares